Nummer 105 _ Freitag, den 17. Juli 1914. 7. Jahrgang
Dic „Vene Tagrsieitung" erlcheinl icdcn Weiltag. Regelmäßige Beilagen „Per Knurr an» Srskrn", ,,?i« Spinnllul'c Ve,»goprri»: Bei den Postanstalien vier:el>ai>riich MI TÜ5
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Uebrrstcht.
— Tie Rcichstagsersatzwahl im Wahlkreis Ravensburg findet am 21. August statt.
— Am Militärexerzicrplatz bei Tristach (Tirol) sandcn Kinder im Gebüsch die geöffnete Hülse eines Artilleri.-gc. schofles; sie schütteten das Pulver heraus und entzündeten es. Eine furchtbare Explosion erfolgte, durch die 2 Kinder aus der Stelle das Leben verloren.
— Ter Gedanke an einen Besuch des Zaren in Frankreich scheint, wie die „Libertc" meldet, für den Herbst dieses Jahres nicht aufgegebcn zu sein. Es heißt, daß der Zar auch an den Manövern bei Epinal tcilnehmen und dann 48 Stunden in Paris verweilen wird.
— In Madrid wurden von Manisestantcn auf die Re- daktioncn der Zeitungen „El Mundo" und „Libertad" hcf- tigc Angrisse unternommen, wobei dir RcdaktionsbüroS säst vollständig zerstört wurden.
— Ter griechische Gesandte hatte eine längere Bcsprcch- nng mit dem Grosiwrsir, in der auch energisch gegen die neuerlichen Verfolgungen der Hellenen protestiert haben soll.
— „Popolo Romano" stellt fest, daß die öffentliche Meinung in Italien durch die Möglichkeit der Eroberung Valonas besorgt »iid aufgeregt sei. Die Presse mahnt, ruhig u. vertrauensvoll die Entschlüsse der Regierung abzuwarten.
— Ter bisherige Minister des Aeußeren Carbajal legte am gestrigen Abend den Eid als Präsident von Mexiko vor sämtlichen Abgeordneten und Scnatoaren ab. Unter großer Begeisterung der Menge begab er sich sodann zum Nationalpalast, wobei ihn die Garde begleitete.
— Wie aus El Paso gemeldet wird, ist E'-nerol Villa zwecks Ankauf großer Mengen Muniffon in Juarez einge. trossen. Er soll bereits den Befehl erteilt haben, seine ganze Armee gegen die Hauptstadt in Bewegung zu setzen.
vor drm vierten Lalkankriege?
In der „Deutschen Tageszeitung" finden wir folgenden bc- üierlensweiten Aufsatz:
Fast die gesamte europäische Prefle läßt die albanischen Paschas und Notabcln eine Rolle spielen, die ihnen gar nicht zukommt. Man ist hier sehr überrascht, wenn man in allen Wellblätlein und solchen, die es sein wollen, liest, der Ministerpräsident Turkhan Pascha habe mit seiner Mission in Petersburg eine kalte Etirn nach der andern gesunden. Das klingt jür einen Eingeweihte» geradezu märchenhaft. Turkhan, der nur »och nonrinell Ministerpräsident ist, reist zurzeit als Privatmann durch Europa, und wenn er irgendwelche „Millionen" in Peiersburg und anderswo, wohin ihn Lust und Liebe süh- rcn, erledigt, so fehlt ihm dazu jede Aktivlegitimation. Man stelle sich doch einmal vor, unter welchen satalen Umständen er Albanrc» verließ. Als jene Verhandlungen mit den Rebellen im Gange waren, während welcher diese wie die Verteidiger von Durazzo befestigte Stellungen bezogen, da äußerte auch Turkhan Pascha den Wunsch, er möchte zu den Verhandlungen entsandt werden. Die Erregung der Kämpfer über die Minister war damals noch im frischestem Zuge, so daß der Ministerpräsident von dem holländischen Kommandanten der Stadt gewarnt wurde: Er würde wohl für seine persönliche Sicherheit während der Verhandlungen, aber nicht für sie bei der Riick- lchr ourch die eigenen Linien garantieren. Turkhan Pascha verstand diesen Wink der Volksmeinung, dem der Holländer guten Ausdruck verlieh, und zog die Konsequenzen daraus, indem er das Anerbieten, eine Europareise antrcten zu dürfen, benutzte, um sich den Folgen seiner Unfähigkeit nicht länger aussetzen zu mästen. Es liegt in diesem Verhalten Turkhan Paschas eine gewiste Ehrlichleit und Folgerichtigkeit, im Ver- zlcich zu der das Verbleiben der anderen unsähigen Minister am so lästiger empfunden werde» muß. Turlhan Pascha wird seiner, und auch das hebt ihn über das Niveau seiner Kollegen empor, absolute Uneigennützigkeit nachgesagt, ein Ehrenschild, das er in seiner Stellung als türkischer Minister der frommen Stiftungen hochgchaltcn hat. In der Türkei ist die Zahl de: srommcn Stiftungen Legion, und ihr Verwalter genießt den Ruj eines besonders vertrauenswürdigen Mannes. Dieser Vorzug allein aber reichte nicht aus, um aus ihm einen tatkräftigen Ministerpräsidenten zu machen, und ebenso genügt er aus seiner jetzigen Europareise noch nicht, daß es sich verlohnt, die Erfolge seiner Rücksprachen und Unterhaltungen überhaupt zu buchen und zu bewerten. Das schon aus dem Grunde nicht, weil das albanische Problem tiefer in den Gelenken Europas einzcwachsen ist, als daß ein frhüerer Minister de: frommen Stiftungen cs fertig brächte, die Geschichte Albaniens, welche die Geschichte Europas ist, auch nur einen Schritt vorwärts z» bringen. Die einzigen Alteurs sind gegenwärtig nur noch die sechs Großmächte und der Fürst von Albanien. Alle anderen sind Handlanger, dis sich in der Julihitzc Io gut sbplagen, als cs ihnen, nach Talent und eigener Initiative möglich ist. Welche ungeheuren Schwierigkeiten hat es gekostet, dem Fürsten von Albanien nahe zu legen, den Mächten das Ul- tinmtum zu stellen. Es hat erst des Einslustcs des österreichischen and deutschen Gesandten bedurft, ferner der ernstesten Vorstellungen des eigenen Hofes unter Hinweis aus die innere» Gesahren in Stadt und nächster Umgebung, um den Fürsten
zum Ultimatum zu bewegen. Erst mußte Koritza eingenommen sein, erst mußten Eflad Paschas und Dschemal Beys Pläne bezüglich der Teilung Albaniens bekannt werden, erst mußte eine Art Verschwörung der ureigendsten Nationalisten in aller Schonung der beteiligten Personen ausgcdeckt werden, die in ihrem politischen Kinderglauben nichts anderes wollten, als in einer Versammlung sich beraten, ob der Fürst nicht bester abdanlcn solle. Daß Fürst Wilhelm so lange zögerte, ist ein Beweis dafür, daß er der schweren Verantwortung seines Amtes so recht bewußt ist. Er dachte nicht so sehr an Albanien und sich selbst, als er das Ultimatum stellte, sondern vielmehr an Europa, das die Folgen seiner Fragestellung ebenso wird tragen müstcn als Albanien selbst. Vor allem aber dachte er an de» Dreibund, als deutscher Fürst an die deutsche Nation, als deutscher Mann an die politische Tragweite seines Tuns und Lasten. Bis zun, letzten Heller, bis zur letzten Anstrengung war seine Devise, scrtig werden mit Albanien ohne fremde Hilfe. Mit bewunderungswürdiger Zähigkeit hat er daran sestgchalten, hat selbst den Vorwurf der Unentschlostenhcit auf sich genommen.
Run hat Europa das Wort. Ehe der Würfel sällt, wird cs in dem Becher lange hin und hcrrütteln und rasteln. Möglich, daß die Verschleicrungslünste der Diplomaten Europas noch einmal die Losung „Krieg oder Frieden" zu verbergen imstande sind. In Wirklichkeit hat der vierte Balkankricg längst begonnen. Vor Durazzo haben keine albanischen Bauern, sondern türlischc Soldaten regelrechte Feldbefestigungen ausge- sührt. Im Süden Albaniens rücken keine Rebellen, sondern griechische Truppen kricgsgemäß vor. Rumänien entsendet keine albanischen Freiwilligen, sondern bewaffnetes und uniformiertes Militär nach Albanien. Also sind schon Türkei, Griechenland und Rumänien engagiert. Serbien wäre längst aus dem Platze erschienen, wenn es sich nicht mit den Folgen des Attentats in Scrajewo beschäftigen müßte. Und auch serbische Truppen sollen schon aus den, Marsche sein. Es ist etwas im Gange, während das offizielle Europa noch nichts davon wistcn will. Oesterreich läßt in der Einfallslinie zwischen Zara und Fiume jeden größeren Pastagierdampser nur unter dem Schutze eines Torpedobootes passieren. Zur Stunde ist ihm jeder Tranr- portdampfer wichtig genug. Alle Pastagiere, die mit dem österreichischen Lloyd aus Albanien ankommen, werden unter der Flagge „Sanitätsuntcrsuchung" aufs schärfste beobachtet, weil ,na» weiß, daß sich in Albanien Leute aushalten, die aus eine heiße Liebe österrcichischerseits nicht rechnen dürfen.
Was nun die Lage von Durazzo anbelangt, die Europa wegen der vielen dort wohnenden Fremden am meisten interessieren dürste, so kann man mit ziemlicher Sicherheit Voraussagen, daß die Belagerung von Durazzo noch an die zwei Monate währen wird. Zu der Hoffnung, daß cs den rumänische» Infanteristen gelingen wird, schon «her der belagerten Stadt Lust zu machen, ist nicht die geringste Berechtigung vorhanden. Außerdcnr sind die Befestigungen der Belagerer so forciert und nach rückwärts gestaffelt, daß selbst die Vertreibung der Rebellen aus den ersten Positionen an dem Faktum der Belagerung nichts ändert. Die heiß umstrittene Höhe von Raspul ist nämlich gegen die Landscite hin nur unter Aufwendung aller Mittel moderner Kriegstechnik zu halten, da sie einem zweiten, höher gelegenen Bergrücken gegenüber liegt. Andererseits ist es aber auch nicht anzunchmen, daß die Rebellen selbst bei 10- und 2vfacher llebcrmacht die Stadb zu erobern in der Lage sind. Kriegsschiffe, Matrosendetachements, ferner einige großkalibrige Kruppsche Feldgeschütze und viele andere Momente stellen diese Wendung außer den Bereich der Möglichkeit. Demnach werden, während im Lande selbst die schlimmsten Dinge geschehen, im ungünstigsten Falle zwei Monate vergehen, bis einerseits die Regenzeit die Kampfeslust abschwächt und andererseits der Fürst soviel Truppen hat, daß er den Bclagerungsring sprengen kann.
Bis dahin wird sich im Kern der Sache nichts ändern, es müßte denn sein, daß Europa endlich und plötzlich aufflammt. Der Prinz von Wied wird sich als Fürst in Durazzo halten. Denn der Entschluß, Albanien sich selbst zu überlass»», würde Europa vor die grüßte Verlegenheit setzen. Und gerade diese abzuwenden, dafür hat man einen Wied aus einen Fürstenthron gesetzt, einen Mann, der wie kein zweiter an dieser Mission festhält, mit echt deutscher Langmut und Ausdauer. Allem Anschein nach werden die Diplomaten im Juli und August mit nervösem Unterbewußtscin in Ferien gehe» können, während im September nach Einberufung der Manövcrreserven ganz Europa im Felde und das kleine Heer des Fürsten Wied im Entscheidungskampfe liegen wird.
Maldemokralitihe Kaffenwirtlitiaft.
Ans München wird der „Köln. Bolksztg." geschrieben: Der Verein für soziale Wahlen, in welchen unter Führung der christlichen Gewerkschaften die nichtsozialdemokratisch: Arbeiterschaft zusammengcschlossen ist, trug bekanntlich bei den letzten Ortskrankenkassenwahlen einen enischeidenen Sieg über die Sozialdemokraten davon. Infolge dieses Wahlsieges wurde die zehnjährige Alleinherrschaft der Genossen in der Kasse gebrochen, und die christlichen Vertreter haben Gelegenheit, jetzt manchen Einblick in die Erfolge sozialdemokratischer Derwaltungstätigkeit zu tun. In der gestrigen Generalversammlung des Vereins für soziale Wahlen erstattete Gewerkfchaftssekretär Funke einen intereffrnten
Bericht über die Tätigkeit der christliäicn Vertreter in der Kasse, -wachs Millionen Mark Reservefonds mußte rechnerisch die Ortskrankcnkasse haben, sic bat aber nur drei M>ll. weil die Genossen in den letzten sechs Jahren dem Reservefonds überhaupt nichts zugeftihrt haben. Ans diesen, Grunde ist es in absehbarer Zeit nicht möglich Mehrleistungen .in- zuführen. Die neue Vorstandschaft wird jahrelang zu tun haben, die zehnjährige sozialdemokratische Wirtschaft anszu- gleichen. Funke teilte einige Interna von der sozialdemokratischen Vettern, und Bascnwirtschfft in der Kasse bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen mit.
Noch im letzten Jahre hat die alte Vorstand- schast einen Druckaustrag aus fünf Jahre mit jährlich etwa 40,000 Mark Umsatz an die sozialdemokratische Druckerei Birk ». Co. vergeben. Einzelne sozialdemokratische Beamte taten in der Kasse überhaupt was sie wollten. Mußte doch einem Sekretär von der Kassenvorstandschast geschrieben werden, er niöchte sich dock, wieder in der Kasse sehen lassen. Ter sozialdemokratische Konsumverein München-Sendling lieferte, obwohl die Ortskrankcnkasse erst seit 1907 Mitglied bei ihm ist, seit 1904 für viele tausende Mark Kohlen und Mehl an die Sanatorien der Ortskrankcnkasse. TaS ist nach dem 0>e- nosscnschaftsgcsctz direkt verboten, weil Konsumvereine nur an Mitglieder verkaufen dürfen. Das Schönste aber ist, daß kein Mensch ioeiß, wo die acht Prozent Warcndividende aus diese Lieferungen hingekommcn sind. Diese und ähnliche Fälle konnte der Referent mit Recht als Beweis ansllhren, wie notwendig cs war, die sozialdemokratische Tyrannis in der Kasse zu brechen.
Wie sehr die Sozialdemokraten die Krankenkassen als ihre Domäne betrachten, geht auch aus der am letzten Sonntag abgchaltencn Parteikonferenz für den Kreis Friedberg hervor. Wie ein roter Faden zog sich die Klage über die Niederlage der Roten bei der Ortskrankenkasscnwnhl im Kr. Friedberg durch alle Reden der Delegierten. Dem Parteisekretär Busold wurden bittere Vorwürfe gemacht, weil er es dabei an der nötigen „Aufklärung" und Tätigkeit habe fehlen lassen usw. Kurz cs war deutlich scstzustellen, daß die rote Niederlage bei den Ortskrankenkassenwahlen direkt als eine Parteiniedcrlage empfunden wurde.
prid)stapfriflifn)iil)l iu Labian-Mehlai'.
Bei der gestrigen Reichstagsersatzwahl für den verstorbenen Abgeordneten v. Maflow erhielten: Amtsrat Schrcw« (Kons.) 7504 Stimmen, Bürgermeister Wagner (Fortschr. Bpt.) 0123 Stimmen und Linde (Soz.) 2192 Stimmen. Es findet Stichwahl zwischen Schrcwc und Wagner statt. Ein Bezirk steht noch aus.
Bei der Hauptwahl 1912 erhielt der Konservative o. Mas- sow 8350 Stimmen, der Freisinnige 5850 und der Sozialdemokrat 2901 Stimmen. In der Stichwahl wurde dann v. Maflow mit 9100 gegen 8091 Stimmen gewählt.
Der Ausfall der Wahl hat uns einigermaßen enttäuscht. Nach deni Ausfall der letzten Ersatzwahl hätten wir ein günstigeres Ergebnis gehofft. Immerhin ist es möglich, daß für die Stichwahl noch Reserven herangeholt werden können, so daß die Rechte den Sieg behält wie cs auch im Jahre 1912 der Fall gewesen ist.
Wie aus dem Wahlkreis bekannt wird, haben lokale Differenzen etwas verstimmend gewirkt, ebenso hat die Verteilung der bei der großen Sturmflut im Anfang d. Is. gesanimcltcn Gelder Unzufriedenheit erregt, die noch in bekannter Weise reichlich von den freisinnigen Agitatoren geschürt worden ist. Vor allem aber ist in der unpasscnden Jahreszeit die Ursache des konseioaliveit Stiinmcnrückgangs zu suchen. In Ostpreußen herrscht schon seit 4 Wochen eine ununterbrochene Hitze, das Korn ist reif geworden und seine Ernte hat bereits begonnen, so daß auf dem Lande nicht viel von einer Wahlstimmung zu merken ist. Der kleine freisinnige Stimmenzuwachs läßt sich lcichl au- der Abnahme der sozialdemokratischen Stimmen erklären, die gleich für den Bundesbruder cingctrctcn sind.
Die liberalen Blätter bemühe» sich, den Kreis als einen starkkonfervativen hinzustcllen; das ist eine Irreführung. Labiau-Wehlau war 1871, 1874 und 1877 nationalliberal und 1881 freisinnig vertreten. 1898 kam der Konservative mit einem Sozialdemokrat in die Stichwahl. 1903 erhielt der Konservative 7127, der Rote 5007 und der Rosarote 2021: mit nur 39 Stimmen Mehrheit ging also der Konservative im ersten Mahlgang durch. Von einem st a'r k k o II s c r v a t i v c n Wahlkreis kann also nicht die Rede sein
Tagesüberstcht.
Äenllches Ueich.
:: Llmduug eines französischen Flugzeuges auf deutschem Boden. Gestern ging bei Hirzfelden im Oberclsah, Kreis Eeb- meiler, ein französischer Bleriot Militär-Zweidecker nieder. Die Insassen, zwei französische Offiziere, erklärten, sie hätten die Orientierung verloren und wären so versehentlich über die Grenze geflogen. Das Flugzeug wurde abmontiert und von der Behörde eine Untersuchung eingeleitet. Wie der Vertreter der „Telegraphen-Union" erfährt, werden die beiden französischen Cninicrc nach Frankreich -urüctkehren. bis zur Grenze


