Oberhe
e Volkszeitung
Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 167
Gießen, Dienstag, den 20. Juli 1915
10. Jahrgang.
Glänzende Siege im
Dentsch⸗zsterreichisches Wirtschaftsbündnis.
Ende dieser Woche tritt in Berlin der Mitteleuropäische Wirt⸗ schaftsverein zu einer besonderen Tagung zusammen. Er will ein Problem erörtern, das schon seit Monaten einen außerordentlich starken Widerhall in der deutschen, österreichischen und ungarischen Presse und Literatur gefunden hat: die Schaffung eines engeren Wirtschaftsbundes zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Diese Frage ist nicht nur von großem politischen und wirtschaftlichen Interesse, sie muß, je nachdem sie gelöst wird, auch die Interessen der Arbeiter in den drei Ländern stark berühren.
Die organisierten Arbeiter aller kapitalistischen Länder sind zunächst grundsätzlich stets für eine engere wirtschaftliche Verbindung der verschiedenen Nationen eingetreten. Sie sahen mit Recht in einer engeren Verbindung des Verkehrs eine Bürgschaft für einen gleichmäßigeren und geregelteren Austausch der Waren und darin eine allgemeine Hebung der wirtschaftlichen Kultur. Der Krieg hat nun freilich auch die Blüten dieser Hoffnung arg geknickt, aber der Krieg dauert nicht ewig und die Probleme des Friedens zeigen ihre Kraft und Gewalt sogar schon während seine Stürme noch tosen. Ein Wirtschaftsbündnis zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutsch⸗ land ist ein solches Friedensproblem. Denn während des Krieges ist diese Frage gelöst. Das militärische Bündnis hat für die Dauer des Krieges ganz selbständig eine stärkere wirtschaftliche Rücksicht aufeinander erzwungen. Wir haben seit Anbeginn des Krieges einen sehr intensiven Kompensationshandel mit Oesterreich-Ungarn, d. H. wir tauschen bestimmte Warenquantitäten in bestimmten Ver⸗ hältnissen miteinander aus und es ist kein Geheimnis, daß diese Art Austausch weit glatter zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland als zwischen Oesterreich und Ungarn selbst sich abgewickelt hat. Die Absicht aller Erörterungen über dieses Thema geht nun dahin, für die Zeit nach dem Kriege eine möglichst enge wirtschaftliche Ver⸗ bindung zwischen Oesterreich, Ungarn und Deutschland herzustellen. Für die Durchführung dieser Absicht werden in der Hauptsache drei Vorschläge gemacht. Man will zunächst für die drei Länder unter sich eine möglichste Aufhebung und Erleichterung der Zölle herbei⸗ führen, also einen Zollverband schaffen. Dieser Zollverband soll dann einen einheitlichen Außentarif gegenüber allen anderen Ländern bekommen und drittens in diesem einheitlichen Außentarif bestimmten Ländern bestimmte Vorzüge gewähren. Es handelt sich also um ein Bündnis der Länder unter sich und um ein Bündnis der Länder gegen andere.
Das Wirtschaftsbündnis der drei jetzt so eng verbündeten Nationen untereinander und für die Wirtschaft des Friedens kann zweifellos auch von der Sozialdemokratie zustimmend begrüßt wer⸗ den, nicht nur aus den eingangs angeführten allgemeinen Grund⸗ sätzen, sondern auch aus den besonderen Verhältnissen heraus. Die sozialdemokratischen Parteien dieser drei Länder waren schon immer besonders eng verbündet und die nationalen Gegensätze waren zwischen ihnen, wenn man von einigen ungarischen und tschechischen Zwischenfälle absieht, die ausgeglichensten. Das Wirtschaftsbündnis der Länder untereinander würde zugleich auch einen starken Anstoß zu einem stärkeren Ausgleich des Arbeiterschutzes geben und die Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen kraft der verbündeten Gewerk- schaften verbessern helfen. Bedeutend anders aber liegt es für die organisierte Arbeiterklasse der drei Länder, wenn mit diesem deutsch⸗ österreichischen Wirtschaftsbündnis zugleich ein wirtschaftliches 9 gegen die andern Länder der Welt geschaffen wer⸗
en soll.
In dieser Hinsicht kann man nicht oft genug wiederholen, daß, wie der Kriegsausbruch die Beziehungen der Länder zueinander revolutioniert hat, so auch der kommende Frieden die Beziehungen wieder ganz anders gestalten wird. Nach dem Kriege wird der Weltmarkt wieder erstehen, und wenn auch zunächst vielleicht unter großen Schwierigkeiten und Gegensätzen allmählich wieder den inter⸗ nationalen Warenaustausch sichern. Es gibt kein Land der Welt, das sich wirtschaftlich auf die Dauer vollkommen selbst genügen könnte, alle Länder sind wirtschaftlich von einander abhängig und auf einen Verkehr miteinander angewiesen. Der Krieg kann diese zwingende Notwendigkeiten nur zeitlich unterbrechen. Das Ideal des Sozialismus ist ein wirtschaftlicher Weltverkehr möglichst ohne Hindernisse. Zugegeben, daß die Welt für dieses Ideal noch nicht reif ist wir wollen kein Mittel unversucht lassen, es zu fördern und jedes Mittel bekämpfen, das seine Verwirklichung hindert.
So weit also ein deutsch⸗österreichischer Wirtschaftsbund von vorneherein den Kampf gegen andere Länder in sich schließen soll, müßte die Sozialdemokratie ihn bekämpfen. Indessen wird sie dabei nicht vergessen dürsen, daß diese mögliche Kampfstellung des Bundes ja nicht von Oesterreich⸗ungarn und Deutschland allein abhängt, sondern ebenso sehr davon, wie sich die andern Länder der Welt⸗ wirtschaft und besonders unsere jetzigen Feinde zu einem solchen Bunde in der Zeit nach dem Kriege stellen werden. In dieser Hin⸗ sicht muß man die Bestrebungen beachten, die gegenwärtig besonders in Frankreich ihr Unwesen treiben und in einem Artikel des be⸗ kannten französischen Nationalökonomen Théry ihren klarsten Aus⸗ druck gefunden haben und in England bereits sehr lebhaft unterstützt werden. Diese französisch⸗englischen Bestrebungen gehen dahin, Deutschland und Oesterreich⸗Ungarn jetzt während des Krieges vom Weltmarkte, so weit er überhaupt noch für sie existiert, mit allen Mitteln der Gewalt ganz vollständig abzuschließen und für die Zeit nach dem Kriege auch nach Möglichkeit zu isolieren. Wenn diese Ab⸗ sichten jetzt und später Wirklichkeit werden sollten, so wird kein billig denkender Mensch etwas dagegen einwenden können, daß die Zentralmächte sich gegen den Vierverband kräftig wehren und im Kampf hart gegen hart setzen. Wir haben aber die Hoffnung, daß, wenn auch schon jetzt hüben wie drüben nach einem solchen Wirt⸗ schaftskampf auch für die Zeit nach dem Kriege geschrieen und agitiert wird, die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die nicht auf Kampf, sondern auf Verkehr und Verbindung drängen, die
Stärkeren sein werden.
1*
Tagesbericht des Großen Hauptguartierz.
Schwache Angriffsbemühungen der Frauzosen Die Russen von der Windau bis zum Bug geschlagen.
Rückzug auf der ganzen Front.
W. B. Großes Hauptquartier, 19. Juli, vorm.(Amtlich.
Westlicher Kriegsschauplatz,
In der Gegend von Souchez war nach verhältnis⸗ mäßig ruhigem Verlaufe des Tages die Gefechtstätigkeit nachts lebhafter. Ein französischer Angriff auf Souchez wurde abgeschlagen. Angriffsversuche südlich davon wurden durch unser Feuer verhindert.
Auf der Front zwischen Oise und den Argonnen vielfach lebhafte Artillerie- und Minenkämpfe.
Im Argonnenwalde schwache Angriffsversuche des Gegners ohne Bedeutung.
Auf den Maashöhen südwestlich von Les Eparges und an der Tranche wurde mit wechselndem Erfolge weiter gekämpft. Unsere Truppen büßten kleine örtliche Vorteile, die am 17. d. M. errungen worden waren, wieder ein. Wir machten 3 Offiziere, 310 Mann zu Ge⸗ fangenen.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
Deutsche Truppen nahmen Tukkun und Shinxt. Windau wurde besetzt.
In der Verfolgung des bei Alt-Auz geschlagenen Gegners erreichten wir gestern die Gegend von Hof zu m Berge und nördlich. Westlich von Mitau hält der Gegner eine vorbereitete Stellung. Westlich von Popeljany und Kurschany wird gekämpft.
Zwischen Pissa und Szkwa räumten die Russen ihre mehrfach von uns durchbrochenen Stellungen und zogen auf den Narew eab. Hier fechtende deutsche Reserve- und Land⸗ wehrtruppen haben in den Kämpfen der letzten Tage in dem jeden feindlichen Widerstand begünstigenden Wald- und Sumpfgelände Hervorragendes geleistet.
Die Armee des Generals v. Gallwitz drang weiter vor. Sie steht jetzt mit allen Teilen an der Narewlinie.
Südwestlich von Ostrolenka und Nowo⸗ Georgiewsk, wo die Russen nicht in ihren Befestigungen und Brückenkopfstellungen Schutz fanden, sind sie bereits über den Na re w zurückgewichen. Die Zahl der Gefangenen hat sich auf 101 Offiziere, 23 760 Mann erhöht.
Auch in Polen zwischen Weichsel und Pilika blieben die Russen im Abzug nach Osten.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Der am 17. Juli in der Gegend nordöstlich von Dzienno von der Armee des Generalobersten v. Woyrsch geschlagene Feind versucht in seinen vorbereiteten Stellungen hinter dem Ilzankaabschnitt die Verfolgung zum Stehen zu bringen. Die feindlichen Vorstellungen bei Ciepilo wurden von der tapferen schlesischen Landwehr bereits im Laufe des gestrigen Nachmittags erstürmt. Die⸗ selben Truppen sind in der Nacht in die dahinter liegende feindliche Hauptstellung eingedrungen. Ebenso beginnt die feindliche Linie bei Kasan ow und Baran ow zu wanken. Die Entscheidung steht bevor.
Zwischen oberer Weichsel und Bug dauerte der Kampf, der unter dem Oberbefehl des Generalfeld— marschalls v. Mackensen stehenden verbündeten Armeen den ganzen Tag über in unverminderter Heftigkeit an. An der Durchbruchsstelle der deutschen Truppen bei Pilaszko⸗ wice und Kras nostaw machten die Russen die ver⸗ zweifelsten Anstrengungen, die Niederlage abzuwenden. Eine ihrer Gardedivisionen wurde frisch in den Kampf geworfen und von unseren Truppen geschlagen.
Weiter östlich bis in die Gegend von Grabowiee erzwangen österreichisch-ungarische und deutsche Truppen den Uebergang über die Volica. Bei und nördlich Sokal drangen österreichisch-ungarische Truppen über den Bug.
Unter dem Zwange dieser Erfolge ist der Feind in der Nacht auf der ganzen Front zwischen Weichsel und Bug zurückgegangen. Nur an der Durchbruchsstelle westlich Krasnostaw versucht er noch Widerstand zu leisten.
Die Russen haben eine sehr schwere Niederlage erlitten. Die deutschen Truppen und das unter Befehl des Feld- marschallentnant v. Arz stehende Korps haben allein vom
16. bis 18. Juli 16 250 Gefangene gemacht und 23 Maschinen⸗ gewehre erbeutet.
Nach gefundenen schriftlichen Befehlen war die feind⸗ liche Heeresleitung entschlossen, ohne jede Rücksicht auf Ver⸗ luste die nun von uns eroberten Stellungen bis zum äußersten zu halten. Oberste Heeresleitung.
Ein Fangnetz für U-Boote?
Kristiania, 17. Juli. Die Morgenzeitungen melden aus Ber⸗ gen: Vier Mann von der norwegischen Bark Superior sind gestern in Bergen angekommen. Sie erzählen, daß sie auf der Fahrt nach Liverpool mit Holzladung 40 Seemeilen vor Liverpool bei klarem Wetter auf offenem Meere festgerannt seien, und zwar auf ein riesiges starkes Stahlnetz, das auf Gaskugeln quer durch das Fahrwasser ging. Beim Aufrennen entzündeten sich sofort vier Serienlichter. Diese waren in hohlen Baumstämmen, die 60 Zenti⸗ meter dick, nach unten zugespitzt und mit Karbid gefüllt waren, an⸗ gebracht. Das Schiff saß so fest, daß ein herbeieilender englischer Kreuzer es losbringen mußte, wobei das Schiff ein Stück des Netzes und zwei Lichtbojen zerstörte. Die Maschen des Netzes waren einen Quadratmeter groß, die Drähte einen halben Zentimeter dick.
Russische Kulturarbeit. Der Reichsregierung ist in diesen Tagen ein amtliches Protokoll
aus Petersburg zugegangen, das den Zustand des deutschen Bot⸗ schaftsgebäudes in Petersburg klarstellt. Das umfangreiche Proto⸗ koll wird von der Nordd. Allg. Ztg. abgedruckt und läßt erkennen, daß von dem prächtigen Polast eigentlich nur einige kahle Mauern übrig geblieben sind. Die Ueberreste der berühmten Kunftsammlung des Botschafters Grafen Pourtalés lagern als Schutt im Hofe.
Kriegsverrat.
Freiburg, 17. Juli. Am 16. ds. Mts. wurde vom Feld⸗ gericht der Etappenkommandantur Mülhausen der Real- lehrer Brogly, Mitglied der Zweiten Kammer des Elsaß⸗ Lothringischen Landtags, wegen Kriegsverrats zu 10 Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 10 Jahren verurteilt.
Niedard Brogly vertritt den Wahlkreis Habsheim⸗ Landsee und gehört der Zentrums fraktion an. Er steht im Alter von 37 Jahren und war zuletzt Lehrer an de Oberrealschule in Mülhausen.
Die Vergherren sagen der Regierung Fehde au.
Die Rhein.⸗Westf. Ztg., das Sprachrohr der herrschenden Ver⸗ sonen im Kohlenbergbau, bläst in einem erregten Artikel:„Der Ernst der Lage“ zum Sturm gegen die neue Verfügung zur Bildung von Zwangssyndikaten mit staatlicher Aufsicht. Komme sie zur An⸗ wendung, dann sei es mit der freien Entfaltung unseres Kohlen⸗ bergbaues vorbei: sie räume den Landes⸗Zentral⸗ und höheren Ver⸗ waltungsbehörden derartig weitgehende Befugnisse ein, daß der Bergbau in völlige Abhängigkeit von diesen Behörden geraten und keinerlei Rechte mehr haben würde. Herr im Hause wäre er nicht mehr, sondern müßte seine Preis- und Absatzpolitik nach dem Willen des Handelsministeriums und der Verbraucher regeln. Die über Nacht erlassene Verordnung wird als ein verstecktes Mißtrauens⸗ votum gegen den rheinisch-westfälischen Kohlenbergbau und seine führenden Persönlichkeiten angesehen. Da die Regierung jederzeit bereit sei, den Bergbau in staatliche Fesseln zu schlagen, so müßten gegenüber der drohenden gemeinsamen Gefahr alle Sonderbestrebun⸗ gen fortfallen, und der Syndikatsbau müßte schleunigst erneuert merden.
Und das alles, obgleich noch nicht sicher ist, daß die angedrohte Staatsaufsicht so gefährlich wird.
Friedenspropaganda in England.
Der Labour Leader teilt mit, daß nächstens im ganzen Lande eine Bewegung für einen baldigen gerechten Frieden beginnt. Der Nationalrat der Unabhängigen Arbeiterpartei, der gegen Monatsende zusammentritt, wird die Initiative dazu ergreifen. Die Porkshire-Bezirkskonferenz nahm eine Resolution an, welche die ausländischen Friedenserwartungen begrüßt und die britische Regierung auffordert, ihre Be— dingungen für eine Friedensverhandlung bekannt zu geben.
Französische Beängstigungen.
T. U. Paris, 19. Juli. Petit Parisien berichtet aus Remiremont, daß dort fantastische Nachrichten über die Operationen in den Vogesen zirkulieren, deren Quelle unbekannt ist und die bezwecken, der Be⸗ völkerung das Vertrauen und die Geduld, die sie bis jetzt gezeigt hat, zu nehmen. Der Bürgermeister von Remiremont veröffentlichte diese Tatsache und erklärte, daß die Verbreiter solcher Nachrichten als die Mitschuldigen der Feinde zu betrachten sind, und daß man dieser Kampagne ein Ende machen müsse. Die Militärbehörden be⸗ schlossen, die Verbreiter dieser falschen Gerüchte vor ein Kriegs⸗ gericht zu stellen.
Die Lage in Südwale?.
T. U. Lugano, 19. Juli. In Südwales hat sich, nach in Rom und Mailand vorliegenden Nachrichten, die Lage ver⸗ schlimmert. Die Arbeiter fordern nicht nur eine Lohn- erhöhung von 25 Prozent, sondern auch die Aufhebung des Munitionsgesetzes für Südwales. Nach dem Secolo nehmen die Arbeiter durch ihre Haltung eine ungeheure Verantwor- tung auf sich, da bei nicht sofortiger Wiederaufnahme der Ar⸗


