Ausgabe 
29.9.1915
 
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Hessen

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sich die Preise noch nicht gebildet.

und Nachbargebiete.

Gießen und Umgebung.

Ein Sieg des Kommunalsozialismus.

Die Organisation unserer Lebensmittelversorgung hat trotz allen guten Absichten bisher keineswegs zu einem ein heitlich günstigen Ergebnis geführt. Es ist weder der Wucher in den notwendigsten Lebensbedürfnissen unterbunden, noch selbst auf den Gebieten, wo wir reichlich und überreichlich Vorräte haben, wüste Preissteigerungen vermieden oder gar einheitlich eine vernünftige Verteilung durchgeführt worden Der grundsätzliche Fehler in allen bisherigen Bundesrats- verordnungen bestand, wie hier wiederholt betont wurde eben darin, daß man den Gemeinden zwar die Durchführung der Bundesratsverordnungen übertragen, aber ihnen keine Exekutive eingeräumt hatte. Es half z. B. nichts, daß die Gemeinden Höchstpreise für Nahrungsmittel festsetzen und daß sie Preistafeln verlangen konnten, wenn sie nicht zugleich das Recht erhielten, die Voraussetzungen für diese Preise mitzubestimmen und mitdurchzuführen. Man hatte bisher ängstlich vermieden, das freie Spiel der kapitalistischen Kräfte

in der Produktion, also auf der ersten Stufe jeder Preis-

bildung, anzutasten. Diese Uebelstände sucht jetzt endlich der Bundesrat durch eine durchgreifende Organisation zu beseitigen.

Der Bundesrat hat bekanntlich zur Durchführung der Versorgung der Bevölkerung mit bestimmten Gegenständen des notwendigen Lebensbedarfs zu angemessenen Preisen nunmehr die Gemeinden ermächtigt, mit Zustimmung der Landeszentralbehörden für die Handels- und Gewerbe treibenden ihrer Bezirke Vorschriften hinsichtlich des Betriebs, im besonderen des Erwerbs, des Absatzes, der Preise und der Buchführung zu erlassen. Die Gemeinden werden aber zu⸗ gleich ermächtigt, die Versorgung mit solchen Lebensmitteln unter Ausschluß des Handels selbst zu übernehmen oder aus⸗ schließlich gemeinnützigen Einrichtungen oder bestimmten Handels- und Gewerbetreibenden zu übertragen. Ferner können die Landeszentralbehörden Kommunalverbände, Ge⸗ meinden oder Gutsbezirke für die Zwecke der Versorgungs⸗ regelung vereinigen und ihnen die nötigen Befugnisse über⸗ tragen. Das Wichtigste ist nun aber, daß die Gemeinden in die Preisbestimmung schon bei der Produktion eingreifen können. Die größeren Gemeinden sind verpflichtet den kleineren bleibt es überlassen Preisprüfungsstellen einzu⸗ richten, die aus unbeteiligten Sachverständigen und Ver tretern der Konsumenten, der betreffenden Produktion und des Handels zusammengesetzt sind. Wenn diese Behörden feststellen, daß die Preise billigen Anforderungen nicht ent⸗ sprechen, so können sie nicht nur enteignen, sondern auch die Produktion selbst in die Hand nehmen. Ueber den kommu nalen Preisprüfungsstellen steht eine ebenfalls paritätisch zusammengesetzte Reichspreisprüfungsstelle in Berlin, die außerdem den Reichskanzler beraten soll. Dadurch bekommen wir also eine Art Zentralstelle für alle Ernäh⸗ rungsfragen, wie sie die sozialdemokratische Reichs⸗ tagsfraktion und die Generalkommission der Gewerkschaften schon von Beginn der Kriegswirtschaft an gefordert hatten. Leider gibt der Bundesrat bisher noch nicht die Macht der Exekutive, des direkten Eingriffs in die Produktion und in die Verteilung der Wirtschaftsgüter. Immerhin ist zu hoffen, daß ein solcher Beirat aus allen Schichten der deutschen Be⸗ völkerung den Reichskanzler besser und schneller über die Nöte des Volkes unterrichten wird, als der langwierige Appa⸗ rat der Verwaltung. Auf diese Art kann sich sehr wohl ein Zusammenarbeiten zwischen Bevölkerung und Regierung ent⸗ wickeln, wie es die Sozialdemokratie von Anfang an ge⸗ fordert hat.

Die neue Bundesratsberordnung zeigt auf das Deut⸗ lichste, wenn auch erst in Zeiten der Not und des Zwanges, daß sich Preisregulierungen von großen Zentralstellen und von den Gemeindebehörden aus sehr wohl durchführen lassen. Die Möglichkeit einer solchen Regelung ist bekanntlich bis auf den heutigen Tag von allen bürgerlich kapitalistischen Politikern bestritten worden. Diese Verordnung ist selbst, wenn man von der durchgreifenden Regelung über das ganze Reich einmal absieht, da man ihre Wirkung noch nicht kennt, ganz zweifellos ein wichtiger Schritt auf dem Gebiet des Kommunalsozialismus, den bisher auch nur die Sozialdemo⸗ kratie mit Energie gefordert hat. Es zeigt sich immer mehr, daß außer sozialistischen Gedankengängen und Forderungen

in den schwersten Zeiten des Volkes ein Heil nicht möglich ist.

Wie der Zwischenhandel Wucherpreise schafft. Das Großh. Polizeiamt Darmstadt teilt mit:Ein hiesiges Warenhaus verkaufte vor einigen Wochen große Mengen Zerbelatwurst(Dauerware). Die aus Schweden stammende Wurst kostete den ersten deutschen Käufer 2,40 Mark für das Kilogramm. Drei weitere Käufer, darunter auch einer, der seinem Geschäfte nach für Wursteinkäufe nicht in Frage kommt, erwarben die Wurst für 2,60, 2,90 und 3,20 Mk. pro Kilogramm. Der letzte der Zwischenhändler verkaufte die Wurst an das eingangs erwähnte Warenhaus zum Preise von

380 Mk. für das Kilogramm. Dieses gab die Wurst schließ⸗ lich für 4,70 Mark für das Kilogramm an die Konsumenten

ab. Der Verdienst der Zwischenhändler hat also die Wurst zum 1,40 Mk. pro Kilogramm verteuert, in die Hände der Konsumenten gelangte sie um 2,30 Mark pro Kilogramm ver⸗ tteuert. Eine Anzeige wegen Verfehlung gegen die Verord- mung des Bundesrats gegen übermäßige Preissteigerung vom 23. Juli d. J. wird erhoben werden. Mit eiserner Faust muß gegen dieses Schmarotzertum dreingeschlagen werden.

die Kartoffeln sind noch immer sehr teuer, obgleich die Ernte eine so reichliche und gute ist, wie sie seit 20 Jahren nicht war. Es werden noch immer für den Zentner 4 Mark und noch mehr verlangt, wofür man nach Lage der Verhält:

nisse einen Doppelzentner bekommen müßte. Jetzt ist die Ernte allerdings noch nicht beendet, die Landwirte bringen daher zu dieser Zeit noch wenig auf den Markt und es haben

Es ist daber au raten,

mit Einkauf der Winterkartoffeln noch zu warten; ein Mangel, wie im Vorjahre, kann bei den vorhandenen Massen nicht eintreten, es dürfte auch in diesem Jahre nicht so leicht möglich sein, sie zurückzuhalten. Wie einem Frankfurter Blatte geschrieben wird, tragen vielfach auch die Städte selber zur Preissteigerung bei, weil sie für ihre großen Einkäufe viel zu hohe Preise bieten.

1755 Die Auszahlung der Familienunterstützung an die Angehörigen der zum Heeresdienst Einberufenen wird vom Freita 9 den 1. Oktober an ausbezahlt und zwar: die Reichs⸗ und Kreis unterstützumg an diejenigen, deren Namen mit AK beginnen, am Freitag, an die übrigen am Sams⸗ tag. Die städtische Unterstützung(Mietszuschuß) kommt zur Auszahlung an diejenigen, deren Namen mit AK beginnen, am Montag den 4. Oktober, an die übrigen am Dienstag. Am Mittwoch den 6. Oktober findet die Aus⸗ zahlung an die Vermieter, welche Mietbeträge abholen, statt. Die Auszahlungen erfolgen stets vormittags von 81 Uhr.

Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Ersatzreservist Ludwig Heuser aus Gießen, Inf.-Reg. 252. Ersatzreservist Wilhelm Lepper aus Alten-Buseck, Inf. Reg. 222. Ersatzreservist Philipp Pfeffer, Steinbruch⸗ besitzer aus Albach, Res.⸗Inf.⸗Reg. 116. Wehrmann Johannes Paulus aus Allendorf a. Lumda, Res.-Reg. 116. Musketier Karl Stieler, Finanzaspirant aus Alsfeld, Inf.⸗Reg. 168. Kanonier Karl Hofmann aus Kinzen⸗ bach, Fuß⸗Artillerie-Reg. 3.

Der Verbandstag der gemeinnützigen Bauvereine im Großh. Hessen fand am Sonntag unter dem Vorsitze des Landeswohnungs⸗ inspektors Gretzschel in Groß⸗Steinheim statt. Der Vorsitzende er⸗ stattete den Geschäftsbericht, wobei er hervorhob, daß den Bau⸗ vereinen für ihre Arbeit nach dem Frieden jetzt bestimmte Ziele erstanden seien. Die Befürchtung einer großen Wohnungsnot teile er nicht für das Großherzogtum Hessen, jedenfalls sei aber Vor⸗ sicht geboten. Der zu erwartenden Bodenspekulation müssse energisch entgegengearbeitet werden. Die Geldfrage sei für Hessen in guten Händen. Die vom Deutschen Verband für Wohnungs⸗ reform an den Reichstag gerichteten Anträge müsse man unter⸗ stützen. Redner berichtete weiter über die Revistonstätigkeit, die ein gutes Resultat gezeigt habe, die finanzielle Lage der Bauvereine sei durch den Krieg nicht erschüttert. Für die Zeit nach dem Kriege sei besonders der Kleinwohnungsbau für kinderreiche Familien ins Auge zu fassen, er sei Pflicht der Allgemeinheit, den Familien mit großer Kinderzahl gesunde Wohnungen zu verschaffen. Bisher sei

nichts geschehen, das müsse nach dem Kriege anders werden, evtl. müssen öffentliche Mittel bereit gestellt werden. Wichtig sei auch

die Ansiedelung für Kriegsinvaliden und hierbei müßten die Bau⸗ genossenschaften mitwirken. Geheimrat Dr. Dietz empfahl für die nächste Zeit große Vorsicht bei beabsichtigten Neubauten; es dürfe nur das Bedürfnis mitsprechen. Die Landesversicherungs⸗ anstalt werde ihr Interesse auch fernerhin den Bauvereinen widmen. Die Ansiedelung der Kriegsinvaliden dürfe nicht in Masse erfolgen. Er wies dann noch auf die Bedeutung der Hypotheken lebensversicherung hin. In der Aussprache wurde empfohlen, daß die Bauvereine sich lebhaft mit der Hypothekenlebensversicher⸗ ung beschäftigen möchten. Ueber die verschiedenartige Auf- fassung und Beurteilung der Stempelfrage bei den Behörden hielt einen sehr interessanten Vortrag Prokurist Berg-Bensheim: darauf wurde folgende Entschließung angenommen:Die Ver- sammlung stimmt den Ausführungen zu und spricht den dringen⸗ den Wunsch aus, daß die Regierung den gemeinnützigen Bauver⸗ einen in den Fragen der Stempelerlasse in weitgehendstem Maße entgegenkomme, sodaß den Bauvereinen die Befreiung von den Stempeln vollständig sichergestellt wird. Die Bauvereine dienen durchaus dem allgemeinen Interesse und können sie ihre Tätigkeit nur ausüben, wenn sie auch in dieser Frage die Unterstützung der Regierung finden. Die Versammlung spricht den Wunsch aus, daß etwaige gesetzliche Hindernisse alsbald beseitigt werden. Die Entschließung solle auch der Zweiten Kammer zugehen. Der von Wiegand⸗-Heppenheim vorgetragene Kassenbericht fand ohne De⸗ batte Annahme; dem Rechner wurde Entlastung erteilt. Ueber die Bürgschaftsübernahme des Reiches für Darlehen der Bauver⸗ eine sprach hierauf Pfarrer Loos-Butzbach. Der Vorstand wurde beauftragt, dahin vorstellig zu werden, daß alle Minderbemittelte, und nicht nur Arbeiter und Reichsbeamte, der Wohltat dieser Bülrgschaft teilhaftig werden, und daß ferner die Bedingungen, an welche oͤie Bürgschaft geknüpft ist, entsprechend erweitert werden, sodaß auch kleinere Bauvereine berücksichtigt werden können, und daß endlich die Bürgschaftssumme, die eben 25 Millionen beträgt, entsprechend erhöht wird. Eine anschauliche Darstellung über die Entwicklung der gemeinnützigen Baugenossenschaft in Groß-Stein⸗ heim und deren erfolgreiche Tätigkeit gab hierauf Hoffmann-Groß⸗ Steinheim. Nachdem noch der Vorstand bevollmächtigt worden war, den Ort der nächstjährigen Tagung, die in Rheinhessen statt⸗ finden wird, selbst zu bestimmen, wurde die Tagung geschlossen.

Goldener Segen. Wie die gesteigerten Kohlenpveise auf den Gewinn der Zechen wirken, zeigt der Abschluß der ZecheHein⸗ rich in Ueberruhr für das 3. Quartal d. J. Die Ausbeute betrug pro Kuxe in Mark:

1. Quartal: 2. Quartal: 3. Quartal: zusammen: 1914 125 125 1 35 1915 125 150 200 475

Die Zeche zahlte also in oͤen ersten 3 Quartalen eine um 35 Prozent höhere Ausbeute gegenüber der gleichen Zeit des Vor⸗ jahres. Die diesjährige Steigerung von Vierteljahr zu Vierteljahr zeigt deutlich, daß die Behauptung, die gestiegenen Selbstkosten erforderten Kohlenpreiserhöhungen, nicht allzu ernst zu nehnnen war. Die Kohlenindustrie ist auf dem besten Wege, Kriegsgewinne zu erzielen, während die Not in den Familien der Bergarbeiter in gleichem Verhältnis zu der gesteigerten Ausbeute zunimmt. Fiir durchgreifende Lohnerhöhungen ist trotz allem Ueberfluß kein Geld da.

Früherer Ladenschluß. In der Versammlung, die am Mon⸗ tag abend imKaiserhof abgehalten wurde, um über die Einffth⸗ rung eines früheren Ladenschlusses zu beraten, waren 26 Firmen vertreten. Von 19 lagen zustimmende Erklärungen vor, sodaß fast einstimmig beschlossen wurde, den Ladenschluß abends 7 Uhr, außer Samstags um 8 Uhr und Sonntags um 2 Uhr, vorzunehmen. Im Monat Dezember bleibt die Verkaufszeit wie seither. Eine Liste zur weiteren Einzeichnung der nicht anwesenden Firmen wird diesen vorgelegt. Die Herren Brück, Kübel⸗Teipel, Plank, Schaaf und Schlierbach wurden mit den weiteren Arbeiten beauftragt. Hoffentlich wird die Kolonjal- und Lebensmittelbranche sich eben⸗ falls einem früheren Ladenschlusse geneigt zeigen. 5

Vom Gießener Gefangenenlager. Am Montag abend und gestern vormittag erhielt das Gefangenenbager starken Zuwachs. In zwei Transporten trafen über 3000 Mann französischer Ge⸗ fangenen ein, die bei den letztem Kämpfen in Nordfrankreich in Ge⸗ fangenschaft gerieten. Die meisten trugen die neue französische grau⸗blaue Felduniform. Der bisherige Kommandant des Ge⸗ fangenenlagers, Generalmajor v. Petersdorff, verläßt seinen hiesi⸗ gen Posten und kommt nach Straßburg; an seine Stelle tritt Oberst z. D. Parrisius aus Berlin.

Kreis Wetzlar.

n, Ein gefangener Russe erschossen. In der Nacht zum Montag wurde im Wetzlarer Gefangenenlager ein Russe von einem Wacht⸗ posten erschossen. Wie es heißt, hätte der Gefangene zu ent⸗ fliehen versucht und habe auf den Anruf des Postens nicht gestanden. Letzterer hat darauf geschossen und den Russen tödlich getroffen. Dieser soll deutsch verstanden haben und im Besitze von deutschem Geld und Lebensmitteln gewesen sein. Daß jeder Gefangene

gerne seine Freiheit haben möchte, ist gewiß sehr begreiflich, aber jeder sollte sich doch selber sagen, daß ein Fluchtversuch mit größter Gefahr verbunden ist und nur selten gelingt..

Bon Nah und Fern.

Der Pfingststreit in der Fabrik. Das Starkenburgische Schwur⸗ gericht begann seine diesmalige dritte Periode mit einer Verhand⸗ lung wegen Körperverletzung mit tödlichem Erfolg gegen den 65 Jahre alten Lohgerber Joh. Georg Gutberlet in Offenbach. Der Angeklagte arbeitete seit Dezember v. J. in der Offenbacher Leder⸗ warenfabrik von Müller& Cie. Der hier gleichfalls beschäftigte 60jährige Franz Stesanoff soll sich, da er schon seit Jahren in dem Betrieb war, dem Gutberlet gegenüber eine gewisse Autorität an⸗ gemaßt haben, sodaß es zwischen den beiden fortgesetzt zu Reibereiem kam. So auch am dritten Pfingsttag, als Gutberlet etwas verspätet zur Arbeit antrat und deshalb von Stefanoff, der nicht etwa Vor⸗ arbeiter war, zur Rede gestellt wurde. Gutberlet hatte am zweiten Feiertag stark getrunken und am anderen Morgen, am 25. Mai, be⸗ reits zwei Viertelchen Schmaps zu sich genommen, als er die Ger⸗ berei betrat, mit der freundschaftlichen BegrüßungGute Morje Ihr Ochse! Als ihm nun Stefanoff wegen des Zuspätkommens Vor⸗ halt machte, ging der Streit los, zunächst mit Worten. Gutberlet hatte ein Kalbfell herzurichten und wollte sich dazu ein Messer dem oberen Stockwerk holen. Auch hier mischte sich Stefanoff ein dazu brauche man kein Messer. Er riß dann das Fell vom Bock un drängte damit gegen den zurückgekommenen Gutberlet vor. De glaubte sich bedroht und stach fünfmal mit dem Messer auf Stefan los. Vier Stiche gingen in die Lunge: Stefanoff verschied na wenigen Augenblicken an innerer und äußerer Verblutung. Der Angeklagte bestritt jede Tötungsabsicht, er habe lediglich in Angstz und Erregung gehandelt. Die als Zeugen auftretenden Arbeits⸗ kollegen bezeichneten den Angeklagten als einen geschickten Arbeiter, an den Stefanoff nicht habe heranreichen können. Der öftere Streit sei stets durch St. entstanden. Gutberlet hätte aber nicht zu stechem brauchen. Stefanoff habe ihn gewiß mit dem Fell nicht bedrohen, sondern ihm wohl zeigen wollen, daß man für die Arbeit kein Messer brauchte. Der als Zeuge erschienene Arbeitgeber Müller bekundete, daß Stefanoff keineswegs bösartig gewesen sei; man könne auch nicht sagen, daß der Getötete sich habe aufspielen und andere habe bevormunden wollen, er war ein fleißiger Mann, der nicht sehem konnte, wenn andere nicht ihre Arbeit voll erfüllten. Zwischem Stesanoff und Gutberlet bestand immer ein gespanntes Verhältnis. Der Täter habe sosort Reue geäußert, als der Stefanoff leblos am Boden lag. Der medizinische Sachverständige bezeichnete den Ange⸗ klagten als vermindert zurechnungsfähig infolge chronischen Alko⸗ holismus. Gutberlet stammt au⸗ Gerberfamilie, die elterliche Gerberei hat er ansangs weitergeführt, bis er wegen Eifersucht seine Frau mit fünf Kindern verließ. Seitdem führte er ein unstetes

Leben, in dem sein Tröster der Alkohol war: Ein Schoppen Schnaps am Tag ist nicht viel, hatte er dem Arzt gegenüber geäußert. Der

Staatsanwalt plaidierte für schuldig im Sinne der Anklage; er charakterisierte den Getöteten als braven Arbeitsveteranen und be⸗ rief sich dafür auf Auslassungen im Offenbacher Abendblatt anläß⸗ lich der Beerdigung Stefanosfs. Der Verteidiger forderte wegen Notwehr Freisprechung, in zweiter Linie mildernde Umstände. Nach kurger Beratung bejahten die Geschworenen die Schuldfrage der Körperverletzung mit tödlichem Ersolg, sowie die weitere Frage nach mildernden Umständen. Das Urteil lautete dem Antrage des Staats⸗

anwalts entsprechend auf 1 Jahr 6 Monate Gefängnis, auf die vier Monate der Untersuchungshaft angerechnet wurden. Der Ver⸗

urteilte erwiderte, daß er lieber ein Todesurteil haben wollte, als ins Gefängnis zu gehen.

* Straßenbahn⸗Unfall mit tragischen Folgen. In Mainz fuhr am Sonntag vormittag der in den dreißiger Jahren stehende Pionier Färber mit einem Handkarren, den er hinter sich herzog, durch die Rheinstraße, als von rückwärts ein Straßenbahnwagen daherkam und den Karren erfaßte und zur Seite schleuderte. Der Soldat selbst kam unter den Motorwagen und wurde namentlich am Kopfe sehr schwer verletzt. Der Wagenführer Treber, der früher eine Fuhrunternehmerei besaß, nahm sich den Fall so zu Herzen, daß er nach seiner Ablösung vom Dienste nach Hause ging und sich aus Schwermut erhängte.

* Großfeuer im Münchner Pschorrbräu. Am Samstag ent⸗ stand in München auf der Theresienhöhe in einer 30 Meter langen und 20 Meter breiten Lagerhalle der Pschorrbrauerei aus unbe⸗ kannter Ursache Großfeuer, dessen Bekämpfung die Feuerwehr fast zwei Stunden in Anspruch nahm. Die Lagerhalle, in der sich 5000 Tische und Stühle befanden, ist vollständig niedergebrannt. Mitverbrannt ist auch das bekannte Kolossalgemälde von Kaulbach, Schützenliefl. Es war auf 10000 Mk. bewertet. Der Gesamt⸗ schaden beläuft sich auf ungefähr 50 000 Mk.

Jungen als Mörder. Aus Luxemburg wird berichtet: Die luxemburgische Polizei hat durch Zufall die Urheber zweier schweren Verbrechen in zwei 14 jährigen Knaben entdeckt. Sie hatten voriges Jahr die Witwe Hoffmann aus Hermsdorf ermordet und anfangs dieses Jahres die 24jährige Natalie Schmoll aus Diekirch. In beiden Fällen liegt Raubmord vor..

Telegramme.

Lugesberigt be Grafen Hauptmurtirs

Die stockende Offensive der Westgegner. Unser Durchbruch bei Wischnew.

Der russische Rückzug in Wolhynien. W. B. Großes Hauptquartier, 28. Sept., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz.

Der Gegner setzte seine Durchbruchsversuche auch gestern fort, ohne irgend welche Erfolge zu erzielen. Dagegen erlitt er au vielen Stellen sehr erhebliche Verluste.

Bei Lens unternahmen die Engländer einen neuen Gasangriff. Er verpuffte völlig wirkungslos. Unser Gegen⸗ stoß brachte neben gutem Geländegewinn 20 Offiziere, 750 Mann an Gefangenen, deren Zahl an dieser Stelle daßnit auf 3397 leinschließlich Offizieren) steigt. 9 weitere Maschinen⸗ gewehre wurden erbeutet.

Bei Souchez, Angres, Rocrincourt und auf der ganzen Front der Champagne bis an den Fuß der Argonnen wurden französische Angriffe restlos abge⸗ wiesen.

In der Gegend von Sou ain brachte der Feind unter merkwürdiger Verkennung dey Lage sogar Kavalleriemassen vor, die natürlich schleunigst zusammengeschossen wurden und flüchteten. Besonders ausgezeichnet haben sich bei der Ab⸗ wehr der Angriffe sächsische Reserwe⸗Regimenter und Trup⸗ pen der Garnison Frankfurt a. M.

In den Argonnen wurde unsererseits ein kleiner Vorstoß zur Verbesserung der Stellung bei Fille morte ausgeführt. Er zeitigte das gewünschte Ergebnis und lieferte außerdenn 4 Offiziere und 250 Maun an Gefangenen.

Auf der Höhe bei Combres wurde vorgestern und gestern durch umfangreiche Sprengungen die feindliche Stel-

lung auf breiter Front zerstört und verschüttet