Kirmestrubel.
„Das Volk will seine Freude und Erholung haben, und es hat ein Recht darauf; aber die Mucker und Finsterlinge wollen es ihm nehmen.“
So etwa schreiben und schreien die Leute, die bei dem Kirmestrubel ihren Weizen einfahren, vor allem die Alkoholinteressenten.
Auch wir Blaukreuzler werden von diesen Leuten als solche„Volksfeinde“ hingestellt. Frei— lich, das verderbliche Kirmestreiben bekämpfen wir; denn wir wissen aus unserer Arbeit, was für Elend und Leid es über viele Menschen, über anze Familien bringt. Was der Karneval im
inter ist, das ist die Kirmes oder Kirchweih im Sommer.
Der Alkohol findet da seine Opfer in großer Zahl. Er entwürdigt Familienväter vor den Augen ihrer Kinder; er macht Menschen, die im nüchternen Zustand harmlos und gutmütig sind, aufgeregt und zornig, so daß sie zum Kno⸗ tenstock, Messer oder Revolver greifen und Men⸗ schenleben auf ihr Gewissen laden; er weckt bei jungen Leuten mit Hilfe von Musik und Tanz die sinnlichen Begierden und tötet die warnende Stimme im Gewissen und die mahnenden Ge— danken an die Folgen. Wie manche unglückliche Ehe solcher Leute, die gar nicht zu einander passen, die sich aber heiraten mußten, hat hier ihren schlimmen Anfang. Wie manches Mädchen, das in Schande dahin gehen muß, verdankt es einer Kirmes..
So sieht in Wirklichkeit das so vielgerühmte Kirmestreiben aus.
Aus Frankfurt a. M. wird uns ein Zeitungs⸗ ausschnitt gesandt, der auch von Kirmesfolgen be— richtet.
Nied a. M., 4. Mai. Ein schweres Verbrechen störte gestern die Freude an der Nachkirchweih. Der am 7. Juli 5 Belle, Amt Blomberg geborene Fabrikarbeiter Al— bert K. überfiel in seiner im Hause Taunusstraße 14 gele⸗
genen Wohnung seine Ehefrau, mißhandelte die Arme mit einem Hammer und erdrosselte die Frau mit einem be⸗ reitgehaltenen Strick. Die Ermordete ist eine geborene G. Sie ist 38 Jahre alt und war in erster Ehe mit einem Ar⸗ beiter Adam B. verheiratet. Der erste Mann ist tot. Sie hat drei zum Teil schon schulentlassene Kinder aus erster Ehe und ein etwa 5 Jahre altes Kind von K. Dieses Kind hatte K. während der Mordtat in die Küche eingeschlossen. Die Nachbarn hatten wohl die Hilferufe der Frau gehört, ban sich jedoch nicht, einzuschreiten, zumal lebhafte useinandersetzungen zwischen den erst einige Monate hier ansässigen Ehegatten nichts Seltenes waren. Nach der Tat begab sich K. mit seinem fünfjährigen Töchterchen auf den Juxplatz. Er hatte es anscheinend auch auf das Leben des Kindes abgesehen. Als dieses aber dringend nach der Mutter verlangte, ließ er das Kind auf dem Plage allein zurück. Der Mörder ist seitdem verschwunden. Die alsbald von den Nachbarn alarmierte Polizei fand die Frau mit dem Stricke um den Hals am Boden liegend. Die sofort ange⸗ stellten Wiederbelebungsversuche hatten keinen Erfolg. Die Tote hatte auch zahlreiche Verletzungen am Kopf; gie hat sich anscheinend energisch zur Wehr gesetzt. K. ist ein dem
Trunke ergebener Mensch. Er harte Frau und Kinder schon wiederholt bedroht, hat jedoch erst kürzlich auf Vorhal— tungen der Behörde unter Tränen versprochen, sich zu bessern.
Ja, wir sind Gegner des Kirmestreibens, weil so viel Unheil daraus entsteht. Aber wir wissen von besseren Freuden, und diese möchten wir den Mlenschen, die nach Freude dürsten, nahebringen. Es ist eine Torheit, zu glauben, wir Blaukreuzler wir kennten keine Freuden, in unseren Vereinen ginge es trübselig zu. Wer das glaubt, der kennt uns nicht. Aber unsere Freuden haben keinen bitteren Nachgeschmack. Wer den Herrn Jesus als seinen Herrn und Heiland hat, der kennt erst recht die wirkliche Freude.
In einem Blaukreuzlied heißt es:
Und wer uns sagt, der Dienst des neuen Gebieters sei uns saure Pflicht,
Man dürfe sich bei ihm nicht freuen, Der kennet unsern Meister nicht.
Er gönnt uns stets das Allerbeste, Er will uns froh beisammen seh'n, Wir haben Freuden, Lieder, Feste, Zu Hause stilles Wohlergeh'n.
Dankt unserm Gott von Herzensgrund, Er schloß mit uns den Friedensbund; Wir sind sein Volk, das er befreit Und herrlich macht in Ewigkeit!
Rettung.
Die Beiglocke.
In manchen Gegenden unseres Vaterlandes wird noch die Betglocke gezogen, eine schöne Sitte, die wir von unseren frommen Vorfahren ererbt
aben, und die uns mitten in den Geschäften des erktags an unsere höchste Bestimmung, Gottes Gemeinschaft zu suchen, erinnern will.
Noch heute tritt oft beim Klange der Betglocke das Bild eines alten, längst entschlafenen frommen Tagelöhners vor mein inneres Auge. Er arbeitete oft in unserem Garten oder war auf dem Hofe mit Holzhauen beschäftigt; doch sobald die Bet— glocke vom Turm unserer Dorfkirche erklang, legte er Axt und Hacke beiseite, zog sein Käppchen von dem grauen Haupte, faltete die schwieligen Hände und stand schweigend in Andacht versunken einige Minuten da. Auch in Gegenwart anderer folgte er dem Triebe seines Herzens, und war sein Herr mitten in einem Gespräche mit ihm begriffen, so unterbrach er es, um mit dem höheren Herrn zu reden. Mir war er stets ehrwürdig in solchen Augenblicken, wie ein frommer Patriarch, und sein Anblick mahnte auch mich:„Gott ist gegenwärtig! Lasset uns anbeten!“ i
Einmal ist auch die Betglocke das Werkzeug in Gottes Hand gewesen, eine drohende Gefahr abzuwenden. Es war an einem heißen Julitage


