Ausgabe 
22.12.1915
 
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aktion, bei der die Engländer na

Die Spaltung der ozßtaldemotratischen

Reichstagsfraktion. Wie die Berliner Morgenpost hört, hat in der gestrigen Sitzung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion eine An⸗ zahl Mitglieder der Minderheit angekündigt, daß sie bei der heutigen Abstimmung über die Kreditvorlage dir Forderung ablehnen und ihre Ablehnung durch eine Erklärung begrün⸗ den werden.

Der Vorwärts teilt aus der sozialdemokratischen Frak⸗ tion nur mit, daß Genosse Haase am Schluß der gestrigen Fraktionssitzung sein Amt als Fraktionsvorsitzender nieder⸗ legte. Bereits am 4. August 1914 habe er einen dahingehen⸗ den Beschluß der Fraktion bekanntgegeben, sei aber auf deren dringendes Verlangen abermals im Amte geblieben. Selbst⸗ verständlich behalte Genosse Haase sein Amt als Vorsitzender der Partei.

Der Sieg an den Dardanellen.

W. T. Konstantinopel, 20. Dez.(8 Uhr abends, nicht⸗ amtlich.) Das Hauptquartier teilt mit: An der Dardanellen front begannen unsere Truppen in der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember und am Morgen des 19. Dezember bei Anaforta und Ari Burnu nach heftiger Artillerievorbereitung mit Angriffsbewegungen gegen die feindlichen Stellungen. Um diese Bewegung aufzuhalten, unternahm der Feind nach mittags bei Sedd⸗ül⸗Bahr mit allen Kräften einen Angriff, der vollständig scheiterte. Der Feind mußte einsehen, daß der Erfolg unserer gegen Norden vordringenden Angriffe unvermeidlich war. Er suchte in der Nacht vom 19. auf 20. Dezember in aller Eile einen Teil seiner Truppen zurück⸗ zuziehen. Nichtsdestoweniger konnte der Feind trotz dichten Nebels die Verfolgung durch unsere Truppen während seiner Rückzugsbewegung nicht hindern.

Die letzten Berichte von heute sagen, daß unsere Truppen Anaforta und Ari Burnu vom Feinde gänzlich gesäubert haben, daß auch nicht ein feindlicher Soldat zurückblieb. Unsere Truppen drangen bis zur Küste vor und machten sehr große Beute an Munition, Zelten und Kanonen. Außerdem schossen wir ein feindliches Wasserflugzeug ab, das ins Meer fiel, und machten den Führer und Beobachter zu Gefangenen.

Preßstimmen zum Dardanellensieg.

Zur Vertreibung der Ententetruppen von Gallipolt sagt das Berliner Tageblatt: Dank der glänzenden Tapferkeit der türkischen Truppen ist nunmehr das endgültige Scheitern der Dardanellenexpedition eingetreten. In dem Augenblick, in welchem der Landweg Über Oesterreich⸗-Ungarn, Serbien und Bulgarien uns zur Verfügung stand, war es nur eine Frage der Zeit, bis die nötigste Versorgung der türkischen Industrie ein machtvolles Vor⸗ gehen an den Dardanellen gewährleisten konnte. Die türkische Heeresleitung hat in einer groß angelegten Offensive, die dem Gegner außerordentlich schwere Verluste zufügte, die feindlichen Streitkräfte von den Stellungen, die sie seit Monaten bei Anaforta und Ari Burnu behaupteten, vertrieben. Das Prestige Englands hat in der ganzen Welt eine ungeheuve Schädigung erlitten. Im Berliner Lokalanzeiger heißt es: Die Hauptsache ist, ob nun die Transportierung der englischen Truppen nach einem anderen Kriegsschauplatz freiwillig oder unter dem Druck der türkischen Angrifse sich vollzog, daß die gange große Dardanellen⸗

Churchills prahlerischem Wort nux wenige Meilen von einem glänzenden Siege standen, ein un⸗ rühmliches Ende nimmt. In der Vossischen Zeitung wird die englische Meldung, daß sämtliche Truppen von der Supla⸗ bay nach einem anderen Kriegsschauplatz gebracht wurden, mit der Bemerkung wiedergegeben: Die volle Niederlage von Galli⸗ poli wird damit eingestanden.. In der Deutschen Tageszeitung wird ausgeflihrt: Daß die tlürkische Offensive gerade jetzt einsetzt, wo zu Saloniki und in Grliechisch⸗Mazedonien die Dinge militärisch nicht nur, sondern auch politssch auf dem Krisispunkt angelangt sind, erscheint von hoher Bedeutung. Es kann nicht ausbleiben, daß dieses Ereignis seine Schatten über Saloniki hinaus wirft.

Die erste Kriegssteuerdebatte.

Der Reichstag erledigte heute die beiden Vorlagen be⸗ treffend die Kriegsgewinnsteuer: Die eine enthält den Zwang für alle Erwerbsgesellschaften, die Hälfte der Mehr überschüsse, die sie in den Kriegsjahren über den Durchschnitt der Erträge der letzten Friedensjahre erzielen, in Reichs- oder

Staatspapieren zur Sicherung der künfkigen Kriegsgewinn⸗ steuer anzulegen; die zweite Vorlage ist keine bloße Vorbe⸗ reitungsmaßnahme, sondern sie setzt bereits die Kriegsab⸗ gabe der Reichsbank fest und zwar auf drei Viertel des in den Kriegsjahren erzielten Mehrgewinns.

Ueber die erste Vorlage fand eine ausgedehnte Debatte statt, zu der eine eindrucksvolle Rede des Genossen Dr. David den Anstoß gab. Unser Redner trat dafür ein, daß die vorbereitenden Maßnahmen auch auf die Einzelper⸗ sonen erstreckt werden sollen, welchem Verlangen übrigens der ganze Reichstagsausschuß beigetreten war. Mit den treffendsten Gründen befürwortete David eine Resolution, die die Erhebung eines neuen Wehrbeitrags fordert, indem er nachwies, daß die Kriegsopfer die Armen weit schwerer treffen als die Reichen, sodaß ein Ausgleich mindestens durch die Weitererhebung des Wehrbeitrags eine Pflicht sozialer Gerechtigkeit sej. Aber über diese Frage der nächsten Zeit hinaus sprach David sehr eingehend über die Wirtschafts- und Steuerpolitik, die nach dem Kriege unerläßlich ist und er mahnte mit dem größten Ernst Reichstag und Regierung, nicht zu vergessen, daß Entlastung der wirtschaftlich Schwachen und Förderung ihres kulturellen Aufstiegs nach dem Kriege einfach Selbsterhaltungspflicht des Staates und des Volkes sein werde.

Der Reichsschatzsekretär Dr. Helfferich lehnten es ab, liber die Zukunft zu sprechen; für jetzt lehnte er die Wiederholung des Wehrbeitrags ab und bemühte sich im übrigen nachzuweisen, daß das weitausgreifende System direkter Kriegssteuern, das man in England bereits zum Gesetz werden ließ, seinen Zweck nicht erfülle, da damit die Kriegskosten nicht zu decken seien. Diese Erwiderung ging an den Ausführungen Davids etwas vorbei und Dr. Helffe⸗ rich erkannte im weiteren Verlauf der Sitzung selbst an, daß England in weitem Umfang direkte Kriegssteuern eingeführt hat, nur dienten sie bloß zur Verzinsung der Kriegsanleihe was aber doch schließlich auch Kriegskosten decken heißt. Die zweite Rede Dr. Helfferichs war in der Hauptsache eine Antwort auf die Ausführungen des Genossen Hoch, der in der ersten Rede des Staatssekretärs eine beruhigende Erklä⸗ rung darüber vermißt hatte, daß an eine Erhöhung oder Er weiterung der indirekten Steuern nicht gedacht werde. Dr. Helfferich erwiderte, daß gegenwärtig erst eine einzige Kriegssteuer feststehe und zwar die Kriegsgewinn⸗ steuer, die eine scharfe Besitzsteuer sei. Er erklärte weiter, daß während des Krieges Deutschland seine indirekten Steuern selbstverständlich nicht erhöhen werde man kann aber aus seinen Worten unschwer herauslesen, daß in dem Steuerprogramm der Reichsleitung auch indi⸗ rekte Steuern enthalten sind, denn er sprach sein Vertrauen zu den deutschen Arbeitern aus, daß sie, wie sie im Felde mitkämpften, sich auch nachher derartigen Staatsnot⸗ wendigkeiten nicht entziehen würden.

Im übrigen drehte sich die Debatte meistens um die Frage der Erfassung unlauterer oder übermäßiger Kriegs- gewinne, jedoch kam man hier zu keinem Ergebnis, da Staatssekretär Lisco ausführte, daß einer solchen Gesetzge⸗ bung zu große Schwierigkeiten im Wege ständen, während der stellvertretende Kriegsminister v. Wandel betonte, daß derartige Kriegsgewinne höchstens bei Kriegsbeginn und nur in geringem Umfang gemacht worden sein könnten. Schließlich wurde die Vorlage angenommen, unsere Resolu⸗ tion betreffend den neuen Wehrbeitrag von allen an⸗ deren Parteien abgelehnt. ö

Bei der Reichsbankporlage verlangte der Genosse Keil, daß der ganze Mehrgewinn der Reichsbankaktionäre im Krieg dem Reiche zufallen soll, da die Friedensrente als müheloser Kapitalgewinn auch noch hoch genug sei. Indessen wurde ein dahingehender Antrag unserer Genossen abge lehnt. Darauf vertagte sich der Reichstag auf Dienstag; der Nachtragsetat von 10 Milliarden Mark steht auf der Tagesordnung dieser Sitzung.

Hessen und Nachbargebie

Gießen und Umgebung. 0 7U

Butter⸗Höchstpreise für den Kreis Giessen. Für Landgemeinden des Kreises Gießen beträgt der Höchst⸗ preis für Süßrahmbutter bei Abgabe an den Ver oraucher, nicht abgeformt, in Mengen von 10 Pfund und weniger 2.15 für das Pfund; abgeformt 2,20 das Pfund.

Land butter bei Abgabe an den Verbraucher, nicht ab⸗ geformt, 10 Pfund und weniger 1.82 das Pfund, abgeformt 1.85 Mk. das Pfund, das halbe Pfund 93 Pfg. Bei Ver⸗

schiedenheit der Höchstpreise am Orte des Verkäufers und dem Wohnorte des Käufers gilt der Höchstpreis am Orte des Verkäufers. Wird also Butter aus Orten des Kreises in die Stadt gebracht, so darf bei Verkauf über die für den Kreis festgesetzten Höchstpreise nicht hinausgegangen werden.

Die Träger der Arbeiterversicherung haben riestge Summen zur Reichsanleihe gezeichnet. Nach der Zu⸗ sammenstellung eines Versicherungsblattes haben zur Kriegs⸗ anleihe zur Verfügung gestellt: die Berufsgenossenschaften 143 Millionen; die Invalidenversicherung 439 Millionen;

die Angestelltenversicherung 140 Millionen Mark. Außer⸗ 4

dem hat die Invalidenversicherung noch 59,5 Millionen Mk. bewilligt für Lazarettzüge und sonstige Anforderungen für Verwundetenpflege usw., welche Gelder natürlich nicht wieder zurückgezahlt werden. Im Ganzen sind das 782,5 Millionen Mark, mehr als dreiviertel Milliarde! Die Ziffern zeigen, welche ungeheuren Summen von den Versicherungspflichti⸗ gen aufgehäuft worden sind; wieviel Tausenden Arbeitern ist aber die Rente entzogen oder nicht bewilligt worden, ob⸗ wohl die Voraussetzungen dafür gegeben wären und die Ar⸗ beiter sie zur höchsten Not gebraucht hätten.

Fleischlose Tage vor den Feiertagen. Für Freitag den 24. und Freitag den 31. Dezember ist die 40 f wonach Metzger usw. kein Fleisch abgeben dürfen, aufgehoben. Für die Feiertage, besonders amstag den 25. Dezember findet auch die Vorschrift keine Anwendung, wonach in Wirtschaften usw. kein Schweinefleisch verabreicht werden darf.

Weihnachtswetter. Die ae Nacht brachte uns wie⸗ ber eine gehörige Kälte, bis 10 Grad und darunter sank das Thermometer. Es scheint sich die alte Wetterregel wieder zu be⸗ stätigen, nach welcher der Winter mit den wieder zunehmenden Tagen strenger wird. Heute 7 bekanntlich Winters Anfang, die 55 nehmen wieder zu die Menschheit darf auf den Frühling

offen. g

Ortskrankenkasse Gießen. Die am Montag abend imPost⸗ keller abgehaltene Sitzung des Ausschusses war nur von 20 Mitgliedern, 5 Arbeitgebern und 21 Versicherten, außerdem 5 Vor⸗ standsmitgliedern besu Es wurde zunächst eine Neuwahl des Vorsitzenden an Stelle des Herrn Horst vorgenommen, der einge⸗ zogen worden ist. Die Wahl fiel auf Herrn Markus Strauß. Hierauf gab der Vor der Kasse, A. Volz, einen kurzen Be⸗ richt iber das Geschä 1914. Er wies auf den gedruckt vor⸗ liegenden Bericht hin(aus dem wir in der Samstagsnummer einen Auszug brachten) und rkte dabei, daß die Verhandlungen mit den Aerzten wegen eines neuen Vertrags außerordentlich schwierig gewesen wären. Wäre nicht der Krieg ausgebrochen, so wäre man Überhaupt nicht zu einem Vertrage gekommen: schließlich kam man aber noch zu einem V Dieser legt der Kasse ganz erheb⸗ liche Lasten auf, obwohl er hinter den ungeheuerlichen Forderungen der Aerzte zurückbleibt. Besonders werden die Kosten durch Neben⸗ gebühren erhöht, welche die Aerzte verlangen. Geschäftsführer Fourier berichtete über das finanzielle Ergebnis des Geschäfts⸗ jahres, das im allgemeinen noch als günstig zu bezeichnen ses. Auch der Vertrag mit den Zahnürzten mußte erneuert werden, wodurch die Kasse ebenfalls stärker belastet wird. Gegen 3000 Mk. in frllheren Jahren mußten im letzten Jahre 6000 Mk. für zahnärztliche Be⸗ handlung aufgewendet werden. Auch mit den Apotheken wurde ein neuer Vertrag geschlossen, wobei sich die Kasse das Recht vorbehielt, gewisse Heil⸗ und 1 in eigener Regie zu verkaufen. Durch den Krieg ging die Mitgliederzahl um 1500 zurück. Für verwundete und kranke Soldaten wurden bereits 33 000 Mark Krankengeld ausbezahlt. Auch die Wochenhilse belastet die Kasse stark; es sind dafür etwa 45000 Mk. verausgabt worden. Die Verwaltungskosten wiesen infolge der neuen Besoldungsordnung eine Stege rung auf. Eine Aussprache schloß sich an die Berichte nicht, Es solgte der Bericht der Prüfungskommission, der dahin lautete, daß sich keinerlei Anstände ergaben. Der An⸗ trag, die Verwaltung zu enktlasten, fand einstimmige Annahme.

Barfüßele. 5

Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.

Der Tag rückte immer näher heran. Wo sich zwei Mäd chen begegnen, ziehen sie sich hinter eine Hecke, in einen Hausflur und können gar kein Ende finden und behaupten doch stets, daß sie gewaltig Eile hätten. Man sagt, es käme alles aus dem Oberlande und aus dem ganzen Murgtal und dreißig Stunden Wegs her, denn das sei eine große Familie. Am Rathausbrunnen, da war erst das rechte Leben, da wollte kein Mädchen ein neues Kleidungsstück haben, um sich an deren Tages um so mehr an der Ueberraschung und dem Staunen zu erfreuen. Vor lauter Fragen und Hin- und Herreden vergaß man das Wasserschöpfen, und Barfüßele, die am spätesten gekommen war, ging am frühesten mit vollem Kübel wieder heim. Was ging sie der Tanz an! Und doch war's ihr immer, als hörte sie überall Musik.

Am andern Tage hatte Barfüßele viel im Hause hin und her zu rennen, denn sie sollte die Rosel aufputzen. Sie er hielt manchen heimlichen Knuff beim Zöpfen, aber sie ertrug es still.

Die Rosel hatte ein gewaltiges Haar, und das sollte auch gewaltig prangen. Sie wollte heute etwas Neues damit probieren. Sie wollte einen Maria-⸗Theresienzopf haben, wie man hierzulande ein kunstreiches Geflechte aus vierzehn Strängen nennt; das sollte als neu Aufsehen erregen.

Es gelang Barfüßele, das schwere Kunstwerk zustande zu bringen; aber kaum war es fertig, als die Rosel es im Unmut wieder aufriß, und sie sah wild aus, wie ihr die Stränge über den ganzen Kopf und über das Gesicht hingen, dabei war sie aber doch schön und stattlich und gewaltig im Umfang, und ihr ganzes Gebaren sprach es aus: minder als vier Rosse können nicht in dem Hause sein, in das ich einmal heirate!

Und in der Tat warben viele Hofsöhne um sie, aber sie schien noch keine Lust zu haben, sich für irgend einen zu be stimmen.

Sie blieb nun bei den landesüblichen zwei Zöpfen, die

den Rücken hinabhingen, mit eingeflochtenen roten Bändern,

die fast bis an den Boden hinabreichten. Sie stand fertig geschmückt da, und nun verlangte sie einen Blumenstrauß. Sie selbst hatte die ihr zugehörigen Blumen verwildern lassen, und trotz aller Einsprache mußte Barfüßele doch end⸗ lich nachgeben und ihre schöngehegten Blumen vor dem Fenster fast aller Blüten berguben. Auch das kleine Ros⸗ marinstöckchen verlangte Rosel zu haben, aber Barfüßele wollte sich eher zerreißen lassen, ehe sie das hergab, und die Rösel spottete und lachte, schimpfte und schalt über die ein⸗ fältige Ganshixtin, die so eigenwillig tue und die man doch um Gottes willen im Hause habe. Barfüßele antwortete nicht, und sie sah Rosel nur an mit einem Blick, vor dem Rosel die Augen niederschlug.

Jetzt hatte sich eine rote Wollrose auf dem linken Schuh verschoben, und Barfüßele war eben niedergekniet, um sie behutsam festzunähen, da sagte die Rosel halb in Reue über ihr Benehmen, halb doch noch im Spott:

Barfüßele, heut tu' ich's nicht anders, heut mußt du mit zum Tanz.

Spotte nicht so, was willst du denn von mir?

Ich spotte nicht, beteuerte die Rosel noch halb neckisch: du solltest auch einmal tanzen bist ja auch ein junges Mädle, und es wird auch deinesgleichen auf dem Tanz sein; unser Roßbub' geht ja auch hin, und es kann auch ein Bauernsohn mit dir tanzen, ich will schon einen überzähligen schicken.

Laß mich in Frieden oder ich steche dich, mahnte Bar⸗ füßele am Boden, zitternd vor Freude und Trauer.

Die Schwägerin hat recht, nahm die junge Bäuerin, die bis jetzt zu allem geschwiegen hatte, nun das Wort,und ich gebe dir kein gutes Wort mehr, wenn du heute nicht mit zum Tanz gehst. Komm', da setz' dich hin, ich will dich auch einmal bedienen.

Und einmal über das andere übergoß Barfüßele eine Flammenröte, wie sie so dasaß und ihre Meisterin sie be⸗ diente, und als sie ihr die Haare aus dem Gesicht tat und sie alle nach hinten wendete, wollte Barfüßele fast vom Stuhle sinken, da die Bäuerin sagte:Ich zöpf' dich wie die All

gäuerinnen gehen. Das wird dich ganz gut herausputzen, und du siehst auch so aus wie eine Allgäuerin; so untersetzt und so braun und so kugelig; du siehst aus wie die Tochter von der Landfriedbäuerin in Zusmarshofen. a

Wie die? warum wie die? fragte Barfüßele und zitterte am ganzen Leibe. Was war's, warum sie jetzt gerade an die Bäuerin erinnert wurde, die ihr von Kind auf im Sinne lag und die ihr damals erschienen war wie eine wohl⸗ tätige Fee aus dem Märchen? Aber sie hatte keinen Ring, den sie drehen konnte, damit sie erscheinen müsse; nur inner⸗ 1 9 5 sie sie herbannen, und das geschah oft fast unwill⸗ ürlich.

Halt' dich ruhig, sonst rupf' ich dich, befahl die Bäuerin, und Barfüßele hielt still und atmete kaum. Und wie ihr die Haare so mitten durch geteilt wurden, und wie sie so da⸗ saß, die Hände zusammengepreßt, und alles mit sich machen lassen mußte, und die hochschwangere Frau sie bald warm anhauchte, bald an ihr herumbosselte, da kam sie sich vor, als würde sie plötzlich verzaubert, und sie redete kein Wort, als dürfe sie den Zauber nicht verscheuchen, und senkte demütig den Blick,

Ich wollt', ich könnte dich zu deiner Hochzeit so einklei⸗ den! sagte die Bäuerin, die heute von lauter Güte überfloß. Ich möchte dir einen rechtschaffenen Hof gönnen, und es wäre keiner mit dir angeführt; aber heutigestags geschieht das nicht mehr. Da springt das Geld nach dem Geld. Nun, sei du nur zufrieden. So lang mir ein Auge offen steht, soll dir bei mir nichts fehlen, und wenn ich sterbe ich weiß nicht, es ist mir diesmal so bang um die schwere Stunde gelt, du verläßt meine Kinder nicht und vertrittst an ihnen Mutterstelle? N J

O Gott im Himmel, wie könnt Ihr nur so etwas den ken! rief Barfüßele, und Tränen rannen ihr aus den Augen. Das ist eine Sünde, und man kann auch sündigen, daß man Gedanken über sich kommen läßt, die nicht recht sind.

Ja, ja, du hast recht, sagte die Bäuerin,aber wart' noch, sitz' noch still, ich will dir meinen Anhänger holen, und den will ich dir um den Hals tun. Fortsetzung folgt.)

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