Beilage zur „ffieuen Tageszeitung."
’ | Dienstag, den 24. Mär; 1914. _ | 7 , Zalirgnng
Gedenktage.
24. März. !H41 Alb. Bertel Tkorwaldsen t- — 1871 Uebtf* gäbe von Büsch als letzte französische Festung. —> 1881 Fr Karl Hecker, badischer Revolutionär, t-
l^iüt Zondertahrt nach dem htiligra Lailde.
1913.
Hon Gräfin Marie z» Solms Roedrlheim.
(Fottsetzong). > .
Ans dem Oelberg wurden wir von Kindern verfolgt, die »ns Oelzweige verkaufen wollten.
Wir besahen uns die Keine Himmelfahrtskapelle, in der rin Fußtritt Jesu in den Fels gezeigt wird. Das ist nun löricht, doch man muß sich nicht daran stören. Sonst ist die Kapelle leer, was vorteilhaft wirkt. — Dann waren wir in dcr sehr großartigen Augusta-Vsktoria-Stiftung, die etwas abseits liegt, und deshalb nur für Erholungsbedürftige des Landes zu verwenden geht. Auch Schwestern, die sich vom Fieber erholen wollen, können hier von Schwestern gepflegt werden. Wir wurden herzlich bewirtet in einem riesen- zroßcn Raum. Die Gemeinde von Jerusalem war ziemlich slark vertreten. Nun berichteten Probst Jeremias, der Arzt dcc Krankenhauses, Pastor Schneller, über die verschiedenen Anstalten. Herr Hosprediger überbrachte Grüße Ihrer Majestät. Er erwähnte in seiner Ansprache, daß man dort zu Lande stets au die Sphärenmusik erinnert würde. Jede ttonsession hat nur ein paar Noten davon erwischt, die Teile müssen erst wieder zusammengesetzt werden; dereinst wird die Harmonie hergestellt sein und es wird das Ganze zur Huumelsmusik. Ich fand den Vergleich schön und passend.
Die Frau des Pastors von Bethlehem führte unS im Haus heruln, sie war so nett und freundlich.
Dann fuhren wir nach Haus. Ich war Abends noch auf der Plattform des russischen Pilgerbaues; bei Sternenschein und Musik des Quartetts war es ein schöner Abend. In der Nacht gegen Morgen hatten wir ein Gewitter, dem wir dann den staubfreien Weg nach Jerichow verdantten. Den nächsten Morgen ftüheS Wecken. Um 6 Uhr mußten wir aus dem Tcmpclplatz sein, den wir nur zu dieser Tageszeit gegen eine sehr hohe Summe Geldes besichtigen durften. Wir wurden von einem Krummsäbel als Schutz begleitet. Die Treppen, der große, weite Platz mit großen Marmor- Fließen gepflastert, niacht einen imposanten Eindruck. Es herrlcht auch kein Zweifel, daß der Tempel hier einst stand. Man fühlt sich auf diesem geschichtlich höchst wichtigen Punkt« ganz vom Ernst dcr Tatsachen erfüllt. Dem Tempel von Israel nach Gottes Angaben, auf Gottes Befehl gebaut, und nif sein Geheiß von den Römern zerstört!
Man wird in Gruppen herum geführt. Die unserige be- gibt sich zuerst in die sogen. Ställe Salomos. Gewölbte, große Räume mit Pfeilern. Auf dem Fußboden sieht man in eine Steinplaite ein Tambrett gehauen. Da sollen römische Kriegsknechte gespielt haben und es soll sich dadurch be- llätigen, daß dies das Richthaus war. ES kommt mir aber die andere Annahme, daß cs aus der Kreuzsahrerzeit stammt, glaubhafter vor. Man sieht nach dem goldenen Tor, wenn inan zum Fensterchen steigt.
Nachher besahen wir die Akla-Moschee. die eine christ-
Znm Pflttgeisrn.
Roman von M. Prigge-Brook.
54 (Fortsetzung).
Sie atmete förmlich aus bei dem Gedanken, daß sie dann wirklich sterben dürfe.
lieber Treppen und Gänge, an eisenbeschlagenen Türen vorbei, von denen sich keine öffnete, auch keine, wie Rose- inarie niit Schaudern bemerkte, mit einem Drücker versehen war, kamen sic endlich an die große, mit Glasscheiben versehene Eingangstür zum sogenannten Mittelbau.
So hieß der mittlere Trakt des großen Hauses, der, bester ausgcstattet, als die ihm anhängcnden beiden Seitenflügel, in denen die Anstaltskranlen hausten, nur eine be- chränkte Zahl hoher, mit einigem Komfort eingerichteter Zimmer auswies.
Für Kranke erster Klaste und ihre Begleitung! Außer ien Krankenzimmern befand sich ein gemeinsamer Saal, ein ,'öse und Wartezimmer auf der Etage, ebenso Bade- und nrichtc-Räume. Das Essen wurde mit einem Fahrstuhl ns dem Souterrain befördert.
Schwester Tobia führte die Damen in den Saal, in dem ; ii junges, blasses Mädchen am Flügel saß und spielte. Sie ;> ach nach den Eintrctenden nickst um und unterbrach ihr Spiel auch nicht im mindesten, obwohl cs nur aus drei bis er sich tvicderholten Takten bestand.
Man, schien nichts zu bemerken. Sie kämpfte mit dcr ueren Angst, die sic vor dem Hierbleiben warnte und ihrer . i größer werdenden Müdigkeit, die sie kaum auf den Füßen halten ließ.
' r: -' iörc Kräfte überschätzt. Vor der Heimreise in di..- rolle, den Wagen graute ihr fast ebenso sehr, wie vor dcr unbekannten Frau Schurr, die sic pflegen und vor Schwester Saüia, die sich um sie kümmern sollte. Sie war einer Ohn- macht nahe.
-rie eachwestcr kehrte zurück. Zimmer eins und zwei waren aniiaude. Frau Schurr wartete
liche Kirche war. Ein schönes, weites Gebäude mit schönen Einzelheiten aber nicht einheitlich Hier liegen schlafend« Bettler, dort beten Mohamedaner. Sie werfen sich auf und ab zur Erde, einer macht es vor. Schöne Cypressen in merk- tvürdigen Formen stehen zwischen Aksa- und Oniar-Moschee, die wir nun betreten, natürlich mtt übergezogenen Pantofteln oder auf Sttünrpfen. Dies herzurichten, nahm stets viel Zeit in Anspruch Hier ist Moria mit der Erinnerung an Isaaks Opferung, Abrahams Glaubensgehorsam. Der Fels wird nach der Legende schwebend erhalten, zwischen Himmel und Erd«. Auch hier Bettler und unheimliche, unfreundliche Begleiter. Das Ganze pomphaft.
Wieder in freier Luft, begaben wir uns zum zugemruer- ten Goldenen Tor, durch das sie den Einzug eines Fürsten oder Propheten befürchten. Wasserlücher mit Gewächsen da- »eben. An einem Gitter hingen fleine Läppchen von Kleidern der betenden Muhamedaner, die dadurch ihre Gelübde oder Anwesenheit versichern wollen.
Nun begaben wir uns durch das Stephanstor in das Kidrontal. Dort bestiegen diejenigen, die heute nach dem Toten Meere wollten, die Wagen. lieber 60 Personen waren wohl schon Samstag gefahren, heute etwa 80, die übrigen fuhren überhaupt nicht. Es war erst etwas blendend, wurde aber nachher besser. Nun ging's in die Gegend, die auf mich, in ihrer Oed«, einen ganz besonders starken Zauber ausübte. Zuerst begegneten wir noch vielen Pilgern nach Mose Grab. Mich ftappierte immer wieder, wie malerisch sie gekleidet waren, meist zweifarbig, aber wie stimmten diese Farben zu einander. Ich denke mir im Himmel auch nur vollendete Schönheit zu finden. Der lange Wagenzug schlängelte sich allmählig einsam durch die Berge. Wir kamen zum Chan des barmherzigen Samariters, wo man sich mit einem Getränk stärken oder Einkäufe machen konnte. Es sah nicht sehr einladend auS. Die Fahrt ging weiter. Um neun Uhr fuhren wir von Jerusalem fort. Mittag aßen wir in Jerichow. Wir sahen aber, ehe wir dorthin kamen, das Kloster St. Georges von ferne über ein Tal herüber! Dazu stiegen wir aus dem Wagen und gingen ein wenig. Es klebte an den Bergen. Eine seltsame Erscheinung, mir aber anziehend, hatte ich mir nach Ninks Beschreibung in: „Auf biblischen Pfaden", als lljährigcs Mädchen doch gewünscht, dort Mönch zu sein, worüber ich ausgelacht wurde. Es erfüllte ober meine Erwartungen in seiner völligen Einsamkeit. Wenn sich das Tal weitet, man das Gebirge verläßt, begegnet man gleich fließendem Wasser. Bebaut ist die Ebene aber nicht. Es wächst nur eine Art Gras, kein richtiger Rasen und Gestrüpp. Nur vereinzelte Beduinen sieht man auf Pferden oder Kamelen. Erst fuhren wir zu den Ausgrabungen. Ich sah nur Mauerrestc Keiner viereckiger Häuser, etwa wie in Bethlehem. Es sollen ja auch Reste großartiger Gebäude gesunden worden sein, ich sah sie nicht. An einein graden aus- gemauerten Bach sah man, daß die moderne Kultur hier wieder vordringt. Beini heutigen Jerichow sah ich herrliche Oleander und Granaten in Blüten und noch manches andere, schöne, tropische Gewächse. Nach unserer Mittagsmahlzeit und Besitzergreifung unseres Zimmers zu dritt, wurde an den Jordan gefahren. Auf unserem Bock saß ein Rosselcnker etwas jugendlicher Art. Ein hübsches, ovales bräunliches Antlitz, einen bräunlichen Kittel, der ganz im Ton zur Ge- sichtssarbe paßte und ibm gut stand. Allen Fragen gegenüber
Die Zimmer, sauber und geräumig, enthielten nur das Notwendigste und kamen den verwöhnten Bewohnern des Pflugeisens ärmlich vor.
In Nummer eins befand sich eine rote Plllschgarnitur, vor der ein ovaler Tisch mit gehäkelter Schutzdecke stand, ein Schreibtisch, auf dessen Platte ein leeres Blumenglas sein einsames Dasein führte, und mit einer billigen Decke versehene Chaise.
Dieses war das einzige moderne Möbel. In Nummer zwei sah es noch ärmlicher ans. Zwei Betten, mit weißen Waffeldecken zugedcckt, hüben und drüben je eins an der langen Wand. Neben der Tür ein Waschtisch mit wciß- lackierter Platte und blauweißcm Fayencegeschirr, ein braun- gestrichener Schrank, ein altes Sofa mit Wollripsbezug und einige altersschwache Stühle.
„Die besten Zimmer, die wir haben; durch Zufall sind sie gestern frei geworden", lobte die Schwester.
Mary sah sich gleichgültig um. Sie war in die Sosa- ecke gesunken, keines Gefühls mächtig, als das tiefster Erschöpfung. Die Schwester bemerkte ihren Zustand. Rasch öffnete sie die Tür.
„Frau Schurrl" rief sie in den Flur.
Eine ältliche, hart blickende Frau, in die saubere Tracht dcr Krankenpflegerinnen gekleidet, weißblau, mit weißer Haube und Schürze trat grüßend ein.
„Frau Schurr, unsere älteste Pflegerin, die Ihnen helfen soll, gesund zu werden, gnädige Frau", stellte die Schwester Tobia vor. „Frau Sebald bedarf Ihrer, liebe Schurr. Kleiden Sie sie aus und bringen Sie sie zu Bett; nachher vielleicht den Kaffee oder etwas zu essen."
Mary brach in jammervolles Weinen ans.
„Verlaß mich nicht, Rosemarie, verlaß mich nicht! Ich kann und will nicht hier bleiben."
Rosemarie glitt lautlos aus der Tür, die Szene erschütterte sie. Sie bedurfte ihrer ganzen Willenskraft, uni angesichts des Jammers nicht schwach zu werden. Innerlich kani lic lick' s-brecklich vor. Dennoch schwankte sie keinen
nicht verstehend, aber oft listig lächelnd, so ist dcr gewesen, den wir nicht so leicht vergessen werden. Jetzt, wo die Ebene weit war, und er sich nicht mehr an die Straße zu halten brauchte, schlug er auf die Pferde. Sausend geht cs dahin. Sie könnemlaufen unsere Tierchen. Dickst an andere Wagen, die durch den Ehrgeiz angestachelt auch auf ihre Pferde bauen und unseren Knaben nicht vorbei lassen wollen. Mai, sieht in den anderen Wagen wenig erfreute Gesichter, dock: wir konrmen gut an den Jordan. Ich setzte mich still an sein Ufer. Einen Moment, während manche schon zum Toten Meer weiter ftihrcn, andere Kahn fahren, bin ich fast allein. Vor mir das smaragdgrüne Schilf und eine schlageiide Rack:- tigall, ganz eigentümlich, ohne Pfeiftöne, aber weich und zart trillernd. Meine Mitreisenden hatten sonst mehr Glück mit dem Sehen allerhand Getiers, ich sed mir Geier hier zu Land, in Menge imd einzeln. Der Jordan erscheint mir etwas schinäler, wie ich ihn mir vorgcstellt, er fließt Ichncll und geräuschlos, er scheint mir etwa so breit wie die Lahn z» sein. Keine menschliche Wohnung bemerkt man hier in der Nähe, tvas einem unverständlich ist. Es gibt eben wenig Menschen dort. Wieder besttegcn wir die Wage,, und führe,: vielleicht dreiviertel Stunden zum Toten Meere. Seine Nähe kündete sich an durch eine salzige Kruste über den vereinzel- ten Halmen. Das Tote Meer selbst lag bla» und freundlich vor uns, die Ferne mit den Bergen, etwas dunstig. Dcr blaue Himmel spiegelte sich im salzigen Gewässer. Es war nichts Trauriges, Finsteres, oder gar Abschreckendes zu sehen. Einige Herren badeten, einige Damen, gingen im Wasser spazieren. Das Wasser schmeckt salzig, doch nicht so schlecht wie Meerwasser.
(Fortsetzung folgt)
Ans aller 'Veit.
Ein Saloarsau-Todesfall in England. Die wissenschast- liche Welt England, wird durch einen Todesfall, der auf die Anwendung von Salvarsan zurückgcsührt wird, in Atem gehalten. Am Samstag starb im Euys-Hospital in Southwarl ein junger Kaufmann Stanley White. Drei der ihn behan delnden Aerzte erklärten, daß dcr Tod infolge Vergiftung durch Salvarsan cingetretcn sei. Am Freitag fand die amtliche Leichenschau statt, in der der Coroner, der die Untersuch. u»g führte, zur näheren Aufklärung des Falles Vertagung auf den 3. April anordnete, um genaues Material über die den Tod begleitenden Ncbenumstände herbeizuschafscn. Dcr Coroner erklärte den Fall für autzeroidentlich wichtig und gab an. datz nach amtlicher Statistik in den letzten sechs Fahren 87 Todesfälle durch Salvarsan verursacht worden seien. Fn dei Festschrift, die Ehrlich'» Mitarbeiter zu seinem 80. Teburts- tage veröffentlichte, hat Hata bereits darauf hingewiescn, daß Salvarsan durch Oxydation an dcr Lust außerordentlich an Giftigkeit gewinnt. Es sei daher, sowohl bei der Herstellung von Salvarsan, wie bei der Infektion selbst sehr streng daraus zu achten, daß die Zeit, ln der die Oxydation cinirctcn kann, so sehr wie möglich abgekürzt wird. Selbst aus dem Wege von der Spritze zur Jnfektionsstelle sei eine derartige Oxydation möglich, besonders wenn sich in der Jnfektionsspritze Luft befinden haben sollte.
Da, Geld im Strumpf. Der Musiker W. in Esten kehrte von Amerika zurück, wo er sich in acht Fahren einen Geldbetrag von etwa 8888 Mark erspart hatte. Er brachte das Geld zu-
Augenblick. Sie setzte alles ein, Heinz dcr Mutter zu retten. Aber in ihrem Herzen raunte ihr eine Stimme zu, daß sic für diese Mutter an keine Besserung glaube, daß sie sie von sich gab, um das Kind zu besitzen, wenn .... sie dachte den Gedanken nicht aus.
Schwester Tobia führte sie in des Doktors Sprech- zinimer. Er saß am Schreibtisch und blätterte in den Papieren.
„Mir sehr fatal, daß nichts Schriftliches über Fra» Sebald da ist", sagte er zu ihr.
„Frau Sebald ist krank, sie kann jetzt nicht entscheiden, an ihrer Stelle ich, und wenn ich Ihnen sage
„Sie haben recht", unterbrach er sie und reichte ihr einen Zettel, den sie unterschrieb. Sie übergab darin dic Schwägerin auf unbestimmte Zeit in die Obhut des Doktors und erklärte sich im voraus mit allem, was er im ^giter- esse der Kranken an ihr vornahm, einverstanden.
„Bedenken Sie, daß meine Schwägerin aufgcgebcn ist; es hat keinen Zweck, sie zu quälen", glaubte sie noch sagen zu müssen.
Zöllner zuckte die Achseln.
„Was heißt aufgeben? Körper und Geist wohnen dicht beisammen. Krankt der eine, so leidet auch der andere Teil. Vielleicht gelingt es mir, Ihre Schwägerin von ihren Wahn- ideen zu heilen, dann wird sie gesund wie vorher. Viel- leicht sind die Wahnideen auch die Folge einer schweren, körperlichen Krankheit. Doch, wie gesagt, noch weiß ich nichts. Ich will das Meinige versuchen und hoffen. Ihnen bald gute Nachrichten geben z» können. Wenn nicht, be- denken Sie, wir Aerzte sind auch Menschen und mein Kol- lege ist an der Ausgabe verzagt."
Rosemarie hörte nur das Letzte. An Besserung glaubte sie nicht. Bevor sie den Abendzug benutzte, wollte sie von Mary Abschied nehmen.
(Fortsetzung folgt).


