Ausgabe 
22.11.1914
 
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Erscheint wöchentlich einmal.

Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich. Uerlag der Buchhandlung der Pilgermission Giessen.

Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen, Mitarbeiter: Pfarrer Sperber-Cassel, Pfarrer Strauß-Leipzig und die Prediger der Pilgermission. Druck von Otto Meyer, Gießen.

s Jh\ 47. Sonntag, den 22. November 1914. 7. Jahrg.

Juni MmUfi int Ich iirs DllttKmgi's 1914.

Ach, daß ich Wasser genug in meinem Haupte hätte und meine Auge» Tränenquellen wären, daß ich Tag und Nacht beweinen möchte die Erschlagenen in meinem Volk! Jer. 8, 23.

Ein tiefer Schmerz, ein herzbrechendes Weinen gehl anch dtirch rmser deutsches Volk in diesen Tagen. Nicht Einzclite. nein, Tausende sinken ins Grab. Nicht Alte und Gebrechliche, sondern die Blüte nnseres Volkes ivird hinweggerafft. Wer könnte da kalten Herzens zuschaueit wenn verwaiste Kinder weinen!

Dort geht eine gebeugte Mutter. Sie ivar auch da­bei, als unsere Feldgrauen vor eiitigen Wochen zur Bahn abrückten. Welch kraftvolle, inlitige Gestalten! Mit Wohl­gefallen ruhte damals das Muttcrange besonders auf einem, es war ihr Sohn, ihre Hoffnung, ihr Stolz, ihre Freude.Aus nach Frankreich!" hieß cs.Siegen oder sterben!" Beim letzten Händedruck durchzittcrtc ein banges Ahnen das Mutter­herz.Auf Wiedersehn!" hieß es. Aber ? Ach, gar zu schnell kam die kurze, inhaltsschwere Nachricht. Ist es Wahrheit oder ist es nur ein schrecklicher Traum? Tie tränenden Augen der Mutter starren auf das Papier in den zitternden Händen. O, cs ist furchtbare Wirklichkeit. Ihr Sohn lebt nicht mehr. In Frankreich haben ihm treue Kamera­den sein Grab gegraben.

Sichst dll dort jene junge Frau mit den ver- weinten Augen? Kaum vor Jahresfrist stand sie am Traualtar. Wie hoffnungsvoll lag das Leben vor ihr! Jetzt ist sie eine Witwe Ach, so jung und schon eine Witive! Das Kind, dem sie das Leben geben ivird, ivird den Vater nie sehen.

Er liegt im Massengrab in Feindesland. Nicht einmal einen Grabhügel hat sie, an dem sic Blumen nicderlegen und sich allsweiiien kann. Alleiii in ihrem Schmerz sitzt sie in der einsamen Wohnung.

Das ist Totenfest im Kriegs­jahr 1914. Oder ist das Bild zu diiiikel gezeichnet? O nein, ivir brauchen nicht weit zu gehen, um ähnliches zu erleben. Manche Mutter hat nicht nur einen Sohn hingeben müssen, nein, zwei, drei, oder noch mehr. Und jene junge Witwe steht auch nicht allein da in ihrem Schmerz. Tausende sind in diesen we­il igen Wochen zu Witwen und Waisen gewordeii.

llnd dennoch soll unser diesjähriges Totenfest nicht nur eine große Totcnklage sein. Das wäre undeutsch und unchristlich. Wir wissen, daß unsere braven Soldaten nicht vergeblich ihr Blut vergossen haben. Sie haoen in biej'em uns so schändlich anfge-