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Organ für die Interessen des werktätigen Volles Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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8 5 1 6 Telephon 2008. für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. 42
„ Nr. 221 je;
2 8 Gießen, Dienstag, den 21. September 1915 10. Jahrgang
2* 2 84 Nochmals die Rumpf⸗Inkerngtionale.
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i Uueeber die in den letzten Tagen in der Schweiz stattgefundene e Fonferenz von Sozialisten verschiedener Länder wird uns von fũ 0 inem Schweizer Parteigenossen noch geschrieben: Auf Vorschlag h. g er italienischen Parteileitung waren seit längerer Zeit Bestreb⸗ g ingen im Gange, um die„auf dem Boden des Klassenkampfes ver⸗ 8 larrenden Elemente der Internationale“ zu sammeln. Dank diesen 1 mühungen wurde in der Schweiz auf einen bestimmten Tag eine b. onferenz der Vertreter der sozialistischen Parteien, vorab der ib. egführenden Länder einberufen. Eine Vorkonferenz, die im 00 uli stattfand, hat den Redakteur der Berner Tagwacht, National⸗ a dat Robert Grimm, mit der Vorbereitung der Konferenz betraut. 9g. r Tagesordnung waren folgende Punkte vorgeschlagen, die von i er Konferenz auch akzeptiert wurden: Mandatprüfung, Berichte 91 zus den einzelnen Ländern, Friedensaktion des Proletariats, . chaffung eines Aktionszentrums mit den entsprechenden Aus- f ihrungsorganen.
Die Beteiligung an der Konferenz konnte aus naheliegenden N. ründen keine zahlreiche sein. Großes Kopfzerbrechen machte den en organisatoren der Konferenz die Vertretung der zahlreichen ls Jarteigruppen und Fraktionszentren Rußlands und Polens.
m Hinblick auf den Zweck der Konferenz mußte es vor allem ver⸗ z ieden werden, den einzelnen russisch⸗polnischen Organisationen ie Möglichkeit zu geben, einige Vertreter zu entsenden. Wenn de polnisch⸗russische Organisation und Fraktion die Möglichkeit Ehabt hätte, mehrere Delegierten zu entsenden, hätten diese die fehrheit an der Konferenz erhalten und man hätte es dann in der sauptsache mit einer Kundgebung der russischen igration zu tun Fhabt. für alle
issionen russischer politischer Flüchtlinge, mußte die russisch⸗ ulnische Vertreterzahl gering sein. Dies gelang und die Zahl 10 russisch⸗polnischen Delegierten belief sich auf ein Drittel der esamtzahl. Wir wollen hoffen, daß die Organisatoren der Kon⸗ renz auch ernstere Gründe hatten, die Zahl der russischen Dele— exten bis auf ein gewisses Minimum zu reduzieren. Die Ver⸗ dungen der im Auslande wirkenden russischen Parteigruppen it den Arbeiterorganisationen Rußlands mußten ja infolge des frieges notgedrungenerweise sehr locker werden, und als Ver⸗ beter dieser Or ganisationen dürften die russischen Inigranten nur in sehr bedingter Form betrachtet werden. An der Konferenz beteiligten sich 37 Personen. Aus Frank⸗ eich: 2 Syndikalisten. Aus Italien: 5 Parteimitglieder. us Schweden: 2 Genossen aus der Jugendorganisation. Aus zo lland: Henriette Roland⸗Holst. Aus der Schweiz: drimm, Naine, Platen. Aus Deutschland: 10 Mitglieder der Urtei(aus naheliegenden Gründen muß man es ihnen selbst erlassen, ihre Namen zu nennen). Vom Exekutivkomitee der soz. Föderation der Balkanstaaten 2 Mitglieder des Komitees: Ra⸗ Avsky und Kaliarow. 12 Delegierte der ausländischen Zentren ud Redaktionen der sozialistischen Organisationen Rußlands und 1 lens(darunter Lenin. Axelrod, ein Delegierter der Lettischen eazialdemokratie, des Jüdischen Bund, je ein Delegierter der 3 in betracht kommenden polnischen Gruppen usw.: unter ben letzteren fand sich auch der durch und durch internationale Genosse Radek: innige russische Gruppen waren burch 2 Delegierte vertreten). Aus england hatten mehrere Genossen ihre Teilnahme zugesagt, sie itten aber aus ihren Vorbereitungen kein Hehl gemacht— und die behörden verweigerten ihnen die Ausfertigung der Reisepässe. Aur dadurch erklärt sich die Abwesenheit der Engländer. Die Verhandlungen der Konferenz waren streng vertraulich. Das Ergebnis der Beratungen ist ein Manifest an das Prole⸗ (iat— ein Aufruf zum Kampf für den Frieden. Die Konferenz kur ernster und sachlicher, als man es— wenn man die Person g 05 Einberufers in Betracht nimmt— erwarten konnte. Natür⸗ it fehlte es nicht an knatternden Phrasen, im allgemeinen dürften der die Parabellums eine große Euttäuschung erlebt haben. Der Ernst der Aufgabe und das Gefühl der Verantwortlichkeit ber besonders bei den deutschen Delegierten zu spüren Die satschen Genossen erklärten von vornherein, daß sie auf nichts ein⸗ chen würden, das ihre Partei gefährden, ernste Erhitterung, ge⸗ scweige denn eine Spaltung hervorrufen könnte. Bei Ausarhbelt⸗ lig des Manifestes lehnten sie alle bindenden konkreten Maß⸗ ahmen ab. Alles müßte der Partei überlassen bleiben. 1 Elbst prinzipielle Gegner der Krebitbewilligung, wollten sie auf iir Konferenz auch in diesem Punkte leinen bindenden 2 Hand in mit ihnen
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Kommission mit Grimm, Die Kommission hat die Aufgabe, den Verkehr er einzelnen Parteien zu fördern und jegliche Annäherung der brteien zu erleichtern: sie soll nicht das internationale sche Bureau ersetzen und sich keine Funktionen eines 120 onszentrums aneignen. Daß in diese Institution gerade mm gewählt wurde, mutet allerdings etwas sonderbar an. Die ammission soll zunächst das Mani fest der Konferens, eien urzen Verhandlungsbericht und später unperiodisch ein Infor⸗ tsonsbulletin herausgeben. Das Manifest wird von den dane sctesten Vertretern der Länder unterzeichnet werden; für Polen bite Radek zeichnen, die deutschen Delegierten erklärten aber ut aller Bestimmtheit, daß sie neben Radeks Unterschrift die ihrige 8 i sf ö Di urde aus der deutschen Partei ausgeschlossen wurde. Diesem wurde
segestimmt, und der edle Name Nabel wird auf dem Manifest ücht zu lesen sein.
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icht hergeben würden, und zwar aus dem sormellen Grunde, weil
9 unsere Mitarbeiter, dessen Bericht wir unter Vorbehalt vebergeben, meint dazu. dal unter den Deutschen gewiß solche
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befanden, die kaum als geeignet zur Behandlung der wichtigen Tagesordnung angesehen werden könnten. Im übrigen müsse man sie nicht mit deutschen, sondern mit Berner Maße messen und dann zugeben, daß sie in der umgebung dieser Kon⸗ ferenz die vernünftigsten Leute waren. Im übrigen ist das Verhandlungsprotokoll und das beschlossene Mani⸗ fest abzuwarten, ehe ein endgiltiges Urteil gefällt werden kann.
Aus Bern wird der Frankf. Ztg. vom meldet:
Im Namen der Internationalen sozialistischen Konferenz, die, wie kurz gemeldet, vom 5. bis 8. September in der Schweiz in Zimmerwald tagte, wird heute in der Berner Tagwacht eine Friedenskundgebung an die Proletarier Euro⸗ pas veröffentlicht. Das Manifest haben unterzeichnet für die deutsche Abordnung Ledebour und Hoffmann, für die französische Bourderon und Merrhei m, für die italienische Modigliani und Lazzari, für die russische Lenin, Axelrod und Bobrow, für die polnische Lapinski, Warsfki und Hanecki, sür die interbalkanische sozialistische Föderation der Rumäne Rakowski, der Bulgare Kolarow, für die schwedische und norwegische Abordnung Höglund und Nerman, für die holländische Holst und für die schweizerische Grimm und Naine.
0 80* Aus Rußland.
Verhaftung von sozialistischen Duma⸗
abgeordneten.
Das Leipziger Tageblatt meldet aus Stockholm: Stock⸗ holms Dagen erfährt aus Petersburg: Der Abgeordnete Tscheidse und 17 weitere Dumamitglieder sind in ihren Quartieren durch die Polizei festgenommen worden. Das Dumagebände und sämtliche Bahnhöfe sind militärisch besetzt.
Die Polizeiherrschaft.
Rjetsch in Petersburg teilt mit: Der Polizeimeister von Moskau verbot die Abhaltung jeglicher Versammlungen, sogar die Sitzungen der Krankenkassenmitglieder. Im gemeinsamen Ge⸗ schäftslokal der kooperativen Vereine wurde eine Untersuchung vor⸗ genommen, worauf fünf Assistenten vorhaftet und wegen politischer Vergehen angeklagt wurden.
Nach der Rjetsch wurden in Petersburg in den letzten Tagen große Arbeiterversammlungen abgehalten, in denen die Bildung einer großen Arbeiterorganisation der Berufsverbände und Fachvereinigungen beraten wurde. Die Polizei schritt ein, aber trotz der polizeilichen Aufforderung, die Ver⸗ sammlung zu schlie ßen, wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Die Polizei unterließ die Anwendung von Gewaltmaßregeln.
Auflösung der Semstwos?
Die Mitarbeiter der schweizerischen Zeitungen melden aus Petersburg:
Die Regierung veröffentlicht den Auflösungsbeschluß für die Semstwos von Moskau, Kern, Kursk und Chalr⸗ kow wegen regierungs feindlicher Kundgebungen und Beschlüsse. Der Stadthauptmann von Moskau wurde seiner Stellung enthoben.
Die letzte Dumasitzung.
Die Times meldet aus Petersburg über den Verlauf, den die letzte Sitzung der Duma nahm, noch folgendes: Bevor der Präsident Rodsianko den Ukas der Vertagung verlas, verließen die Sozialisten und Fortschrittler demonstrativ den Saal. Die Duma hörte die Verlesung, wie üblich, stehend an und rief schließlich die vorge⸗ schriebenen Hurras. Ihr Beifall wurde aber von den aufreizenden Rufen der Sozialdemokraten gestört. Man hatte große Mühe, das Publikum zum Verlassen des Saales zu bewogen. Später hielt die Duma eine Geheimsitzung ab, an der 55 umaabgeordnete teil⸗ nahmen. Auch die Presse wurde ausgeschlossen. Man beschloß, den Dumapräsidenten Rodsianko nach dem Hauptquartier zu senden, um dem Zaren den Ernst der Krise barzulegen. Sämtliche Parteien mit Ausnahme des rechten Flügels bezeichneten Goremykin als Urheber der Vertagung, indem er die Krone falsch unterrichtet habe. Die Mißstimmung war auch unter den gemäßigten Parteien so groß, daß ihre Führer Mühe hatten, die Ruhe unter den Parteien zu bewahren. Goremykin war nicht zugegen, auch die übrigen Minister blieben der Sitzung sern. In Erwartung des Ergebnisses der Audienz Robsiankos beim Zaren setzten einstweilen die Aus⸗ schüsse für die Heeresversorgung ihre Beratungen fort. Die Korrespondenz betont, daß Duma keinen Kampf mit der Re⸗ gierung wünsche, aber a cken wolle, daß Goremykin unfähig sei, noch länger an der Spitze der Regierung zu stehen. Auch habe Goremykin das Ministerkollegium nicht mit zu Rate gezogen, sondern habe auf eigene Faust gehandelt. Die übrigen Minister sinb nur durch ihr Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der Krone und dem Land abgehalten worden, ihr Entlassungsgesuch einzu⸗ reichen. 8
Ein russisches Rumpf⸗Parlament?
Der Universul berichtet aus Wiborg:
Ueber 150 Duma⸗Abgeordnete sind in Wiborg einge⸗ troffen, um sich als dauernd tagende Duma-Versammlung zu erklären.
Aus Wiborg wird weiter gemeldet, der Stadtkomman⸗ dant verhinderte eine große Anzahl Duma ⸗Abgeordnete, die zur Abhaltung einer gesetzgebenden Versammlung nach
18. September ge⸗
Wiborg gereist waren, bei dem Eintreffen auf dem Bahnhof
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die Stadt zu betreten. Sie wurden gezwungen,
Petersburg zurückzufahren. 9
Der russische Zusammenbruch!
Der Stockholmer Socialdemokraten schreibt: In keiner europäischen Volksvertretung ist je eine vernichtendere und einmütigere Kritik über eine bis ins Mark korrumpierte Bureaukratie gehört worden, als in der jetzt beurlaubten Duma. Der Beschluß des Zaren, die Kritik an den Regie⸗ rungsformen übenden, reformfreundlichen Volksvertreter nach Hause zu schicken, bedeutet ganz einfach, daß in Rußlands regierenden Kreisen alle Reformen für unnötig oder landes gefährlich betrachtet Werden. Er bedeutet weiter, daß nichts getan werden wird, um die verschiedenen Nationen des Reichs einträchtlich näher zu bringen. Der Beschluß des Zaren ist aber auch von der ver⸗ hängnisvollsten Tragweite für den Fortgang des Krieges. An der bureaukratischen Versumpfung darf nichts geändert werden, Rußland stürzt seinem Untergang ent⸗ gogen. Die gewissenlosen Lieferanten werden weiter ihren schändlichen Handel treiben, während die tapferen Soldaten infolge des chronischen Munitionsmangels zum Untergange verurteilt sind. Kurz, die Vertagung der Duma schließt alles in sich, was die klarblickenden russischen Patrioten für ihr Land befürchteten. 5..
Das Flüchtlingselend.
Der Kongreß der lettischen Vereinigungen, der von 123 Ver⸗ tretern von solchen besucht war, hat über die Regelung der Unter⸗ st ü tzung von Kriegsslüchtlingen beraten und ein er⸗ schütterndes Bild von der furchtbaren Lage der Flüchtlinge dort entrollt. Die russische Verwaltung behandele die Massen, die auf der Eisenbahn in der 4. Klasse oder zu Fuß auf den Landstraße ankämen, mit völliger Gleichgültigkeit. Nationale Gogensätze machten sich dabei, unheilvoll geltend und auch die Hilfsorganisationen der Ge⸗ sellschaft würden davon beeinflußt. Besonders die Verhälmisse in Petersburg wurden in den schwärzesten Farben gemalt. Die Flüchtlinge seien in Nachtasylen untergebracht, wo sie sich tagsitber nicht aufhalten dürfen und deren gesundheitliche Verhältnisse jeder Beschreibung spotteten. Nach sieben Tagen müßten sie das Asyl ver⸗ lassen und sich Arbeit verschaffen. In der Provinz seien die Ver⸗ hältnisse noch viel schlimmer. Ein jüdisches Komitee habe aus Nischni Nowgorod ein Telegramm erhalten, daß dort viele arme jüdische Familien in Jahrmarktsbuden, Taufende aber auch unter offenem Himmel lägen. Die meisten Kleinstädte könnten über⸗ haupt keine Flüchtlinge mehr aufnehmen.
Vom Balkan. Bulgarische Kriegsbegeisterung.
T. U. Sofia, 19. Sept. Außer den zu den Waffen ein⸗ berufenen mazedonischen Bulgaren, die gestern mit klingen⸗ dem Spiel und unter Absingen patriotischer Lieder durch die Straßen zogen und begeistert für ein einheitliches Bulgarien demonstrierten, haben sich noch 20000 mazedonische Flücht⸗ linge freiwillig gemeldet. Die mazedonischen Bulgaren wollen von einer friedlichen Vereinigung nichts hören. Die Zahl der Freiwilligen sowie andere Truppen in Mazedonisch⸗ Bulgarien dürfte, falls die allgemeine Mobilisierung in Kraft tritt, mindestens 100 000 Mann betragen. Ein großer Teil der Freiwilligen hat bereits an dem Kriege 1912/18 teilgenommen. e
Die Militärzensur in Bulgarien.
Genf, 19. Sept.(Priv.⸗Tel. zens. FIrkft.) Laut einer Meldung des Temps aus Sofia erhielten alle Buch⸗ und Zeitungsverleger Bulgariens die Verständigung, daß sämtliche für die Drucklegung bestimmten Manuskripte dem Militärkommando vorzulegen sind.
Serbische Vorbereitungen.
T. U. Budapest, 19. Sept. Aus Sofia wird gemeldet, die serbische Truppenbewegung an der bulgarischen
Alle Grenzposten wurden erheblich erklärte das Grenz⸗
Grenze dauern fort. verstärkt. Der serbische Generalstab gebiet als Kriegszone. Die Bulgarisch⸗rzumänische Königzusammenkunfte
Bukarest, 19. Sept. Wie in militärischen Kreisen erzählt wird, besteht der Zweck des Donauausfluges des Königs von Rumänien nach Maein darin, mit dem König von Bulgarien zusammenzu⸗ tressen. Der Besuch des Herzogs Johann Albrecht von Mecklen⸗ e ebenfalls mit diesem Ausflug in Zusammenhang ge⸗ bracht.
Rumänische Verstimmung gegen Rußland.
Bukarest, 19. Sept. Die halbamtliche Indépendance Roumaine meldet: Ein russisches Torpedoboot verfolgte bei Konstanza zwei rumänische Segelschiffe, die sich in die Tuzla⸗ Bucht flüchteten. Das Torpedoboot hält nun vor der Bucht Wache, sodaß die Segelschiffe gesperrt sind. Die rumänische Regierung hat die Zurückziehung des russischen Torpedo⸗ bootes aus den rumänischen Territorialgewässern gefordert. Gleichzeitig forderte die Regierung die Herausgabe des


