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Mittwoch, den 23. Klar; li)l4.

7. ^rtljrrirtttrx

xi den Agenten monatlich so Ptg. Kin,u tritt Postgebühr «der TrLgeilohn. Ameigen: Erandzcile 20 Pfg., lokale 15 Pjg, Anzeigen von auswärts werben durch Polnachnahme erhoben Erfüllungsott Fttedberg. Schriftlertnng und Verlag Friedberg (hesien), Hanauerstrahe 12. Femiprecher 48. Posticheck-Conto Nr. 4859, Amt Franksurt a. M.

Ueberlichi

Die Strafkammer zu Graudcnz verurteilte wegen Zweikampfes mit tödlichen Waffen den GcrichtSrrfrrrndar Schlüter aus Königsberg zu drei Monaten Festungshaft und den Referendar Grundricr wegen Kartrlltragcns zu 23 Tagen Festungshaft.

Von verschiedenen Seiten wurde gemeldet, das; Staatssekretär v. Jagow deninnchst deutscher Botschafter in Paris werde und daß der gegenwärtige Botschafter Freiherr v. Echoen den Petersburger Botschafterposten erhalten soll s Tiefe Meldung ist dem Berliner Tageblatt zufolge gänzlich unbegründet. Freiherr v. Echoen fei übrigens schon einmal Botschafter an der Newa gewesen und eine Rückversctznng cinf einen bereits innegehabten Botfchaftcrpostcn sei im all­gemeinen nicht üblich.

In der Frankfurter Allee 72 in Berlin spielte sich im Laufe des gestrigen Nachmittags eine erschütternde Tragödie ab. Ter 18jährige Abiturient Jirjah», der Schiller de? Reformgymnasiums war, hatte die Schnlpriisnng nicht bestanden. Diesen Mißerfolg nahm er sich so zu Herzen, » er sich durch 5 Schüsse aS einen, Revolver tötete.

Gestern Abend brach in der neuen Königlichen Bib liothek in Berlin, die erst an, Sonntag feierlich cingcwciht worden war, ein Brand ans, der aber rasch gelöscht werden konnte. Nennenswerter Schaden ist nicht angerichtet worden.

Ter Flieger Linckogel stellte gestern mittag auf dem TAngplatz Johannisthal auf einer Rumplcrtaichc einen neuen Weltrekord auf. Er erreichte mit dem Oberleutnant z. S. Plüschow als Begleiter eine Höhe van 5500 Metern. Der bisherige, von einem Franzosen gehaltene Rekord, betrug I960 Meter.

Eine schwere Explosion entstand im Fabrikations- tnnm der Druckerei von Hrnnebrrg in Magdrburg. Die

in> Raun, befindlichen brennbaren Materialien gerieten so- fcrt in Brand. Die starken Stichflammen schlugen nach den Lagerräunien und in das Ladengeschäft über und zündeten äort alles Brennbare an. Im Nu stand alles in Flammen. Tic Fensterscheiben wurden auf die Straße geschleudert und Passanten durch Glassplitter verlebt. Das Personal konnte sich nur mit Mühe retten. Ei» Lagcrarbriter und zwei Mädchen erlitten schwere Brandwunde».

Großes Aufsehen erregt in Blankenburg im Harz der Zusammenbruch des bekannten Lottcrichauptkollcktcurs Isaak Mcper, der sich in Halberstadt vergiftet hatte. Die Verbind­lichkeiten MeperS werden auf über 1 Yt Millionen Mark geschäht. Tic llnterbilanz ist hauptsächlich auf verlustreiche Spekulationen in Wertpapieren znrückzusühren.

Eine bedeutende Erdscnkung hat bei Kl. Oesede statt- fiindcn, indem ein Stollen eine« ehemaligen Bergwerkes

instürzte, weil Wasser cingedrungen war.

Ein Kabcltelcgramm aus Santarem besagt, daß ioosevelt und seine Gefährten in keiner Gefahr geschwebt i nten. Es handele sich um eine andere Abteilung der iisenschastlichen Expedition, die eine Zeitlang gefährdet ge- cii sei. Sic habe ihre Boote verloren, jedoch seien Men- '»Verluste erfreulicherweise nicht zu verzeichnen.

Scharsmachcrlrnrs in Acsien?

Im hessischen Landtag pflegt cs sonst still zu sein und die Anssprachen bewegen sich in einem ruhigen und sachlichen Geleise. Aber es kommen auch Ausnahmen vor und wenn es zu Unruhen oder gar zur Skandalszenen kommt, dann ist jede? Mal der Name des Sozialdemokraten Or. F n l d a da­mit verknüpft. Als Zweitei im Bunde pflegt dann der ebenfalls sozialdcniokratische Abg. Ulrich von Offenbach aiifzntreten, der ja gleichfalls im Randalieren einige Hebung besitzt und bekanntlich im Reichstag eine Tollwutszenc auf- gcfübrt bat. Um die unwürdigen Auftritte, deren Schauplatz am Donnerstag der hessische Landtag war, beurteilen zu können, muß deren Hergang geschildert werden. Die . Darmstädter Zeitung" bringt cinen Bericht, der die Vor- gange wahrheitsgetreu schildert. Wir lassen ihn folgen: -

Staatsrat Süfscrt führt aus: Ter Bund hessischer D ' nlreformer faßte eine Entschließung, in der das Verbot As ein nicht glücklicher Eingriff in das im Interesse einer nieinsamen Volksbildung liegende Recht des Lehrers be­zeichnet wird, BildnngSvorträge in Bildungsvereinen zu halten, einerlei, von welcher Seite die Veranstaltung aus- gel-t. Dazu bemerkt die nationalliberaleKölnische Zei- ,'ng": Daß die hessische Regierung verbietet, sich an der Propaganda für sozialdemokratische Volksbildung zu b'tei- ligen, ist so selbstverständlich, daß man den Mut der Schul- reformcr bewundern muß. die ein staatsbürgerliches R'-cht ker Lehrer zu verteidigen vorgeben. Viel höher als dieses Recht n,uß den Lehrern ihre Pflicht stehen, ibrc Tätigkeit zuübe!^ emcr revolutionären Staatsauffassung aus-

Im weiteren kommt es z.

sehr rrrcgtcn Zwischcnsällr».

Staatsrat Tüssrrt fährt fort: Herr Fulda hat weiter gesprochen von Engherzigkeit und von einem KriegervercmS- geift, der in dem Miniftcriu,» des Innern, besonders in der Erhulabteilung, herrscht. Als alter Soldat betrachte ich cs für eine Ehre und Anerkennung für nnch, wenn man wir bestätigt, daß ich Kriegervcreinsgeist in mir habe. Ehre den Männern, die sich diesen gewahrt haben.

Abg. Fulda: Das ist Fcldwebclgeist.

Staatsrat Süssrrt: So viel ich weiß, haben Sic es ja nicht einmal bis znm Gefreiten gebracht.

Abg. Fulda: Und Sic waren ein trauriger Souimer- leutnant.

Staatsrat Süssrrt: Ach, Herr Fulda, wa? Sie sagen, leicht ja nicht bis zu meinen Stiefelspitzcn. (Sehr richtigl Bravo! Errcgte Zwischenrufe. Große Unruhe. Aba. Ulrich springt erregt bis zum Ministertisch vor und ruft: Was Sie sagen, reicht niemals bis zu »»seren Absätzen.)

Präsident Köhler ersucht dringend, die Zwischenrufe zu unterlassen, da er sonst die Sitzung schließen müsse. Ta Herr Fulda weitere Zwischenrufe macht, wird er zur Ordnung ge­rufen. Als Staatsrat Süffert fortfahren will, ruft der Abg. Fulda: Sic sind ein unverschämter Staatsrat! Wir lassen den Herrn überhaupt nicht weiter reden! Präsident Köhlrr ruft den Abg. Fulda zum zweiten Male zur Ordnung und niacht ihn aus die Folgen des dritten Ordnungsrufes auf­merksam. Abg. Ulrich ruft: Herr Präsident, der Staatsrat hat uns beleidigt, indem er sagte, es reiche nicht zu seinen Stiefelspitzen, was Abg. Fulda gesagt hat. Mir müssen um Schutz bitten gegen diese Beleidigung. Rufe: Der Herr Staatsrat hat recht gehabt. Sic haben zuerst beleidigt. Abg. Fulda: Frechheit! Abg. Ulrich: Sonst schützen wir uns sel­ber, Verlässen Sie sich daraus I

Präsident Köhler: Meine Herren, ich bitte dringend um Rübe. Zur Erhöhung des Ansehens des Hauses gereichen diese erregten Zwischenrufe sicher nicht. Wenn die Zwischen­rufe jetzt nicht aufhören, schließe ich die Sitzung. Beifall und Widerspruch; große Unruhe, die sich legt, als

Staatsrat Süffert wciterspricht: Meine Herren, in die» sen Zurufen sehen wir eine Probe der Bildungsbedürfnisse der Sozialdemokraten. (Sehr richtigl Erneute Zurufe, große Unruhe. Abg. Fulda ruft: Und Ihre Provokation!)

Staatsrat Süffert schließt: Ich darf konstatieren, daß die große Mehrheit des Hauses und der Bevölkerung unsere Grundsätze billigt und teilt. (Stürmische, demonstrative Bravorufe, Händeklatschen; Zischen bei den Sozialdemo­kraten.)"

Ter unparteiische Beurteiler wird zugeben müssen, daß Staatsrat Süffert gar scharf in der Form gewesen ist, sich aber in den Grenzen des parlamentarischen Anstandes ge­halten hat. Den Ton der Gasse getroffen und sich gemnner Schimpsworte bedient zu haben, diese Aufgabe fiel wieder dem Abg. Fulda zu, genau wie er es vor einigen Jahren dem Minister v. Hombergk gegenüber getan hatte. Daß der Abg. Ulrich ihm zur Seite sprang und sich in lächerlich wirkenden Drohungen erging, paßt zur Sache. Diese alten Parlamen­tarier von der Sorte Ulrich platzen fast vor Selbstübe» hcbnng und bilden sich mit der Zeit ein, eine gewisse Gott- ähnlichkeit zu besitzen; eine Einbildung, die mit dem Wesen der Gleichheit, die sic sonst immer predigen, in auffallendem Gegensatz steht. Wie man mit Abgeordneten, die sich selbst Helsen wollen, fertig wird, das hat die Parlamentswache in Wien und in Budapest gezeigt. Man braucht dazu noch nicht einmal den bekannten Leutnant mit zebn Mann.

Daß die sozialdemokratischen Organe für ihren Fulda eintrcten, der. nebenbei gesagt, als Rentner und Millionär ein recht behagliches Leben in Darmstadt führt, versteht sich von selbst und die Schimpfworte, die hageldicht auf die Geg­ner herniederprasseln, zu wiederholen, wäre Zeitvergeudung. Bemerkenswert aber ist es. daß sich dieFrankfurter Zeitung" auch in dieser Frage auf die Seite der Sozial­demokraten stellt.Der Scharfmacherknrs in Hessen", so überschrciöt der bekannte »-Korrespondent in Darmstadt einen Aufsatz. Es wird darin der üble Zwisck>enfall psycho­logisch aus der verbitterten Kampfesstinimung zu erklären gesucht, die der vom Ministertisch vertretene Geist erzeugt habe. Die Regierung sei nicht von Schuld frei z» sprechen, da sie auch die systematische Zurücksetzung einer Partei, der nun einmal weite Dolkskreise anhängcn, die Verbitterung erzeuge. Die Zurücksetzung wird in demKoniiniß- g e i st" erblickt, der nicht zulasse, daß sozialdemokratische Bür­germeister und Beigeordnete bestätigt werden, den Lehrern verbiete, in Gewerkschaften bildende Vorträge zu halten, weil die Gewerksck>asten unter sozialdemokratischer Lei­tung ständen. Ter Finanzminister Braun Wied sodann in einen Gegensatz zu dem jetzigen Kurs gebracht und cs wird behauptet, daß ein liberaler Geist geherrscht habe, als er noch das Ministerium des Innern zu vertreten hatte. Wir sind überzeugt, daß Minister Braun den heutigen Kur? billiat. Wir baben vor 5?»bren im Landtag von chm eine

Rede gehört, in der er den unüberbrückbare» Gegen'atz zwischen der heutigen Gesellschciftsordunng. die ans nationa­len Boden aiifgcbant sei und der internationalen So;iil< demokratie klar und unzweideutig festgelegt hat. Nach die- sen Grniidsätzcn handelt auch heute die hessische Regierung. Die Sozialdemokratie niacht an? ihrer tätlichen Feindschaft gegen den heutigen Staat und die bürgerliche Gesellschaft kein Hehl, deshalb gebührt ihr innerhalb diese? Staate? auch keine Stellung, die mit Autorität niid sogar mit Polizeigc- walt verbunden ist. Ebenso wenig haben Erzieher des DolkeS etwas in einer Versannnliing zu suchen, die von der Partei des Umsturzes veranstaltet wird. Die große Mehr­heit des hessischen Volkes billigt diesen Staudpinikt und freut sich, wenn er vom Ministcrtischc mit Kraft und zähem Willen vertreten wird.

Ans dem IjeP. CmtMetrr.

Zweite Kammer.

Tarmstadt, 24. März 1911.

Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um I0 1 /t Uhk. Die Beratung des Hauptvoranschlages für 1914 wird beim Ministerium des Innern fortgesetzt. Zunächst wird da? Kapitel 39 Bürgerschulen beraten, zu welchem die Abgeord­neten M e r g e l I und Gen. Anträge gestellt haben, welcher die Unterstützung kleiner Städte fordert.

Berichterstatter Abg. Molthan (Zentr.) tritt für die An­träge ein.

Staatsrat Süssrrt bittet die Anträge abznlehnen, wo­rauf das Kapitel ebenso wie die Anträge Genehmigung fin­den.

Bei Kapitel 56 Heil- und Pflcgcanstalt Philipps- hcspital Goddelau, bringt Abg. Raab (Soz.) verschiedene Wünsche der Beamten und Wärter vor. Die nachfolgenden Kapitel finden Annahme.

In Kapitel 60 Abwehr und Unterdrückung von Vieh­seuchen tritt Abg. l>r. Drbrr für die Bewilligung von 3000 für die vom Kreise Büdingen zu leistende Abfindungs­summe ein.

Abg. Hauck (Bbd.) führt Beschwerde, daß die von der Regierung erlassenen Verordnungen, betr. das Verwiegen von Schlachttieren nicht gehandhabt wird, worauf

Ministerialrat Hälzingcr erwidert, daß diese Verord­nungen nicht obligatorisch seien.

Das Kapitel findet Annahme. In Kapitel 63 Arnien- pflego begründet

Abg. Hauck (Bbd.) seinen Antrag, bctr. die Mehrbcwil- Irgung von 20 000 M an den Heilstättcnverein.

Abg. Ilr. Osann (natl.) ist der Ansicht, daß der Heil- stättenverein soviel Mittel zur Verfügung habe, daß er die Siaatshilfe nicht benötige.

Abg. Hanck (Bbd.) empfiehlt trotzdem warm seinen An­trag. da verschiedene Anstalten des Landes, insbesondere das Lupusheini und andere die staatliche Hilfe bisher entbehren.

Abg. Molthan (Zentr.) kann sich aus prinzipiellen Gründen nicht für den Antrag aussprechen.

Minister des Innern v. Hombergk erkennt die Tätigkeit des Heilstättenvereins an, kann aber derartige Anträge nicht unterstützen, ehe sie sorgfältig geprüft sind. Auch müsse man abwarten, bis die Anstalten selbst, die ja auf freiwilliger Liebestätigkeit beruhen, an die Regierung herantreten.

Das Kapitel wird genehmigt, der Antrag Hanck abge­lehnt. Zu Kapitel 65, Fonds für öffentliche und gemein­nützige Zwecke, ist beantragt, von den Ueberschüssen, welche die bisherigen Einnahmen übersteigen, mindestens den Be­trag von 40 000 M den Einnahmen des Budgets cinznstellen.

Minister des Innern v. Hombrrgk spricht sich gegen die Resolution ans, ist aber bereit, mit den Kammern ein Ab­kommen wegen der Ucberschüsse zu treffen.

Nach Bemerkungen des Abg. Henrich (freis.) und Abg. vr. Weber (Bbd.) wird der Ansschnßantrag gcnebmigt.

In Kapitel 67, Rcichsversicherung, fordert Abg. Ronb (soz.) eine Aenderung des Knappschastsgesctzes. Hierzu bot Abg. Leun beantragt, auch in Rhein- und Oberhessen weitere Obcrversichernngsämter zu errichten.

Abg. Raab (soz.) tritt ebenfalls für weitere Obervcrsiehe rungsärnter ein.

Abg. Fenchel (Bbd.) zieht im Namen der Abg. Leim nnl Gen. den zweiten Teil des Antrages zurück.

Abg. Tamm (freis.) spricht gegen den Antrag Leun.

Ministerialrat Schlirphakc weist darauf hin, daß die Landesversichernngsanstalt und die ihr untergebenen In- stitute dem Reichsversichcrungsamt unterstellt sind und die Regierung in der Sache nicht in der Lage ist. etwas zu un­ternehmen. Er ist der Meinung, daß die Errichtung weiterer Oberversicherungsämter nicht von Vorteil sei, zudcni durch drei Spruchkammern in Mainz, Gießen und Tarmstadt allen berechtigten Wünschen Rechnung getragen sei und die Köllen außerordentlich hoch wären. Tie Tätigkeit der Armtcr sei noch nicht so groß, als daß die Aenderunaen jetzt schon not- wendig seien