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Nr. 263
Gießen, Montag, den 15. November 1915
10. Jahrgang
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Des Reichskanzlers Antwort an die
die sssche Völkerwanderung unh Sibirien.
Ungeheure Schaxen von Flüchtlingen aus Polen und Kur⸗ nd werden in Rußland nach dem Osten des Riesenreiches ge⸗ eben, um vielleicht niemals wieder nach ihrer alten Heimstätte rückzukehren. Rund 6000 Dörfer sollen die Russen auf ihrem lückzuge zerstört haben; der Boden ist im russischen Kampfgebiet weite Strecken durchwühlt; Wälder sind niedergebrannt, die ahnen und Straßen müssen neu gebaut werden, sodaß viele der ertriebenen es nun vorziehen werden, sich anderswo in Rußland zusiedeln. Das russische Reich ist ja ungefähr zehnmal so groß de Deutschland, hat aber nur etwa 160 Millionen Einwohner, so⸗ b noch gut 400 Millionen Menschen Platz in ihm finden könnten, ime daß die Bevölkerungsdichtigkeit größer werden müßte als die gige von Deutschland. Seit etwa 10 Jahren findet auch bereits nie förmliche Völkerwanderung statt aus dem europäischen Ruß⸗ rid nach Sibirien, woher Rußland seinen Reichtum zieht und wo⸗
es seine landlosen Armen verpflanzt. In den Jahren 1908 und 0g sind rund 1% Millionen Menschen aus dem europäischen Ruß⸗ id nach Sibirien gewandert, und wenn von da an die Zahl der „wanderer auch zurückgegangen ist, so betrug sie doch immer noch Hrlich rund 300 000.
Sibirien ist die Erklärung für das große Geheimnis, warum
Rußland nach den härtesten Schlägen stets wieder so rasch er⸗ lt. Aus den Goldgruben Sibiriens, in denen seit Beginn des Feges mit vervielfachter Arbeiterzahl und ausländischen Tech⸗ kern gearbeitet wird, bezieht die russische Regierung das Gold, dem sie die Reichsbank füllen und dafür Papiergeld ausgeben n und mit dem sie im Ausland die gelieferte Munition und die
n bezahlt. Die zehn Millionen Einwohner Sibiriens wohnen iner Fläche, die 25 mal so groß ist wie Deutschland und unge⸗ n fruchtbare Gebiete aufweist, die unbenutzt daliegen. Seit der üufsischen Revolution, seitdem die russische Regierung erkannt hat, s von der Ansammlung eines großen Proletariats zu erwarten hat eine mit großen Mitteln unternommene systematische Be⸗ sbelung Sibiriens begonnen und bereits große Fortschritte ge⸗ Acht. Rußland siedelt sein Landproletariat in Sibirien an! Der Jzug⸗ nach den Städten wird dadurch unterbunden, die Indu⸗ kalisierung des Landes aber auch verlangsamt. Rußland wird ach auf eine sehr lange Zeit hinaus ein Agrarland bleiben und halb die Verbindung mit großen Industrieländern suchen, wo⸗ tes seine landwirtschaftlichen Produkte liefern und woher es die g igen Industrieprodukte beziehen kann. Das demoktatische Eng⸗
d hat die Freundschaft des absolutistischen Rußland nicht nur ais militärischen Gründen gesucht! e a
Die Kolonisation Sibiriens wird durch die in Petersburg ein⸗
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bichtete Generalansiedlungskommission betrieben und durch große Aatliche Mittel unterstützt. Um die Bewirtschaftung der für die Alonisation bestimmten Ländereien zu erleichtern, sorgt die Ineralansiedlungskommission zunächst für die Anlage von Zu⸗ bengsstraßen, sowie ferner je nach den besonderen Bedülrfnissen des Agelnen Falles für die Ent⸗ oder Bewässerung des Bodens und Kießlich dort, wo die Kolonisten dies nicht selbst zu benen mögen, flir die Niederholzung der das Land bedeckenden Wälder. Kolonisten erhalten zum Zwecke der ersten Ansiadlung pan ee Aigünstigen Bedingungen. Eine der wirksamsten e ie % Generalansiedlungsdirektion ergriffen hat, besteht darin, daß zan allen wichtigeren Plätzen der Anstedlungsgebiete Regierung gerhäuser einrichtet, aus denen an die Ansiedler zu einem i 4 Preise landwirtschaftliche Maschinen und Geräte, 1 16 5 unger, Saatgut usw. abgegeben werden. Allein im 195 1 5 1 8 kurden 15 wissenschaftliche Expeditionen nach noch 5 Größe genden Sibiriens ausgesandt und Gebiete vos, 7 bl 1755 Aliens erforscht. zm Jahre 1913 belief ssch die Cesdendaneslen künftige Kolonisten reservierten, persönlichen Be 9 9 lanif 1 258 882. Die russische Regierung hat für die 1 10 85 Milli 117 zan Sibiriens von 1906 bis 1911 einen Betrag 115 115 Million übel ausgegeben, ungefähr 250 Millionen Mark. Die vom ee Landwirsscheiseagte n der deutschen Reichsregierung un zee 105 g e Rundschau kommt nach einer längeren cen
5 7 1761 in Sibirien zu dem Er⸗ ee 5e ue Astedler durch ihre Uebersiedlung
Sibirien erhebliche Vorteile
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sich schnell auf eine Stufe, die als der Durchschnitt der des Reiches. Die zu⸗ denfalls noch befriedigen⸗
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Die Entente am Balkan.
Aus Salonik wird der Frankf. Ztg. zuverlässig gemeldet, daß sich der Abtransport englischer Truppen an die serbische Grenze, der bisher belanglos war, nunmehr in grö ßerem Umfange vollziehe. Glaubwürdig wird ver⸗ sichert, daß sich England zu einer erhöhten Anstrengung erst auf Grund eines fast an ein Ultimatum grenzen⸗ den französischen Schrittes entschlossen habe. Gewgeli und Doiran sind von den Entente-Truppen als Operationsbasis ausgebaut worden. Bisher sind in Salonik 70000 Franzosen und 26000 Engländer gelandet.
Die Bulgaren in Prischtina?
Wien, 12. Nov. Die Reichspost meldet aus Sofia: Die Lage des serbischen Heeres gestaltet sich auf der bulgarischen Front immer verzweifelter. Der Rückzug ist stellenweise flucht⸗ artig. Hier und dort versuchen Teile des absterbenden Heeres⸗ körpers verzweifelte Vorstöße, so in der Gegend von Monastir, wo die bulgarischen Kräfte einen serbischen Angriff blutig abge⸗ wiesen haben und siegreich über Prilep hinausdrangen. Nach einer sonst nicht beglaubigten weiteren Meldung soll die bulgarische Kavallerie bereits in Prischtina eingerückt sein.
Die Ernüchterung in Italien.
Die Nowa Reforma meldet aus Wien: Der Professor der Krakauer Universität, das Herrenhausmitglied Dr. Smolke, ist soeben aus Italien, das er vor ungefähr einer Woche verlassen hat, hier eingetroffen. Intereffant sind feine Mitteilungen über die Ernüchterung, die in den dortigen Kreisen der italienischen Bevölkerung eingetreten ist. All⸗ mählich tritt bereits eine große Unlust zu Tage. In Neapel, wo die Kriegsbegeisterung ohnehin wenig Anhänger hat, wird die Regierung mit bitteren Vorwürfen überhäuft. Eine ähn⸗ liche Stimmung herrscht in ganz Süditalien.
Italienische Maßregeln gegen die U-Boote?
T. U. Lugano, 12. Nov. Im italienischen Ministerrat machte der Marineminister Mitteilung über die gegen die österreichisch-ungari⸗ schen und deutschen Untersooboote ergriffenen Maßregeln. Einer Flottille deutscher Unterseeboote sei es gelungen, die Straße von Gibraltar zu passieren und das Mittelalter unsicher zu machen. Ihre Verpflegungsstation liege indessen nicht im Bereiche der ita⸗ lienischen Küste. Der Marineminister versprach mit äußerster Energie gegen fernere Unternehmungen dieser Art vorzugehen.— Das ist leichter gesagt, wie getan. 0
Stimmen in der Wüste. Zu den Friedensreden der beiden Aristokraten im englischen ale sagt die Nordd. Allg. Ztg., das Organ des Reichskanzlers, folgendes:
„Ob aus den Anregungen zweier Redner des Oberhauses, nach einem Ausweg zur Beendigung des Krieges zu suchen, ver⸗ nünftige Friedens vorschläge, die wie bekannt, Deutschland jederzeit zu erwägen bereit wäre, hervorgehen werden, erscheint in höchstem Grade zweifelhaft. Wir vermissen jedes Echo auf diese Stimmen. Die englische Regierung hielt es nicht einmal für notwendig, den beiden Lords im Oberhause zu ant⸗ worten. Dagegen ergriffen am Tage danach drei Mitglieder des Kabinetts in der Guild Hall das Wort und da vernahmen wir die uünverändertalte Weise. Herr Asqufth verwies ausdrücklich auf seine Guild Hall-Rede im Vorjahre. Damals sagte er, England werde sein Schwert nicht eher einstecken, bevor nicht Belgien alles, was es geopfert und noch mehr zurückerhalten habe, bevor nicht Frankreich in gleicher Weise gegen drohende Angriffe gesichert sei, bevor nicht die Rechte der kleinen Völ⸗ ker Europas auf eine unantastbare Grundlage gestellt und endlich, bevor nicht die militärische Herrschaft Preußens völlig und
endgültig vernichtet sei. Dieses Programm ist heute trotz der schweren russischen Niederlagen, trotz des wiederholten Scheiterns der großen französisch⸗englischen Offenstvstöße im Westen und trotz der politischen und militärischen Fortschritte der Zentralmächte und ihrer Verbündeten am Balkan noch dasselbe wie in Vor⸗ jahre. Asquith ist sogar zuversichtlich genug zu glauben, daß er dem Ziele schon ein gutes Ende näher wäre. Wenn wir uns ferner vergegenwärtigen, wie in dem Zeitraum zwischen beiden
Guild⸗Hall⸗Reden des leitenden Ministers ohne Unterlaß in Rede
und Schrift mit äußersten Mitteln die Aufhetzung unter forr⸗ gesetzter Vorspiegelung eines baldigen Hungertodes des Deutschen Reiches und der Vernichtungskrieg gegen uns gepredigt wurde, werden wir zwei abweichende Aeußerungen, die vereinzelt bleiben, nicht eben hoch bewerten dürfen. Wir müssen uns an Herrm Asquith, an seine Worte und Taten halten, daß er immer noch nicht auf die Phrase vom Kampfe für die kleinen Nationen ver⸗ zichtet. Es ist nach allem, was England in diesem Kriege den kleinen Nationen angetan hat, gewiß ein starkes Stück. Bulgarien, Griechenland, die skandinavischen Reiche und Holland kennen die herrische Sprache, die England gegen jeden führt, der sich seinem Willen, seinen völkerrechtswidrigen Methoden, die See⸗ herrschaft zu behaupten, nicht fügt. Herr Asquith hatte bereits die Wilsonsche Note in Händen, als er erneut über die Befreiung der Welt von der deutschen Gewaltherrschaft sprach. Solange die Leiter der englischen Politik glauben, Deutschland besiegen und vernichten zu knnen, solange die englische Nation trotz aller Ent⸗ täuschungen mit ihnen an diesem Wahn festhält, bleiben Reden,
eialdemokratie.
wie die der Lords Loreburn und Courtney leider Stimmen in der
Wüüste. 5 5 England in Indien. Kitcheners Reise.
Newyork, 12. Nov.(W. T. B. Nichtamtlich.) Die Asso⸗ ciated Preß meldet in Ergänzung der gestrigen Nachricht aus Washington: Durch den dichten Schleier, den die englische Zensur über die Ereignisse in Indien und Aegypten warf, dringt die Mitteilung, daß der Nisam von Hayderabad, ein treuer Vasall Englands, vom Volke abgesetzt worden ist. Diese Entwicklung, die den Höhepunkt verschiedener Meldungen von Unruhen und Aufständen bildet, soll ein Hauptgrund für Kitcheners Abreise von England sein. Hier eingetroffene Nachrichten aus Kanälen, welche nicht der Zensur unterstehen, besagen, daß in eingeweihten Kreisen in London bekaunt sei, daß, obwohl Kitchener sich nach dem Balkan begeben möge, sein Endziel Indien sowie Aegypten sei.
Rechtsverwüstung.
Ein Artikel des ehemaligen Kolonialministers Dernburg im Berl. Tagebl. über Wilsons Note an England rückt uns die ganze Verwüstung des See- und Völkerrechts vor Augen, an die wir bei den sich jagenden Ereignissen auf den Schlacht⸗ feldern schon fast nicht mehr denken. Wir haben schon auf den be⸗ deutsamen Inhalt der amerikanischen Note hingewiesen, in der Herr Dernburg bereits den Beginn der großen Auseinandersetzung zwi⸗ schen Nordamerika und England über die Geltung der international „verbürgten“ Seerechte auch im Kriege sieht. Er legt übrigens auch dar, daß es Deutschlands Entgegenkommen gegen Amerika in der Frage der Torpedierung von Passagierdampfern war, das Amerikas Verteidigung des Seerechts gegen die englische Vergewaltigung mög⸗ lich gemacht und nach sich gezogen hat. Da die Freiheit der Meere zu den bereits öffentlich und vom Reichskanzler selbst aufgestellten deutschen Kriegszielen gehört das amerikanische Vorgehen aber ein ganz besonders aussichts reiches Beginnen zur Erreichung dieses Zieles ist, so dürften sich nun wohl auch diejenigen beruhigen, die zuerst in wahrer Berserkerwut gegen jedes deutsche Entgegenkom⸗ men im U-Bootskrieg getobt hatten. Es zeigt sich nun, daß jenes Entgegenkommen, das überdies im Interesse der Humanität lag, unseren Interessen sehr förderlich gewesen sein dürfte. Die Torpe⸗ dierung des italienischen Passagierdampfers„Ancona“ durch ein österreich-ungarisches U-Boot wird hierin keinen Rückschlag herbei⸗ fühven einmal, weil sie, vorausgesetzt, daß überhaupt dabei Passa⸗ giere umgekommen sind, was zum Glück noch nicht sicher ist, ja nicht auf Deutschlands Konto zu setzen ist, dann aber auch deshalb, weil Amerika seine Forderungen an England nicht uns zu liebe stellt, sondern ausschließlich deshalb, weil die Wiederherstellung des See⸗ rechts— an Stelle der englischen Seewillkür— von den
dringendsten wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten ge⸗ fordert wird.
Im Zusammenhang der Dernburgschen Ausführungen wird auch hauf den englischen Aushungerungskrieg hingewiesen, dessen Aktuali⸗ tät wir ja reichlich anzuerkennen Gelegenheit haben; nicht etwa so, daß er den(Fim Namen der Menschheit“ angestrebten) Erfolg hätte, die mitteleuropäische Menschheit langsam, aber sicher zu dem im englischen Indien landsüblichen Hungertode zu verurteilen— wohl aber erinnern uns an Englands feinen Plan täglich die organisato⸗ rischen Maßnahmen zur Sicherung und Regelung der Volkser⸗ nährung, in die nun ein etwas strammerer Zug kommt. Wir haben im Frieden weder Brotkarten noch Milchrationen, weder Höchst⸗ preise noch Beschlagnahme, weder staatliche Kriegsaktiengesellschaften 505 Nahrungsmittelverteilung, noch städtische Lebensmittelperkäufe gekannt. ö
Das hat uns Englands Aushungerungskrieg gebracht. Gehen wir aber auf seine Wurzeln zurück, so sehen wir, daß es eine unge⸗ heuerliche Verletzung des Völker- und Seerechts ist, was wir zwar längst gewußt haben, woran uns aber Dernburg neuerdings er⸗ innert! Nach der Londoner Deklaration, der bis zum Kriege allgemein anerkannten Grundlage des Seerechts waren Ge⸗ treide und Nahrungsmittel nur insoweit(und zwar be⸗ dingte) Konterbande, als sie für den Verbrauch der fechtenden Truppen oder der Verproviantierung bef estigter Häfen be⸗ stimmt waren. Beweislast hierfür schiebt die Deklaration derjenigen Macht zu, die diese Stoffe ergreift.
Damit vergleiche man die englische Praxis, die unbedingt alle Nahrungsmittel nicht nur für die nicht in Waffen stehende deur⸗ sche und österreichisch-ungarische Bevölkerung, sondern nun sogar schon auch für die Neutralen konfisziert, wenn es ihm so beliebt. (Denn mehr Rechtsgarantieen enthalten die englischen Seerechts⸗ verordnungen nicht).
Und all das geschieht, wie man nicht müde wird, zu versichern, im Namen des Rechts, der Freiheit und Zivilisation!
Die Antwort des Reichskanzlers an die
Sozialdemokratie. a
Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt:„Auf ein Eingabe des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei in der Nahrungsmittelfrage hat der Reichskanzler folgende Ant⸗ wort erteilt:„Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei machte mir eine Eingabe über die Lage auf dem Lebensmittel⸗ markte, deren Empfang ich dankend bestätige. Wie ich aus


