Beilage zur „Neuen Tageszeitung".
Dr. 169
Mittwoch, den 23. Juli 1914.
7. Ial,rglmg
Gedenktage.
22. Juli. 1823 Ludwig Bambcrger, politischer Schriftsteller, ged. — 1848 Grosthcrzog Adolf Friedrich von Mecklen- burz-Strclitz geb. — 1870 Sprengung der Rheinbrückr bei Kehl. — 1895 Professor R. v. Gneist t, Berlin.
Das Errtehrmgsrechl der Mutter.
Eine juristische Plauderei.
Von vr. Han; Lieske, Leipzig.
Es ist ein Segen, daß das pulsierend« Leben über de>n loten Buchstaben thront und aus eigener Kraft und Macht daS Natürliche, Selbstverständliche, Zweckmäßige von alleine besser trifft, als wenn unser Denken und Handeln von lchristlichen Rezepte» allenthalben geknebelt würde. Das in Befugnis zu persönlichen Gestalten unserer Lebensführung wohnende Glück aber erweist sich sonderlich grob, wo cs sich um die Rechte handelt, die unser Volk unseren Frauen und Müttern bei der Teilnahme an der Kindererziehung willig und dankbar einräunit. Wir bestaunen immer von neuen« die Selbstverleugnung der Mütter, die in der Sorge um daS geliebte Kind Zweck und Aufgabe ihres Daseins erschöpfen und die vom ersten Schrei des Neugeborenen an das Kind voll inbrünstiger Glut hegen und pflegen und allzeit mit rührender Geduld und seellsch schadet und zu entwickeln und zu fördern, war ihm frommt. Betrachten wir unsere deutschen Hausfrauen und Mütter bei dieser ihrer nimmermüden Arbeit, so verwundern wir uns nicht, wenn ihr Einsluh und ihr llebergewicht bei der Erziehung des Heranwachsenden Spröstlings vor dem durch BcrusSgeschäfte und ErwerbS- lorgen oft ganz in Anspruch genomnienen Vater sich fühlbar niackicn. Und dort, wo zwischen Mann und Frau Eintracht und Verständnis herrscht, wird auch jeder dem anderen gern in Erziehungsfragcn den Plah gönnen, der ihm den Lebens- Verhältnissen nach gebührt. Erst wo das Band der Harmonie sich lockert >«nd dadurch Erziehungsstreitigkeilen wach werden, küinmert die Eheleute das Problem: „Mas sagt das Recht zu unserem Streit?" In wessen Hände legt das Gesetz die ttindererziehung? Hören wir, wie >«nser Reckst darauf antwortet. Es ist nicht eben allzuviel, was unseren Frauen während des Bestehens der Ehe da zugebilligt wird. Grundsätzlich ist freilich die Erziehungsmackst gemeinsame? Elterngut: das verbrieft das Gesetzbuch unseren Frauen ausdrücklich: sofern es die Mutter an der gesamten Sorge um die Person des Kindes beteiligt. Neben dem Vater darf also die Mutter nickst nur Gemüt und Charakter des Kindes bilden helfen: nein, auch in allen anderen persönlichen Angelegenheiten deS Kindes ist sic die Mitregentin, demnach issts beispielsweise ihr gutes Recht, über die Beaufsichtigung und den Aufenthalt des Kindes ein Wort drein zu reden. Wollte der Mann ohne plausiblen Grund die Stimme der Frau stets einfach ignorieren, so bedeutete das eine Rechtsverletzung.
Wohl wird in« Effekte doch durch eine zugunsten de? Mannes bestehende Ausnahme erheblich gesthmälcrt. Bei einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Eltern geht nämlich die väterliche Meinung vor. Danach bleibt von der Gleichberechtigung nickst allzuviel übrig. Denn sagt z. B. der Vater: „Ich halte es für richtig und geboten, dast mein
Eine merkwürdigsten Persönli«l>keitcn Albaniens ist der Führer der Meriditten Prenk Bibdoda.
Prenk Bibdoda läht den Fürste» immer noch in« unklaren über seine Absichten, ob er ihm mit seinen Landsleuten zu Hilfe kommen wird, oder ob er sich doch noch den Aufständischen anschließt.
Junge Fleischer wird", während die Mutter zu gerne einen Bäcker aus dem Knaben machen möchte, so gibt es vor Gericht darüber weiter keinen Streit: der Knabe wird einfach Fleischer. Unser Recht schenkt eben dem Vater von Gesetzes- wegen bei allen Mcinungsdifferenzcn von vornherein den Sieg. Mithin kann niemand den Herrn des Hauses hindern, bei Unstiminigkeiten selbstherrlich zu entscheiden. Nur sind seiner Macht insofern Schranken gesetzt, als er seiner Frau nicht sagen darf, sie habe prinzipiell in die Erziehung überhaupt init keinem Wort hineinzuredeu. Irrigerweise nimmt man vielfach an, die derart um ihr gutes Recht bestohlene Mutter müsse die Hilfe bei dem Vormundschrsts- gericht suchen >«»d finden. Das Vormundschaftsgericht hat sich vieluiehr um derlei Zwistigkeiten nicht zu kiinunern. Ueberhaupt gehen die'Meinungen darüber, wie sich die Frau ihr Recht versck>afft, weit auseinander. Aber der Prozestweg dürfte ihr jedenfalls int Kampfe »in ihre ihr vom Gesetze geschenkten Befugnisse nickst zu versagen sein. Hat also estva rin eigensinniger Vater seine Tochter nach auswärts in Pension gegeben, ohne der Mutter den Aufenthalt zu ver- raten, so stünde cs ihr frei, auf Bekanntgabe des ihr von« Manne verheiinlichten Aufenthaltes ihres Kindes zu klagen.
Nur wenn der Vater an der Ausübung der elterlichen Gewalt tatsächlich verhindert ist oder wenn seine elterliche Gewalt ruht, übt die Mutter während der Dauer der Ehe diese Gewalt allein aus: das Erziehi«ngsreckst lastet dann also lediglich auf ihren Schultern. Das wird z. B. der Fall sein, wenn der Vater sich wegen Krankheit oder wegen Abwese».
hcit auf Reisen oder in einer Strafanstalt oder «veil er ge- schästsunsähiq wurde .tatsächlich ansterslande sieht, sich um fi in Kind zu kümmern.
Mistbraucht dagegen der Vater seine Erziehungsbefugnis ganz offenbar, sosern er etwa das Kind vernachlässigt oöei sich eines ehrlosen Vertialtens schuldig niacht. so tritt dar»,, die Mutter noch lange nickst als Erzieherin an seine Statt nein, sollhonsalls hat das Vonnnndschnftsgericht die zi«r Al» Wendung der Gefahr erforderlichen Mast regeln vielleicht durch lleberwcisnng in eine geeignete Familie — zu treffen.
Zun, Tröste für die nach alledem von, Gesetze nickst eben länzend beschenkte Fra» mochte ich ans meine Ausgangs- orte znrückgreisen: unser hier geschildertes Recht sess.-lt mit- Nichten die Erziehnng-sfälügkeiten der Mutter, sondern will allein in, Streitfälle ans d,e Entscheidung weisen. Ob diese Fingerzeige noch allenthalben zeitgeniäst sind, das allerdings ist eine zweite Frage.
Kindendliile.
Ru» umschmeicheln uns wieder die siitzen balsamischer, Düste der Lindenblüte. Vor allem des Abends, wenn die Tonne unlergeht, quillt der berültende Odem aus den Laubkro- »e.i der Lindenbäume, uns daran erinnernd, datz das Jahr aus seiner bähe steht. Weithin trägt oft der Abendwind den Lrnöend. 'lenovst über Feld und Ga.ren, e- vermischt stch mit dein Dufte der Rosen und teilt ,ich den Düften der Sommer, blumen mit. Zahlreiche Schwärme vo» Jnfette» werde» durch ihn herbeigeloelt, die sich a» dem reichlichen Rettar, der sich
fruchtend. Namentlich den Bienen, welche die über und übel mit Blüten bedestten Wipscl in mächtigen Schwärmen umsuw me», bietet die blühende Linde cms der reichsten Erntefelder und sie solle» ihm de» reichsten und weitzcsten Honig cntneh men. Die getrostneten Lindenblüten geben eine» in der Boltsheilkunde seit alten Zeiten beliebten heilsamen Tee. Di» Linde ist der einzige einheimische Baum, der nicht wie unser, anderen holzgewächse im Frühling, sondern erst im Somme blüht. Diese» späte Blühen ist die Folge einer eigentümliche Entwistlungsweije der Blutenknospen, in der sich erst ein zweite Knospe bildet, die dann die Blütendolde liefert, deiei Stil mit der Knospenjchuppe, in deren Winkel er hervortritl verwächst, während diese sich zu einem gclbgrünen Flügel ans bildet, der die Frucht nach der Reife weit davontragen kann. Zwei Arten der Linde sind bei uns einheimisch, die grohbiä: terige oder Sommerlinde und die kleinblätterige oder Winter linde, die acht bis vierzehn Tage später blüht, in allen ihren Teilen kleiner ist, und deren Blüte nicht so stark duslet wie die Sommerlinde. Die Linde ist ein urdeutscher Baum. Schon die alten Germanen pflanzten sie in die Mitte ihrer Ansiedlungen, unter ihrem Wipsel fände» ihr gesamtes össentliches Leben, ihre Andacht, ihre Beratungen, ihr Gericht und ihre
Römerbmtinen
Hervorragendes Tafelwasser.
Erna und Ilse.
Roman von D. Feustner.
9 (Fortsetzung).
Es gab allerdings auch Vergnügungen, für welche sie beinahe schwärmte und dies waren in erster Linie die Dampferpartien, hinauf über die Oberspree bis in den Sprcetvald. Nur eininal hatte ihr bisher der Vater diesen Wunsch erfüllt, doch die wenigen Tage zählten zu den schönsten ihres Lebens.
Wie herrlich war es aber auch, als sie auf Deck stand und herniederblickcnd sah wie der Kiel des Schisses Silber- surchen durchs Wasser zog, wie cs aufschäumte und spritzte, uin sich dann in kleinen zornigen Wellen am User zu brechen. Zweimal erblickte sie hier daS tiefe Blau des Himmels, das sich, ein Bild der Treue, im Wasser widerspicgelte. Und das Stanipfcn der Maschine — ihr war cs nicht lästig, erschien cs nicht monotn, sie hört cs gern. Als man damals in dem Spreewald angelangt war, hatte sie ganz allein einen Spaziergang unternommen. Sie fürchtete sich nicht, fand auch nichts Unschickliche-? darin, als Dame allein den düsteren, geheimnisvollen Wald zu durchstreifen. Sie fühlte sich am glücklichsten, wenn sie dir tiefste Waldeinsamkeit unr- sing. Das Rauschen der allen Bäume, das Knarren zweier sich aneinander reihender Tannen, das Auffliegen eines Vogels, oder Aufschrecken eines Wildes bäuchte ihr märchenhaft schön und sie schätzte die Menschen glücklich, die in dieser Umgebung leben durften. Als Allerschönstes schwebte ihr vor, an herrlich'i» Sommretage im kühlen Schatten der Waldrrescn zu schlummern und zu träumen I Ob man ar.f sckstvcllenden, Moose, über sich das grüne Blätterdach, cinge- wiegt vom Gesänge der befiederten Waldbewobner, Wohl das Gleiche träumte, wie in den schneeigen Kissen des Väter- lichen Hauses? Wie gern hätte sie hierauf Antwort gehabt, tonn cs selbst probieren, — nein, daran war nicht zu denken.
„Ihr glücklichen Landmädchen, wie bewundere ich enre Umgebung niid wie beneide ich euch um dieses märchenhast: Idyll!" hotte sie arisgerufen. Doch die Tage verslossen nur ui lcknell und bald arna cs wieder beim.
Sie sah nach der Uhr.
„Gott sei Dank, schon eine Stunde nach Mitternacht", sagte sie zu Hedwig, „ich bin so müde, zwar nichr schl-.fm ide. aber e>,-.c Erlchlasiung drückt mich nieder — i ch rnächte so gerne allein sein."
„Mir gesollt e? hrnte aber sehr gut, Erna",
».Ich freue mich, wenn Du Dich amüsierst."
So rerslos: noch eine halte Stunde nach der anderen b.S i.iaii endlich Anstalten traf, aufznbrechen.
Vor der Türe sagte der Kaufman zu den beiden Freunden, sie inöchctn da? etwas sonderbare Benchinen seiner jüngst:» Tochter cnischuldigcn, sic habe eine ganz eigenartige Weltanschauung und fass« wohl am besten i» ein Kloster. Dann bat er noch, rccht bald wieder zu koiiimen und inan verabschiedete sich v:i: herzlichem Händedruck.
„Ei» sonderbares Mädchen, diese Erna", meinte K»l aus dun Heimwege.
„Auch mir kam sic höckist interessant vor", sagte Roderich, „doch meine ich. dast, wenn man sie aitsinerksam studierte und hrrausfände, sich ihr anznpasse», sic sich bald ändern würde, aber eS gehört graste Vorsicht und Geduld dazu."
„Soll ich einmal eine Probe machen, die stolze Löwin zu bändigen?" sagte Karl und warf sich selbstaesällig in die Brust.
„Dir gelingt e? auf keinen Fall, denn Wasser und Feuer lasse» sich schleckst niischen."
„Du kennst mich »och nicht, mci» Lieber, wenn ich einige- nrole allein hingehe, wirst Du bald eine» Erfolg sehen."
„Gut. versuche es", meinte Roderich, „last Dich aber nicht znrückschlagen."
Trotzdem das Mädchen auch ans ihn einen grasten Eindruck gemacht hatte, hegte Roderich doch tveuig Hosfirnng, dasselbe für sich z» gewinnen, den» er glaubte in de» wenige» Stunden erkannt zu haben, dast das junge Herz nur durch ein graste? Ereignis auszurütteln sei und erst in dem Erwachen die Hosfnnng läge, die Svrache eines «»deren Herzens verstehen zu lernen-
III.
Einige Abende »ach der im vorigen Kapitel geschilderten Geburtstagsfeier ging Karl allein zu Langes, um, wie er sagte, nach der Familie des Kaufurann zu sehen.
Er fand diese vollzählig zu Hause und bald tvar r»an in animierter Stiimnung, denn man hatte gerade an de.» lustigen Karl Gefallen gefunden, zumal noch ein vorteilbist vornehmes Aeustere z» seinen Gunsten sprach. Rur Erna verhielt sich wie am Abend des Geburtstages und hätte sich am liebsten sofort zurückgezogen, doch blieb sie aus den ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters. An Gehorsam gewöhnt, tat sie, waS ihr als Kind den Eltern gegenüber zukanr, stets ohne Widerrede.
Der Vater bat sie, etwas vorzutragen und sofort erklangen ihre schwermütigen Lieblingsweisen, vermischt mit dem zarten Silberklange ihrer lieblichen Stimme und Karl erkannte immer deutlicher ihre eminente Begabung und Leistungsfähigkeit aus musikalischem Gebiete.
„Spielen Sie auch gerne Volkslieder, die Schuberts Genius geschassen", fragte er.
„Sogar sehr gern!" , _
„Wollen Sie mir dann daS nach Ihrer Meinung schönste Lied dieses Meisters spielen?"
Er wollte auf diese Weise ihren lvohren Geschmack und Kunstsinn prüfen.
„Sie wissen doch, wie eigenartig ich hierüber »rieft", warf sie ein.
„Gerade destvegen möckste ich auf meiner Bitte bestehen."
Ohne noch ein Wort darüber zu verlieren, begann sies Am Brunnen vor dem Tory Da stetst ein Lindenbaum,
Ich träumst in seinem Schatte»
So manchen sähen Traum,
Ich schnitt in seine Rinde So manches lieb« Wort,
Es zog in Freud' und Leid«
Zu ihm rnich fort und fort I -»
(Fortsetzung sollst), '


