Gemeinschaftsblatt für Hessen.
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Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal.
Nr. 41. Sonntag, den 12. Oktober 1913. 6. Jahrg. ottsucher. Antwort enthält das, was von den Eltern Jesu
5 1. ausgesagt wird: Sie suchten Jesus an verkehrter
Gottsucher! Das ist ein modernes Schlag— Stelle. Da hat einmal ein kluger, törichter Welt—
wort geworden. Vor meinem Auge steht ein Bild, das ich einmal gesehen habe. Auf einem weiten, wild aussehenden Felde lag eine Menschen— gestalt auf dem Boden; das Gesicht, mit beiden Händen bedeckt, war zur Erde geneigt. Das ganze Aussehen gab davon Zeugnis, daß dieser Mensch etwas suchte und das gewisse Etwas trotz eifrigen, rastlosen Suchens nicht fand. Unter dem Bilde standen die einfachen Worte: Gottsucher! Aus dem Bilde sprach fast die Anklage:„Wir Menschen suchen dich, du Gott, du höchstes Wesen, und wir finden dich nicht.“ Das sind ja auch die Worte der modernen Propheten, die in die Welt hinausposaunen: Wir suchen Gott, und er läßt sich nicht finden. Wie kommt es nun, daß Gott sich diesen Menschen nicht offenbart? Unsere
gelehrter folgenden Ausspruch getan:„Ich habe mit einem ausgezeichneten Fernrohr das Weltall durch— forscht und nach Gott gesucht und ihn nicht ge— funden.“ Das ist doch wirklich ein törichter Aus— spruch. Ob die Männer mit den langen Bärten und nachdenklichen Mienen auf unserm Bilde etwa auch Gottsucher sind? Ich meine es fast. Aber vielleicht sind auch sie auf verkehrten Pfaden. Wenn sie Offenbarungen Gottes in ihren selbst— aufgestellten Satzungen suchen, dann sind sie auf dem Holzwege. Das ist eben das Traurige, daß viele Menschen Gott da nicht suchen, wo er zu finden ist, oder anders gesagt, in einer Weise suchen, die nicht die von Gott gewiesene ist.
Die Eltern Jesu suchten den Gottessohn zu— erst bei den Gefreundeten und Bekannten. Die Schriftgelehrten und Pharisäer suchten
Gott inihren selbstaufgestellten Satzungen. Die Athener suchten den unbekannten Gott durch ihren einen Altar. Die Stoiker suchten ihn durch Weltentsagung und Weltverachtung. Die Nachfolger des Epikur suchten ihn im Weltgenuß. Heute sucht man seinen Gott in seiner Brust oder in der Kunst oder in Domen mit Weihrauchgeruch. Andere suchen Gott und die Sünde zugleich. Und was ist das Ergebnis dieses Gottsuchens? Gott läßt sich auf diesen Wegen nicht finden. Und das muß zugegeben werden, daß viele ihn mit Schmerzen suchen. Kasteien und Fasten, sich plagen und wallfahren sind gewiß keine Spielereien. Es scheint mir, als ahmen heute viele die Baals— priester nach. Sie tanzen um ihre selbst gemachten Altäre, ritzen sich auch und schreien: Baal, Baal offenbare dich uns! Aber da kommt keine Stimme


