Ausgabe 
25.10.1915
 
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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes

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der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Nr. 250

Gießen, Montag, den 25. Oktober 1915

10. Jahrgang

die Keuntuis vom Ausland

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se, sodaß unsere an mächtigen welt⸗ 0 und Zusammenhängen vorbeisah. Die fuchtbare Erschütterung des Weltkrieges wird für die deutsche So⸗ ziademokratie nebenbei auch die Folge haben, daß sie mehr und umdlicher ais früher Wesen und Wollen der ausländifchen Sbaten studiert und in ihrer praltischen Politik berücksichtigt. Einen bescheidenen, aber hoffnungsvollen Anfang auf diesem Miete hat die Buchhandlung Vorwärts gemacht, als sie gleich ae Ausbruch des Krieges mit der Herausgabe einer Schriften⸗ amlung über die Mächte des Weltkrieges begann und in lang⸗ ner Folge knapp gehaltene inhaltsreiche und leichtverständliche Miiographien über die wichtigsten der kriegführenden Länder er- sch nen ließ. Bis jetzt liegen Schriften über Rußland, die Türkei m Aegypten, Oesterreich und Serbien vor. Als neueste Er- nung ist dieser Tage ein Heft über England aus der Feber e Genossen Dr. Paul Lensch(Das englische Weltreich, von Di P. Lensch, Vorwärts⸗Verlag, Preis 40 Pfg.) herausgekommen. Lensch ist in besonderem Maße zuständig für eine solche Ab⸗ adlung. Er gehört zu den sozialistischen Politikern, die sich schon Jahren eifrig mit den weltpolitischen und imperialistischen Fuwicklungsvorgängen beschäftigt haben. Es ist natürlich, daß en Auge dabei besonders für England, dem mächtigsten Staat im behpolitischen Konzern der Großmächte, geschärft werden mußte, nei ihm außerdem zu statten kam, daß er sich vor Jahren längere 01 studienhalber in England aufgehalten hat. Schon in seiner ber wollen, an neuen und überraschenden Schlaglichtern reichen den Weltkrieg, die Lensch vor ungefähr einem halben 5. fentlichte, rückte er die englischen Geschäfte, die eug⸗ iten Zustände der Gegenwart, ganz besonders aber die Stellung Jertenglischen Arbeiterschaft innerhalb der sozialistischen Inter ttonate, stark in den Vordergrund seiner Betrachtungen und mersuchungen und kam darauf zu Ergebnissen, die klar und un⸗ lideutig die Notwendigkeit eines glücklichen Ausganges des wärtigen Krieges für Deutschland sowohl im Interesse der 1 Arbeiter als auch der sozialistischen Internationale er en ließen Die neueste Schrift von Lensch ist selbstverständlich keine Wie⸗ leiplung dessen, was er früher dargelegt hat, wohl aber eine aus⸗ eechnete Ergänzung. Dem Charakter der ganzen Sammlung ge⸗ i bringt sie vornehmlich Materialien. Aber bei dem e een Stoff und den unübersehbaren Einzelheiten der englischen te und Politik besteht die Schwierigkeit gerade darin, das hichigste herauszufinden und es in einer knappen und klaren, dem nchen Arbeiter verständlichen Uebersicht aneinander zu reihen. uh hesitzt Detailkenntnis und kritisches Vermögen genug, um . Schwierigkeit zu überwinden. Sein Büchlein sollte deshalb jedem Arbeiter, der sich in den gegenwärtigen Völkerwirren inden will, aufmerksam gelesen werden. Wer Lensch's re Werke über den Weltkrieg noch nicht gelesen hat, täte gut, i neueste Schrift zuerst durchzuarbeiten und die kritische Studie nschluß daran. Aber wer auch diese letztere schon früher ge⸗ zue hat, wird manches besser verstehen, wenn er das neue Heft England zuerst vornimmt und die kritische Studie hinterher einmal aufmerksam durchgeht.

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stimtndigen Männer in England aktiv und passiv wahlberechtigt gegen 84 v. H. in Deutschland und daß von der Arbeiterklasse teu die Hälfte kein Wahlrecht besitzt. Fast unglaublich klingt .Kitteilung, daß noch in den Jahren 1882 und 1883, in den lan der Gladstoneschen Wahlresorm auf den englischen Gewerk⸗ ongressen Anträge zugunsten des Wahlrechts aller er⸗ chenen Männer abgelehnt wurden. Im vierten Abschnitt 55 Aöllt Lensch die englische Wehrverfassung zu Lande und zu ir, die im Gegensatz zur defensiven Heeresorganisation Jatchlands und Frankreichs ausschließlich offensiv ist. 1 lrider Eroberung neuer Gebiete gedient hat. Knappe Angaben be die Staatsfinanzen füllen das fünfte Kapitel. 1115 r die kritische Erkenntnis der englischen Weltmacht 8118 Tendenzen noch mächtiger als die erwähnten Kapitel sind das i(Die Entstehung des englischen Weltreiches) das fehlte eenglische Volkswirtschaft), das siebente(Die Kolonien, und exwaltung) und das letzte(Das soziale Leben). Wir e Darlegungen, so sehr sie sich im wesentlichen auf die 19 9700 chen beschränken, das gewaltige englische Impersum 1 Ei in aus bescheidenen Anfängen zu steigendem politischen re Zis zur weltbeherrschenden Rolle im neunzehnten 1 5 übert und in der Gegenwart. Wir lernen erkennen, 1 5 1255 * unnachgiebigen und kraftvollen Aufwärtsstreben, der Pe hren Klasse in England von jeher alle Dinge zum 1 105 Aion, die Religion, die Kriege auf dem Kontinent. 15 15 15 lekgleiten in anderen Ländern, Sklavenhandel, 1 ö 99 5 und außen, aber auch die technische Entwicklung un 5 slleitsbedürfnis des Einzelnen und der Nation. ende Kapitel dennoch so leitet Lensch das letzte zusammenfassende Kamen wird man bei Betrachtung des sozialen Englands kapita⸗ an die Tatsache erinnert,daß England unter den 1 daß

hen Staaten der älteste und damit unmodern ie te sten kanu die Jitge der frühkapitaliselschen Enocha aischarf sest⸗ en bal debracht und bis heute mehr oder weniger b

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ud ei l Die deutschen Arbeiter können daher auch die englische Arbeiterbewegung nicht zum Muster nehmen, am allerwenigsten in den gegenwärtigen furchtbaren Wirr⸗ salen des Weltkrieges. Vor allen Dingen müssen sie es mit Ent⸗ schiedenheit ablehnen, von den englischen Arbeitern, oder auch von den Arbeitern der übrigen friedlichen Staaten überlegene Rat⸗ schläge oder gar Vorwürfe wegen ihres gegenwärtigen Verhaltens entgegenzunehmen. So rückhaltlos die deutschen Arbeiter sich auf den Boden der nationalen Verteidigung gestellt haben, so haben sie es doch als Sozialisten getan, die dabei auch keinen Augenblick die internationalen Verpflichtungen des Ssgialis aus aus dem ⸗Nutge gelassen haben. Das wird sich in den zukünftigen Zeiten des Friedens, wenn wir ruhiger und leidenschaftsloser als jetzt an die Beurteilung der Ursachen und Wirkungen des Weltkrieges heran⸗ treten und dabei auch gründlicher als früher die auswärtige Politik der Staaten in unserer eigenen Tätigkeit berücksichtigen, mit unab⸗ weisbarer Deutlichkeit ergeben. I

Die Lage der Serben verzweifelt.

Die italienische Presse erhält Athener Depeschen, daß die Lage der Serben verzweifelt ist. In Athen laufen Gerüchte um, wonach die Serben überall geschlagen sind. In Uesküb ist ein Eisenbahnzug mit französischen Verwundeten eingetroffen. Nach offiziellen Mel⸗ dungen aus Nisch ist die Lage der Serben sehr gefährlich. Die Heere können nicht mehr den Druck der vereinigten feindlichen Streitkräfte im Norden und Süden standhalten, falls nicht umgehend Hilfe von den Verbündeten eintreffe. Der Pariser Korrespondent der Stampa berichtet über die angstvolle Beunruhigung, mit der man in Frankreich die serbischen Ereignisse verfolgt.

Ein Armeebefehl des Königs von Serbien.

Die Vossische Ztg. meldet aus dem Kriegspressequartier vom 21. Oktober: Der serbische König Peter hat am 2. Oktober einen Armeebefehl erlassen, in dem es heißt: Ich, der ich zu Eurem König bestimmt wurde, besitze nicht mehr die Kraft, an der Spitze meiner Armee den Verteidigungskrieg auf Tod und Leben zu führen. Ich bin ein schwacher Greis, der Euch alle nur segnen kann. Aber ich schwöre Euch, sollte uns die Schmach zuteil werden, daß wir unterliegen, dann werde auch ich nicht den Untergang des Vaterlandes überleben.

Französische Befürchtungen.

Paris, 21. Okt.(W. T. B. Nichtamtlich.) Das Journal ats erklärt: Wenn die Ententemächte die Oester⸗ reicher und Deutschen auf dem Wege nach Konstantinopel nicht aufhalten, werden sie gleichzeitig im Orient und Occi⸗ dent jede Aussicht verlieren, Griechenland und Rumänien auf ihre Seite zu bringen. Griechenland wird den Alliierten allerdings nicht viel schaden können, aber die rumänische Re⸗ gierung wird unter dem deutschen Druck wahrscheinlich ge⸗ zwungen sein, sich gegen Rußland zu wenden, um sich Bess⸗ arabiens zu bemächtigen, das dann die einzige greifbare Beute sein wird. Alles zwingt die Alliierten, im Orient die hüchsten Anstrengungen zu unternehmen.

Serbische Franktireurkämpfe.

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des Deb

Der Vizepräsibent der bulgarischen Sobranje, Dr. Momt⸗ schilow, der als Sanitätsinspektor im Felde weilte, erzählte dem Korrespondenten des Az Est, daß der Sanitätsdienst der bulgarischen Armee in jeder Beziehung glänzend funktioniere. Die Kämpfe mit den Serben, besonders auf der Front von der Donau bis Pirot seien überaus erbittert. In den serbischen Schützengräben kämpfen viele Frauen, Kinder und Greise, die besonders häufig Handgranaten werfen. Ueber⸗ all schwenkt die serbische Bevölkerung weiße Fahnen und Tücher, bewirft jedoch die einziehenden Truppen mit Bomben. Die Bul⸗ garen waren gezwungen, ein serbisches Bataillon zu vernichten, weil die Mannschaft die Gewehre niederwarf und sich scheinbar ergab, beim Herannahen der bulgarischen Soldaten diese jedoch mit Hand- granaten bewarf. In Mazedonien sei der Kampf weniger erbittert, weil die Bevölkerung, wo es nur möglich sei, sich den Bulgaren ergebe; überhaupt dürfte in Mazedonien der Kampf bald beendet sein.

Ententefeindliche Stimmung in Griechenland.

T. U. Lugano, 22. Okt. Der Athener Korrespondent des Corriere della Sera meldet, die öffentliche Meinung in Griechenland sei andauernd höchst mißtrauisch gegen die

Entente; der Korrespondent warnt vor gefährlichen Illusio⸗ nen. Drohungen könnten Griechenland sogar in die Arme der Zentralmächte treiben, es sei absolut kein Verlaß auf Griechenland. Der einzige Ausweg sei der, sofort 300 000 Mann nach Saloniki zu schicken.

Englisch⸗franzößssche Anmaßung.

Konstantinopel, 22. Okt. Die Franzosen besetzten in Salonik das Hafengelände und hißten die franz ö⸗ sische Flagge. Sie üben auch die Hafenpolizei aus. Der Mißmut der Griechen über die Anmaßungen der Franzosen und Engländer im Steigen. Die Truppen⸗ konzentration Griechenlands bei Salonik wird auf 160 000 Mann geschätzt.

Italienische Mißstimmung gegen England.

T. U. Lugano, 22. Okt. Die Verhandlungen Englands mit Griechenland werden in Rom mit dem größten Mißtrauen verfolgt. Man erkennt, daß die Anerbietungen, die England den Griechen für den Austritt aus der Neutralität macht, mehr oder weniger auf Kosten Italiens gehen. England soll, wie es in Rom heißt, den Griechen Nordepirus an den Grenzen anbieten, die Griechenland auf der Londoner Konferenz forderte, ferner eine Anzahl Klein⸗ asien vorgelagerter Inseln, endlich Cypern. Der Besitz dieser Inseln seitens einer anderen Macht als England würde, nach italienischer Auffassung, das Mittelmeergewicht bedenklich stören. In Rom herrscht darum eine Stimmung gegenüber England, die so erregt ist, daß die Blätter sie nur andeuten. a ö RNussische Versprechungen für Rumänien.

D. U. Kopenhagen, 22. Okt. Londoner Drahtungen aus Petersburg zufolge verlautet, daß Rußland ganz Bessarabien sofort an Rumänien abtreten wolle, wenn es mit dem Vier⸗ verband gemeinsame Sache mache.

Russische Truppen konzentrationen an der

rumänischen Grenze.

Der Bukarester Universul meldet, daß die Russen in essarabien immer größere Streitkräfte ver⸗ mmeln. Es ist unwahrscheinlich, daß diese Truppen nur für die Bukowina bestimmt wären, sondern man glaubt, daß die Konzentration an der rumänischen Grenze, be⸗ sonders weil sich viele schwere Artillerie darunter befindet, einen besonderen Zweck verfolge.

Der Seekrieg. Dätzische Mißstimmung gegen Rußland.

Kopenhagen, 22. Okt.(W. T. B. Nichtamtlich.) Die dänische Presse ist sehr erregt, daß von den Russen eine große Anzahl von Treibminen gefährlichster Art ausgesetzt ist, die jetzt überall an den dänischen Strand geschwemmt, schon er⸗ heblichen Sachschaden und Verletzungen von Personen ver⸗ ursachten, und die neutrale Schiffahrt in der Ostsee und im Sund gefährden.

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8 Athen, 22. Okt.(W. B. Nichtamtlich.) Von einem Sonderberichterstatter des Wolffschen Bureaus wird gemeldet: Ein österreichisch-ungarisches Unterseeboot versenkte einen italienischen Dampfer. Familienbeihilfe in Frankreich.

Unser französischer Korrespondent schreibt uns:

Die französische Deputiertenkammer hat dieser Tage einstimmig ein Gesetz über die Familienbeihilfe der Mobilisierten angenommen, das diese Materie, die bisher durch Dekret geregelt wurde, gesetzlich festlegt. Das Gesetz beseitigt verschiedene, bisher bestehende Un⸗ gleichheiten, beugt Mißbräuchen vor und erweitert in umsichtiger Weise den Kreis der Unterstützungsberechtigten. Die Unterstützungs⸗ sätze bleiben unberührt, d. h. täglich 1 Fr. 25 Ets. für das zurück⸗ bleibende Familienhaupt und 50 Cts. pro Kind unter 16 Jahren.

Obligatorischen Rechtsanspruch haben die Familien aller gegen Bezahlung in Industrie, Handel, freien Berufen und der Landwirt⸗ schaft Beschäftigten, deren Jahreseinkommen 3000 Franken nicht übersteigt; der Pächter, deren Pacht 1200 Fr. nicht übersteigt; der selbständigen Unternehmer in Industrie, Handel und Landwirtschaft, die in der Regel außer den Familienangehörigen nicht mehr als eine erwachsene Person beschäftigen. Die Familien der Mobili⸗ sierten, die diesen Kategorien nicht angehöven, müssen, um Rechts⸗ anspruch auf die Unterstützung zu haben, den Beweis erbringen, daß infolge der Mobilisation des Familienhauptes ihr Einkommen ungenügend zum Lebensunterhalt geworden ist. Bei der ersten Kategorie der Unterstützungsberechtigten kann die Unterstützung nur dann verweigert werden, wenn die Verwaltungsbehörden den Beweis erbringen wogegen appelliert werden 1.daß das Familieneinkommen sich nicht oder unerheblich vermim Als rückbleibendes Familienoberhaupt gilt die Frau, Mutter oder Vater, das älteste Kind, oder jede andere Person(Lebensgefährtin, Adoptivkind, sonstige Verwandte), die mit dem Mobilisierten und zu dessen Lasten unter einem Dache gelebt hat. Die Zusatzunter⸗ stützung von 50 Ets. für jedes Kind unter 16 Jahren wird unter denselben Bedingungen erteilt. Die Unterstützung kann nicht ver⸗ weigert werden, wenn das Einkommen des rückbleibenden Familien- oberhaupts weniger als 3 Fr. täglich beträgt. Einderunter⸗ stistzung kann in keinem Falle verwejgere werden

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