Ausgabe 
8.6.1913
 
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stumpf und gleichgültig geworden wäre, um schließlich an Gott zu verzweifeln. Statt dessen sehen wir, wie grade das steigende Elend seines äußeren Schicksals seine Lebensgemeinschaft mit Gott vertieft. Je mehr ihm die Welt zur Hölle wurde, desto dringender ward sein Wunsch, ihr Licht und Recht des Höchsten zu bringen; je verächtlicher ihm die Menschen wurden, desto inniger liebte er sie je geringer er denken lernte über seine Zeitgenossen, wie sie waren, desto höher dachte er von dem, was Gott aus ihnen machen könne. So sah er denn auch seine Ketten an als ein Wunderwerk seines Gottes; er fühlte, daß sie zur erschütterndsten Predigt wurden, wenn er sie trug mit lächelnder Geduld. Mochten die Bande seine Arme wund reiben: Gottes Wort war frei und redete seine herzbezwingende Sprache. Da brauchte zuweilen Paulus garnicht selbst den Mund aufzutun; hob

erer klirrend den Arm, so klangs: hier ist einer, der

sterben kann für seinen Glauben! Das war ein Zeugnis, wie es sein soll, eine Bewährung durch die Tat und im Angesichte des Todes! Damals ist die Gemeinde zu Rom angewachsen wie ein Bergstrom im Frühling; mancher, der noch schwankte und seinen Rücken wärmte an der lebenzerstörenden Glut heidnischen Behagens, mancher, der, durch Gewohnheit und Dünkel gebunden, ein Leben der Selbstsucht und des Uebermaßes führte: damals brach er in die Kniee, als er den alten Paulus sah,

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wie der das Uebel herbei rief und sprach:Komm, Bruder Tod du kannst das Leben in mir doch nicht umbringen, denn nicht ich lebe, Christus lebt in mir!

Tass fahren!

Ein Kind spielte einst mit einer kostbaren Vase und steckte eine Hand in dieselbe hinein, konnte sie

aber nicht wieder heraus bringen. So sehr es mit

dem Vater, den es zuhilfe gerufen hatte, sich bemühte, es gelang nicht, und man sprach schon mit großem Bedauern davon, man werde das wertvolle Gefäß wohl zerbrechen müssen. Da wies der Vater noch einmal das Kind zu einem letzten Versuche an, die Hand, alle Finger derselben, vollständig nach unten

zu strecken, und zwar so nahe zusammen, wie nur

möglich.Ja, das kann ich nicht, sagte das wei nende Kind,sonst muß ich ja meinen Pfennig fahren lassen! Die ganze Zeit hatte es einen Pfennig in der Hand gehabt, und beinahe wäre demselben die kostbare Vase geopfert worden. Wieviele Menschen gleichen diesem törichten Kinde! Sie klammern sich an allerlei Tand und setzen dabei die ewige Seligkeit aufs Spiel. f

Erst gerettet.

Nicht oft genug konnte es der alte Pfarrer Henhöfer in seinen Predigten betonen, daß man erst glauben müsse und dann erst heilig leben könne. Hab' auch früher g'meint, sagte er einmal in der Predigt,daß die Leute erst brav merden müßten, ehe sie zum Heiland kommen können. Aber's ist nicht so. Erst essen und dann arbeiten! heißt's im Reich Gottes. Erst selig, dann heilig. Im siebzehner Jahr, im Hungerjahr(1817), da war groß Elend. Da hat in Mühlhausen die Herrschaft beschlossen, einen neuen Weg anlegen zu lassen, damit die Leute was verdienten. Da hat man den Leuten die Hacken und Schau seln gegeben zum arbeiten, und nach der Arbeit sollten sie Geld und Essen bekommen. Aber nach zwei Stunden sind sie gekommen und haben die Schaufeln hingestellt und gesagt:Wir können nicht arbeiten, wir sind zu schwach und kraftlos; gebt uns zuerst zu essen! Dann haben wir ihnen erst gekocht, und sie haben sich satt gegessen, und dann sind sie hingegangen und haben wacker gearbeitet. Seht also: erst Gnade, Friede mit Gott durch Glauben an Jesum Christum, also erst am Tische sitzen und Seligkeit, Gewißheit des Heils haben in

Jesu und dann arbeiten, d. h. treu und heilig leben mit ihm und für ihn.

Redakteur: Stadtmtsstonar Herrmann⸗Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber⸗Gassel

Glück.

Wir werfen oft unsere besten Jahre mit Probieren fort für eine Zeit, die aber nie kommen wird, wo wir ganz befriedigt sein werden. Ich bin gewiß: das Geheimnis alles wahren Glückes ist, zufrieden zu sein mit dem, was wir gerade haben. Wir schaffen uns selber Gespenster. Mit diesem Gejammer der halben Welt habe ich keine Geduld. Ich behaupte, unter diesen armen, elenden Schwarzen ist mehr Glück als durchschnittlich unter den Leuten zu Hause. Freuen sich doch diese Schwarzen über eine Hand voll Mais! Sie haben keinen Streifen Zeug, sich zu bedecken, aber man sieht sie nie den ganzen Tag lang brummen und stöhnen, wie man's zu Dutzenden in England findet, wo man sehr klägliche Versuche zu Heiter⸗ keit und Frohsinn macht, die doch nicht Stich zu halten pflegen. Niemand würde in unserer Zeit so unwillkommen sein, als unser Heiland, wenn Er sich in der Welt von heute niederließe. Er würde von beinahe allen unseren Bestrebungen nichts wissen wollen und ganz unzeitgemäß sein. Die friedevolle Stille seines Lebens kam einzig und allein von seiner Hingabe und Ergebung in

den Willen Gottes. Gordon.

Pfarrer Mockert⸗Frantfurt a. M. und die Prediger

der Pilgermtsston. Verlag der Buchhandlung der Pilgermisston. Druck von Otto Meyer in Gießen, Ludwigstr. 30.

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