Ausgabe 
9.11.1913
 
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Der Engel des Herrn lagert sich um die

her, so ihn fürchten. Pf. 34.

Als Kaiser Karl V. im Jahre 1548 die evan⸗ gelischen Prediger in Augsburg ihrer Dienste entließ, weil sie das Interim nicht annehmen wollten, kamen sie zu dem gefangenen Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen und berichteten ihm, daß sie nicht allein ihres Dienstes entsetzt seien, sondern kaiserliche Majestät ihnen auch das römische Reich verboten hätte. Auf dies fing der Kurfürst an zu weinen, daß ihm die Tränen über die Wangen zur Erde flossen, stand auf, ging ans Fenster, wandte sich aber bald wieder zu ihnen und sagte: Hat euch denn der Kaiser auch den Himmel ver boten?Nein! Dann fuhr er fort und sprach:So hat es noch keine Not! das Reich muß uns doch bleiben, so wird Gott auch ein Land finden, daß ihr sein Wort könnt predigen.

Guter Einfluß.

Den größten, gesegnetsten, nachhaltigsten Einfluß üben die Seelen aus, die fortgesetzt mit Gott wandeln, die sich seinem Einfluß öffnen, d. h. seinem Geiste ge horsam sind in ihrem Leben und Wandel. Das ist der Geruch Christi, von dem Sankt Paulus sagt: Im Umgang mit dem Herrn atmet man solche Lebensluft ein, und im Umgang mit den Menschen strömt unbe wußt und ungesucht diese Lebensluft wieder aus. Darum hüte dein Herz mit allem Fleiß. Laß Jesum darin herrschen und wohnen.

Warum braucht auch der moderne Mensch das Euangelium?

Eine der inhaltlosesten Phrasen des Monismus ist das bekannte Wort:Der moderne Mensch hat sich über die Lehre und das Dogma des Christentums hingusentwickelt. Der Vortrag dieser Phrase erfolgt in allen Variationen, und gewöhnlich wird dann zum Schluß die Sthik des monistischen Weltbildes als ver nunftgemäßer Ersatz angeboten.

An diesem Satze ist nichts wahr. Vergessen wir doch nicht, daß dermoderne Mensch nichts Neues unter der Sonne ist. Seine Entwickelung ist wohl eine Verfeinerung äußerer Lebensgewohnheiten, eine Ber vollkommnung technischer Fertigkeiten und eine Ver änderung alter Naturanschauung. Niemals aber hat sie ihn hinausgehoben über die uralten Menschenpro bleme und über jenes tiefe Menschenempfinden, das schon die Sänger der Pfalmen und die hellenischen Dichter bewegte.

Mensch sein heißt Kämpfer sein, sagt ein ge⸗ llügeltes Wort. Ja, Mensch sein, heißt auch Sünder sein, heute noch, wie in den Tagen Homers. Auch nicht eines von den alten Lebensrätseln ist bedeutungs⸗ loser geworden innerhalb der Sphäre der neuzeitlichen Entwicklung. Immer noch bedrohen uns feindliche Gewalten, und noch weinen wir an den Gräbern

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unserer Lieben. Und des Elends auf Erden, der heim lichen Tränen und bitteren Seufzer sind mehr geworden, denn je zuvor.Heutzutage lacht kein Kind mehr, wie in den Tagen Ho ners, sagte ein Franzose wehmütig. Das ist die Keh seite unserer Kultur!

Das Evan elium von Jesu, dem Sohne Gottes, bedarf zwar menschlicher Empfehlung nicht, aber es

sei doch darauf hingewiesen, daß es allein auch die

Lebensrätsel der modernen Menschen löst. Seiner Schuld bietet es Vergebung; seiner schwankenden Meinung eine stille innere Gewißheit; seiner bangen Frage nach Sweck und Siel des Lebens eine klare Antwort; seinem Leiden einen wesentlichen Trost; seinem Sterben eine lichtverklärte Ewigkeitshoffnung; ja, seinem ganzen Menschsein eine körperliche und geistige Wiedergeburt.

Nach eben di sen idealen Gütern ringen alle Weltanschauungen der Gegenwart. Einer kann sie geben, einer allein: Das ist unser großer, köstlicher Christus, der da sprechen kann:Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Su ihm lassen Sie uns gehen und die Antwort der Swigkeit auf jede Frage der Seit holen. Ernst Schreiner.

Du mußt selber trinken.

Ein Christ sah, wie seine Tochter nicht Ernst machte, sich zum Heiland zu wenden und das ewige Heil für sich selbst zu ergreifen. Er war mit Recht um sie besorgt. Eines Tages, als er krank war, rief er seiner Tochter zu:Marie, bring mir doch meine Arzenei! Die Tochter eilte herbei und sagte dienstbereit:Ja, Vater! Mitt diesen Worten stand sie auch schon mit dem Arzeneiglas an dem Bett ihres Vaters: Nun, sagte er,mein Kind, nimm die Arzenei. Marie stutzte und blickte ihren Vater groß an; dann sagte sie lachend:Ich soll für dich die Arzenei nehmen? Das würde dir wohl nichts helfen!Da blickte sie der Vater, der ernst ge⸗ blieben war, ruhig an und sagte:Allerdings wird mir das nichts helfen, wenn du die Arzenei trinkst. Aber nun höre mich an! Wie du die Arzenei nicht für mich nehmen kannst, so kann ich nicht für dich den Heiland ergreifen. Das mußt du selber tun. Ich kann für dich beten; ich kann mit dir vom Heiland reden, so wie du mir die Arzenei ans Bett gebracht hast; aber wie ich die Arzenei selber nehmen muß, so mußt du für dich selber den Heiland nehmen.

Das war eine gesegnete Unterweisung für die Tochter. Verstehst auch du sie, mein unbekehrter Leser?

Das rettet?

In Wien hat ein Doktor Kreizenach gewohnt, der nicht allein andere in guten Werken fleißig ermahnt, sondern auch selber ein frommer Mann gewesen, der alle Tage Messe gelesen, viel Almosen gegeben, die Woche dreimal gefastet und daneben