Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 211
Gießen, Donnerstag, den 9. September 1915
10. Jahrgang
Russische Wirren.
Ueber die nordilchen Länder kommen allerlei Alarmnachrichten zus dem innern Rußland. Man braucht diesen Sensationsmel— dungen nicht in all ihren Einzelheiten Glauben zu schenken, um dennoch annehmen zu können, daß die russische Verwüstungs⸗ strategie mit ihren furchtbaren Folgen, dem Rückfluß verelendeter Menschen, den Schändungen aller Zivilisation doch ihre Rück⸗ virkungen auf das innere Rußland ausüben müssen. Es kommt binzu, daß rein wirtschaftlich gesehen der deutsch-österreichisch— imngarische Vormarsch immer kräftiger die großen Industriezentren Rußlands lahmlegt oder doch wenigstens in ihrer Produktivität außerordentlich gefährdet, und daß dadurch weitere innere Konflikte utstehen müssen. Schließlich ist Rußland seit Jahrhunderten ein Bulkan, zu dessen Belebung weit kleinere Ursachen genügt haben önnten als ein Weltkrieg und die russischen Niederlagen. Die Dumaverhandlungen haben ebenfalls schon ein Spiegelbild innerer Didersprüche, Wirrnisse und Gegensätze gegeben, und man kann aus ellen diesen Gründen schon anzehmen, daß Väterchens Reich aus
nehr als einem Anlaß ins Wanken gekommen ist. Wenn sich jetzt 0 jese Ursachen steigern, so sino in der Tat die Folgen auch von sinem sehr kritischen Standpunkt aus schwer zu übersehen. Es pbäre sicher etwas Wunderbares, wenn dieser Weltkrieg wenigstens as eine Gute haben würde, den russischen Zarismus auszurotten ind vom Westen nach dem Osten das Licht der Kultur zu tragen. f Aus den Einzelheiten, die jetzt Tag für Tag berichtet werden, aben wir die wesentlichen laufend wiedergegeben. Wir erinnern fur daran, daß nicht nur in der Heeresverwaltung unglaubliche Skandale aufgedeckt wurden, sondern auch in der Zivilverwaltung ie Zustände sich so schtlimm entwickelt haben, daß sogar die russische
In den Fabriken wird Munition soll ständig schlechter hergestellt erden und die Repfsion der Fabriken echt russische Zustände ent⸗ ällt haben. Dies und vieles andere hat hinter den Kulissen der uma geradezu Revolten hervorgerufen, sodaß das Ministerium edenklich wackelt und im besondere⸗ der Ministerpräsident Go⸗ temngkin schon seit Tagen als abgesägt gilt. An seine Stelle soll er Lriegsminister treten, um durch eine Art Diktatur das Land ihe zu zwingen. Die Zensur verbindert, daß wir etwas über ze russische Arbeiterbz⸗wegung hören: aber nach privaten Mit- lilungen kann barüber gar kein Zweifel bestehen, daß die von jeher ische Kritik an den besteßenden Mißständen nun auch des Volkes erfaßt. sische irgcoisie wird, wenn sich die Dinge erneut zu⸗ chen zwei Feuer geraten. Sie hat ein Lebensinteresse 2 innere Korruption Rußlands selbst durch Sturz des sarenregiments zu beseitigen, und sie hat zweifellos, wenn sie will, rade in der Gegenwort die Gelegenheit und die Kraft dazu. Sie ßland, ien ihre kapitalistischen Inter⸗ Damit zugleich aber iritt sie in immer et modernen russischen Arbeiterbewegung, ich ein Dorn im Auge bleibt. rfen auf natürliche Art die augenblick⸗ lassen tein klares Bild über die weitere Entwick⸗ zustande kommen. Nux soviel sollte gan in Deutschland begreisen, daß biese inneren russischen Wirren acht dahin zu ren brauchen, Nugtano einem Frieden geneigter machen. Die Bourgeoisie, die diese Wirren provoziert und unter⸗ lügt, will sie gerade um deswiller austragen, damit der Kampf fit neuer Stärke gegen die Zentralmächte durchgefochten werden inute. Diejenigen Kräfte aber, die mit der Ausrottung des russi⸗ hen Zarismus zugleich einen Frieden in diesem Kriege wollen, einen uns noch nicht stark genug zu sein, um ihren Willen durch— letzen. 1977
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4 Die Polen⸗Frage in der Duma. 44 Nach einer Meldung der Politiken aus Petersburg hat der Ab- sfiordnete Kevensky eine Interpellation an die Regierung wegen e Massenverhaftungen von Polen gerichtet. Es seien meist Kin⸗ ischen 14 und 17 Jahren, die zu Hunderten in die Gefäng⸗ geworfen wurden, die Behörden hätten weder einen Grund
. die Verhaftungen angegeben noch ein Verhör abgehalten; viele % fsangene säßen seit April. Der Liberale Roditschew erklärte die V igkeit und das Zusammenhalten aller Russenstämme als das 1 itze Mittel zur Besiegung des Feindes, hingegen bewirke die 4 gierung gerade das Gegenteil durch die Fortführung ihrer Ge⸗ — Multpolitik. Sie proklamiere zwar Polens Unabhängigkeit, lasse
ler zugleich durch die polnische Geheimpolizei massenhaft Polen⸗ ider verhaften und untergrabe so das Zutrauen zur Regierung.
lan branche eine Regierung, deren Handlungen nicht in Wider⸗ geit mit ihren Worten stehen. Die Duma beschloß einstimmig die prechung der Interpellation.
Monate.„Von den sechs Russen marschieren jetzt. Die Franzosen die Engländer! Wo
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Hiebe versetzen, so bleibt uns wahrhaftig nichts weiter übrig, als den Hut zu ziehen und zu sagen: Ihr seid die Meister, wir ergeben uns!“ Ueber Frankreich und England wird viel gewitzelt. „Frankreich schläft“ sagt man allgemein. Worauf wartet man denn, soll ihnen vielleicht das kleine Serbien zu Hilfe kommen? Hinzu kommt noch die allgemeine Teuerung, die jetzt unge- ahnten Umfang angenommen hat. Rindfleisch ist nur einmal in der Woche(Sonntags) erhältlich. Zucker kann man nur erhalten, wenn man sich auf der Behörde einen Schein verschafft, den dann der Kaufmann einlöst. Ein Kilo Brot kostet 80 Cent. Gemüse ist auch teuer, besonders aber weiße Bohnen, ein Hauptnahrungs⸗ mittel der armen Bevölkerung. Ueber die Teuerung hat die Radnitschkt Nowine(Arbeiter-Zeitung) einen bezeichnenden Ar— tikel gebracht, der das vollständige Versagen der Behörden mit beißendem Spott geißelt:„In diesem Kriege hat ein Lanb die musterhafteste Organisation aufzuweisen, das ist Deutschland! und das Land, das sich der musterhaftesten Desorganisation erfreut, das ist Serbien!“ Der Artikel, welcher an erster Stelle steht, geht in diesem Tone weiter und wirft den Behörden völlige Unkenntnis der wirtschaftlichen Lage des. Landes vor. Warum hat man bis zuletzt die Ausfuhr von Mais, Bohnen, Schweinen und sonstigem Vieh nach Frankreich erlaubt, während das Land alle diese Dinge selbst gut braucht? Jetzt herrscht der bitterste Mangel, und darau ist eben die Unfähigkeit der Behörden schuld. Die erwähnte Zei— tung ist die einzige, welche den Mut hat, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, und gilt auch als einziges ernstes Blatt.
Ueber Italien ist das ganze Volk nicht sonderlich erbaut. Die Ansprüche Serbiens in der Adria finden noch einen neuen Gegner, der noch dazu jetzt ein Verbündeter ist. Italien will Triest!— Serbien will Triest! Mancher Hitzkopf sieht schon nach diesem Krieg einen neuen Krieg gegen Italien voraus, um das slawische Trst(Triest) den Italienern zu entreißen. Wie man „Italiens Hilfe“ in Serbien auffaßt, geht aus den verschiedenen Aussagen von Militärs hervor, die sämtlich die Berichte Cadornas ironisieren und sich darüber lustig machen. Ein geflügeltes Wort ist der Ausspruch geworden:„J Italia se bori!“(auch Italien führt Krieg). Die Stimmung gegen Bulgarien hat in ihrer Erx⸗ bitterung den Höhepunkt erreicht, und mancher verständige Kopf wird ganz wild, wenn von Abtretungen an Bulgarien die Rede ist. Lieber wollen wir ganz zugrunde gehen, als auch nur ein Handbreit Erde abtreten! Die letzten Schritte der Entente-Mächte haben im Volke große Niedergeschlagenheit hervorgerufen, denn das serbische Volk ist gescheit und versteht diesen Schritt richtig zu deuten; es weiß ganz genau, daß er nie unternommen worden wäre, stände es nicht um die gemeinsame Sache schlecht. Aber daß gerade Serbien zu allem herhalten soll, will es nicht einsehen. Ein Sperling in der Hand ist besser als zehn Tauben auf dem Dach, so denkt ungefähr jeder. Die Regierung würde wohl Entgegenkommen zeigen, da sie dem Drucke nicht widerstehen kann, aber eine Eini— gung mit Bulgarien wird kaum zu erzielen sein, da Serbien nicht daran denkt, Mazedonien abzutreten, und einen Teil will Bul⸗ garien nicht.—
Serbien hat schon manche Hoffnungen zu Grabe getragen, so Triest und Dalmatien. Nun soll es Mazedonien hergeben? Es will nicht! Die letzten Schritte der Entente-Mächte haben manchen Kopf ernüchtert. Soll er seine Freunde oder seine Feinde mehr fürchten. Der Serbe ist gescheit. Wird er nicht von zwei Uebeln das kleinere wählen?
Eine französische Fälschung.
Berlin, 7. Sept.(W. B. Nichtamtlich.) Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt unter der Ueberschrist:„Eine fran⸗ zösische Fälschung“!: Um die Stimmung des Auslandes gegen Deutschland zu vergiften, veröffentlicht die Pariser Zeitung Le Monde Illustré vom 21. August 1915 das Bild einer Volksdemon⸗ stration vor dem Königlichen Schloß in Berlin mit der Unterschrift „Enthusiasmus und Freude der Barbaren über die Versenkung der„Lusitania“.“ In Wahrheit aber stellt die Photographie eine am 31. Juli 1914 nach der Erklärung des Kriegszustandes stattge⸗ habte patriotische Kundgebung dar, wie sich dies aus den Veröffenti— lichungen dieses Bildes in den deutschen illustrierten Zeitungen aus dem August vorigen Jahres unzweifelhaft ergibt. Anläßlich der auch in Deutschland mit allgemeinem menschlichen Mitgefühl für die unglücklichen Opfer englischer Ueberhebung aufgenommenen Vernichtung der„Lusitanja“ fand weder in Berlin, noch sonst irgendwo in Deutschland eine Demonstration der geschilderten Art statt. Zur Aufhetzung der öffentlichen Meinung der Vereinigten Staaten von Amerika hat sich die Erfindungskraft unserer Gegner hier also ein gänzlich untaugliches Objekt ausgesucht. Die Kritik über solche Propagandamethoden dürfen wir getrost dem Urteil der Neutralen überlassen.
Koloniale Sorgen der Engländer und der Franzosen. Der heilige Krieg in Französisch⸗Nordafrika.
Das Hamburger Fremdenblatt berichtet aus Genf: Die eingeborene Bevölkerung von Fransösisch⸗Nordafrika befindet sich nach Meldungen aus Marseille im offenen Auf⸗ stand gegen die französische Herrschaft und predigt den Heiligen Krieg. Viele Ortschaften sind in Flammen aufgeangen. Der Schiffahrtsverkehr zwischen Marseille und Tunis ist vollständig eingestellt.
Ein Khalif gesucht!
Nach der Gazette de Lausanne soll seit der italienischen Kriegserklärung au die Türkei eine stetig wachsende panislamitische Bewesguswg, die auch auf dem Kriegsschauplatz ferner liegende Gebiete übergriff, zwischen
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geführt haben, die darauf abzielen sollen, den dem Sultan der Türkei zugehörigen Titel und die Rechte eines Khalifen einem anderen muselmanischen Oberhaupt zu⸗ zusprechen. Namentlich England möchte den von ihm mühsam gehaltenen sogenannten ägyptischen Sultan zum Khalifen ausrufen lassen. Frankreich dagegen, so erfährt das genannte Blatt, wünsche diese religiöse Würde für den von ihm abhängigen Sultan von Marokko, während Italien unter den Araberfürsten Libyens nach einem Kandidaten Umschau halte. Die Unruhen in Vorderindien.
London, 7. Sept. Der Staatssekretär für Indien be⸗ richtet über schwere Kämpfe, die an der Nord westgrenze Vorderindiens stattgefunden haben. Es handelte sich um einen Einfall des Bunerwals-Stammes in den Distrikt von Peshawar am 17. August. Das britische Lager zu Rustam wurde in der Nacht schwer durch die Bunerwals beschossen, die mit einer Streitkraft von ungefähr 12000 Mann die Pässe beherrschten. Am 26. August erfolgte ein Angriff auf die Bunerwals durch die Be⸗ saͤtzung von Rustam, wobei die Bunerwals 20 Tote verloren. Aber erst am 28. und 31. August konnte die Garnison von Rustam zu einer Offensive in der Richtung auf den Malandripaß übergehen, wobei den Bunerwals starke Verluste beigebracht und sie vollständig geschwächt worden seien. Am 28. und 29. August erfolgte das Vor⸗ gehen einer feindlichen Macht vom oberen Swat aus, die einen ent⸗ schiedenen Angriff auf die englische Stellung bei Sandaki machte, wobei der Feind zurückgetrieben wurde und am linken Ufer etwa 100 Tote und Verwundete zurückließ. Am nächsten Morgen erfolgte der englische Angriff auf das Fort Kak, das im Besitz der einfallenden Stämme war. Das Fort wurde unter heftiges Artillerfefeuer ge⸗ nommen und vollständig zerstört. 4 ee
Ferner meldet der Staatssekretär eine feindliche Bewegung in dem Mohmand-⸗Distrikt(hier war es vor einigen Wochen be⸗ reits einmal zu scharfen Zusammenstößen zwischen den Engländern und den einfallenden Stämmen gekommen), sie konnte sich nicht ent⸗ wickeln. An den übrigen Teilen sei alles ruhig. 0 gramm ergibt sich, daß die Angriffsbewegung der wilden Stämme an der Nordwestgrenze Ostindiens weit stärker und wirkungsvoller ist, als bis jetzt offiziell zugegeben wurde.) 1
Zur Lage in Deutsch⸗Ostafrika
erhält die Köln. Volksztg. von einem Pater briefliche Mit⸗ teilungen, wonach fortgesetzt Anhänger des Christentums aus vielen Eingeborenendörfern zu den Missionaren eilen und bitten, die Behörden zu ersuchen, daß sie unter deutscher Flagge kämpfen dürfen. Ihre Zahl ist derart groß, daß der größte Teil nicht angenommen werden kann. Der Bedarf unserer Schutztruppe an farbigen Rekruten ist reichlich ge⸗ deckt. zu sein. Die Ruhe unter den 7½ Millionen Eingeborenen wurde bisher nirgends gestört. Die Haltung der Ein⸗ geborenen mohammedanischen Glaubens ist geradezu vor⸗ bildlich. Die Kunde von der Verkündigung des Heiligen Krieges gegen unsere Feinde hat bei allen unbeschreibliche Begeisterung erweckt. Mit todesmutiger Treue und Anhäng⸗ lichkeit stehen sie zu uns und eilen aus allen Bezirken in Scharen herbei, um sich unseren Militärbehörden zur Ver⸗ fügung zu stellen. Den Feinden dürfte es nicht gelingen, ins Innere unserer Kolonien einzudringen. In mehreren Fällen wurden bereits Engländer durch Eingeborene unter deut⸗ scher Führung unter erheblichen Verlusten über die Grenze zurückgeschlagen.
1 Fliegerangriff auf Saarbrücken. Saarbrücken, 7. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Gestern vormittag zwischen 10 und 111 Uhr erfolgte ein Angriff feindlicher Flieger auf Saarbrücken. Drei Personen wurden getötet, sechs schwer, zwei leicht verwundet.
Saarbrücken, 7. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Von den bei dem gestrigen Fliegerangriff schwerverletzten Per⸗ sonen sind inzwischen zwei weitere gestorben. Die Zahl der Toten erhöht sich damit auf fünf.
Ein Vertrauens⸗Votum für die Presse⸗Zensur
Ein etwas merkwürdiger Vorgang spielte sich am Sams- tag in Essen ab. Die Redakteure und Verleger der im Bezirk des 7. Armeekorps erscheinenden Zeitungen wurden zu einer Konferenz zusammenberufen, um die Kritik zu be— sprechen, die Abg. Fischer(Berlin) im Reichstage an der Zensur geübt hat. Gegen die Stimmen der Vertreter der sozialdemokratischen Zeitungen wurde folgende Entschließung angenommen:
„Gegenüber dem Eindruck, der durch die jüngsten Verhand⸗ lungen des Reichstages erweckt worden ist, als ob die Presseaufsicht im Bexeich des 7. Armeekorps in einer über die Erfordernisse der
Lage hinausgehenden rigorosen Weise ausgeübt werde, und seg⸗ liches Entgegenkommen gegen fachlich berechtigte Wünsche zu ver⸗ missen sei, und als ob bei der Aufsichtsstelle in Müunster ein aus⸗ reichendes Verständnis für Wesen und Aufgabe der Presse zu er—
den Kabinetten in London, Paris und Rom zu Erörterungen
mangeln scheine, erachtet es die beutige Versaenmlung— zahlreich
(Aus dem Tele⸗
Man braucht darum auch in Zukunft nicht in Sorge


