Ausgabe 
27.7.1913
 
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Da knüpft sich manch zerrissen Band; Was hier getrennt, wird neu vereint, Und was kein Menschenherz verstand, Dort wirst du 6055 wie Er's gemeint. Drum trau auf Gott ze. Ob über deinem Leben nie Des Glückes lichte Sonne scheint Nur düstre Wolken spät und früh, Einst wirst du sehn, wie Er's gemeint. Drum trau auf Gott ze. Und ward dem Herzen Traum um Traum, Der Seele Wunsch auf Wunsch verneint, Entlaubt der Hoffnung grüner Baum, Einst wirst du sehn, wie Er's gemeint. Drum trau auf Gott ꝛc.

Schwester Anna.

Genug für einen, der sterben will.

Es sind nun dreizehn Jahre, da fuhr ich die Straße von Genua nach Nizza, nicht mit Dampf roß, wie jetzt fast alle Reisenden auf jener Strecke, sondern auf der unvergleichlich schönen, an der Westküste des Golfes von Genua sich hinziehenden alten Fahrstraße. Ich weiß nicht mehr genau, bei welchem Dorf oder welcher Stadt es war, da lag ein einfaches Landhaus am Fuß der Berge, das sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis ge prägt hat. Nicht als wäre es ein Prachtbau ge wesen in einem glänzend und großartig angelegten Park; nein, es war ein ganz schlichtes, zweistöckiges Häuschen, ohne jeden Schmuck, gelb angestrichen, mit grünen Fensterläden und war umgeben von einem kleinen, einfachen Garten. Was mich an dem Hause so anzog, das waren zwei Worte, die in schwarzen Buchstaben an die Wand über den Fenstern geschrieben waren, die zwei Worte: Morituro satis! auf deutsch: genug für einen, der sterben will.

Ich weiß nicht, wer sie geschrieben hat; aber das weiß ich, es war ein weiser Mann, der sie erdacht hat. Er war zufrieden mit seinem kleinen Häuschen und seinem kleinen Gärtchen; denn er wußte, daß er doch bald ausziehen müsse auf Nimmerwiederkehr. Darum ließ er sich genügen an einer bescheidenen Wohnung und kleinem Besitz. Und weise war der Mann, der sein Haus gerade hierher gebaut; denn dicht vor seinem Fenster lag das weite Meer, ein Bild der Ewigkeit; hinter ihm die Berge, von denen die Hilfe kommt, und über ihm war das blaue Himmelsgewölbe ausge spannt, der Vorhang und die Pforte der ewigen, bleibenden Wohnstatt, auf die jener Mann wartete.

Wie oft ist mir das Wort wieder eingefallen! Ihr lieben Armen, wenn ich in euer Hüttlein kam und euer kleines Heim und euren geringen Haus

rat sah, so dachte ich oft:Morituro sa Genug für solche, die da sterben wollen!

ihr Reichen in euren Palästen und Prunkgemächern, ihr, denen trotz allen Besitzes so oft die Unzu⸗ friedenheit auf der Stirne geschrieben steht, ihr wecktet in mir die Frage, ob wohl an euer Haus die Worte paßten:Morituro satis! an die

Und

Geld- und Kleiderschränke, die Schmuckkästen und

die Weinkeller usw.?

Daß wir alle lernten, auch den Besitz der Armsten anzusehen, ob da wirklich morituro satis sei, wirklich genug für die hinsterbenden Menschen, ob nicht vielleicht manche Lücke durch unseren Überfluß auszufüllen wäre!

Wir alle aber, ob reich oder arm, wollen es

uns auf gut deutsch ins Herz schreiben: 5 Wir bauen hier so feste Und sind doch e fremde Gäste; Und wo wir ewig wollen sein, Da bauen wir so wenig ein.

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Jesus ist die Quelle der Kraft. Er besitzt Kraft. Da steht er mitten im Sturm auf dem schwan kenden Boote. der Elemente gestellt. Er öffnet den Mund:Schweig und verstumme! Das ist ein Kraftwort. Der Donner rollt nicht mehr. Aufs Kommando hält der Wind ein, die Wogen zu peitschen. Die Wellen legen sich. Es ist still. Welch ein Ausdruck Seiner unbegrenzten Kraft. Und von diesem Jesus sagt Paulus mit Recht: Er kann euch stärken. Röm. 16, 25.

Wir brauchen Kraft. Wie oft steht im Alltags- leben unserer kleine Kraft im grellen Gegensatz zu unserer großen Arbeit. Gar manchem fällt die Auf gabe zu, gleich Paulus trotz einer untergrabenen Ge sundheit eine Riesenarbeit zu bewältigen. Ein andres liegt auf dem Leidenslager und seufzt: Ich kann die Last nicht weiter tragen. Was tun?Die auf den Herrn harren, die kriegen neue Kraft. Auch die Nachfolge Jesu stellt Kraftanforderungen. Wenn dem Weltmenschen eine Stelle nicht zusagt, so läuft er davon. Der ungläubige Gehilfe kündigt dem Meister, der ihm nicht zu Willen ist. Die weltliche Herrschaft entläßt einfach die unsympathischen Dienstboten. Darf ein Kind Gottes auch so handeln? Nein, es weiß, dahin hat mich mein Herr gestellt, da muß ich aus harren, bis Er mich wegführt; mit diesen Menschen hat er mich zusammengestellt, ich muß sie tragen. Meine Dienstmagd, die Katharina, ist intelligent, arbeitsam und treu; aber wie grob und übellaunisch, wie despolisch sie mir gegenüber sein kann, davon hast du keinen Begriff! So sagte eine junge Frau nach der Begrüßung zu einer älteren Freundin.Armes Frauchen, bist du denn gezwungen, solch eine Tyrannin zu behalten? fragte lächelnd Frau B.Ach dei du, weil sie sonst eine wirklich gute Magd ist, habe ich immer wieder Geduld gehabt; sie ist nun bald fünf Jahre bei mir; aber jetzt bin ich fest entschlossen, ihr

zu kündigen, wenn ich wieder heimkomme; sie hat's

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Sein Angesicht ist gegen den Aufruhr