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Seite 3
Ach lasse Dich nicht.
Original Roman vo» H. Eourths-Mahler.
113 (Karttetzan,).
Um jedes Aufsehen zu vermeiden, werde ick es unterlassen. der Dienerjcknist meine Abreise mitzuteile». Eure Durchlaucht mögen meinem Bersästvindrii selbst die gc- Uu Nichte Deutung geben.
Die Geschenke. die ich unter salscken Voraussetzungen von Eurer Durchlaucht erhielt, lasse uh zurück. Eure Durchlaucht werben versieben. daf> die Tocüter Alezander Koschlwws der Frau keinen Dank schuldig sein möckfte, die in feinen Tod gewilligt hat. Ich liebe und verehre meinen Vater beute noch so innig, als zuvor, sein liebe« Bits ist mir mag tictu.fi dadurch, daß er nicuschlich fehlte. Er u»rr e- trouoem wert, geliebt zu werden: meine Herr- liche Mutter, der das Herz brach bei feinem Tode. l»at e« bewiesen. — und d>w will ich durch mein Verhalten auch tun. Ich wende mich von den Menschen, die chn um kalter Ehrbegriffe willen in den Tod schickten. — ich habe nicht« mit ihnen gemein.
Sonja Roschnow."
Befriedigt legte Sou,a die Feder nieder, als sie diesen Brief adressiert batte. Tie versiegelte auch ihn sorgfältig und legte ihn zu den Dokumenten-Sachen. Eine Weile sah sie sinnend vor sich hin.
Sie fab da - Bild der Großmutter vor sich, da« oft so schmerzvolle, traurige Gesicht. Ein weiches, zärtliches Ge- fühl wollte in ihr auftvallen, aber sie erstickte es in sich »nd rihob sich mit einem seltsam starren, bewegungslosen Gesicht. Und in diesem Augenblick glich sie ihrem Großvater Iwan Kalnokq. Denselben ehernen Ausdruck halte dieser im Gesicht, wenn er etwas für Recht erkannt hatte und nicht um die Well davon abgewicheu wäre.
Gewappnet mit Stolz und Bitterkeit traf sic ihre Reise- vorbereitnngra. Sie wollte gleich früh den ersten Zug be. nutzen. Il,r Reisepaß war noch in Ordnung, die Jahresfrist dafür toar nock nicht abgclaufen; sie konnte ihn also noch benutzen.
In einen Lehnstuhl geschiniegt. erwartet« sie die Stund«, wo sic sich entfernen konnte.
Im Gedanken durchlebt« sie noch einmal das Schicksal ihrer Eltern. Trotz allem Hw» sie glücklich gewesen. — glücklicher al» ibre Sonja, die ihr Herz in Rußland zurück- lösten mußte — bei Nikita Arganoff. Sie schauerte zusammen. Kalt und leer lag das Lebem nun vor ihn. Nie würde sie den Geliebten Wiedersehen.
Ob er si-br traurig sein würde, wenn er hörte, daß sie fort war? ,
Sie drückte die Hände ans Herz.
Ja tausendmal ja — er würde ihr Fortgehen schmerz- lich empfinden, denn er liebte sie, wie st« ihn liebte, das wußte sie. Aber vielleicht vergaß er sie mit der Zeit.
Sie bis, die Zähne zusammen. Nicht aa ihn denken, nicht an ihn denken.
Endlich hörte sie das erwachende Leben im Palais ttal- noky. Die Dienersckiast wurde hörbar. Ihre Koffer standen g< packt im Schlafzimmer. Reben ihr auf einem Sessel stand <iiif kleine Handtasche, die das Nötigste barg, und die sic mit sich nehmen wollte. Sie erhob sich nach einer Weile fröstelnd und klingelte dann nach ihrem Frühstück. Es verlangte sie, etivas Warmes zu sich zu nehmen, ehe sie in kalten Winter- morgen hinansfchritt.
Sic zwang sich, etwa« zu genießen. Danach ging sie leise hinüber in das Vorzimmer zu den Gemächern der
Fürstin. Sie hatte den Brief und da« Dokumentenpaket an
sich genomnien.
Wie sie erwartet hatte, befand sich im Vorzimmer der Fürstin die Kammerfrau.
Sie übergab ihr Brief und Paket mit der Weisung, beides der Fürstin zu übergeben, wenn diese erwachte und schärfte ihr ein, es ja nicht zu vergessen, da es von höchster Wichtigkeit sei.
Die Kammerfrau wollte erstaunt allerlei Frage» an Sonja richten, aber diese legte mit einem Blick aus die Zimmer der Fürstin, den Finger aus den Mund.
„Durchlaucht darf nicht ini Schlafe gestört weiden", sagte sie und duschte hinaus.
Wenige Minuten später schlüpfte Sonja unbemerkt mit ihrer Handtasche aus dem Hause. Unterwegs nahm sie einen Wagen und fuhr zum Bahnhofe.
Ein Test ihres ersparten Elclde» ging für die Fahrkarte drauf. ES künmierte sie jetzt nicht. Ihre Seele war erfüllt von anderen als pekuniären Nöten.
Maria Petrowna hatte die Nacht schmerzlos und in gutem Schlummer verbracht. Sie fühlte sich dementsprechend wohler. wenn sie auch das Knie noch nicht bewegen konnte.
Etwas später als sonst klingelte sie ihrer Kammerfrau.
Diese erschien sofort und brachte ihrer Herrin den Brief und das Pakctchen mit den Dokumente,i, das ihr Sonja gegeben hatte, an das Bett.
Erstaunt blickte die Fürfttn auf, und während die Kämmers rau die Vorhänge zurückzog. fragte sie:
„Ist denn das so eilig, konnte mir das Fräulein Sonja nicht nachher selbst bringen?"
Die »ammersrau sagte ihr, daß Fräulein Sonja behauptet habe, die Sache sei selw wichtig,
Maria Petrowna öffnete das Kuvert.
„Geben Sie mir noch ein Kisten in den Rücken, »nd dann ziehen Sie sich zurück, bis ich sie wieder rufe."
Als die Fürstin allein war, entfaltete sie kopssjchüttelud den Brief Sonja«.
„Was mag sie denn so Wichtiges zu berichten haben?" dachte sie lächelnd, durchaus nicht aus eine erschütternde Nachricht von ihr gefaßt.
Mehr erstaunt als erschrocken las sie die ersten Zeilen, ater daun nahm ihr Gesicht einen Ausdruck der Unruhe, des Befremden? au, und zuletzt stieg ihr da? Blut in einer seltsamen Beklemmung zu Kopfe.
Als sie den Brief zu Ende gelesen, nahm sie sich gar nicht Zeit, ihn zusammen zu falten. Hastig, irit bebenden .Händen. riß sic das Paket auf und nahm die Papiere heraus. Da« erste, was ihr in die Hände siel, war der Trauschein ihres Sohnes und Elisa Hclbigs. Sie richtete sich mit einem unterdrückten Ausruf ganz gerade empor und starrte erblassend darauf.
Gleich Sonja zögerte sie eine Weile, die anderen Papiere durchzusehen. Ihr Herz Nopste in fieberhaftem Tempo, und ihre Hände zitterten, daß sie kaum etwas fassen konnten. Aber dann raffte sie sich auf. Klarheit verlangte sie, Klarheit, wie Sonja Roschnow zu diesem Dokument kam. ciuslußt entstanden.
Eines der Papiere nach dem anderen faltete sie nureinander — und jede? half ihr, ein Stück von dem Schleier zu lüsten, der über diesen geheimnisvollen Dingen lag. Ganz verständlich wurde ihr aber erst alles, als sie Elisas Aufzeichnungen las.
Schauer der Erregung flogen über ihren Körper, ihre Zähne schlugen wie im Frost auseinnnder: »ud erst als sie
ansing, alle» zu begreifen, d>r siel sic mit einem Stöhnen halb ohnmächtig in die Kisten zurück.
Aber ihre Augen blicklen starr und ivcit, als sähen si< alles an sich vorüberziehen, was Elisa da getreulich berichtet hatte. Und ini» schlug die arme Mutter die Hände vors Gesicht und rang mit furchtbaren Schmerzen.
„Mein Sasäsr — mein Sohn — mein geliebter Sohn — achtzehn Jahre achtzehn Jahre lebtest dn noch, tvährend ich dich al» tot betrauerte. Ach — hattest dn gar kein Ver- tnnifn zu deiner Mutter, wußtest du nicht, daß sie su Not und Tod zu dir gehalten hätte, lvie deine Elisa. Ack — gesegnet, tausendfach gesegnet soll sie sein, für alle Liebe, die sie dir erwiesen hat, — mein Svbn — mein Sohn — du mein geliebtes, »»glückliches Kind."
Erschüttert bis in die Tiefe ihrer Seele, rang sie mit all diesen Gefühlen, di? auf sie einstürmten Alles, uv., sic i» diese» schrecklichen Jahre» gelitten batte, stand wieder aus und zugleich litt sie all diese Schmerzen mit, die ihr Sohn gelitten hatte.
(Fortl.tzung solgt).
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