Ausgabe 
5.1.1913
 
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Du bist jenem törichten Soldaten Napoleons gleich, der mit einem halbverfallenen Nachen das mittel⸗ ländische Meer durchschiffen wollte. Willst du

Dich auf dein stolzes Herz verlassen, dann bist du

ein Tor. Nimm Jesus als Führer anz laß ihn Kapitän und Steuermann sein in deinem Lebens schifflein, und du wirst eine gute Fahrt haben.

Mögen dich dann auch Stürme umtoben,

Riffe ragen, Blitze zucken, du kannst rühmen: Halt Du mich nur bei Deiner Rechten, Holdselger Freund und dann voran,

Sei Du der Stern in meinen Nächten,

In meinem Bot der Steuermann.

Und sprich wenn ich in Stürmen zage,

Zwei Worte nur vernehmlich aus.

Sprich nur:Ich bins, und jauchzend schlage Ich meine Ruder durchs Gebraus.

S

Blutschulden der Türken.

Als wir unser Arbeitsfeld, die weite Musch ebene mit ihren vielen Dörfern durchreisten, da wurde es uns in erschütternder Weise klar, unsere Arbeit ist an einem sterbenden Volk. Hunger, Blöße, Bedrückungen aller Art und unerhörte grausame Steuereintreiberei hatte das Volk zu dem gemacht, was es war. Das Ausrottungssystem von Abdul Hamid hatte sein Werk getan und tat es weiter Tag um Tag. Der Gedanke, das armenische Volk muß bedrückt werden, lebte in jedem Beamten der Regierung, bis herunter zu den unwissendsten Polizisten. Die Männer, die Ernährer, wurden zu Massen in die Gefängnisse abgeführt, ein nichtiger Grund, ja ein Versehen war es sogar manchmal nur, das die Leute für Jahre hinter die düsteren Kerkermauern brachte.

Wohl hatten wir früher viel von der Not und Armut der Bewohner dieses Landes gehört, aber was unsere Augen jetzt sahen, das übertraf auch unsere schlimmsten Befürchtungen. Die Wirk lichkeit erschien uns so verzweifelt, so nieder schmetternd, daß wir nur im Bewußtsein der Tat sache, daß unser Weg von Gott vorgezeichnet war, es wagen konnten, uns dort niederzulassen. Wohin auch unser Auge schaute, mußten wir die Tränen derer sehen, die Unrecht litten. Da waren vor allem die Kinder, diese lieblichen, holden Gestalten, die, oft nur mit einem dünnen Hemdchen bekleidet, barfuß durch den hartgefrorenen Schnee schlichen. Blau gefroren und mit hungrigen Augen sahen sie uns an.

Wir lernten einen lieben evangelischen Lehrer kennen, den hatte auch das Unglück erreicht, und

zukommen lassen.

er mußte fünf Jahre im Gefängnis zubringen. An diesem Ort der Schrecken hat er mit uner müdlicher Liebe seine Brüder durch Gottes Wort gestärkt. Er litt sehr, wurde krank und bekam eine böse, böse Wunde an seinem Arm, die an seiner Kraft zehrte; er litt manchmal so unter der verpesteten Luft in dem engen Raum, wo so

viele eng aneinander lagen, daß er seinen Kopf

unter die groben Schilfmatten legte, die den Lehm boden bedeckten, um nur einmal den Erdgeruch einzuatmen! Welch eine Qual, fünf Jahre da zuzubringen! Dieser Lehrer war ein sehr armer Mann, aber aus seinem reichen 57 heraus erquickte er manch hoffnungslosen Gefangenen mit Ewigkeitsgütern und drückte auch manchem Bruder, der in demselben Raum seiner Oual erlegen war, nachdem er ihm Himmelstrost gespendet, die Augen zur letzten Ruhe zu. Aber Gott hatte Seines Knechtes auch nicht vergessen. Da war ein Mann aus dem Dorfe Asadurs, so hieß der Lehrer, der tat eines Tages ein Gelübde und sagte:Wenn Gott mir in diesem Jahre meine Felder behütet, daß die Bären sie nicht so verwüsten, dann will ich den Betrag des Schadens, den sie mir sonst zugefügt hatten, dem armen Asadur im Gefängnis Und der Herr tat nach der Bitte des Mannes und die Felder blieben bewahrt. Welch ein Lichtstrahl fiel in Asadurs Herz, als der Mann ihm das Geld brachte und ihm zugleich erzählte, daß Gott ganz gewiß seiner gedacht und ihm darum seine Felder bewahrt habe.

Es wird immer klarer, daß der erste und letzte Grund aller Leiden des armenischen Volkes der ist, daß sie das Zeugnis Jesu festhalten. Sie tragen nun schon seit Jahrhunderten die Schmach Christi inmitten des Islam. Es war unmöglich, sowohl für die Großen als auch für die Kleinen, hungernden Waislein, ihrer Not durch Verleugnung

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des Glaubens ein Ende zu machen. Ich habe in

Musch und Umgebung nur einen Armenier ge troffen, der zum Islam übergetreten ist: er war in Amt und Würden, hatte eine angesehene Stellung und litt keinerlei Entbehrungen. Er hatte sich in der Stunde der Todesgefahr das Leben durch Verleugnen gerettet, und nun hatte er es gut, aber seine Volksgenossen sehen voll Grauen zu ihm auß der Mann hatte seine Seele verloren, das stand allen fest, und das ist es, was ihnen immer vor Augen schwebte: entweder zeit liches Wohlleben oder ewig verloren, oder hier Trübsal, Kreuz und Sehmach und dort die Selig keit, sie wählten letzteres; denn sie sahen nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.

Ja es lohnt sich, hinauszugehen ins dunkelste Kleinasien, um solche Tränen trocknen zu könnenz es lohnt sich, wenn die Daheimbleibenden dem Wort des Herrn gehorsam sind, wenn Er sagt: