Weiter klagte er über Verletzung der Würde es Papstes:„Schon wiederholt haben wir, den Spuren unserer Vorgänger folgend, beklagt, daß die Lage, in der der Vapst sich befindet, derartig ist, daß sie ihm nicht die volle Freiheit läßt, welche für die Regierung der Kirche unbedingt notwendig ist.... Daß gewisse bei uns beglaubigte Botschafter oder Gesandte gezwungen waren, abzureisen, um ihre per— sönliche Würde und die Rechte ihrer Amtswürde zu wahren, war für den Heiligen Stuhl eine Verringerung seines eigenen angeborenen Rechtes, ein Versagen der notwendigen Bürg— schaften, und brachte gleichzeitig die Entziehung des gewöhn⸗ lichen Mittels mit sich, dessen er sich als des bequemsten zur Verhandlung mit auswärtigen Regierungen zu bedienen pflegt.“ In Italien haben diese Klagen verschnupft. Kriegseifrigen merken tadelnd an, es werde immer mehr offenbar, daß der Papst mit Feinden des Vierver— bandes tympathisiere.
Industrielle Mobilisierung in Italien.
Was schon aus früheren Meldungen hervorging, wird vom Avanti vom 1. Dezember ausdrücklich bestätigt.„Die Mobilisation der Industrie,“ schreibt er,„hat bisher in Li— gurien nur den Industriellen gedient, der besseren Aussau⸗ gung der Arbeiter und der ungestörten Rache besonders an den Arbeitern, die die Seele einer Organisation oder der so— zialistischen Bewegung sind. Diese Versicherungen sind durch zu viele Tatsachen erwiesen, als daß sie noch zu leugnen wären.“
Der Avanti zählt daraufhin einige Fälle auf, in denen Arbeiter, die als Führer von Organisationen bekannt sind, ohne weiteres von Karabinieri(Schutzleuten) aus der Fabrik geholt und ohne weiteren Prozeß ins Gefängnis gebracht wur— den. Auch solche, die gewagt hatten, Kritik an der Handha— bung der Mobilisationsvorschriften zu üben, traf dasselbe Schicksal. Es ist sogar vorgekommen, daß die Polizeibehörden selbst zugaben, daß der vom Mobilisationskomitee ausgehende Strafantrag übereilt war. Die Gewerkschaftskammer ist zwar im Komitee vertreten, scheint aber wenig Einfluß auf dessen Entscheidungen zu haben.
Wilsons Botschaft an den Kongreß.
Washington, 8. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die Botschaft des Präsidenten Wilson an den Kongreß spricht sich in sehr heftigen Worten über Komplotte in den Vereinigten Staaten aus. Wilson beschuldigt Deutschland zwar nicht direkt, für die Komplotte verantwortlich zu sein, spielt aber in allgemeinen Ausdrücken darauf an. Der Präsident sagt, er glaube nicht, daß eine unmittelbare Gefahr für die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu anderen Ländern bestehe. Er fährt sort:„Ich muß leider mitteilen, daß die schwersten Drohungen gegen den nationalen Frieden und die Sicherheit innerhalb unserer eigenen Grenzen ausgesprochen worden sind. Zu meinem Bedauern muß ich zugeben, daß Bürger, die unter anderen Flaggen geboren wurden, aber in Amerika naturalisiert wurden, die Autorität und den guten Namen der Regierung in Verruf zu bringen und unsere Industrie zu vernichten suchten, wo sie es als im Interesse ihrer Rachgier gelegen betrachteten, daß sie versuchten, gegen sie Schläge zu n Mund unsere politischen Bestrebungen ausländischen Intrigen unterzuordnen.“
Obwohl die Zahl dieser Personen im Vergleich zu anderen Fremden und Einwanderern gering sei, haben sie die Vereinigten Staaten doch zu energischen gesetzlichen Maßnahmen gezwungem. Amerika habe niemals erwartet, daß Männer deutschen Ur⸗ sprungs, welche bei der Erfüllung ihrer Untertanenpflicht so viele Freiheiten genleßen, in böswilliger Absicht sich gegen eine Regierung und ein Volk wenden würden, das sie willkommen hieß und ernährt. Der Präsident fordert den Kongreß auf, Gesetze zu schaffen, die eine ausreichende Bürgschaft gegen dieses Uebel bieten. Solche von Leidenschaft und Treulosigkeit erfüllten marchistischen Kreaturen müßten vernichtet werden.
Weiter heißt es in der Botschaft: Ich wollte, es könnte gesagt Lerden, daß nur einige Männer durch falsche Gefühle zu einer Ergebenheit gegenüber den Regierungen, unter denen sie geboren wurden, verleitet worden sind, und sich der irrtümlichen Auffasfung der Pringipien dieses Landes schuldig gemacht haben. Aber viele unter uns und zahlreiche Personen im Auslande haben, 1. ch sie i u, sich und
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f* ihre Ehre als Bürger so weit vergessen, daß sie ihrer Sympathie mit der en oder anderen Partei in dem großen europäischen
Konflikte leidenschaftlich Ausdruck gegeben haben, und soweit gingen, selbst Treulosigkeit zu predigen. Ich kann nicht von den anderen sprechen, ohne auch diese zu erwähnen, um dem Gefühle noch tieferer Erniedrigung und Entrüstung Ausdruck zu geben, das jeden Patrioten erfüllen muß, wenn er an diese Dinge und an den Miß⸗ kredit denkt, in den uns diese Leute bringen. Der Präsident erklärte hierauf die Neutralitätspolitik der Vereinigten Staaten und sagte: Der zerstörende Krieg soll umgrenzt bleiben. Ein Teil der großen Familie der Völker sollte den Friedensprotest aufrecht erhalten, schon um einen allgemeinen wirtschaftlichen Ruin zu ver⸗ hindern. 5 5 5 Ueber die Monroe-Doktrin heißt es:„Wir halten un⸗ erschütterlich fest an ihrem Geiste. Im Falle Mexikos haben wir die Probe darauf bestanden. Gerade weil wir eine unbelästigte Entwicklung und eine ungestörte Regierung nach unseren eigenen Grundsätzen von Recht und Freiheit verlangen, sind wir gegen jede Einmengung, von welcher Seite immer sie kommen möge, in unseren Anschauungen. Wir wollen kein stehendes Heer erhalten, außer in einem Umfange, den unsere Erfordernisse in friedlichen und kriegerischen Zeiten verlangen.“ Der Präsident betonte sodanm die Notwendigkeit einer genügend großen Handelsflotte. Aus vielen gewichtigen Gründen sei es notwendig, daß die Vereinigten Staaten über eine große Handelsflotte verfügen.„Wir haben uns durch unsere unentschuldbare Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit, durch die hoffnungslos kurzsichtige und provinzlerische Politik des sogenannten wirtschaftlichen Schutzes fast um unsere Existenz ge⸗ bracht. Es ist höchste Zeit, daß wir den Fehler gut machen und unsere kommerzielle Unabhängigkeit wieder erlangen. Die ganze amerikanische Hemisphäre muß die gleiche Unabhängigkeit und Selbständigkeit genießen, wenn sie nicht in den Wirrwarr der europäischen Angelegenheiten hineingezogen werden soll.“ Der Rest der Botschaft befaßt sich hauptsächlich mit einer Besprechung der Rüstungspläne, der Vergrößerung von Armee und Flotte und den Vorschlägen, wie die hierfür nötigen Gelder aufzubringen seien. Eine amerikanische Stimme gegen England. Die Berl. Ztg. erfährt: Der Vorsitzende des parlamen⸗ tarischen Ausschusses für Heeresangelegenheiten im amerika⸗ nischen Kongreß, Senator Chamberlain, hat, der Newyorker Times zufolge, nach einer Inspektionsreise durch die nord— westlichen Staaten bei seiner Rückkehr nach Washington u. a. folgende Ansicht geäußert: Ich traue Großbritannien nicht, es hat uns noch in jeder schwierigen Lage stets übel mitge⸗ spielt. Es hat unsere inneren Angelegenheiten stets wider Recht und Anstand gut auszunutzen gewußt und tut es auch jetzt noch, indem es ungefähr 200 unserer Handelsschiffe fest⸗ hält und behindert. Nach meiner Ansicht ist das britisch⸗ japanische Bündnis mit der Absicht geschlossen worden, auf die Vereinigten Staaten im Falle wirtschaftlicher oder anderen Unstimmigkeiten mit England einen Druck ausüben zu können
SDentsche Ankänee ien Amerika.
Reuter meldet aus London: Wie verlautet, sind von Deutsch⸗ land in den Vereinigten Staaten Ankäufe im Gesamtbetrage von 20 Millionen Pfund gemacht worden. Sie umfassen Kupfer, Baum⸗ wolle, Wolle, Speck, Weizen, landwirtschaftliche Werkzeuge und andere Produktionen. Alle diese Käufe wurden unter der Be⸗ dingung abgeschlossen, daß sie binnen 60 Tagen nach Beendigung des Krieges geliesert werden. Alle Ankäufe sind in der Nähe der atlantischen Häfen und zwar dort, wo deutsche Kauffahrteischiffe festliegen, aufgestapelt worden. Deutsche Finanzleute erklären, diese Ankäufe seien gemacht worden, um für den Frieden vorbereitet
zu sein. Bulgari cher Bericht.
Sofia, 8. Dez.(W. T. B.) Amtlicher Bericht vom 7. Dezember: Die Verfolgung der Franzosen beiderseits des Wardar wird von unseren Truppen fortgesetzt. Wir besitzen die Eisenbahnstation Demirkapu und stehen 12 Kilometer östlich derselben. Unsere Truppen haben das Dorf Grabica (auf der Karte nicht auffindbar) von drei Seiten einge— schlossen. Es kam hier zu einem heißen Kampf, der bis Mitternacht dauerte. Eine unserer Kolonnen griff ein feind— liches Bataillon bei dem Dorfe Petorz an, südlich der Bahn⸗ station Hudowa und zersprengte es durch einen Bajonettan⸗ griff und nahm dessen Lager vollständig in Besitz. Unsere südlich von Strumitza overierenden Truppen sind südlich von Kostorino vorgerückt; sie greifen die Franzosen und Eng⸗ länder auf der ganzen Front an. 114 Engländer sind ge⸗
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5 fangen genommen, zwei Kanonen, zwei iti. und ein Maschinengewehr erbeutet worden. Es wir gekämpft. Unsere von Kitschewo und Monastir gegen vorrückenden Kolonnen sind in die Ochridaebene hinab stiegen und haben die Stadt Ochrida in Besitz genomn An der serbisch⸗montenegrinischen Front dauert das Ef meln der unheheuren Mengen von Beute bei Djakowa 10 Kanonen, 100 Munitionswagen, 15 Automobile, Fuhrwerke mit Kriegsmaterial usw. wurden erbeutet. *
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a— 12 5„ An Dem Berliner Tageblatt wird aus Sofia berichtet: Die F. 5 dauer des Rückzuges der Franzosen und Engländer im Geb 2
zwischen Cerna und Recke und dem Vardar verstärkt den Eindru daß Frankreich und England beschlossen haben, ihre Truppen, unt Vermeidung von Kämpfen mit dem nachrückenden Feind, griechisches Gebiet zurückzuziehen.
Streit im Vierverband.
Laut Berichten französischer und italienischer Blätt herrscht zwischen England und den übrigen Ententemäch Zwist wegen der Expedition nach Saloniki. England möch seine Aufmerksamkeit lieber Aegypten und dem Suezka zuwenden, aber Rußland und Italien haben ein groß Interesse, die Oesterreicher und Deutschen am Balkan zu drängen. Frankreich endlich hält an der Balkanexpe aus Gründen der nationalen Ehre fest. Der Standpunkt Englands werde namentlich durch Kitchener vertreten.
Zum Mißlingen der russischen Anleihe. 0
Stockholm, 9. Dez. Der Mißerfolg der gegenwärtigen russi⸗ schen Anleihe hat sich als derartig gewaltig herausgestellt, daß der Finanzminifter sich genötigt sieht, den bereits am vori Freitag abgelaufenen letzten Zeichnungstermin durch öffent Ankündigung für weitere fünf Tage auszudehnen. Die bis Fr tag erfolgten Zeichnungen ergaben insgesamt nur 263 Millio trotz der geradezu marktschreierischen Reklame. Es ist somit m etwas über ein Viertel des aufgelegten Betrages subskribiert worden. Es ist nicht anzunehmen, daß die Verlängerung des Zeichnungstermins das oben genannte Resultat merklich verändern wird, denn schon in den letzten beiden Tagen war eine be denkliche Abnahme der Zeichnungen zu konstatieren, trotz des An gebots eines um Prozent niedrigerem Kurses.
Amerika ist Sieger im Weltkrieg!
Washington, 9. Dez.(W. T. B. Nichtamtlich.) Meld des Reuterschen Bureaus: Der jährliche Bericht des Staats sekretärs des Schatzamtes, welcher dem Kongreß vorge worden ist, betont den bemerkenswerten Wohlstand, der sich im ganzn Land eingestellt habe. Die Lage der Eisenbahnen habe sich außerordentlich verbessert. Die Eisen- und Stal industrie weise eine phänomenale Blüte auf. Die Ernte fer ausgezeichnet gewesen, selbst die Baumwolle pflanzenden Staaten, die 1914 zu leiden hatten, haben sich wieder erho Die finanzielle Lage sei nie so stark und günstig gewesen.
Kriegsnotizen. 3
Die Bierfabrikanten in Rheinland⸗Westfalen haben ihre dritte Bierpreiserhöhung beschlossen. Während des wurde der Hektoliterpreis um 16 Mark erhöht. Diese fröhliche nutzung der Konjunktur hat endlich die Wirte in Harnisch gebrg Die Wirtevereinigungen in Solingen haben beschlossen, falls die Brauer auf der Erhöhung beharren, mit dem 15. Dezember den r Bierausschank einzustellen und gemeinsam leichten und billigen Wein einzukaufen und zu verschänken.
Unter Präventivzensur wurde unser Lübecker Partei organ, der Volksbote, zunächst für eine Woche gestellt, weil er einen Artikel des Genossen Cunow„Wirtschaftspolitische Zukunfts⸗ probleme“ abgedruckt hatte.
Vor dem Kriegsgericht in Mülhausen(Els.) hatten sich 6 der letzten Sitzung 1. der Schlosser Lettermann aus Gebweiser, und 2. der Webermeister Wegerich aus Merxheim wegen Vater⸗ landsverrats zu verantworten. Dem ersteren wurde nachgewiesen, daß er den Fransosen wichtige Nachrichten überbracht hatte. Er wurde zum Tode verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde freige⸗ sprochen. Der Vertreter der Anklage hatte gegen Lettermaun 15 Jahre, gegen Wegerich 10 Jahre Zuchthaus beantragt. Der zum Tode Verurteilte nahm das Urteil ohne jedes Zeichen der Er⸗ regung entgegen. g
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in den Vereinigten Staaten geboren und erzogen wurde ————
Barfüßele. 8
Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach.
„O Kind,“ schloß sie dann oft,„merk' dir etwas, in dir steckt ja auch ein Einsiedel: wer gut grad fortleben will, der sollte ganz allein sein, niemand gern haben und von nieman— dem was mögen. Weißt du, wer reich ist? Wer nichts braucht, als was er aus sich hat. Und wer ist arm? Wer auf Fremdes wartet, was ihm zukommt. Da sitzt einer und wartet
auf seine Hände, die ein anderer am Leib hat, und wartet auf seine Augen, die ein anderer im Kopfe stecken hat. Bleib' allein für dich, dann hast du deine Hände immer bei dir, dann brauchst du keine anderen, kannst dir selber helfen. Wer auf etwas hofft, was ihm von einem andern kommen soll, der ist ein Bettler; hoffe nur etwas vom Glück, von einem Geschwister ja von Gott selbst: du bist ein Bettler, du stehst da und hältst die Hand auf, bis dir etwas hineinfliegt. Bleib' allein, das ist das beste, da hast du alles in einem; allein, o wie gut ist allein! Schau, tief im Ameisenhaufen liegt ein kleinwinziger funkelnder Stein, wer den findet, kann sich unsichtbar machen und kann ihm niemand was anhaben; aber das kriecht durch⸗ einander, wer findet ihn? und es gibt ein Geheimnis in der Welt, aber wer kann's fassen? Nimm's auf, nimm's zu dir. Es gilt kein Glück und kein Unglück. Jeder kann sich alles selber machen, wenn er sich recht kennt und die anderen Menschen auch, aber nur unter einem Beding: er muß allein bleiben. Allein! Allein! sonst hilft's nichts.“
Aus dem Tiefsten heraus gab die Marann dem Kinde noch halbverschlossene Worte; das Kind konnte sie nicht fassen; aber wer weiß, was auch von Halbverstandenem in aufmerk— sam offener Seele haften bleibt? Und nach wildem Um— schauen fuhr die schwarze Marann fort:„O könnt' ich nur allein sein! Aber ich habe mich vergeben, ein Stück von mir ist unterm Boden, und ein anderes läuft in der Welt herum, wer weiß wo? Ich wollt', ich wäre die schwarze Ziege da.“
So freundlich und hell auch die schwarze Marann begann immer ging der Schluß ihrer Rede wieder in dumpfes Ha—
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nichts denken und nichts lieben, lebte doch nur im Denken an ihren Sohn und in der Liebe zu ihm.
Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel, um aus diesem unheimlichen Alleinsein mit der schwarzen Marann erlöst zu werden: sie verlangte, daß auch Dami ins Haus genommen werde; und so heftig sich auch die schwarze Marann dagegen wehrte, Amrei drohte, daß sie selber das Haus verlasse, und schmeichelte der schwarzen Marann so kindlich und tat ihr was sie an den Augen absehen konnte, bis sie endlich nachgab. Dami, der vom Krappenzacher das Wollstricken gelernt hatte, saß nun mit in der elterlichen Stube, und nachts, wenn die Geschwister auf dem Speicher schliefen, weckte eines das andere, wenn sie die schwarze Marann drunten murmeln und hin und her laufen hörten.
Durch die Uebersiedlung Damis zur schwarzen Marann
kam indes neues Ungemach. Dami war überaus unzufrie⸗ den, daß er dies elende Handwerk, das nur für einen Krüppel tauge, habe lernen müssen; er wollte auch Maurer werden, und obgleich Amrei sehr dagegen sprach, denn sie ahnte, daß ihr Bruder nicht dabei aushielte, bestärkte ihn die schwarze Marann darin. Sie hätte gern alle jungen Burschen zu Maurern gemacht, um sie in die Fremde zu schicken, damit sie Kundschaft erhalte von ihrem Johannes. Die schwarze Marann ging selten in die Kirche, aber sie liebte es, wenn man ihr Gesangbuch entlehnte, um damit in die Kirche zu gehen, es schien ihr ein eigenes Genügen, daß ihr Gesangbuch dort sei, und eine besondere Freude hatte sie, wenn ein fremder Handwerksbursche, der im Ort arbeitete, das zur ckgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zwecke entlehnte; es schien ihr, als ob ihr Johannes bete in der heimatlichen Kirche, weil aus seinem Gesangbuche die Worte gesprochen und gesungen wurden, und Dami mußte nun jeden Sonntag zweimal mit dem Gesangbuche des Jo- hannes in die Kirche gehen.
Ging aber die schwarze Marann nicht zur Kirche, so war sie bei einer Feierlichkeit im Dorf selbst und in den Nachbar⸗— dörfern immer zu sehen. Es gab nämlich kein Leichenbegäng— nis, bei der die schwarze Marann nicht leidtragend mitging,
dern und Trauern über, und sie, die allein sein wollte, an
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nen Kindes, weinte sie so heftig, als wäre sie die nächste An gehörige, aber dann war sie auf dem Heimweg immer wieder ganz besonders aufgeräumt; dieses Weinen schien ihr eine wahre Erleichterung zu sein. Sie schluckte das ganze Jahr so viele stille Trauer hinunter, daß sie dankbar dafür war, wenn sie wirklich weinen konnte. 25 sie sie für
eine unheimliche Erscheinung hielten, und zumal da sie noch
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War es nun den Menschen zu verargen, daß
1 fr dazu ein Geheimnis gegen sie auf den Lippen hatten? Auch 9 ö de auf Amrei ging ein Teil dieser Gemiedenheit über, und in 55 manchen Häusern, wo sie sich helfend oder mitteilend auf Be⸗ 0 such einstellte, ließ man sie nicht undeutlich merken, daß man e ihre Anwesenheit nicht wünsche, zumal, da sie schon jetzt eine 1 Seltsamkeit zeigte, die allen im Dorfe wunderbar vorkam. 15 Sie ging, mit Ausnahme des höchsten Winters, barfuß, und 1 ds man sagte, sie müsse ein Geheimmittel haben, daß sie nicht 1 krank werde und sterbe. e Nur in des Rodelbauern Haus wurde sie noch gern ge-
duldet, war ja der Rodelbauer ihr Vormund, und die Rodel 4 N 0 bäuerin, die sich immer ihrer angenommen hatte und ihr ven ⸗ sprach, daß sie sie einst zu sich nehme, wenn sie erwachsener sei, 1 konnte diesen Plan nicht ausführen. Sie selber wurde von 740 einem anderen angenommen; der Tod nahm sie zu sich.* Während sonst erst im späteren Leben sich die Schwere des Daseins auftut, wie da und dort ein Anhang abfällt un? nur noch ein Gedenken daran verbleibt, erfuhr dies Amrei schon in der Jugendfrühe, und heftiger als alle Angehöritzen weinten die schwarze Marann und Amrei bei dem Begräbnis der Rodelbäuerin.„ Der Rodelbauer klagte immer fast nur, wie herb es sei,
daß er jetzt schon das Gut abgeben müsse. Und noch.
keines seiner drei Kinder verheiratet. Aber kaum war ein Jahr vorüber, der Dami arbeitete schon den zweiten Früh ⸗ ling im Steinbruche, als eine Doppelhochzeit im Dorfe feiert wurde, denn der Rodelbauer verheiratete seine Tochter und zugleich seinen einzigen Sohn, dem er am der Hochzeit das Gut übergab; da wurde Amr dieser Doppelhochzeit neu benannt und in ein ande
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und bei Predigt und Einsegnung, selbst am Grabe eines klei⸗
übergeführt.(Fortse


