Ausgabe 
26.10.1915
 
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. 0 Organ für die Interessen des werktätigen Volles der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 251

Gießen, Dienstag, den 26. Oktober 1915

10. Jahrgang

Ein Notschrei der Frauen!

Von Luise Zietz.

Mit bewunderungswürdiger Tapferkeit haben die Frauen sich der Nöte zu erwehren gesucht, die der Krieg über sie gebracht

Mochte das herbe Seelenleid und die sorgende Liebe um ihre Agehörigen im Felde schwer auf ihnen lasten, sie haben sich nicht aon unterkriegen lassen, sondern immer aufs neue mutig zuge gr fen, um die mannigfaltigen Pflichten gegen die Daheimge

lübenen zu erfüllen.. Aber diese Pflichterfüllung wird ihnen immer schwerer, umöglich gemacht. Von den Unterstützungen für die Familien der

tegsteilnehmer können sie, namentlich in den Städten, nicht En. Mit großem Geschick haben sie die Leitung kleiner Ge fte, die früher des Mannes Werk war, übernommen; die derbemittelten haben, wenn sie nur irgend dazu imstande wren, Arbeit gesucht.

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fast

numfang bekommen, 2 Szeiten Frauenarbeit ten, ist diese stark angeschwollen, ferner sind Schaffnerinnen, stefträgerinnen und Fensterputzerinnen, Arbeiterinnen bei der dabfuhr, bei den schweren Erdarbeiten bereits eine ebenso all che Erscheinung als bei der Munitionsfabrikation und in der schen Industrie. Jedoch, aller Fleiß der Frauen kann die Not nicht von ihren Fanilien fernhalten, solange die furchtbare Lebensmittelteuerung

* milnilt. Mit größter Erbitterung sprechen sie deshalb auch von 1 5 Händlern und Produzenten, die statt Opfer zu bringen im

steresse der Gesamtheit, den Krieg in der rücksichtslosesten Weise dle Konjunktur ausnutzen.

Die Frauen haben gehofft und geharrt und immer wieder ge⸗ elt, die Regierung werde durch Beschlagnahme und Festsetzung bn niederen Höchstpreisen für alle notwendigen Lebensmittel dem Aensmittelwucher ein Ende machen. Ihre Hoffnung wurde neu lcbt und sie atmeten auf in froher Erwartung, wenn es hieß, der Jerteivorstand und die Generalkommission der ewerkschaften seien erneut vorstellig geworden, um bei der ierung für durchgreifende Maßnahmen gegen den Wucher einzu⸗ n

ben. Aber leider wurde ihre Hoffnung immer wieder zu schanden.

die jetzt

enügendem Maße den unerhörten Preistreibereien, 5 empfunden

leemein von den Konsumenten als unerträglich nven. Ganz anders wirken schon die Verordnungen einzelner eralkommandos, es wäre zu wünschen, daß solche überall er⸗ al wären. Fleisch ist so unerschwinglich teuer, daß es in Ar⸗ abrkreisen nur noch als ein rares Sonntagsgericht bekannt ist, end bie Produzenten, die die Futtermittel selbst produzieren, pändler und die großen Fleisch⸗ und Wurstfabriken Riesen⸗ eunne einstreichen. ünd während große Massen Fleisch, Wurst l Fleischwaren verderben und zu technischen Zwecken Verwen⸗ dug finden, entweder weil sie nicht mit der genügenden Sorgfalt datbeitet oder weil sie zurückgehalten wurden, um einen noch hren Preis zu erzwingen, hungern die Aermsten. Nicht om geht es mit der Fischnahrung, einerlei ob die Fische frisch ge⸗ em oder geräuchert angeboten werden. Wir ersticken fast im Kartoffelüberfluß, aber Produzenten und küpler halten sie zurück, um eine Erhöhung der Höchstpreise zu ningen und die Kartoffelskandale des vergangenen Jahres neu en zu lassen; denn leider ist die Beschlagnahme dieses wich⸗ de und für die Arbeiterschaft unentbehrlichen Nahrungsmittels Fherfolgt. Gemüse ist allgemein ebenfalls sehr gut geraten, nach Sllletzt üblichen Preisen müßte man das Gegenteil annehmen. Rlanfrüchte und die mancherlei Mühlensabrikate, die in Arbeiter⸗ bien auch früher schon, wegen ihres Eiweißgehaltes, oftmals das ich ersetzen mußten, sind einfach nicht zu bezahlen. Wir haben ee selten gute Obsternte gehabt und fortgesetzt wird den Haus⸗ Eßt viel Gemüse und viel Obst, Obst in jeder Wie ein böser Hohn klingt das den Arbeiterfrauen. Sie

das Obst, weil vi der reichlich roh verbrauchen, s Obst, weil viel zu teuer, weder 91 Mus oder Kom

K an erkochen, wozu es außerdem an billigem Zucker fehlt. Daß am dem Obst, das bei uns gewachsen ist, der Zucker, der in so

nien Mengen in Deutschland produtziert wird, sodaß es vor dem ige halb Europa damit verforgte, enorm verteuert bee das Tollste, was wir an Lebensmittelwucher w 9 iges erlebt haben. Zucker könnte zu einem Teil das man 55 Alersetzen, wir haben Riesenquanten an Zucker, aber der hohe hes schränkt den Konsum, den man mit allen Mitteln steigern , noch mehr als sonst ein! nd nun schließlich die Nahrungsmittel, 9 10 11 90 72 eee marine, anzenfette alg, Flohmen, 5 irkei lifech eddie geradezu aufreizend wirken. u die dieser Tage für Butter festgesetzten Höchstpreise 1 untlich in Berlin und Umgegend(2,80 Mk.) viel zu hoch. 175 adischer Exporteur, der über die Butterpreise, die von art; ufern im Ausland gezahlt werden, an die Berliner 9 zeitung schrieb, nennt ie verrückte Preise, an denen die then Händler selbst schuld eien, die sich gegenseitig Überbieten en diese Preise nach England mitgeteilt, bekämen sie, wis

an denen wir wirklich n Gestalt, als Butter, Speck u. a. m. haben

f 150 gu verdienen, Schimpf und n de. 5 ö s gehe auch einsach nicht an, daß den einheimischeu, left,

tun und dem freien Handel die Preisfestsetzung überlassen bleibt, u, die aublandische bie preistegullerend 1 5 e, ausgeschlossen ist und nun in der tollsten Weise die are Fatgert werden, just als ob die Bezieher lauter Millionäre 1 85 krend auf diese Weise dank der fabelhaften Preise, die Min 5 ant vom eu en Butter so gut wie ausgeschlossan 3 55 5 erheblich das Quantum. das senen Z g 1 5

aum

1 vom Bundesrat erlassenen Verordnungen steuerten keineswegs

fügung steht, für welche die Höhe des Preises keine Rolle spielt, die sich deshalb absolut nicht einzuschränken brauchen.

Kann die Fettknappheit nicht durch Zufuhr zu annehmbaren Preisen aus dem neutralen Auslande behoben werden, so mag man unter Festsetzung niederer Höchstpreise eine gerechte Ver⸗ teilung auf alle, ähnlich wie beim Brot, vornehmen. Dasselbe gilt von der Milch, wobei Säuglinge und Kranke besonders be⸗ rücksichtigt werden müßten. Jeder, der nur ein wenig Gemeinsinn besitzt, kann es einfach nicht fassen, daß heute, wo jedes Leben be⸗ sonders wertvoll sein sollte, Milchpreise erhoben werden, die eine starke Steigerung der Säuglingssterblichkeit in den ärmeren Volks⸗ schichten bringen muß. Hinzukommt, daß von vielen Molkereien die Magermilch, die für die Butterbereitung entfettet wurde, an die Produzenten zur Viehfütterung zurückgegeben wird, während es in den Städten an Milch und weißem Käse in so hohem Maße mangelt. Bei den hohen Fleischpreisen ist halt die Verfütterung der Milch profitabler als wenn sie zur menschlichen Nahrung verwandt wird.

All diese schlimmen Tatsachen bilden für die Frauen der Min⸗ derbemittelten täglich aufs neue bittere Exlebnisse, die sie fast zur Verzweiflung treiben. Immer klarer wird es ihnen, daß hier nur wirklich tiefeinschneidende Maßnahmen helfen können, wie sie von den Vertretern der Arbeiter immer und immer wieder gefordert wurden: Ein ganzes Netz von nieberen Höchstpreisen für alle not⸗ wendigen Lebensmittel, für Produzenten und Händler; soweit nicht eine Beschlagnahme durch das Reich erfolgt, ein weitgehendes Recht der Beschlagnahme durch die Gemeinden und Einführung von Fleisch⸗, Bulter⸗ und Milchkarten.

In einer ganzen Reihe von Gemeinden sind die Frauen in ihrer Not ganz spontan zu dem Entschluß gekommen: Deputationen an die Bürgermeister und Magistrate zu entsenden und ihnen obige oder doch diesen ähnliche Wünsche unter Darlegung ihrer Notlage zu unterbreiten.

In allen bisher bekannt gewordenen Fällen haben sie Ver⸗ ständnis und Entgegenkommen gefunden. Nur fehlt es bisher leider den Gemeinden an den nötigen Machtbefug⸗ nissen und der genügenden Unterstützung durch das Reich, um Wirksames unternehmen zu können. Der gute Wille allein hilft aber nicht viel.

Umsomehr freuen wir uns über die Initiative der Frauen, die durch die Not erfinderisch geworden sind. Bei dem Bemühen der Gemeindeverwaltungen, die Regierung vorwärts zu drängen, wird auch ihnen sicherlich diese Unterstützung der Frauen nur will⸗

kommen sein. 0

0 Hoffen wir, daß endlich diese Bemühungen Erfolg bringen, be⸗ vor es zu spät ist, bevor sich Zustände entwickeln, die verhägnisvoll für weite

Volksschichten werden. Die allerhöchste Zeit ist es. * 8

i 4 21 1. Türkische Hilfe in Dedeagatsch und Au Porto Lagos.

Ju Porto Lagos sind, wie französische Blätter aus Athen melden, zwei Divisionen türkischer Truppen eingetroffen, andere bedeutende Truppenkontingente sind in Dedeagatsch augelangt. Der türkische Generalstab soll sich an der bul⸗ garischen Grenze befinden.

Ein bulgarischer Protest.

Die Kriegsschiffe der vor den Dardanellen unsicher und be⸗ schästigungslos gewordenen Entente⸗Flotte haben sich einige un⸗ besestigte, zur Gegenwehr nicht befähigte, bulgarische Küstenplätze am gegaeischen Meer zum Objekt ihrer Schießkunst erkoren. Die Granaten, die ausgespart werden mußten, weil man aus Furcht vor den Tauchbooten nicht nahe genug an die Dardanellen heranfahren konnte, die hageln jetzt auf Dedeagatsch und Porto Lagos. Der bul⸗ garische Ministerpräsident Radoslawow hat unter Berufung auf die Vorschriften des Völkerrechts und der Haager Konvention bei den nicht feindlichen Regierungen Einspruch erhobengegen eine so barbarische Handlungsweise, die so wenig dem Rufe von Schützern und Verteidigern des Rechtes angemessen ist, auf dessen Erringung Großbritannien und Frankreich so großen Wert gelegt haben.

Wo hat das Völkerrecht noch eine Heimstätte? Dort fedenfalls nicht, wohin Englands meerbeherrschender Arm reicht. Die Ereig⸗ nisse in der Aegaeis erinnern einen wieder schmerzlich an die bittere Enttäuschung, die der Weltkrieg all denen gebracht hat, die geglaubt haben, daß feierliche Staatsverträge, die ausdrücklich für den Kriegsfall geschlossen wurden, den Kriegsausbruch fiberdauern würden.

Griechenland und die Entente. Die Truppenlandungen in Salonik.

In Salonik wurden bisher an französischen und englischen Truppen zusammen etwa 58 000 Mann und 100 Kanonen gelandet. Davon entfallen 19000 Mann auf England. In der Richtung nach Serbien sind bisher 20 000 Mann abtransportiert worden. Die Bahn beförderte 12000 Mann, die restlichen 8000 Mann mar⸗ schierten an die Grenze. Der Waggonmangel ist so empfindlich, daß, wenn die Entente wirklich 100 000 Mann zur Unterstützung Ser⸗ biens zu befördern beabsichtigt, vier Wochen zum Transport nötig wären. Infolge des schlechten Zustandes der Landwege sind von den Truppen auf dem Jußmarsche gegen 200 Mann marode ge⸗ worden. Diese sind in die Hospitäler von Salonik zurückgeschickt worden. Im übrigen herrscht unter den Truppen, die zum Fuß⸗ marsch gezwungen werden, zunehmende Renitenz.

Zwangsweise Rückkehr der Entente⸗ Hilfstruppen?

Budapest, 24. Okt. Die an der griechischen Grenze auf gestellten griechischen Trupven zwangen die vor einigen

eltkrieg.

Tagen, zumeist aus Kolonialtruppen bestehenden, nach Serbien abgegangenen Ententetruppen zur Rück⸗

fe h x. Die Ausschiffung nicht gestattet?

Budapest, 24. Okt. Im Hafen von Salonik stehen mehrere englische und französische Transportdampfer mit Truppen, deren Ausschiffung die Hafenbehörde nicht gestattet. Den Hafeneingang bewachen französische und englische Kriegs⸗ schiffe gegen etwaige Angriffe von Tauchbooten. Zwei der Wachtschiffe haben Beschädigungen erlitten..

Griechenlands Widerstand gegen die Landung

0 italienischer Truppen.

T. U. Budapest, 24. Okt. Nach einer Athener Meldung verständigte der italienische Gesandte den Ministerpräsidenten Zaimis, daß Italien zur Unterstützung der Entente vorläufig 80 000 Mann in Saloniki und Kawalla zu landen beabsichtigt, Zaimis gab daraufhin die kategorische Er⸗ klärung ab, daß ein eventueller Landungs⸗ versuch derartiger Truppen dem Widerstand der griech ischen Küstengeschütze begegnen werde.

Zuckerbrot und Peitsche.

Paris, 23. Okt.(W. T. B. Nichtamtlich.) Ueber die englischen Angebote, die Griechenland für den Fall seiner Teilnahme am Kricge gemacht wurden, erfährt Petit Paristen, daß Griechenland die Abtretung Joniens, der serbischen Bezirke am unteren Wardar, die bulgarische Küste am Aegäischen Meer mit Porto Lagos und Dedeagatsch, sowie Cypern von England angeboten worden seien. Da England im letzten Jahre Aegypten annektiert hat und somit Herr des Landes sei, habe es nicht mehr das gleiche Interesse a dem Besitz Cyperns wie früher. 5

Eine Drohnote der Entente.

Nach einer Athener Meldung des Vilag überreichte Sir Francis Elliot namens der Entente dem Ministerpräsidenten Zaimis eine Nate, in der betont wird, daß die Landung der verbündeten Truppen auf griechischem Gebiete keinesfalls den Charakter einer Okkupation besitze, da die Mächte zu weitestgehenden Garantien bereit seien. Im Falle eines weiteren Widerstrebens der griechischen Regierung müßten die Verbündeten die Ueberzeugung gewinnen, daß ihre Kriegsoperationen durch eine willkürliche Auslegung der griechischen Neutralität und weil Griechenland seinen vertragsmäßigen Ver⸗ pflichtungen gegenüber Serbien zu entsprechen sich weigere, be⸗ hindert sind. Für den Fall, daß Griechenland diese Haltung fort⸗ zusetzen gedenke, müßte die Entente sich bemüßigt sehen, das freund⸗ schaftliche Verhältnis mit Griechenland abzubrechen. Die Entente verlangt eine Beantwortung der Note binnen drei Tagen.

Eine griechische Erklärung.

T. U. Christiania, 24. Okt. Aftenposten erfährt aus Paris: Heute morgen ist aus Athen ein halbamtliches Tele⸗ gramm eingetroffen, in dem die Gründe aufgeführt werden, die Griechenland zwingt, in seiner Neutralität zu verharren. Es heißt in der Depesche: Griechenland sei England sehr dankbar für sein Anerbieten, ihm Cypern abzutreten, aber die griechische Regierung findet nicht, daß dies ein ge⸗ nügender Ersatz sei für das Risiko, dem das Land sich durch den Krieg aussetze.

Eine Drohung gegen die Moskowiter.

Die rumänische Regierung hat in einem Bukarester offiziösen Blatt einen Artikel erscheinen lassen, der sich gegen die Treibereien zweier politischer Parteien wendet, die unter Führung Filipescus die Regierung stürzen wollen. Sie erklärt, zur Aufrechterhaltung der für das Land im gegenwärtigen Augenblick so notwendigen Ruhe mit allen gesetzlichen Mitteln entschlossen zu sein und sie deutet an, daß sie gegen ihren Willen den Belagerungszustand gegen alle Friedensstörer anwenden müsse.

Man weiß, daß Filipescu der Führer desjenigen Teils der konservativen Partei ist, die Rumänien an die Seite Ruß⸗ lands führen wollte und wie es nach diesem Artikel scheint, noch will. Insofern gibt also die offiziöse Veröffentlichung einen Hinweis auf die gegenwärtige Haltung der rumänischen Machthaber.

Ein englisches Kriegsschiff überfällig.

Dem Budapester Blatt A Vilag wird aus Saloniki ge⸗ drahtet: Seit zwei Tagen ist ein großes englisches Kriegs⸗ schiff, das in dem hiesigen Hafen erwartet wurde, überfällig. An Bord des Schiffes, das von Mudros nach Saloniki ab⸗ gegangen war, befanden sich auch zwei französische und vier englische Generale. Die Ausfahrt des Schiffes war der Truppenleitung Saloniki gemeldet worden, seitdem aber traf keine Nachricht mehr ein. Das englisch⸗französische Offizier,

korps in Saloniki befindet sich in großer Erregung; man be fürchtet, daß das Schiff durch ein feindliches Unterseeboot