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e die Interessen des werktätigen Volkes Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 230
Gießen, Freitag, den 1. Oktober 1915
10. Jahrgang
Sturm in Ost und West ä Vest. 3 Von Richard Gädke. 5
Auf den großen Angriff der Franzosen im Westen muß a läugst gefaßt sein: er lag in der Luft, in der Natur der Hin Hofften sie überhaupt noch eine positsv günstige Entscheidung ex⸗ zwingen zu können, so war es höchsste Zeit zum Losbruch, so durften sie nicht solange warten, bis der größte Teil unseres Ost⸗ heeres Zu anderen Entscheidungen verfügbar wurde. Auch der Verlauf der Ereignisse auf dem Balkan drängte sie zu dem gleichen Entschlusse. Große Erfolge im Westen, wenn möglich ein glänzen⸗ der Sieg, machten die Rückficht auf das Ansehen des Vierverbandes in der Welt dringend wünschenswert.
„Man kann sich daher nur wundern, daß der große Angriff so spät erfolgt ist. Angekündigt war er ja Monate vorher und oft genug. Wenn er solange auf sich hat warten lassen, so dürfen wir die Ursache darin suchen, daß der solide und vorsichtige Joffre erst die erforderlichen Menschen und vor allen Dingen die erforderliche Munition bereit stellen wollte. Menschen und Munition! Das sind die Voraussetzungen für die mörderische Arbeit eines modernen Angriffs. Darin liegt auch der eigentliche Kern der sogenannten ö Munitionsfrage, die in Frankreich, England, Rußland soviel
Staub aufgewirbelt und zu scharfen Angriffen auf die Heeresver—
waltungen dieser Länder Anlaß geboten hat. Die Wahrheit ist,
daß an sich, nach den Erfahrungen früherer Kriege die Muni⸗ lionsversorgung genügend gesichert war. Aber dieser Krieg ver— schluckte je länger, je mehr, so ungeheure Mengen an Geschossen, daß pbeorher selbst die kühnste Phantasie darauf nicht gefaßt war. Die seine Schießkunst, die sich während des Friebens auf allen Schieß⸗ plätzen herausgebildet hatte, versagte vor den groben Anforder⸗ ungen der Schlacht— mit möglichst wenig Munition möglichst große Wirkungen zu erzielen, galt vorher für das Zeichen des ge⸗ übten Artilleristen. Die Beobachtungen aus der Luft und die ge⸗
änderten Richtvorrichtungen hatten aber inzwischen die Beding⸗ ungen des Schießens gründlich geändert, sie hatten ein rasch ein⸗ setzendes Massenfeuer möglich gemacht; und dieses Massenfeuer
wieder erwies sich sofort als der wirksamste Faktor in der Schlacht. 1 Auf ihm und der verheerenden Gewalt der Geschosse beruht die — Bedeutung der modernen Artillerie in der Schlacht. Der Angriff erlangte die Ueberlegenheit nicht nur über die Festungen, sondern e auch über die Feldbefestigungen. Die ungeheure Zahl der heraus⸗ geschleuderten Geschosse ebnete die Schützengräben ein, N sozusagen vom Erdboden fort, zerstörte die Drahthindernisse, bdaurchschlug die Unterstände und erschütterte die Nerven der Män⸗ N ner. Alle Teilnehmer, die je unter den furchtbaren Schlägen dieses Trommelfeuers gestanden haben, schildern übereinstimmend seinen
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entsetzlichen Eindruck. Das aber machte die Munitionsversorgung mit einem Schlage zu einem der schwierigsten Probleme des 8 Kriegsverwaltung hinter der Front. Wenn die Franko⸗Engländer dem Ansetzen ihres Angriffs ein fünfzigstündiges, stellenweise ssiebzigstündiges Trommelfeuer vorhergehen ließen, so darf man an⸗ nehmen, daß allein hierfür jedes dazu eingesetzte Geschütz 1000 Schuß verbraucht haben mag— das wären in 3—4 Minuten je ein Schuß, während die Feuerschnelligkeit selbst noch der mittleren Kaliber das zehnfache beträgt Natürlich hat dieses Trommel⸗ sseuer nicht die vollen vierundzwanzig Stunden eines Tages hin⸗ Zurch angehalten, sondern ist in der Nacht durch ein Beunruhi⸗ Zungsfeuer— d. h. Beschießen der Anmarschwege und der Ert⸗ schaften hinter der Front— abgelöst worden. Aber immerhin ann man sich eine Vorstellung machen von der Höhe des Muni⸗ Jionsverbrauchs, von der Geschoßmenge, die für die große Schlacht Hereitgestellt werden mußte. itung wird nach den früheren Erfahrungen doch mit einer wenigstens vierzehn⸗ gigen Dauer der Kämpfe aller Wahrscheinlichkeit nach von vorn⸗
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die Franzosen mit großer Heftigkeit an; sie wollen das Dorf Souchez, am Fuß der blutgetränkten Lorettohöhe, nach lebhaftem Kampfe genommen und auch sonst Fortschritte gemacht haben. Der deutsche Bericht gesteht nur die freiwillige Räumung von Souchez zu. Aus den Mitteilungen des Marschalls French geht hervor, daß er die Offensive der Engländer hauptsächlich unter dem Gesichts⸗ punkte einer Unterstützung des französischen Angriffs betrachtet hat, um deutsche Reserven auf sich zu ziehen. Zuzutrauen wäre diese Art von wohlwollender, bewaffneter Neutralität auf dem Schlachtfalde den Engländern schon; es ist aber auch möglich, daß er seinen Be⸗ richt zur Bemäntelung seiner geringen Erfolge abgefaßt hat. Doch auch hier ist der Kampf noch nicht beendet. Die Zahl der Gefange⸗ nen auf beiden Seiten zwischen Arras und pern scheint sich ziem⸗ lich auszugleichen; in der Champagne aber wollen die Franzosen 1600 un verwundete deutsche Gefangene gezählt haben, während wir bisher nur 3900 Franzosen als gefangen aufweisen. Inu halbamtlichen Erklärungen deutscher Zeitu werden die An⸗ gaben Joffres als übertrieben bezeichnet.
Man hat den Eindruck, daß diesmal wirklich ein ernster An⸗ griffsversuch vorliegt, mit dem Ziele, uusere Stellung an irgend⸗ einem Punkte zu erschüttern und zu durchbrechen. Aus diesem Grunde müssen wir auf weitere starke und umfassende Vorstöße offres gefaßt sein. Nach der Länge der Front, auf der er bisher augegrifsen hat und nach früheren Erfahrungen wird man die Stärke der von ihm für beide Schlachtfronten eingesetzten Truppen auf mindestens 16—20 englische und französische Armeekorps be⸗ vechnen müssen.—
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Auch die Russen im Osten sind in diesen Tagen an den verschie⸗ densten Stellen ihrer Front zum entschlossenen Gegenstoß vorge⸗ gangen; sie scheinen vor allen Dingen die bedenkliche Lage ihres Heeres um Wilna durch scharfe Angriffe gegen die deutschen Um⸗ sassungsflügel entlastet zu haben. Aber auch General Rußki im Norden ist immer wieder über die Düna hinüber zum Angriff vor⸗ gebrochen und hat auch die Verteidigung seiner Stellung um Düna⸗ burg höchst aktiv geführt. Man muß weitere Nachrichten abwarten, ehe man den Stand der Dinge im Nordosten beurteilen kann.
Die kraftvolle Offensive des Generals Iwanow, die er mit großen Verstärkungen ungefähr um den 6. September gegen die Heere des Erzherzogs Friedrich zuerst in Ostgalizien und dann in Wolhynien begann, scheint sich in den letzten Tagen erschöpft zu haben. Ihr Ergebnis war, daß er den weiteren Vormarsch der nerhündeten Armeen drei Wochen lang aufhielt und sie an einigen Stellen zurückgedrückt hat. Auch hier werden wir abwarten müssen, ob er noch stark genug ist, im Gebiet der Festung Rowno und am Sereth die Verteidigung sortzusetzen oder ob nun der österreichische Heerführer seinersefts versuchen wird, den kleinen Rest von Galizien zurückzugewinnen, der noch in der Hand des Gegners ist.
Die Beschießung, die deutsche und österreichische schwere Artillerie von den Nordufern der Donau und der Sawe gegen be⸗ festigte serbische Städte am 19. September begonnen hat, hat bisher leine Jortsetzung gehabt und einen neuen Angriff gegen Serbien, von dem soviel geredet wird, bisher noch nicht eingeleitet. Auch hier können erst die Exeignisse selbst über die Absichten der verbün⸗ deten Heerführung volle Klarheit schaffen. Nur will es scheinen, als ob im Osten, wie im Westen der Atem der kriegerischen Ereig⸗ nisse bald lebhafter gehen wird. Wir werden auf allen diesen Kriegs⸗ schauplätzen der Entscheidung näher kommen.
An den Dardanellen hingegen und in Italien herrscht nach wie vor verhältnismäßige Ruhe; die Berichte Cadornas erzählen seit
Wochen mit dor gleichen Einförmigkeit von italienischen Erfolgen, die doch seit 4 Monaten keine irgendwie merkbare Veränderung der Ein energieloser Krieg,
Kriegslage haben mit sich führen können. dabei nicht ohne blutige Opfer, in dem man wesentlich auf die Siege der andern rechnet und es schon als großen Erfolg betrachtet, einige hunderttausend Oesterreicher von wichtigeren Aufgaben fern⸗
gehalten zu haben. 8
8. Die deutschen U-Boote im Schwarzen Meer. Konstantinopel, 29. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Die Agence Milli meldet: Die Blätter des Vierverbandes veröffentlichen De⸗ peschen, nach denen kürzlich türkische oder deutsche Unter⸗ seebpote im Schwarzen Meer und in der Nähe der Dardanellen versenkt oder aufgebracht worden sein sollen. Nach Erkundigungen an sicherer zuständiger Quelle sind wir in der Lage, zu erklären, daß alle türkischen und deutschen Unterseeboote wohlbehall sind. Die letzten Nachrichten besagen, daß die fraglichen Unte bvote ihre Aufgabe mit Erfolg erfüllen.
Vom Balkan. Der Vierverband und Griechenland.
Dem Daily Chronicle wird aus Athen berichtet: Gestern abend haben die Gesandten der verbündeten Mächte der griechischen Regierung mitgeteilt, daß ihre Länder bereit seien, im Falle des Angriffs gegen Serbien und Griechenland sogleich mit Artillerie ausgerüstete Streitkräfte zu landen. Sie teilten der griechischen Regierung ebenfalls mit, daß sie jeglichen geforderten finanziellen Beistand gewähren würden.
Eine Ministerkrise in Bulgarien?
Der Agence Havas wird aus Sofia gemeldet, daß der bul— garische Finanzminister und der Handelsminister ihre Demission eingereicht hätten. Der offizielle Grund dieser
Demission seien Meinungsverschiedenheiten über ihren Standpunkt. Der wahre Beweggrund sei eine Uneinigkeit
mit Radoslawow über die weitere Politik infolge der energi⸗ schen Haltung Griechenlands. Der König habe dem russen⸗
iesenfront
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freundlichen Malinow in einer langen Audienz die Aufgabe angeboten, ein neues Kabinett zu bilden.
Die Neutralität Rumäniens.
Bukarest, 28. Sept. Gestern fand eine Versammlung der kon⸗ servativen Partei Marghilomans statt. Dieser forderte in einer Ansprache die Fortsetzung der im Kronrat beschlossenen Neu⸗ tralität mit Respektierung der Pflichten, die Rumänien aus seinen internationalen Verträgen erwachsen. Andere Redner, darunter der ehemalige Minister Nenitzescu, sprachen sogar für ein Zu⸗ sammengehen mit Deutschland.
Alldem gegenüber bleibt die Regierung bei ihrem gefaßten Be⸗ schluß, nicht zu mobilisieren und neutral zu bleiben,
Aus Nußland. Bevorstehender Generalstreie in ganz Rußland. Aus sozialistischer Quelle aus Moskau meldet die Korre⸗ spondenz Rundschau, daß die P in ganz Rußland für den 1. Oktober beschlossene Sache sei. In Pet rg-seien deshalb in den letzten drei Tagen mehr 91 jonärer Umtriebe ver⸗ hte über aufgedeckte Attentatspläne
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großen Stils verdichte Die Semstwoabordnung und die Regierung. Ein Petersburger Telegramm des Daily Telegrapz meldet, daß die Antwort auf das Ansuchen um eine Audienz der Semstwoabordnung beim Zaren nicht eher erwartet werden könne, als bis die Regierung über die Richtlinien der im Innern zu befolgenden Politik zu einem entscheidenden Enkschluß gelangt sein werde. 72
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Politiken erfährt aus Petersburg, daß der Finanzministel Bark, der gegenwärtig in Paris und London wegen einer russischen Anleihe verhandelt, telegraphisch bei den leitenden Staatsmännern Rußlands anfragte, wann die Duma wieder einberufen werde. Freisinnige russische Blätter erklären, die Anfrage beweise, daß Bark die reaktionäre, durch die Dumavertagung betätigte Politik mißbillige, und daß das Ergebnis der Anleiheverhandlungen
wesentlich von der Haltung der russischen Regierung gegen die Volksvertretung abhänge. Barks reaktions feindliche
Bestrebungen sollen von Sasanowegestützt werden. Die amerikanischen Fleischlieferungen für Dänemark. i
Kopenhagen, 29. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) National Tidende schreibt: Das amerikanische Fleisch, das auf dem„Oskar II.“ hierher gekommen war, ist von englischer Seite noch immer nicht freigegeben worden. Obwohl die Ladung aus einem neutralen Land nach Dänemark fuhr, England nicht berührte und nun hier auf dem Kaj lagert, verlangt England eine Gewähr dafür, daß die Ware nicht nach Deutschland gelangt.
Die englisch⸗französische Anleihe.
London, 29. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Das Reutersche Zureau meldet aus Newyork: Offiziell wird mitgeteilt. daß die englisch⸗französische Anleihe von 500 Millionen Dollars zu einem Zinsfuß von 5 Prozent und ablösbar in fünf Jahren dem amerikanischen Publikum zu 98 Prozent und dem Garantiesyndikat zu 96 Prozent angeboten wird. Nach Ablauf von fünf Jahren steht den Besitzern der Umtausch in 4% prozentige englisch⸗französische Anleihescheine mit einer Laufzeit von 10 bis 20 Jahren zu, die wiederum nach dem Ermessen der betreffenden Regierungen in 10 oder 15 Jahren nach dem Zeitpunkt des Ab⸗ schlusses der ursprünglichen Anleihe eingelöst werden können.
Zwei deutsche Flieger bestraft.
Amtlich wird bekanntgegeben: Gemäß einer Mitteilung der kaiserlich deutschen Regierung ist auf Grund der durch⸗ geführten militärischen Untersuchung festgestellt worden, daß sich am 21. September zwei deutsche mit der Gegend nicht vertraute Flieger bei dunstigem Wetter auf Schweizer Gebiet verirrten und daß einer von ihnen eine Bombe fallen ließ. Sowohl gegen die Schuldigen als gegen die Wiodorholung ähnlicher Vorkommnisse sind strengste Maßna⸗ 35 worden.
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Ein beachtlicher Vorschlag. Dem Reichstag ist eine vom Rechtsanwalt Dr. Josef Kausen⸗ München angeregte und verfaßte Petition zugegangen, welche für die Zeit nach dem Kriege die öffentlichen Sammlungen jetzigen Stils für die Kriegsbeschädigten als unzulänglich bezeichnet. Da die Ver⸗ mögen der Besitzenden durch die Opfer der Kriegsgeschädigten er⸗ halten geblieben sejen, sei die Kriegsfürsorge nicht etwa Verdienst,
sondern eiserne Pflicht der Besitzenden; die Mittel dafür follten da⸗
her als Kriegsfürsorgebeitrag in Form einer Abgabe vom Ver⸗ mögen und Einkommen nach dem Muster des Wehrbeitrages aufge⸗ bracht und nach einheitlichen Gesichtspunkten durch eine für das gange Reich zuständige Fürsorgebehörde verwendet werden. Die Bittschrift trägt, wie der Abdruck in Nr. 40 der Münchener Allge- meinen Rundscham ersehen läßt, rund 4200 Einzelunterschriften aus allen Teilen Deutschlands, darunter die Namen zahlreicher und her⸗
vorragender Parbhamentarier, Juristen, Aerzte, 5 Hauf⸗ leute, Universttätsprofessoren und Städdevertveter olme Uinterschied
nation des Generalstreiks


