Ausgabe 
20.7.1914
 
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Mnrnrner 167

Montrry. den 26. Juli 1914.

7. Jahrgang

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zled erficht.

Dem bisherigen Bürgermeister von Zabern. Knoeps- Irr, der wegen seiner Haltung bei den Zabcrner Vorgängen bekannt war, ist die Bestätigung des Statthalters nicht er- teilt worden. Er war bei der Gemeinderatswahl mit 17 von 23 Stimmen von den Mitgliedern gewählt worden.

In den Gewässern um Groß-Berlin ertranken am gestrigen Sonntage beim Baden nicht weniger als 8 Personen. Unter Ihnen befindet sich auch der Leutnant der Reserve, Freiherr von Ziegel aus Wilmersdorf.

In der Grube Böikstein am Rathaußbergc bei Bad Gastrin, kamen ei» Obersteiger und 11 Bergleute durch Kohlenoxidgas ums Leben. Vermutlich hat das Unglück einen so großen Umfang angenommen, weil mehrere Berg­leute einem durch Gase gefährdeten Bergmann zu Hilfe kommen wollten. Bei diesem Versuche kamen dann auch die Hilfsmannschastcn um.

Im Austrage des französischen Ministers deS Innern wurde in ArraS gestern ein gewisser Gelee verhaftet. Dieser hatte in einem anarchistischen Blatte, dos sichle grand soir" (der große Abend) nennt, einen Artikel veröffentlicht, indem er die Ermordung deS Thronfolgerpaares billigte. Auf Grund des Artikels wurde gegen ihn Anklage wegen Auf­reizung zum Mord und Vergehens gegen das Prcßgcsctz erhoben.

Infolge des DäckcrausstandcS in Moskau ist eine ungehciikre Brotvcricurrung kiugctretcn und der Preis

steigt täglich noch. Tie ärmere Bevölkerung befindet sich in einer schlimmen Lage. Eine große Anzahl Bäckereien Hot ihren Betrieb cinstellen müssen, insgesamt feiern 8000 Ar­beiter.

i Tie erste Division drS zweiten italienischen Schlacht- schissgrschwadcrS und sechs Torpedojäger verließen am Samstag Spezia, um den Herzog der Abbruzzen in Genua an Bord zu »chmcn und sodann unter dem Kommando d^s Admirals A. d'Astc in unbekannter Richtung in Sec zu gehen.

Ter österreichisch ungarische KreuzerSzigctvar", der vor Smyrna lag, hat Befehl erhalten, sofort nach Balona auszulaufen.

In der Nacht von Samstag zum Sonntag wurde

die Stadt Turazzo durch einen Angriff der Aufständischen beunruhigt. Das Gefecht, unterstützt durch Maschinenge­wehr- und Schiffskanoncnfeucr, dauerte länger als eine Stunde. Der KreuzerBreslau" landete 120 Mann, die cbcr nicht zum Eingreifen kamen. Der deutsche Gesandte hatte im Streife der Freiwilligen eine Besprechung mit den» Fürsten, der sein Bedauern über die in den letzten Tagen vorgckommcncn Streitigkeiten unter den Freiwilligen aus- sprach. .

Nach Meldungen, die an Wiener unterrichteter Stelle eingetrofsen sind, hat sich die Lage in Dalona wesentlich ge­bessert. Die Epirotcn sollen ihren Vormarsch auf Dalona eingestellt haben und wieder an die Nordgrcnze des nörd­lichen Epirus zurückgckchrt sein.

Die größte Hitzewelle der Saison lagert über New- pvrk. Es besteht nicht die geringste Aussicht auf ein Nach­lassen dor kolossalen Hitze. Im Laufe des gestrigen Tages wurden wiederum drei Todesfälle durch Hitzschlag gemeldet, ebenso eine größere Anzahl von Erkrankungen.

ver belohnte Wrlnm sianü.

Herr G, I. Waltz, genanntHaust", der sich den deutschen Gerichten so mannhaft entzog, um Franzose zu werden wie seine Vater Württemberg,:! gewesen find, dürste alsbald der Held größerer sranzöstsch-nationalistischer Ovationen werden. Einst­weilen setzt der Bcgeisterungsboom freilich erst langsam ein. Um ihn etwas zu beschwingen, hat Herr M. Erumbach, ein sozialistischer Agitator aus Mülhausen, ein gutes Beispiel ge­geben. Lei den letzten Eemeinderotswahlcn in Kalmar hat­ten die Liberalen und Sozialdemokraten gemeinsame Sache gegen die Nationalisten gemacht. HerrnHonst" als nationa- lcstische» Partccsiihrer ärgerte das nicht wenig, und um seinem Zorne Ausdruck zu geben, vcröfscntlichtc er eine seiner bekann­ten kunstreichen und geschmackvollen Karrikaturcn, woraus er den Liberalismus und die Sozialdemokratie als zwei Zuhälter abzcichnete, die den vornehmen Nationalismus (er trägt sogar einen Zylinder) in einer dunklen Vorstadtstraße meuchlerisch erdolchen. Da er sich durch das Porträt des fozialdcmolrati- schc» Zuhälters getroffen fühlte, strengte der Agitator Erum­bach gegen HerrnHaust" die Beleidigungsklage an.

Nun aber, nachdemHonst" durch feine Leipziger Berur- teilung und seine mukige Ausreißerei ein französischer Natio- nalhcld geworden ist, hatG-noste" Erumbach eiligst an Pa­riser Blätter telegraphiert, daß er nun ein Mittel habe, um persönlich gegen die BestrafungHonst" zu protestieren! Ob­wohlHans," eineniederträchtige und verleumderische Karri- katur" gegen die Kalmarer Sozialdemokraten veröffentlicht habe, ziehe er,Ecnosse" Erumbach. seine Privatklage gegen Haust" zurück, um sich mit ihm solidarisch gegen die deutschen Nlckitcr au erklären.

Zwei Ritter, die sich zusammcnfandcn, find einander wert. Der tapfereHaust" und der großmütigeEenoste" Erumbach, der noch im Augenblicke, wo ihn der Edelmut Lbermannt, dem Gegner di« Absicht der Niedertracht und Verleumdung ausdrück­lich bescheinigt.

Eine Anzahl französischer Zeichner, an deren Spitze sich der Karikaturenzeichner desFigaro", Forrain, befindet, hat eine öffcntlihe Ecldsammlung eingeleitct, um dem Zeichner Haust beizustehen, und ihm die Vermögcnseinbußc zu ersetzen, die er durch den Vorfall seiner Kaution von 25 000 Mark erlitten hat. Die vomFigaro" veröffentlichte erste Liste schließt mit einem Bcttag von 1080 Francs ab. Wo Haust erscheint, kriegt der Klingelbeutel Arbeit. Auch die 25 000 Mark waren zusam- mengcbeltelt.

prMilimn pt Ml in tabiauGkhIün.

DieKonservative Korrespondenz" schreibt:

Nur wenige, die den Vcrhältnistcn dieses Wahlkreises ferner standen, haben mit einem Siege des konservativen Kandidaten im ersten Wahlgange gerechnet. Ihnen scheint der Einwand, die Konservativen hätten wiederum nur die Stimmen der bauptwahl (8556) vom Januar 1812 auszu­bringen brauchen, geschweige denn die Stimmen (9104) der damaligen Stichwahl, um ihre beiden Ecgncr (der Sozial dcmoikatie erhielt diesmal nur 2182 Stimmen) mit einer kleine» Mehrheit von etwa 10 Stimmen zu werfen lehr nahe zu liegen und aus der Seele gesprochen zu sein. Wer das einwcndet, beachtet nicht, daß die Erntearbeit viele Wähler verhindert hat, ihr Wahlrecht auszuüben. Es gibt stets unvcrbesicrliche Säumige, denen das Hemd des eige­nen Heims mit seinen Pflichten näher sitzt, als der Rock der politischen Rechte: auch die Leute sind nicht gerade dünn

gcsäet, die in großer Seelenruhe beschließen, in der Stich­wahl, zu der es nach ihrer Uekcrzeugung doch kommen , müsse, ihre Schuldigkeit zu tun. Andere wieder sind kopf­scheu geworden durch die gewissenlose Agitation des Fort­schritts, der neben dem Ecspcnste des schwarzblauen Blocks, Vas nun einmal zu seinem eigenen Bestände gehört, die Wiederlchr der Leibeigenschaft und neue Steuern aus die schwachen Schultern a» die Wand malte. Auch die häßliche Methode, konservative Partcibcamte als bezahlte Söldner hinzustellen, trug ihre Früchte. So mag mancher, angewi- dcrt von dem Wühlsystem, das die Schrittmacher des Par­lamentarismus ihren großen Vorbildern jenseits des Ozeans abgelaujcht haben, wahlscheu daheim geblieben sein. Na­türlich ist der Jubel der Fortschrittler groß. Wer bei den allgemeinen Wahlen nur mit einer Null prunken konnte, hat cs eilig und nötig, jeden, wenn auch kleinsten Erfolg aufzuputzen zu einem große» Siege. Der Fortschritt, als einziger, hat einen Zuwachs von 273 Stimmen zu verzeich­nen, welche ein Triumph! Besonders groß ist die Freude desBerliner Tageblattes" fNr. 357). Man braucht nur die Leitgedanken zu lesen, wieErfolg im dunkelsten Ost- clbicn",Martyrium des fortschrittlichen Kandidaten". Neuauflage des Mettcrnichschen Systems", um eine Schrek- keu vor dem konservativen Allerwcllstcusel zu bekommen und einen heillosen Respekt vor dem Fortschrittskasperle, das ihn erschlagen hat. Nüchtern gelobt derVorwärts" (Nr. 102 und mit ihm die Sozialdemokratie:Unsere Ge­

nossen werden jcdcnjalls dafür sorgen, daß der Kandidat des Junkertums diesmal aus der Strecke bleibt." Dem ver­einten Ansturm der bürgerlichen und sozialistischen Demo­kratie gegenüber werden die Konservativen in Labiau- Wehlau alle Kräfte anjpannen und die Lauen, Säumigen und Verzagten auszurüttcln und aufbictcn. Wenn jeder Konservative seine Schuldigkeit tut, kann und wird der Wahlkreis von der Partei gehalten werden. Gerade die Tatiache, daß die Konservative Partei am aufrechtesten und beharrlichsten dein Umstürze, dessen Hclsershclser der Fort­schritt ist, die Spitze zu bieten sucht, daß sie ihm so sehr ver­haßt ist, wird ncch manchen Wähler in Labiau-Wehlau ihr zusühren."

DieBerliner Neuesicn Nachrichicn" bemerken:

Auch in Ostpreußen herrscht seit etwa zwei Wochen eine trockene Hitze fürchterlicher Art. 27 bis 30 Grad im Schat­ten. Dabei Ernte-Arbeiten und Wahlversammlungen und Wahltag Agitation zusamcnen das ist ein bißchen viel zu gleicher Zeit und nach den schon rorausgcgangenen Wahl­agitationen. Hochsommer ist schlechte Wählenszeit auf dem Lande. Anscheinend deshalb hatte die Regierung nach dem Tode des Herrn v. Masiow, des bisherigen Abgeordneten für Labiau-Wehlau, die Festsetzung des Wahltermins Io be­schleunigt. Die Freisinnigen zürnten, weil ihnen dadurch die Gelegenheit zu umfassender und eindringlichster Agiat- tionzugunsten der Konservativen eingeschränkt würde (man hätte aber auch sagen können: zugunsten des Wahlrechts

der ländlichen Kleinbevölkerung). Nun ist ihnen Phöbus- Apollo zu Hilfe gekommen. Infolge der schier tropischen Hitze war im Kreise Labiau-Wehlau die Ernte überall im vollen Gange. Aus die Wählerstimmen der Konservativen mußte das am meisten drücke». So erklärt cs sich auf ziem­lich ungezwungene Weise, daß der konservative Kandidat, Amtsrat Schrewe 831 Stiminen weniger erhielt als seiner­zeit Herr von Maüow. Allerdings mußten di« Konfcrvali-

ven, die ohnehin schon, nach Graf Westarps Wort, im Reichstagdas bittere Brot der Minderheit" rsten, jetz: alle Kräfte daran fetzen, sich den Wahllreis zu erhalten Sic habe» auch sicherlich befondcrs fleißig gearbeitet. In sofern könnte man an einen leisen Rückgang der konser­vativen Seche nach diesem vorläufigen Ergebnis glauben. Aber man muß erstens die Erntcarbciicn in Betracht zvhen u. zweitens die Möglichkeit, daß manche Landlcute sich sagen: Cs kommt ja doch wieder zu einer Stichwahl und da ipflrcn wir uns den Gang zur Wahlurne bis dahin aus."

DieGermania".

Angesichts des erbitterten Wahilampfcs könnte es be- sremdcn, daß diesmal die Wahlbeteiligung weit geringer wur als bei der Sauptwahl von 1912: damals stimmten

!7 20 f. Wähler ab, diesmal jast 1100 weniger: aber die Er­klärung dajür lieg! sehr nahe. 1912 sandcn die Wahlen im Ianauc statt, die letzte Ersatzwahl aber im Sommer, niittcn i» dringenden landwirlschajilichc» Arbeiten, die namentlich viele ländliche Wähler von der Ausübung des Wohlrcchts abzehaltcn haben dürjic». Davon, daß cs den Konfcr valivcn gelingt, dicjc Ausgcbiicbcncn bei der Stichwahl an die Urne zu bringen, wird cs i» der Haupljachc abhängcn, ob ft das Mandat zu behaupte« vermögen. Jedenfalls be­darf es der größten Anstrengungen, wenn sic Sieger blei­be» wollen, denn auch der Liberalismus wird das Höchste daransetze», den Konservative» den Wahlkreis zu entreißen. In diesem Bestreben Hai er sich der nachdrücklichsten Untcr- slützung der Sozialdcmokraien zu erfreuen, die derVor- wart»" mit folgende» Worten ankündigt:Unsere Genossen werden jedenfalls dafür sorgen, daß der Kandidat des Iun- ltrtums diesmal aus der Strecke bleibt. Damit wäre allerdings auch ccn allenfallsiger srcisinnigcrSieg" schon von vornherein in seinem wahren Werte genügend gckcnn» zclchiiet."

ssayrsüberlicht.

Deutsches Ueich.

:: DieRorddcuische" zum ösi-rreichisch-serbiichen Konflikt.

In ihrer Wochcnrundschau vcrösjcntlicht dieRordd. Allgcm. Zig." sollende bemerkenswerte Auslassung zu den, österreichisch- serbischen Konflikt: In den Auslassungen der europäischer!

Presse, zu der in dem Verhältnis Oesterreich-Ungarn zu Eer- bicu obwaltende» Spannung machen sich immer mehr Stim- me» gellend, die anerkennen, daß Oesterreich-Ungarns Ver- langen, ein« Klärung seiner Beziehungen zu Serbien herbei- zuführcn, berechtigt ist, Dabei schließen wir uns der an mehr als einer Stolle ausgedrücktcn Hoffnung an, daß durch rcchtzei- iigcs Eiuleiiken der serbische» Regierung das Enistchcn einer ernsten Krisis vermiede» werde. Jedenfalls läßt cs das soli­darische Interesse Europas, das bisher in der langen Balkan- litsis in der Bewahrung des Friedens unter den Großmächten zur Geltung gekomnie» i|l, erwünscht und geboten erscheinen, daß die Auseinandersetzungen, die zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien entstehe» können, lokalisiert bleiben.

:. Die Landtagswahlen in Hessen. Das Etaatsministcrium hat angcoldnet, daß mit den Vorbereitungen zu de» im Herbst stattjindenden Wahlen zur Zweiten Kammer unverzüglich be­gonnen wird, damit die Ausstellung der Listen am 1. Septem­ber beendigt sei. Als Wahltermi» ist der 8. November in Aussicht genommen.

:: Vorläufiges amtliches Resultat der Rejchstagsstichwahl in Kobueg. Bei der Ncichsiagssiichwahl im Wahlkreise Sachsen Koburg Goiha I wurden von 17 123 Wahlberechtigten 11 971 Stimmen abgegeben. Es crhicltcii Fabrikant Arnold-Ncustad» (Fortschr. Bolksp.) 0178 Stimmen »du Rechtsanwalt Hofmann- Hof t. L. iSozialdemolrat) 5702 Stimmen. Arnold ist somit gewählt.

Oesterreich.

:: Abschluß der Forderung a» Serbien. Die Forderungen,

die Oesterreich-Ungarn an Serbien stellen wird, sollen, wie dieMilitärische Rundschau" erfährt, bereits sormuliert sein Es wiro angcuoniincn, daß diese der Belgrader Regierung aus, schon zur Kcnnlnis gebracht worden sind. Wie das Blatt wei­ter berichtet, ist die Untersuchung in der Serajcwoer Affäre abgeschlossen. Die Veröfsentlichung der Ergebnisse der Unter­suchung wird nur im Interesse des Gedankenaustausches, der gegenwärtig zwischen Wie» und den europäischen Kabinetten besteht, hinausgcschobc». Man will nämlich der Verösfent- lichung die Demarche in Belgrad »»mittelbar folgen lassen, und für die Erfüllung der Forderungen Serbien eine so kurze Frist stelle», daß cs zu diplomatischen Verhandlungen mit den übrige» Mächten leine Zeit mehr haben dürste. Es soll in der Scrajewocr Untersuchung nicht nur die Mitschuld der sührcuden serbischen Persönlichkeiten und insbesondere der Königsmörder- Parlei, sondern auch die rege Anteilnahme der in Serbien herrschenden Schichten an der revolutionären Bewegung in Rom erwiese» sein. Die Beharrlichlcit, mit der der österreichisch- ungaische Eeschäststrägcr in Belgrad von angeblichen Gefahren spricht, denen er und die österreichisch-ungarischen Untertanen in Serbien ausgejetzt sind, hat in der serbischen Hauptstadt gro­ßes Erstaunen hcrvorgcrusen. Man fragt sich, wie es kommt, daß dieser Diplomat die österreichisch-ungarischen Untertanen ouifordcrt. in der Eeiandischait Schutz zu suchen, wenn er, wie