Ausgabe 
6.7.1913
 
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7 Dieses Blatt erscheint wöchentlich einmal.

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Sonntag, den 6. Juli 1913.

6. Jahrg.

Die Weiche muß herumgelegt werden. Erlebnisse von Pastor Modersohn.

Vor mehreren Jahren fuhr ich im D-Zuge von Hamm i. W., wo ich eine Festpredigt gehalten hatte, nach Hause, nach Mühlheim an der Ruhr. Als wir durch die Großstadt Dortmund fuhren, hielt der Zug merkwürdigerweise nicht an. Wir sahen, wie die Beamten auf der Station mit allen Zeichen der Angst und des Entsetzens uns nach⸗ schauten, als wir durch den Bahnhof mit voller Geschwindigkeit fuhren. Nach wenigen Augen blicken bekamen wir Reisende alle einen solchen Stoß, daß wir von unseren Sitzen flogen. Wieder etliche Augenblicke später folgte ein furchtbarer zweiter Stoß, so daß alle Gepäckstücke heruntersielen und wir durcheinander taumelten. Was war ge schehen? Unser D-Zug, dem die Bremsvorrichtung versagte, war durch die Station hindurchgefahren und befand sich nun auf einem Geleise, auf welchem in einiger Entfernung ein Personenzug uns ent⸗ 5 Da sah der Weichensteller die große

efahr, in welcher beide Züge sich befanden. Mit großer Geistesgegenwart ergriff er die Weiche und warf sie herum, so daß unser Zug auf ein totes Geleise fuhr. Den ersten Stoß erhielten wir, als wir einen Aschenwagen aus dem Geleise schleuderten, dann fuhren wir durch eine belebte Straße in eine Fabrik hinein, durchbrachen die Wand, warfen den eingemauerten Dampfkessel noch 2 Meter zurück, dann standen wir. Niemandem war etwas geschehen. Der Weichen steller hatte durch eine Armbewegung vielleicht all' die Menschenleben in den beiden Zügen ge rettet. Wir waren auf der Bahn des Verderbens, aber die Weichenstellung hat uns gerettet.

Vor Jahren hatte ich einige Versammlungen in einer Stadt Rheinlands. Eines Abends hatten wir eine schöne gesegnete Nachversammlung, in der sich auch etliche Arbeiter dem Herrn ergaben,

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die aus der Fabrik waren, bei deren Besitzer ich einquartiert war. Am andern Morgen brauste ein gewaltiger Sturm durch Westdeutschland; der warf sich auf die Stadt, die auf einer Berghöhe lag. Vor der Stadt stand diese Fabrik. Das Kesselhaus mußte den Anprall des Sturmes be- sonders aushalten. Plötzlich gaben die nach, die Decke kam herunter, das ganze Gebäude brach zusammen und begrub unter den Trümmern den Kesselwärter; das war einer von denen, die am vergangenen Abend in der Nachversammlung dem Herrn ihr Herz gegeben hatten. Man zog ihn dann hervor. Man konnte zuerst nicht fest⸗ stellen, ob die Beine zermalmt oder nur leicht gequetscht waren. Man trug ihn in seine nahe⸗ gelegene Wohnung. Als ich von dem Unglücks⸗ fall hörte, ging ich hin, ihn zu besuchen. Er lag in seinem Bette und hatte seine dicke, alte Familien bibel vor sich und las darin. Dann fragte ich ihn, als wir allerlei gesprochen hatten:Sagen Sie mal, wie war Ihnen in dem Augenblick zumute, als sie merkten, die Wände geben nach? Hatten Sie da noch einen Gedanken?Ja, noch einen Gedanken und der hieß: Gott sei gedankt für gestern Abend! Denn er dachte: jetzt gehts in den Tod. Aber die Seele ist gerettet; die Weiche ist herum!

Liebes Herz, wie ist es bei dir, wenn der Sturm das Haus des Glücks und deines Lebens über den Haufen wirft? Es bricht einmal zu⸗ sammen, was du geliebt im Leben. Kannst du dann auch sagen: Gott sei Dank; ich bin ge rettet? Heute wird dir warnend zugerusen:Heute, wenn du Seine Stimme hörst, so verstocke dein Herz nicht!

O, geliebte Freunde, wie wird das Leben so ganz anders, wenn die Weiche herum ist! Da wird das Leben erst der Mühe wert. Vorher war es kein Leben; man war ja immer ein Sklave der Angst, ein Knecht der Todesfurcht. Ein Leben, das diesen Namen verdient, wird es erst, wenn

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