Beilage zur „Neuen Tageszeitung".
~ lt ' 1 _ Donnerstag, den 30. Juli 1914. l 7, Zahrgnng
Gedenktage.
äst. Juli. 1784 Leop. Schefer, Dichter, geb. — 1866 A. F. (ihr. Villmar, Theolog, +. — 1877 Niederlage der Nassen bei Plewna. — 1886 General Graf v. Bothmer j. — 1898 Otto Fürst v. Bismarck f.
lltr östkrrkilhiiche Knegsminister Krobatin.
lieber den österreichischen Kriegsminister tvird der „Bayerischen Landeszeitung" geschrieben:
Der General hat zwar die Sechzig überschritten und -il Ticnstjahre hinter sich, aber er ist so schlank wie ein Leutnant und geht so rasch, als ob ihn der Erdboden brenne. Er ist ein ungemein mäßiger und anspruchsloser Herr, ein Spartaner. So konnte nian ihn, als er noch Sektionschcs im Kriegsministerium war, täglich in einem kleinen Restcurant der Vorstadt mit zwei älteren pensionierten Stabsossizieren speisen sehen. In, Dienst ist er der fleißigste und rascheste Arbeiter. Er weiß, was er soll und will. Aber er verlangt von seinen Mitarbeitern und Untergebenen die gleiche Hin- >: ibc an ihrem Beruf und treibt seine Umgebung zu tüchtiger Arbeit an: „Wir haben keine Zeit zu verlieren, die Armee muß für alle Fälle bereit sein, wir können das Geld des Volkes nicht umsonst ausgcbcn, dieses erwartet von uns die höchste Leistung, wir können keinen Normalarbcitstag von acht Stunden verlangen, das müssen wir denen überlassen, die selbst keine Verantwortung tragen."
Krobatin ist fhr die Ocstcrreicher das Ideal einer Vorgesetzten, eines Geschäftslcitcrs und Ossiziers. Unterstützt wird diese Wertschätzung seines innerlichen Gehalts und seiner sichtbaren Fähigkeiten durch die äußere Erscheinung. Sein .stopf und sein Blick erhalten ihre Bedeutung nichr erst durch die Generalsuniform. Militärisch ist in dem sympathischen Gesicht der kräftige, zur Seite gestrichene Schnurrbart. Die Augen kneist er allerdings hie und da etwas zusammen, wie jemand, der vom vielen Studieren ermüdet ist. Aber seine Rede ist frisch, dabei nicht barsch, sondern gewählt, knrz und bcslimnit. Manchmal stockt er im Gespräch, wenn ihm ein Gedanke durch den Kops fährt oder wenn er eine Aus- druckogebung sucht, die die Situation präzis kennzeichnet.
Der alte Kaiser wollte absolut nichts mehr vom Krieg wissen und seine Ruhe haben. Wäre das Thronsolgerpaar nicht ermordet worden, dann hätten die serbischen Verschtvörcr ihr Unwesen noch weiter treiben können. Aber das Attentat und die Enthüllung seiner Urheberschaft hat dem Faß der österreichischen Langmut und kaiserlichen Geduld den Boden ansgeschlagen. Und selbst in diesem kritischen Augenblick mußte der schneidige ungarische Ministerpräsident Graf TiSza seine Persönlichkeit ins Mittel legen, um den zu milderer Tonart gestimmten Minister des Aeußeken, Graf Dcrchtold zu bestimmen, der diplomatischen Note an Serbien den scharfen Charakter eines Ultimatums „Entweder — Ober" zu geben und die Zustimmung des greisen Kaisers zu erhalten. Vorher aber fragte dieser noch bei Krobatin an: „Sind wir für den Kriegsfall gerüstet?! Nicht, daß wir wieder Enttäuschungen erleben oder gar Niederlagen! Krobatin, ich mache Sie verantwortlich und fordere Sie vor Gericht!" — Und Krobatin erwiderte: „Ich glaube Ew. Majestät vcc- sichern zu dürfen, daß die Armee in einem Stand ist wie nie
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des Knlgsjchallplahrs.
Tie nebenstehende Karte zeigt den Sn» »platz, aus den, sich di: nächsten Kämpfe abspielen tvcrden. Wie daraus ersichtlich, wird die Grenze zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien durch Flüsse gebildet. Im Nordosten, von Belgrad ab, bildet die Donau die Scheide zwischen den beiden Staaten. Die Save, die bei Belgrad in bei Donau mündet, bildet die nordwestliche Grenze und öch Druia, die ihrerseits in die Save mündet, begrenzt Serbien aus dcv Westseite nach Bosnien hin. Du serbische Hofhaltung hat sich nach Kragujevaes, der alten serbischen Hauptstadt, zurückgezogen, die sich jo ziemlich int Herzen von Altserbien befindet. Ter Sitz der VolkSvertre- tung ist nach Nisch verlegt, das noch tvciter von Belgrad liegt. Größere serbische Trnppenansanun» luugrn haben an dem Driuauiei stattgesunden und bei Semendiia während die Hauptstadt Belgrad ziemlich vott Truppen entblößt jcw soll
zuvor und ich glaube bestimmt, daß wir auch gegen etncn größeren Feind mit Erfolg operieren werden! Dafür setze ich meinen Kopf ein!"
Soviel steht fest: wenn der Ausfall eines Feldzuges vom Kriegsininister abhäugt, so darf man behaupten, daß Oesterreich diesmal eine bcsfcrc Kriegsaussicht hat als unter allen seinen Vorgängern seit inchr als hundert Jahren.
Nach Belgrad.
Von PaulCchweder,
Wien, den 2b. Juli.
Die Mobilisierung Oesterreichs hat sich anscheinend bis aus den Anhalter Bahnhof in Berlin erstreckt. Wenigstens sah der Eisenbahnwagen der K. K. Staatsbahn, den ich am Samstag Abend im D-Zug nach Wien besteigen muhte, so aus, als ob er bis dahin Dienst aus einer Strecke im dunlelste» Böhmen getan hätte. Dazu ein Andrang derer, die dieesn wahrsechinllch letzte» ordnungsmäßig lausenden Zug nach Wien, Pest und Belgrad noch benutze» wollten, dah im Handumdrehen kein Plätzchen mehr zu haben war. Natürlich war nach kurzen
schacsen Erklärungen alsbald auch der „Kriegszustand" da. Preußen schimpft« auf Sachsen, das den Zug durch sein« Schass- »er bi» T-schen zu bedienen hat, und Oesterreich schalt aus beide, weil cs das größte Interesse am Mitkommen hatte und kernen Platz fand. Erst allmählich kam es zur Verständigung, denn schließlich hatten wir ja alle ein Interesse und eine Fragc bewegte uns alle: Wird es denn überhaupt losgehen?
Bei der Abfahrt von Berlin lagen „o Depeschen vor, wo. „ach Serbien im letzten Augenblick zum Nachgebe» geneigt ge wese» sei, und so erwartet« man mit Spannung die letzten Dresdener Depeschen. Namentlich die österreichischen Ossizierr die aus den Ostseebädcrn und aus Berlin selbst plötzlich zu. rückgcrufen waren, wußten ihre Ungeduld kaun, zu meistern und verrieten sich dadurch trotz ihrer Zivilkleidunz. Eine un> verhohlene Eenugtuung zeigten die frischen gebräunten Kesich. tcr, als uns der Zeitungsocrkäufcr aus dem Dresdener Haupt, bahnhose um di- elfte Abendstunde uiiausgesordert das Ezlca- blatt mit den paar so inhaltsschweren Zeilen entgegenhiel», das die Abreise ocs österreichischen biesandten aus Belgrad lind die Mobilisierung der serbischen Armee meldete. Es gai keinen lauten Jubel im Zuge, ernst und schweigend drückten
Erna und Ilse.
Roman von T». Feußner.
16 (Fortsetzung).
Er wurde auf das Freundlichste empfangen und alle sprachen ihr Bedauern aus, daß dies voraussichtlich aus lange Zeit der letzte Abend fröhlichen Beisammenseins sein würde.
Nur Erna war nicht anwesend. Sie war zu ihrer Freundin gegangen und noch nicht wieder zuriickgekehrt.
Als es acht Uhr vorüber war und sie noch immer auf sich warten ließ, erbat sich Roderich, sie abzuholen.
Gern gestatteten es die Eltern, lag doch darin nichts Anstoß erregendes und überdies waren sie Roderich zu Danke verpflichtet, daß er die Tochter, welche sonst niemals über acht ansblieb, hcimgeleitete.
Frau Lange teilte Roderich noch mit, wie Erna arge- zogen sei nnd welchen Weg sie gewöhnlich einschlüge.
Und der junge Mann ging hochklopfcnden Herzens [einem Schicksale entgegen.
Unauffällig musterte er die Vorübergehenden, ob nicht Ernas schlanke Gestalt darunter sei. Lange ivar sein Suche» erfolglos und erst in einer menschenleeren Straße sah er sie auf sich zukommen.
Er befand sich in einer fieberhaften Aufregung, die Un- gewißheit, oder noch mehr die Hoffnungslosigkeit legte sich gleich einem beklemmenden Reifen um seine Brust.
Sic sah ihn nicht viel früher als bi» er sie begrüßte.
Mit fast tonloser Stimme erwiderte sie seinen Gruß, ihre Hand lag nitr einen Moment in der seinen, aber ohne den geringsten Gegendruck und kalt, wie damals, als er sic aus dem Wasser holte.
„Verzeihen Sie", sagte er, „daß ich es wage, Sic abzu- helen, Ihre Eltern ermächtigten mich dazu."
„Obgleich ich mich nicht fürchte, ist es mir doch angc- nehni, von Ihnen nach Hause begleitet zu werden", entgeg- nete sie.
Wortlos schritten sie eine Wette neben einander her, bis Erna das peinliche Schweigen brach mit den Worten:
„Sie reisen ja wohl morgen früh von Berlin ab?"
„Leider ja", erwiderte er traurig.
„Verlassen Sie Berlin gern?"
„Wie man es nimmt! Meine Abreise führt mich gleichsam an die erste Station meines Zieles nnd seinem Ziele merklich näher zu kommen, macht dem inneren Mann Freude' andernfalls scheide ich nur ungern von der Stätte nieinec süßesten Erinnerungen."
„Sic werden wo anders auch Freunde finden, welche sie eben so hochschätzen, wie wir cs taten, nnd werden auch bald in deren Mitte Berlin, mit deni was Ihnen unvergeßlich schien, vergessen: denn der Mensch vergißt das, woran er mit jeder Faser feines Herzens zu hängen scheint oft sehr leicht."
„Glauben Sic das nicht", gab er zurück, „so obersläch- lick>er Natur bin ich denn doch nicht. Was ich hier erlebt habe, was sich hier als süßeste Erinnerung in meinem Her- zen cingrub, kann und will ich nicht vergessen. Solange ich denken kann, bleiben mir gewisse Tage, Stunde» nnd Momente heilig und in meiner Seele fortlebend."
„Und darf ich fragen, welche diese sind?"
„Es sind die Tage, welche ich in Ihrer Umgebung verleben durfte, die Stunden, in denen Sie mir durch Ihr göttliches Spiel Bewunderung obzivangen und die Moment--, in denen ich Sie als Bewußtlose in nicinen Armen trug."
„Wie verliebt er ist", dachte sie, und sagte dann laut: „Es muß dem Manne, beut es vergönnt gewesen .ein Leben dem Tode zu entreißen, eigentümlich zu Mute sein. Das Bewußtsein, seine Pflicht getan z» haben, iiuiß ihm die Stunde, in der er Großes vollbrachte, weihen nnd unvergeßlich niachen"
„Das Bewußtsein, ein Menschenleben gerettet zu haben, ist allerdings erhebend", sagte er warm, „aber um wie viel erhebender der Gedanke, das Leben dem Tode abgcrunzen z»i haben, welches einem teurer als das eigene Leben, welches einem das Wertvollste auf der ganzen Welt ist."
„Und war Ihnen das Leben, welches Sie retteten, lo seuer?" '
„ES war mlr so teuer. daki, Kenn es mir nicht o«
Jungen wäre, dasselbe dein Tode zu entreiße», ich mich freiwillig ans den Grund des Sees gebettet hätte, um mich tut Toder mit der zi> Vereinen, welche int Leben nichts für mich empfindet."
„Halten Sic ei», Herr Tictzc", rief sie gebieterisch, ,,":>t- würdigen Sie nicht selber Ihre schöne Tat, denn ein Feigling ist, wer das, was ihm das Lebe» versagt, ini Tode sucht. — Was das Leben nicht freiwillig gibt, muß inan ihm abringen und ist dies trotz aller physischen und moralischen Kraft unmöglich, so entsagt der große Geist, wenn er auch nicht v'r- gessen kann: er sucht aber keineswegs Befriedigung und Hei! in einem Akte der Feigheit."
Diese mit großem Nachdruck gesprochenen Worte waren mehr als eine Zurechtwcisiing, und »iachten auf Roderich einen niederschmetternden Eindriick, den er hatte — verstanden.
„Was Sie mir eben sagten, war eine Lehre für mich", sagte er niedergeschlagen, „und hat mir zugleich die Gewißheit gebracht, daß mein Hoffen eitel war, daß ich entsagen muß, — derjenigen entsagen, sür die ich mit Freuden mein Leben gegeben hätte."
„Verzeihen Sic, wenn ich Ihnen weh tat, weh tun mußte", sagte sie Eittend, „nnd halten Sie mich nicht tü, undankbar und herzlos, weil nicht eingetreten, was Sic naturgemäß hoffen durften .... Sie haben mir mein Leben gerettet, dafür muß ich Ihnen dankbar sein, dafiir empfinde ich sür Sie eine warnie Freundschaft, die mir befiehlt, Ihne» die verstorbene Schwester zu ersetzen, aber weiter kann ich Ihnen nichts sein. Soll ich Sic aber belügen? Soll ich Ihnen Liebe beucheln, wo doch Kälte und Herzensleere herrscht? Wollen Sic mich an sich fesseln, um mich als welke Blume an Ihrer Seite dahinsiechen zu sehen? Haben Sie den Mut, niich durch eine Tat des krassesten EgoisniuS unglücklich zu machen? Wohlan, so sage ich ja! Hier stehe ich, nehmen Sie mich — denn — ich hoffe und erwarte — nicht — sehr viel — vom Leben mit seinen verlockenden Versprechungen-8
«Fortsetzung" folat.js


