Ausgabe 
12.1.1913
 
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Gemeinschaftsblatt für Hessen.

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Sonntag, den 12. Jauuar 1913.

6. Jahrg.

Und dann

Warum ist denn das Jahr neu, Vater? Ist es wie mein neuer Schulranzen, den ich bekommen habe, ganz anders wie das alte, ganz frisch? Oder ist es, wie das neue Brüderchen, ganz klein? forschte Erich.

Du liebe Zeit, Junge, was du auch alles fragst, sagte der Vater halb ärgerlich, halb belustigt, und wandte sich von seiner Arbeit fort dem kleinen 6jährigen Buben zu, der wiß begierig zu ihm aufblickte.

Es fängt neu an wie der Kalender, darum istts neu. Wir zählen von den 365 Tagen wieder eins und dann so weiter. Wir sind ein Jahr älter geworden, wenn wieder so ein Abschnitt hinter uns liegt, das ist alles.

Und dann, Vater?

Na, was dann noch; wenn ein Jahr nach dem andern vergeht, dann wird man groß,

lernt etwas, wird ein SoldatUnd geht in den Krieg! schaltete der kleine Mann triumphierend ein.Nun, das wolle Gott

verhüten, aber ernst genug sieht es damit aus, ergänzte der Vater nachdenklich,

Und dann, Vater?

Dann wird man alt und setzt sich zur Ruhe. Dann ist's mit dem Neuen zu Ende!

Aber, Vater, wann kommt denn das neue Herz? In der Sonntagsschule sagt doch immer Fräulein Kröning, wenn wir kein neues Herz bekommen, dann kommen wir auch nicht in den Himmel, und dann sind wir auch nicht glücklich!

Das neue Herz hm das kriegen wir, wenn wir sterben, oder so etwas; aber nun laß mich in Frieden, du bist ja heut un ausstehlich mit deinem Fragen; ich habe jetzt keine Zeit mehr.

Erich ging zögernd hinaus. Vaters Ant wort gefiel ihm nicht so recht; er wollte nach her mit Mutter über die Geschichte sprechen.

Der Vater aber saß noch eine Weile da und dachte nach. DasUnd dann? ließ ihn nicht los. Ein Jahr war vorüber; er war gesund und kräftig, wahrscheinlich würden Jahre vergehen, die er in seinem Beruf ohne jede Störung zubringen konnte, dasUnd dann? brauchte ihn nicht zu quälen; warum fiel es ihm nur immer wieder ein?

Und dann die Ewigkeit. Er wußte genau, daß das die Folge war. Seine fromme Mutter betete für ihn, seine Frau sprach immer von Entscheidung für den Herrn und solchen Dingen. Für sie war die Ewigkeit kein ungewisses, angstvolles Fremdes, sondern, wie sie es nannte, eine nahe, gewisse Herrlichkeit. Und der kleine Erich sprach von der goldenen Stadt mit den Perlentoren, als hätte er sie schon gesehen. Sonderbar! Morgen war der 1. Januar und dann?

Mann, eben kommt dein Freund Höpfner; ich sagte ihm, du habest zu tun, rief Frau Wendler, und Erich rannte herein und fing wieder an:Vater, kommt das neue Herz mit dem neuen Jahr?

Was sagst du da? fragte eine srisch männliche Stimme, und herein trat in Uniform der eben Angemeldete.Das neue Herz, kleiner