Die Toten stehen auf.
Matth. 11. 5.
Etwas Großes, vielleicht das Größte, das ich im Leben und in der Heimat erlebt habe, ist eine Erweckung, die ich in nächster Nähe gesehen habe. a „Es geschah mir in meiner Jugend,“ wie es im alten Volksliede heißt. Ich hatte mein theologisches Examen gemacht und fing bei kleinem an, im Weinberge zu arbeiten..
Eines Tages erhielt ich eine Aufforderung aus dem nördlichen Jütland, in einer dort ver— anstalteten Missionswoche an einem Abend zu reden— nicht mehr. Ich sollte in einem alten Herrenhause wohnen; ich weiß noch genau, wie ich dort in dunkler Winternacht eintraf, durchkältet und verstimmt. Fast fünfzehn Jahre sind seit— dem vergangen.
Der erste Tag und der Abend verliefen programmäßig. Ein Prediger aus der Nachbar- stadt und ich sprachen abends im Missionshause; wir hatten viele Zuhörer, aber etwas Besonderes verspürte man nicht. Nach Schluß der Versamm— lung reiste der Prediger nach Hause, und ich ging schlafen, um am nächsten Tage meine Reise fortsetzen zu können. Aber am nächsten Morgen schienen Himmel und Erde ineinander verwoben zu sein. Es herrschte ein gewaltiger Schneesturm; alle Züge stockten. Der Postdienst war unter- brochenz die Redner blieben aus; die Zelte waren geschlossen.
Dieser Zustand währte die ganze Woche hin— durch. Niemand konnte zu uns kommen, und ich konnte nicht fort. Jeden Abend mußte daher ich ganz junger und ungeübter Prediger den Redner— stuhl besteigen. Es wurde eine wunderbare Woche.
„In diesem Wetter wird niemand kommen,“ dachte ich, und viele sprachen es aus. Aber als wir am ersten Abend meines unfreiwilligen Aufenthalts uns bis zum Missionshause durch den Schnee gekämpft hatten, fanden wir das Haus überfüllt. An den folgenden Abenden ging es ebenso, so daß schließlich durchaus kein Platz mehr übrig war.
Und dann der Geist in diesen Versammlungen! Eine atemlose Stille herrschte, während geredet wurde, fast Totenstille. Nach Schluß der Ver— sammlung aber, ja, da brach der Gesang durch. Niemals habe ich, weder früher noch später, solchen wundervollen Gesang gehört, als in den damaligen Tagen. Und nicht allein Gesang, auch Klagen! Im Anfange stand ich ganz überwältigt und hielt krampfhaft meine Bibel in der Hand und wußte kaum, was ich beginnen sollte. Mit vielen sollte mak reden, vielen sollte geholfen werden. Gebete und Schluchzen wurden hörbar. Um Gnade
kleine Schar sich gebildet hatte.
wurde gefleht und Schuldbekenntnisse wurden ab⸗
galsat. Wie es kam— ich weiß es nicht. Aber
as weiß ich, daß ich später viel an diese Ver⸗
sammlungen gedacht habe, die wie ein wogendes Meer waren, wenn ich am Strande lag und auf die Wellen hinausschaute.
Hier und dort bildeten sich Gruppen um gläubige Männer oder Frauen, die sich bemühten, den fragenden, sündenbeschwerten Seelen zurecht⸗ zuhelfen. Ich selbst wurde völlig in Anspruch genommen. Ich brauchte nicht nach Menschen zu suchen, sie kamen ungesucht, und immer lautete die Frage:„Freunde, Brüder, was sollen wir tun, um selig zu werden?“ f
Zahlen vermag ich nicht zu nennen. Aber eins weiß ich, als die Woche zu Ende war, hatte das geistige Gepräge der Gegend sich von Grund aus geändert. Viele, sehr viele hatten den lebendigen Glauben an ihren Erlöser erhalten; manches Heim war anders geworden als früher; viele Sünden— ketten wurden zerbrochen, manches unruhige Herz fand den Frieden. Vielleicht gab es auch einige Herzen, die verhärtet wurden, und einige, die sich ganz abwandten. Einige scheitern ja am Erlöser, während andere sich an Ihm aufrichten.
Woher stammte denn diese Erweckung? Mitten in harter Winterzeit zeigte sie sich, ohne daß man irgend eine äußere Veranlassung wahrnehmen konnte. Woher stammte sie?
Sie kam von oben, gesandt von Gott, und ihre gesegneten Spuren waren dauernd. Und sie kam, weil das Wort Gottes in diesen Gegenden seit Jahren verkündigt worden war, klar und entschieden, liebevoll und erweckend, und weil von„knienden Kämpfern“ schon eine Sie kam zur guten Stunde Gottes, nicht zufällig, sondern sie war von ihm vorbereitet, vorbereitet durch sein Wort; und der Weg war durch die Gebete Seines Volks gebahnt.
Ob es nicht das ist, was unser Volk braucht? Eine sittliche Erweckung, ja, durchaus! Eine soziale Erweckung,— ja, wer könnte solches bezweifeln? Besonders aber: eine religiöse Erweckung, damit die Menschen sehen, daß, wenn das Christentum Wahrheit ist, dann muß das Christenleben Wirkliehkeit sein. Ein geteilter Er— löser kann uns nicht genügen, wie ihn die moderne Theologie darstellt, und uns kann ein geteiltes Christentum, wie es jetzt modern ist, nicht genügen, wenn wir Gott Treue halten wollen.
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