Erscheint wöchentlich einmal.
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Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen, Mitarbeiter: Pfarrer Sperber-Cassel, Pfarrer Strauß-Leipzig und die Prediger der Pilgermission. Druck von jDtto Meyer, Gießen.
Nr. 48. Sonntag, den 29. November 1914. 7. Zabrg.
Jlrr Krieg als LiGeedigee oder der Uleg >»r Kille.
m Ralc Goltcs war 9linives Untergang be- JgJk schlossen. Ihre Bosheit war hinaufgekommen vor den heiligen Weltenrichter. Noch eine Gnadenfrist von vierzig Tagen wird ihr gewährt. Die Büßpredigt des Propheten Jonas verfehlt ihre Wirkung nicht. Sie fällt ans guten Boden. Die bisher so sicheren und gleichgültigen Herzen iverden heilsam erschüttert und wachen auf für Gott, der diesen ernsten Bußprediger mit seiner ergreifenden Predigt gesandt hatte. Die große Stadt mit ihrem König an der Spitze tut aufrichtig Buße in Sack und Asche. Groß und klein, hoch und nieder, selbst die vcrnunftlose Kreatur, alles ruft zu Gott um Erbarmen. Ein jeglicher bekehrt sich von seinem bösen Wege und bricht nüt seinen Sünden. Langsam schleichen die vierzig Tage gegebener Gnadenfrist dahin in banger Erwartung der kommenden Dinge. Die kurze Predigt des Propheten ist in aller Mund. Das Stadtbild ist so ganz anders geworden. Verlassen sind die Stätten der weltlichen Lust. An Stelle der Ausgelassenheit und der Ausschweifung ist ein heiliger Ernst getreten. Die Leute sind zerschlagenen und demütigen Geistes geworden. Aber noch immer herrscht bange Ungewißheit über den Ausgang. Was wird der Erhabene und Heilige tun? JÖirb er das Strafgericht hereinbrechen oder Gnade für Recht ergehen lassen? Der von Gott festgesetzte Termin verstreicht ohne Zwischenfall. Keines der feindlichen Heere zeigte sich vor den Toren der Stadt. Kein Erdbeben erschütterte sie in ihren Grundfesten. Das Verderben ward gnädig abgewandt. Gott
sah an ihre Buße und verschonte die Stadt. Seine Gnade war größer und mächtiger als die Sünde und Schuld der Niniviten. O welch ein wunderbarer Gott!
Was sagt uns diese durch Christus und die hl. Schrift verbürgte Geschichte? Gottes Verfahren den Sündern gegenüber ist immer gleich geblieben. Darum zeigt uns diese wahre Begebenheit, wie unserm Volke geholfen werden kann. Es brauchen nicht viele Worte darüber gemacht zu werden, die uns klar machen, daß auch die Sünden unseres Volkes himmelschreiend geworden sind. Die Statistik über das Alkoholelend und den Geburtenrückgang erteilen uns eine erschreckende Belehrung. Mit dem Schwinden wahrer Gottesfurcht nahm die Gottlosigkeit überhand. Wie schwer hält es doch, die goltentfrem- deten und gottfeindlichen Schichten mit dem Worte Gottes zu erreichen. Daher die gähnende Leere in Kirchen und Versammlungen und besonders die Abivesenheit der Männerwelt. Die Bußprediger empfindet man als „lästige" Mahner und geht ihnen aus dem Weg. Ueberall Augenlust, Fleischeslust und hoffärtiges Wesen bei Tag und bei Nacht, llnser Volk ist krank an vielen seiner Glieder. Wer wollte das leugnen?
Nun kam plötzlich der Völkerkricg als Bußprediger, von Gott gesandt wie einst Jonas nach Ninive. Wie lautet seine Predigt an uns, die er mit Blut und Feuer in unsere Herzen schreibt? Unsere Feinde ringsum sind sein Sprachrohr. „Untergang der deutschen Nation" lautet ihre Losung. Darin sind sie sich einig. Ob nicht Gott sie geheißen hat? Sie sind seine Werkzeuge, um uns aufzurütteln aus unserer falschen Sicherheit. Gott ruft uns durch diesen Krieg ein mächtiges „Halt" zu auf der abschüssigen Bahn des Verderbens. Unsere nationale Existenz und Wohlfahrt sind


