Beilage zur „Neuen Tageszeitung".
Grdrnktaße.
6. Februar. 1772 ffl. v. kiigelgc». Maler, grb. — 18^0 Franz v Gaudv. Dichter, — 1881 I»r. 1«. Plöh. Pbilol. f. — 18111 Prof. Nr. Theod. Billrolh s. — 1899 Reichs- fanjlet Eavrivi t-
flas tfnfcr des /avks lUannfr.
Der Massenmörder von Teqrrloch ausier Prrsolgung gesetzt.
Als der .Hanptlebrcr Wagner im vorigen Jahre die Well mit seinen Btordtaten in Schrecken gesetzt balle, da Iiioft es anfangs, boift die Tat. so wal,»sinnig sle auch nnzuleben war, dock, mit kühlem. abwägende,n Verständnis begangen worden sei und daf> an der Zurechinngssäbigkeit Wagners kan», ein Zweitel bestände. Inzwischen sind die Herren Professoren an der schwäbischen Universität i» Tübingen anderer Meinung geworden und der Massenmörder wird als Geisteskranker der irdischen Gerechtigkeit entzogen »nd auf Staat-koste» der Menschheit erhalten bleiben.
Anitlicherseits wird initgeteill, ..Der wegen Mord und Brandstiftung in Untersuchung stehende HuUvtleheer Ernst Wagner ist zulolge Beschlusses der Strafkammer 1 vom 3. Februar im Einverständnis niit der kgl Staatsa!iw<,ltschaft inher Verfolgung gesetzt und in die Irrenanstalt überwiesen vorden."
Wie bereits bekannt, ist Wagner zu,» Zwecke der Beob- ichtnng seines Geisteszustandes bis Weihnachten in der asvchiatrischen Klinik der Universität Tübingen nntergcbrocht. DaS auf Grund dieser Beobachtung erstattete Gnlachtcn von Pratessor l>r. Gaupp ist am 10 Januar in Heilbronn ange- koaunen. Unterdessen, da bei der Bedeut »ng des Falles, machte das tSntachten io oder Io ousigllen. die Anhörung eines weiteren Sachverständigen unbedingt wünschenswert erschien nnd infolgedessen wurde schon in den ersten Tage» des Januar eine weitere psycknatrische Autorität Gebeimrat Professor Nr. Wollenbcrg aus Strasiburg als (Gutachter gewonnen und Wagner am 10. Januar zum Zweck der Beobachtung durch dielen zweiten Sackiverftändigen aus einige Zeit in das Untersuchungsgesängnis nach Strakchurg gebrach! worden. Am 21. Januar ist sodann das Gutachten von Professor Nr. Wollcnberg t» Heilbronn cingetrolsen. Anher aus die sorgfältige persönliche Beobachtung des An- grschnldigten stutzten sich die beide» Gutachten auf das Studium der DoruntcrsuchungSakten und die literarischen Arbeiten des Angeschuldiglen. Jeder der beiden Sachvcr- ländigen bat sein (Gutachten ganz unabluingig von demseni- len des anderen erstattet, insbesondere war dein zweiten sachverständigen z. Z. der Erstattung seines Gutachtens die Ansicht des ersten Sachverständigen völlig unbekannt. Beide Gutachten gelangen nun völlig llbereinstimmend zu dem Ergebnis, daß der Angeschuldigte z. Z. der Begebung der ihm zur Last gelegten Straftaten an chronisch susteinalisiertein Verfolgnngswabn gelitten habe »nd dasi durch diese schleichende. allmählich immer tiefer wirkende Geistesstörung, die sich bei ihm im Anschluss an ein: nach seiner Angabe im Jabre 1991 begangene scktlickie Verfehlung nnd an eine vermeintlich: Üble Nachrede deswegen im Lanse der lebten Jahre nnbr nnd mehr ansgcbildet batte, seine freie Willensbe- ftigpiiimg vollständig gnogesck,lassen gewesen sei. Dieser eig- C tz-"h-n bevünd'ten A»s>osl>IUg ilt drw lserickit het.-oteeti-n
Horfezum Untergnnq derjfadt Novolatje /•**
Ans Brasilien kommt die Kunde von einer tl.-ber- schweinmnngSkatastrophe. deren Umsang sich noch nicht übersehen lasst. Eine ganze Stadt ..Novalage" in, Staat Bahia,
hat dabei mit samt der Bevölkerung ihren Untergang gesunde».
Es hat nach genauer Priisung der schrisllickien Gutachten nnd deS gesamten sonstigen Akteninhaltes gleichsalls die volle Ueberzeugung erlangt, datz der Angeschnldigtc seine Stras- toten unter dem Zwange einer die freie WillensbcsI-nnnnng ansschliestenden krankhaften Störung der Geistesläligkeit be- gangen Hill, daß er also strafrechtlich nicht i-cranw'ortslch gc- macht werden kann. Auch eine etwaige Hanptverb.indlnng könnte unmöglich zu einem anderen Ergebnis führen.
Wagner tvird infolgedessen dem Anträge des Staatsanwalts entsprechend anfiek Dersolgnog geletzt nnd ist bereits als gemeingesäbrlich einer Irrenanstalt überwiesen werden. . .-
IHiittfrldjnfc in brr ürdieurrfidirr.^rimuna-
Z. Der 1. Januar 1914 bedeutete einen Markstein in der Entwickelung des Mutterschuhes im Deutschen Reick. An diesem Tage ist das zweite Buch der Reicksversick^rungS- ordnnng vom 19. Juli I9ll in Kralt getreten, das die .Franken- und Wöchnerinneuversicherung regelt und den Kreis der versicherten Personen und den Umfang der Leistungen. die den Versickerten gewahrt werden, bedeutend erweitert.
Nach dem seither geltenden Kraiikenversickn-rnngsgesed unterliegen der Versichernnaspslickt im allgemeinen nur , ,u hoffen, das, die Kossen. soweit ihre sinanziclle L-ige die»
^cichsversicherungsordnnng erweitert worden. Was den weiblichen Versick>erlcn als Wocheuhilfe gewährt wird, bleibt allerdings hinter dem, was im Interesse eines wirksamen Mutterschutzes gefordert werden inutz, zurück, bedcntet aber doch einen lvcsentlichcn Fortschritt Mell d>,s geltende Recht.
Während seither den versichetzstzw Wchsixrinm:,, nur c\,i Wochengeld für die Dauer von <> Wochen gewährt wurde, nnd auch dieses nicht von allen itraukeukalse». müssen setzt länck- l che Krankenkassen daS Wochengeld für die Dauer von 8 Wochen zahlen. Nur die Landkrankcnkassen können für die in der Landwirtschaft oder als Dienstbolcn beschäftigte» Mitglieder den Bezug des Wochengeldes aus 4 Wochen cin- schränken: sie haben aber in Hessen, von zlvei Ansnahnieu abgesehen, von dieser Befugnis keinen Gebronch gemacht. Anher dem Wochengeld sieht die Reichsveri>cherniig»ordiin»g verschiedene Leistungen vor, welche die Kassen satzuugsgemäss gewähren können, ohne dazu verpflichtet zu sein, nämlich Kur und Verpflegung in einem Wöchnerinnenbeim. Hilfe und Wartung durch Hauspslegerinnen. Hel-annnendienste und ärztliche Behandlung bei der Sttederkunft und bei Sckstvangcrschaftsbcschiverden, Schtuangercngeld und Stillgeld. Alle diese Leistungen können auch den tn-rsichernngs- sreien Ehefrauen von Mitgliedern gegeben werden. Ei ist
solche Personen, die in Fabriken und Bergwerken, im Han- delsgewerbe, im Handwerk nnd in gcwstsen mechiuilckieu Betrieben beschäftigt sind. Die ReichsversichernngSordnung dehnt dagegen die Versicherungspllicht grnudläl-lich — einige Ausnahmen besteben auch jetzt nach — ans alle Personen aus, die gegen einen Jabresvcrdienst bis zu Mark in einem Dienst- oder Arbeitsverhältnis ltelnn: insbesondere also auch auf die Dienstboten und landwirischaftlichen Bediensteten, die unständig Beschäftigten und die Heimarbeiter.
Auch d>" Leiltuuaen der Kranieiif-alen lind dijrch die
irgend wie gestattet, möglichst viele dieser fakultativen Leistungen getvähren. denn diese sind in ganz besonderem Mähe geeignet. Krankheit und Sieckitum von Mutter und Kind zu verhüten und dadurch die Kassen auch wieder bedeutend zu entlasten. Besonders segensreich wird das in tz 2lX> der Reichsversichernngsordnung vorgesehene Still- geld wirken, das bereits 17 Krankenkassen in ihre Satzungen aufgenoinnien haben. Da er nur solche Mütter erhalten, die ilne Neugeborenen stillen. »iri[t ei ktnmer von neuem ans die imaebenre B.-d--ntu»a der ugtüsliche» Eruäl>r"»a d«
3iim Pflngeiscn.
Roman von M. P r i g g c - B r o o k.
16 (Fortsetzungl.
Sie atmete ans. Es war nur eine Marotte des Jungen, nickit innerer Drang, der ihn trieb. Dinge zu sprechen, die anzubören ihr schon Schmerz bereitete. Man muhte geduldig lein. Einträchtig kehrten die beiden Geschwister in die Stadt zurück.
„Sind dock, ein feines Paar, die Sebald»', meinte der blackbar Sckiin'dt. der In der Türe stand, zu seiner Frau. .Sie zart und sein wie ein Heiligenbild in der Kirche. er ein schöner strammer Kerl, just wie sein Vater, als der noch jung war."
Rosemarie fand es unerträglich einsam, zumal ihr Bru- dir seine Ferien zn einer Fnsstour benutzte.
Tante Luise war zu einer Freundin gereist, so das, sie ganz allein in dem groben Hanse ivar und langweilte iich. Der Lbm war sehr alt geivoröen. Er setz den ganzen Tag hinter de» Bücher» »nd grämte sich über des Geschäftes Nie- dciggiiq. D>, er den veränderten Verhältnissen keine Rechnung trug, sich nicht aus Maschincabetrird einlicb. verliefen sich viele Kunden. In Hof »nd Speichern wurde es still. Je weniger die Gegenwart den vergangenen Tagen glich, um so mehr klammerte sich Rolemarie a» die Vergangenheit. Da Ivar sie wenigstens nötig gewesen, jetzt tvar auch das vor- bei. Jahre würden vergebe», sie ein altes Mädchen werden. Dann kam wobt eines Tage? eine ins Hans, die ihren Platz rinnahm.
Sie litt unter dem Gedanken. Befriedigt fühlte sie sich nicht, wenn sie es sich auch nicht merke» lieb- Die Freundinnen waren längst verheiratet, die Zahl der Patenkindcr mehrte sich. Es war schon ordontlick, eine Albcit, an die Gc- vnrtstuge zu denke». Ans der Liste der Heiratskand-datinnen band Rosemarie nicht mehr. Tic jungen Herren batten es aasgegeben, sich ui» die Erbin zu beiuüben. Nach Iihren b< suchte sie,!„n ersten Mal wieder den ecklnüball der Toni.
schicker. Wen» sie j ist noch die Kleine h.inc! Der Amlsrat batte »ick't Wort gehalten, kein Kind nickst znin Besuch ge- sck-ickt. Rosemarie dachte nickit gern an sie. Nach Kinoeiart siln'wb Erna nur das l'uw tz -cklia>:
Das Fräulein sc! gut zn ihr, ob-, Kinder znm Spiele» habe sie keine.
Zn Ostern bestand -Ost»:. scsti ? f 'Uun»in Niemand war glücklicher, als der bac -ufgefch.äere Jung.:, der sich am Ziele seiner Wünsche sgb.
Tie Sckörester gab ihm ein Fest. All-- Verwandte» nnd Bekannt'» waren geladen, dazu die S-h.ckfrennde. Die übermütige Jugend prahlte mit ihren Zukunstöplänen. Fritz Volldebr wurde Pfarrer und ging nach Halle. Ein andcrir studierte in Tübingen Medizin, ein dritter batte das Ins erwäblt. Nur Heinz schwieg sich ,»
„Was wirst D» werden, Heinz?" fragten nun die Freunde ihn au?.
„Ich gehe nach Bonn."
„Ich denke. Du wirst in Heidelberg studieien?"
Heinz sah an Rosemarie vorbei und sagte, er bab: sicki's anders überlegt.
Sie schwieg verstinnnt. Wo- halb lpracki H"inz sich nickit ans? Auch als die Gesellschaft fortgegangen gelang "s ihr nickt, ihn zum Reden zu bringen. Dennoch verlebten die Gechwister die Tag: vor der Abreise in nngctrübtcr Einigkeit miteinander.
Heinz sab, wie seine Schweb r unter der Trennung Hu. er suchte sie ihr noch Ko sten zn r 1 ,-. ; ». Wahrend er dem Leben entgegencilte, vor Scnn'ncht fiebernd nach all den, Schönen, das in der Welt aus ilm »oartcte. empfand er Rosemarics Einsamkeit wie einen Dorwurs. Warum sie nur nicht geheiratet l>atle, fragte er sich in auchmal erstaunt. Sie sah immer noch gut ans. besser als die meisten ihrer Freundinnen.
Und gut war Rosemarie! Der grob: Junge seufzte und war sehr liebenswürdig gegen die ältere Schwesier, die s-rin, HhtAieh in Tränen rerNob. Er aab l-ck Muhe ein
wenig Trauer zu Iieucktz-In. Im lstruuhe atmete er auf. das, er endlich bcraiiskam.
Er trat in Bonn in ein voruebnies Korps ein. zu Rosc- marieS Entsetzen. Ten Junge» mit einem zerfetzten Gesicht wiederziiseben, war nickst nach ihrcni Geschmack. Schlirsilich l tri ftete sie fick und dachte, es schickte fick, docki ivobl für einen ! Sebald, das Jahr gebt um. Zum Spätherbst uiitcriiahm der junge Student eine Reise. Dir Schwester und das Pstugeiien I sab ii ihn erst zu Weihuackilcii wieder. Rosemarie schrie auf. ^ Wie batten sie den Liebling zugerichtet! Quer über die i Stirn lies ein Schmitz, der rechte Nasensliigel war zugc- j iii-bt und aus der linken Wange sas> eine Schmarre, aus die Heinz ganz besonders stolz war. „Die bleibe", hatte der Pauk-Arzt gesagt.
Den alten Ohm freuten die Narbe». Sic waren ihm rin Beweis von Heinz- Selbständigkeit. Der Junge machte fick, überliaupt. Lü-ii» er nun anting. >ich für das Gesckiäsl zu interessieren, war alles gut. Da haperte es aber. Heinz »rar sckion ail-I Tage z» .Haufe und hatte noch keinen Jnsi ins Kontor gesetzt.
„..Denljl Tu auch daran, basi Du Ostern zn Wörmann sollst?" erinnerte ihn der Alte eines Tages. „Ich meine, T» l.iiihtes! schreiben."
Heinz wurde rot.
„Es eilt nickst. Llun."
„.Hast Du 'ue Abiiungl Weifst D». wie man sin, um eine Boloutärstelle bei . ö.nioun i.itzt? Er nimmt nur immer zlvei bis drei junge Leute. Tu stehst, cs wird Zeit."
H:in, starrte - ck vcnklich in» Lickt. Tie Schwester beobachtete ihn.
„.Hast Tu an Wormann geschrieben?" fragt: sie. als er nach vierzehn Tagen von der Abreijc sprach.
„Ich kann nicht!" antwortete er gcpresit.
„Was soll dos beisien?"
„Dasi ich nicht 5ta»!maun werden kann. Ick, f in nickt Rosemarie. Jeder Mann hat das- Reckst der S-sthstbestim mung. spricht man ibm die ab. so wird nichts ans ihm


