Ausgabe 
29.6.1913
 
Einzelbild herunterladen

Der Abend, an dem die Sängerin wieder

auftreten sollte, kam heran. Eine große Aufregung bemächtigte sich ihrer. Sollte sie der genußsüchtigen Menge wieder eines ihrer leichtfertigen Liebeslieder singen? Schon befindet sie sich anf der Bühne. Schon ist sie mit stürmischem Beifallsklatschen be⸗ grüßt worden. Da nein, es will nicht gehen. Dem Pianisten, der sie fragt, welches Lied sie singen wolle, sagt sie, sie wolle diesmal ohne Be gleitung singen. Und dann singt sie mit ihrer

schönen, klaren Stimme eines der herrlichen Glaubenslieder:Rock of ages, cleft for me

(Fels des Heils, geöffnet mir). Die Menge war wie erstarrt; ein geistliches Lied auf dieser Bühne und aus diesem Munde! Der Direktor hört voll ingrimmiger Wut das Lied. Am liebsten wäre er auf die Bühne gestürzt, um die Sängerin herunterzureißen, doch das ging nicht.Eine feierliche Stille legte sich über den Saal, hieß es in dem Bericht der Tageszeitungen.Die Herren ließen ihre Zigarren ausgehen, und die Damen legten mit zitternden Händen ihre Opern gläser hin. Blasse, erschreckte Gesichter sah man viele in dem Saal.

Die Sängerin sang weiter; als sie aber an der dritten Strophe anlangte, wo es heißt:

Da ich denn nichts bringen kann,

Schmieg' ich an dein Kreuz mich an, da sprang ein Herr von der vordersten Reihe auf und rief laut in den Saal hinein:Mein Gott, das kann ich nicht länger aushalten. Das. ist ja das Lied, das meine Mutter sang! Mit diesem 915 stürzte er aus dem Saal, und Andere folgten ihm. 1

Das Lied war beendet, die Künstlerin ver ließ die Bühne. Nun aber folgte eine erregte Szene mit dem Direktor, der ihre sofortige Ent⸗ lassung verfügte. Das war der Sängerin nicht unwillkommen. Zuhause dankte sie Gott für seine Durchhilfe und fühlte sich an dem Abend als das glücklichste Mädchen in der ganzen Stadt.

Ob durch das Lied nicht doch der eine oder andere Zuhörer veranlaßt wurde, sein bisheriges Leben zu ändern? 5

.

Das zerbrochene Ei. Eeine Witwe war in ernster Besorgnis um ihren einzigen Sohn. Ihr Mann war vor kurzer Zeit ge storben. Sie hatte nun die verantwortungsvolle Auf gabe der Erziehung des Jünglings. Oft betete sie zu Gott, daß doch der Sohn in die Fußtapfen des frommen Vaters treten möchte. Es lag manches in

Liebe wollte sie ihm noch einmal eindringlich ins Ge wissen reden, damit er nicht am Glauben Schiffbruch litte. Wie sollte sie es nur anfangen?

Eines Tages rief sie ihn auf ihr Zimmer, legte ihren Arm um seine Schultern und ging mit ihm auf und ab, während sie mit ihm von dem heimgegangenen Vater und von seiner eigenen Zukunft redete. Plötz lich stand sie still, nahm ein Ei aus einem Korb, der auf ihrem Schreibtisch stand, und legte es in seine Hand.Jack, halte bitte das Ei! Halte es sorgfältig; denn du weißt, ein Ei ist ein gar zerbrechliches Ding; aber alle Wissenschaftler der Welt können ein zer brochenes Ei nicht wieder zusammensetzen.

Mutter was hast du nur vor, sagte Jack lachend, ich werde doch wohl ein Ei halten können!Ja du kannst es wohl, wenn du willst und acht gibst; aber wenn du es doch einmal fallen ließest! [Aber Mutter Spaß beiseite. Was hast du nur im Sinn, daß du mir solche Predigt über ein Ei hälst? Ich bin doch kein kleiner Junge mehr, daß ich nicht ein Ei sicher halten könnte!Gut, mein Sohn, ich wollte eigentlich auch nicht über Eier mit dir reden. Und nun redete sie mit ihm, wie nur eine Mutter reden kann, und wies ihn hin auf die vielen Gefahren Leibes und der Seele, die ihm im Leben begegnen würden.

Inzwischen aber sagte sie wieder und wieder: Gib acht auf das Ei!Du und dein Ei, sagte. Jack zuletzt etwas gereizt,sei nur unbesorgt! Das Ei lag noch sicher in seiner offenen Hand.

Die Versuchung kommt schnell, Jack! Man kann in einem Augenblick aus seinem Gleichgewicht gebracht werden, wenn man nicht in Christus gewurzelt ist. Es gibt keine Kraft, die dich und mich bewahren kann, als die Kraft Gottes. Jesus würde uns nicht so eindringlich zum Wachen und Beten ermahnt haben, wenn er nicht die große List und Macht Satans gekannt hätte.

Ja, Mutter, sagte Jack ungeduldig,aber du sprichst, als ob ich noch ein Kind wäre und dies nicht alles wüßte. Es soll alles gut werden. Ich werde nie so ein Schwächling oder schlechter Mensch werden wie die, von denen du mir erzählt hast. Fürchte niemals für mich. f

In dielem Augenblick gab ihm die Mutter einen leichten Stoß an den Ellenbogen, und das Ei fiel aus seiner geöffneten Hand auf den Boden und zer⸗ brach.O Mutter, das war nicht meine Schuld! du stießest meinen Arm!Gut, mein Lieber, wir

wollen sagen, es war meine Schuld; aber das Ei würde nicht gefallen sein, wenn du es fester gehalten

seinem Charakter, das ihr Grund zur Besorgnis gab. Jetzt sollte er ins Leben hinaustreten. In mütterlicher

hättest.Nein, natürlich nicht; aber wie konnte ich wissen, daß du das tun würdestl f