Die große türkische Offensive.
T. U. Kopenhagen, 20. Juli. Aus Petersburg wird be⸗ richtet, daß eine große türkische Offeusive an der Kaukasus⸗ front begonnen habe. Die Türken greifen gegenwärtig an allen Teilen der Front an.
Der Streik der amerikanischen Munitions⸗ Arbeiter.
In den amerikanischen Geschoßfabriken greift nach einer Meldung des Berliner Tageblatts die Streikbewegung immer mehr um sich. Ihr Hauptherd sei die einflußreiche Struc⸗ tural Iron Workers Union in Kentucky. In Pennsylvania sind Pulverfabriken in die Luft geflogen.
Der englische Bergarbeiterstreik iin Pariser Licht.
Paris, 19. Juli.(W. T. B. Nichtamtlich.) Die Presse erklärt, der Streik der Kohlenarbeiter in England unter den augenblicklichen Verhältnissen sei mehr als ein Verbrechen, nicht nur an England, sondern auch an den Verbündeten. Der Streik sei Verrat. Die Verbündeten seien auf die Kohlenproduktion Englands angewiesen. Die englische Regierung müsse unverzüglich die schärfsten Mittel ergreifen, den schmachvollen Streik zu beendigen. Wenn die bis⸗ herigen Gesetze und das Munitionsgesetz nicht genügten, sollte die englische Regierung neue gesetzliche Mittel vom Parlament fordern, um nötigenfalls mit Zwang gegen die Streikenden vorzugehen.
Die italienische Kriegsanleihe.
T. U. Rom, 20. Juli. Die Blätter versichern überein⸗ stimmend, daß das Gesamtresultat der Kriegsanleihe ein höchst befriedigendes sei. Trotzdem unterlassen es die Zei— tungen wohlweislich, genauere Einzelangaben zu machen.
Die japanischen Rausreißer.
Paris, 19. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) Der Eclair erfährt aus Petersburg, daß die Mission der japanischen Artillerieoffiziere seit Mitte April die Ausbildung der russi⸗ schen Artilleristen übernommen hat. Die japanischen Offi⸗ ziere werden keinesfalls an die Front gehen, sondern höchstens die Aufmontierung und Handhabung der japanischen Ge⸗ schütze leiten. Die Aufgabe der Mission bestehe lediglich darin, die Reorganisation der russischen Artillerie in die Wege zu leiten.
Der Generalstreik in der spanischen Handelsflotte.
T. U. Madrid, 20. Juli. Das Personal der spanischen Handels⸗ flotte beschloß, die Streikerklärung auf den 28. d. M. zu verschieben. Die Regierung bemüht sich weiter um die Beilegung des Konfliktes unter Hinweis auf den schweren Schaden, der unter den gegen⸗ wärtigen Umständen verursacht würde.— Eine von Lerraux, dem Führer der Ententefreunde, einberufene Volksversammlung, auf der die Haltung Spaniens zum Kriege erörtert werden sollte, wurde aufgelöst. Mehrere Polizisten wurden von Widersetzlichen verletzt.
Kriegsnotizen.
Der Corriere della Sera meldet aus Bra, daß gestern beim Depotkommando des 74. Infanterie⸗Regiments das Verschwin⸗ den der Regiments⸗Reserve⸗Kasse im Betrage von 138 000 Lire entdeckt worden sei. Der Kassenschrank zeigte keine Ein⸗ bruchsspuren, sodaß man annehmen muß, daß der Diebstahl mittels Nachschlüssels ausgeführt sei. Die Tat machte ein ungeheures Auf⸗ sehen, um so mehr, als man wußte, daß vor der Tür des Kassen⸗ raumes dauernd ein strenger Wachtdienst wax.
Die Gazette de Lausanne berichtet aus Rom: Die italienische Regierung gedenke. Kriegsgefangene österreichisch⸗ tschechischer und ruthenischer Nationalität nicht zu inter⸗ 15 8 sondern ihnen sogar die Rückkehr in die Schweiß zu ge⸗
ten.
Nach der Bataille Syndicaliste hat der Vorstaud der Fédération générale du travail erklärt, daß die Föderation die Regierung im Kampfe gegen den Alkohol unterstützen werde. Der Vorstand forderte, die Regierung solle den Alkoholgenuß gänzlich untersagen und den Alkoholverbrauch nur für gewerbliche Zwecke gestatten.
Der Labour Leader enthält Berichte aus allen Teilen Englands von Versammlungen, die gegen das nationale Re⸗ gistergesetz protestieren, da es gegen die Freiheit des Volkes gerichtet sei.
Wie der Temps aus Dedeagatsch erfährt, sind in Thrazien türkische Banden aufgetreten, die die öffentlichen Fonds plündern und die Beamten ermorden. Die bulgarische Regierung hat zur Unterdrückung dieser Bewegung, die auch in Kon⸗
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stantinopel ihre Verzweigungen hat, strenge Maßnahmen ergriffen.
Hessen und Nachbargebiete.
Gießen und umgebung.
Eine erschreckende Tatsache.
Wenn den Agrariern und den Händlern nicht bald ge⸗— sagt wird, welch gefährliches Spiel sie mit ihrem Lebens⸗ mittelwucher treiben, wenn die Behörden nicht endlich eine gerechte Verteilung der Nahrungsmittel in die Wege leiten, dann darf man sich nicht wundern, daß bei den breiten Schich⸗ ten des Volkes der Glaube an ein Vaterland schwindet. Der Feind besorgt die Aushungerung des Volkes nicht so gut wie unsere von der Staatsgewalt geduldeten Patrioten. Wie der Nahrungsmittelaufwand der Bevölkerung seit Kriegsausbruch verteuert worden ist, das zeigt die folgende Tabelle, die Richard Calwer aufgestellt hat, indem er die wöchentlichen Lebensmittel⸗Ausgaben einer vierköpfigen Fa⸗ milie nach der dreifachen Ration eines deutschen Marine⸗ soldaten im Durchschnitt von etwa 200 Orten berechnet: Juli Aug. Sept. Okt. Nov Dez Jan. Febr. März April Mai 25.12 26.44 26.14 27.00 27 86 28.74 29.65 31.49 32.90 24.41 36 49
+1 32—0.30 0.95 +0.77 +0.88 +0.91 0.84 71.41 + 1.51 +2.08
Das besagt, daß eine Familie, die im letzten Monat vor Kriegsausbruch 25,12 Mark wöchentlich für Lebensmittel ausgab, im Mai bereits 36,49 Mark für dieselben Lebens⸗ mittel ausgeben mußte: das ist eine Steigerung um 45,3 Prozent, also um fast die Hälfte, vorausgesetzt, daß das Geld da war, um sie zu bezahlen!„Wir meinen,“ sagt dazu die Frankfurter Zeitung,„diese Ziffern sollten auch den Herren des Bundesrats einigen Eindruck machen. Es geht eben nicht an, daß die Regierung sich jetzt einfach mit dem stolzen Gefühle begnügt, daß wir gereicht haben, daß wir dem Aus⸗ hungerungskrieg nicht unterlegen sind. Sie muß sich mit dem schweren Gefühl der Verantwortung durchdringen, daß der zweite Teil der durch den Krieg gestellten Aufgabe, näm⸗ lich die Sorge dafür, daß die vorhandenen Nahrungsmittel allen Bevölkerungsteilen zu erschwinglichen, gerechten Preisen zugeführt werden, bisher absolut nicht gelöst worden ist, und daß deshalb wenigstens jetzt alle Kräfte auf diese Aufgabe gerichtet werden müssen. Es ist nicht erhebend, daß man die Zivilbehörden auf das Vorgehen der militärischen Stellen in Bayern, in Stuttgart hinweisen muß, die jetzt mit schärfsten Strafandrohungen gegen den Lebensmittelwucher vorzugehen suchen. Diese militärischen Stellen haben ganz richtig er⸗ kannt, daß hier Gefahr im Verzuge ist. Wir warnen mit allem Nachdruck, auf daß der Bundesrat es nicht verkenne.“
— Gegen die Preistreibereien im Kleinhandel. Ueberall klagt man jetzt über die ungerechtfertigten Preissteigerungen, die sich im Kleinhandel mit den Bedürfnissen des täglichen Lebens bemerkbar machen. In der Tat werden in der letzten Zeit Preise gefordert, die oft mehr als das Doppelte, bei manchen Artikeln sogar das Dreifache dessen betragen, was vor dem Kriege gezahlt wurde. Man findet dabei immer wieder die alte Erfahrung bestätigt, daß ein Preisaufschlag desto größer ist— verhältnismäßig natürlich— je geringer die eingekaufte Menge ist. Wenn zum Beispiel eine Ware im Großhandel um 5 Mk. der Zentner aufschlägt, kann man sicher sein, daß man im Kleinhandel für das Pfund nicht nur 5 Pfg., wie es angemessen wäre, sondern 10, vielleicht sogar 12 Pfg. mehr bezahlen muß. Gegen diese ungerechtfertigten Aufschläge etwas zu tun, hat zweifellos erhebliche Schwierig⸗ keiten, aber immerhin ist es zu begrüßen, daß Maßnahmen ergriffen werden. Aus Berlin wird nämlich berichtet:
Um auf eine bessere Anpassung der Kleinverkaufspreise an die Marktlage hinzuwirken, und gleichzeitig die Kaufen, den vor übertriebenen Preis forderungen zu schützen, erläßt das Oberkommando in den Marken mit Wir⸗
Städte und Landgemeinden die Anordnung, daß die Verkäufer von Fleisch, Fleischwaren, Fettwaren, Butter, Schmalz, Speisefetten, Eiern, frischem Gemüse, frischen Hülsenfrüch⸗ ten, frischem Obst und Kartoffeln im Kleinhandel einen Preisanschlag an ihrer Verkaufsstelle anzubringen haben. Wird beim Verkauf in kleineren Mengen ein höherer Preis berechnet, als er für ein Pfund, einen Zentner, einen Liter oder eine gewisse Stückzahl angesetzt ist, so muß auch dieser höhere Preis für kleiner Einheiten im Aushang ver⸗ zeichnet werden. Als Verkaufsstellen gelten auch Verkaufs⸗ stände auf Wochenmärkten, in Markthallen und im Straßen handel. In Warenhäusern und in großen Verkaufsläden ist der Aushang möglichst sichtbar gleichfalls anzubringen.
Ob der Preisanschlag etwas nützt, wird man ja sehen, großen Erwartungen braucht man sich nicht hinzugeben. Es ist aber zu begrüßen, daß eingeschritten wird und es wäre auch für unseren Bezirk eine derartige Maßregel wün⸗ schenswert. 5
Der Gouverneur von Köln hat eine Verfügung er⸗ lassen, in der es heißt:„Die Preissteigerung ist zum Teil künstlich herbeigeführt worden. Gewinnsüchtige Absicht hat zu unlauteren Machenschaften im geschäftlichen Verkehr so⸗ gar mit den für die Volksernährung und Unterhaltung un⸗ entbehrlichen Gegenständen geführt. Sowohl Produzenten als auch Händler haben die Waren aus dem Verkehr zurück gehalten, um die Nachfrage zu erhöhen und dadurch höhere Preisangebote zu erzielen.“ 3
Zum Schluß wird angeordnet:„Wer durch künstliche Preistreibereien oder durch unangemessene Verdienste im ge⸗ schäftlichen Verkehr mit Lebensmitteln oder Gebrauchsgegen⸗ ständen die Interessen der Allgemeinheit verletzt, wird öfffentlich namhaft gemacht werden.
— Brotmarken⸗Ausgabe. Nächsten Samstag werden die Brotmarkenhefte für die Zeit vom 26. Juli bis 8. August in den bekannten Ausgabestellen und gewohnten Stunden— 8—12 Uhr vormittags und 2—6 Uhr nachmittags— ausge⸗ geben. Wir verweisen auf die Bekanntmachung des Ober⸗ bürgermeisters.
— Eine Störung des Verkehrs gab es gestern nachmit⸗ tag in der Schloßgasse. An einem mit Backsteinen schwer beladenen Wagen brach ein Rad und der Wagen drohte umzustürzen. Man war genötigt, das Rad erst reparieren zu lassen, was eine geraume Zeit in Anspruch nahm. f
Gegen die hohen Fleischpreise. Um auf die hohen Fleischpreise einen Druck auszuüben und die Metzger zu zwingen, mit den Fleischpreisen herabzugehen, hat der Stadt⸗ magistrat von Füssen im Allgäu beschlossen, Schlachtungen in Regie vorzunehmen und das Fleisch an die Bevölkerung direkt abzugeben.— Höchstpreise für Fleisch. Die derzeit bestehenden Fleischpreise findet der Magistrat Deggen⸗ dorf in Bayern nach der Marktlage für ungerechtfertigt hoch. Er hat daher in seiner letzten Sitzung für den Stadt⸗ bezirk die Ladenverkaufspreise für das Pfund Ochsenfleischf auf 1,20 Mk., Rindfleisch 1 Mk., Schweinefleisch 1,30 Mk. und Kalbfleisch 1,10 Mk. festgesetzt.
In Mannheim wird scharf zugegriffen, um der Lebens⸗ mittelteuerung beizukommen. Nicht nur durch großzügige Ausgestaltung des städtischen Verkaufs, sondern auch mit marktpolizeilichen Maßnahmen. Auf Antrag des Stadtrates hat die Polizeidirektion eine polizeiliche Vorschrift erlassen, nach welcher der gewerbsmäßige Einkauf von Gegenständen des Wochenmarktsverkehrs auf sämtlichen Märkten der Stadt Mannheim und auf allen zu den Märkten führenden Zu⸗ fahrtsstraßen der Gemarkung vor 9 Uhr morgens verboten ist und der gewerbsmäßige Einkauf nach 9 Uhr morgens! nur zum Zwecke des Wiederverkaufs in der Gemarkung Mannheim geschehen darf. Das mag für manche kleine Wiederverkäufer, die bisher gewohnt waren, sich auf dem
kung vom 26. Juli ab für Berlin und die umliegenden! Wochenmarkte einzudecken, sehr unangenehm sein. Aber es —— 20*—
Diethelm von Buchenberg.
Erzählung von Bertold Auerbach. 28
Spät in der Nacht, als alles schlief, ging Diethelm ohne Licht hinab in die Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm die Kerzen sorgfältig heraus, tat das Kienholz in einen Sack, den er sich über den Rücken band, und stieg auf der Scheunen— leiter hinauf in den Speicher. In der Mitte der gradauf— stehenden Leiter, die er doch tausendmal auf und ab gestiegen war, überkam ihn plötzlich ein Schwindel, daß er nicht vor und nicht rückwärts konnte; er hing wieder wie über einem Abgrund zwischen Leben und Tod, und fast schrie er laut auf um Hilfe, aber noch hatte er Besinnung genug, zu überlegen, daß er sich damit ins Elend stürze, und mit letzter Kraft in sich hineinfluchend, stemmte er sich an und kletterte behend von Sprosse zu Sprosse und stand endlich keuchend auf dem oberen Boden. Er legte jetzt alles nieder, wo er stand, ja selbst die Pulversäckchen tat er aus der Tasche. Er öffnete einen Laden, um das Mondlicht hineindringen zu lassen, und saß lange ausruhend auf einem Wollballen. Endlich verteilte er das Kienholz in einzelne Schichten, die er zwischen die Balken legte; dabei sprach er fast laut vor sich hin:„Dorthin die eine, dort die andere Kerze und die dritte zwischen die aufgehobenen Bretter, daß kein Licht nach außen scheint. Ich muß sie kürzen, sie dürfen nur zwölf Stunden brennen.“— Jetzt hatte er Kienholz zwischen zwei Balken geworfen, aber es fiel so dumpf, er griff hinab, und ein Schrei des Ent— setzens ertönte, Diethelm hatte einen haarigen Kopf erfaßt; er zitterte, daß die Bretter unter ihm dröhnten, eine krallige Hand faßte nach seinem Munde.„Der Teufel, der Teufel!“ schrie Diethelm und sank lautlos zu Boden.
„Meister, Meister, ich bin's,“ rief jetzt eine Stimme, und Diethelm setzte sich auf. War das nicht die Stimme des Schäfers Medard? Wunderbar schnell war Diethelm gefaßt.
„Was tust du da? Du hast stehlen wollen, du Zucht⸗ häusler?“ rief Diethelm.
„Und wenn auch, was danach?“ erwiderte Medard spöt— tisch,„die Brandkasse bezahlt's doch.“
Rasch schnellte Diethelm empor, und mit den Worten:
„Ich erwürge dich, du krummer Halunk,“ warf er sich auf Medard, schleuderte ihn nieder und kniete ihm auf der Brust. „Ich will ja nichts sagen, lasset nur los,“ rief Medard mit halberstickter Stimme, und Diethelm gewahrte plötzlich, daß er zum Mörder habe werden wollen, und ließ ab. Wie anders war es plötzlich geworden, er hatte einen Mitwisser seiner Tat und war allezeit in der Hand eines Fremden.
„Guck,“ sagte er, und ihn selber schauderte vor dem, was er sagte,„ich bin einmal so weit, zurück kann ich nicht mehr, aber ich kann weiter gehen, ich muß es, wenn du mir nicht eine Sicherheit gibst, daß du nie— nie was redest.“
„Es gibt nur eine Sicherheit, nur eine einzige,“ er⸗ widerte Medard,„und die ist fester als tausend Eide.“
„Heraus, heraus! Was ist's?“ sagte Diethelm, die Hände des am Boden liegenden festhaltend, und dieser er— widerte:„Der Munde heiratet Eure Fränz, und wenn mein Bruder all das Sach kriegt, da ist die beste Sicherheit, daß ich nie was red'.“
Diethelm preßte vor Zorn die Hände des Medard zu⸗ sammen, daß dieser laut aufschrie, aber allmählich ließ er doch locker und sagte endlich:„Meinetwegen, ja, ja, es soll so sein, aber du mußt mittun und du mußt anzünden, wenn ich nicht da bin.“
„Das nicht,“ erwiderte Medard,„aber mit tu' ich, und wir schaffen noch ein gut Teil fort, ehe es losgeht.“
„Hast denn gestohlen?“
„Was fragt Ihr jetzt danach? Das ist jetzt alles lauter Schwefelhölzle, und ich weiß noch was, was Ihr vergessen habt; ich komm' morgen ins Spritzenhäusle, ich will helfen, die Spritzen vom Rädergestell auf den Schlitten bringen, und da will ich nur zwei Schrauben von der Spritze los— machen, dann mag man löschen.“
„Du bist nicht dumm, du bist gescheit,“ sagte Diethelm, und mit diesen Worten war der Friede zwischen den beiden geschlossen. Diethelm führte den Knecht, den in der Tat sein kranker Fuß vor dem Fall sehr schmerzte, sorglich die Treppe hinab und gab ihm Branntwein zum Einreiben.
Medard sprach viel davon, wie albern es wäre, wenn man nicht noch so viel als möglich beiseite schaffe, aber Diet⸗
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helm wehrte streng ab, er hatte das Wort auf der Zunge, aber er schämte sich, es zu bekennen, daß er nicht auch noch zum gemeinen Diebe werden wolle; er fühlte voraus den höhnischen Spott seines Genossen und wies nur auf die Ge⸗ fahr hin, die solches Beiseiteschleppen, ohne daß man's ahne, mit sich führt. Medard hatte wohl zu verteidigende Ein⸗ wände, und Diethelm fühlte sich geneigt, streng zu befehlen, daß alles nach seiner wohlbedachten Anordnung ausgeführt werde; aber indem er den Befehl aussprach, verwandelte er ihn in eine Bitte, und es klang fast wehmütig, wie er den Medard bat, um seiner Beruhigung willen nichts hinterrücks zu tun und alle seine Anordnungen auszuführen.
Medard hatte sich währenddessen gemächlich Knie und Wade eingerieben, und als jetzt Diethelm schloß:„Wir sind doch eigentlich ganz gleich, ich tu' alles wegen meinen Ver⸗ wandten und du tust alles wegen deinem Bruder,“ da schaute Medard grinsend auf und sagte:„Aber mein Bruder ist jetzt Euer einziger und nächster Verwandter; Eure Letzweiler Krattenmacher haben schon genug gekriegt, und für den Munde tun wir alles, und ihm muß alles bleiben.“
Diethelm biß sich die Lippe blutig über diese freche Rede, die ihm ins innerste Herz griff, aber er schwieg; er sah, wie der kecke Bursche ihn jetzt schon zu meistern begann, und schaute mit Grauen in die Zukunft. Er faßte einen tödlichen Haß gegen den Gesellen und stampfte auf den Boden vor Zorn und Reue, daß er ihn nicht erdrosselt hatte. Jetzt war das nicht mehr möglich, von der Stube aus hätten die Dienstleute im Nebenbau den Hilferuf gehört. Welch' ein ausgespitzter Bösewicht war es, an den er zeitlebens gefesselt war! Auch nicht einen Augenblick hatte er sich besonnen, die Tat zu voll⸗ führen, während er selbst doch so gräßlich mit sich gerungen hatte. Diethelm knirschte in sich hinein, da er die Unter⸗ tänigkeit gewahr wurde, in die sein immer noch weichmütiges Naturell gegenüber diesem versteiften, hartgesottenen Böse wicht geriet; äußerlich aber war er freundlich und zutunlich und nickte zu dem Vorschlag Medards, man müsse vom oberen und zweiten Boden Bretter ausheben, daß die Flamme vasch einen Durchzug fände, bevor sie hinausschlage.
(Fortsetzung folgt.)


