Ausgabe 
13.9.1914
 
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Erscheint wöchentlich einmal.

Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich. Verlag der Buchhandlung der Pilaermission Blessen.

Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber - Cassel, Pfarrer Strauß-Leipzig und die Prediger der Pilgermission. Druck von Otto Meyer, Gießen.

Nr. 37. Sonntag, beit 13. September 1914. 7. Jahrg.

2ln Deutschlands Srauen!

wenn e; Kommt, daß ich Wolken über die erbe führe, so soll man meinen Bogen sehen In den Wolken. 1. Mos. 9, 14.

Krieg! ! Das kam wie eine gewittcrschmere Wolke, die der Sturm über das Land fegt! Ist da ein Bogen in den Wolken zu sehen? Kann man mitten im Kriege, wo alles wider uns zu sein scheint, von einem Bund des Friedens reden? Herr, gib Augen, die was taugen,

Rühre meine Augen an.

Denn das ist die größte Plage,

Wenn am Tage

Man das Licht nicht sehen kann.

Es schien ihr Nacht, tiefschwarze hoffnungs­lose Nacht. Er war davongezogen, der Mann, der Ernährer der Familie! Er war solch ein starker und dabei herzensfroher Mann und sie so zart und ängstlich. Wie oft hatte er sie beiseite geschoben, wenn sie einen schweren Korb heben wollte.Laß sein, Mutter, ich kann's besser wie du". Und wenn ihr die Sorgen kamen, woher Brot nehmen nun, wo das fünfte Kindchen seinen Einzug gehalten, da hatte er gelacht und ihr seine starken Arme gezeigt:Die haben für sechs ge­

schafft, nun ^schaffen sie für sieben." Ja, das war vor 14 Tagen gewesen und nun war er fort, und sie saß da, starrte auf ihre Fünfe wie eine, die keine Hoffnung hat.Er kommt nicht wieder, und ivir müssen verhungern."Hach! Hoch!" tönte es von der Straße herauf, und wieder Hoch! Hoch!"

Lieb Balerland, magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein."

Ta stürzte ihr Junge in die Stube:Mutter, wir habe» gesiegt! Wir haben Lüttich erobert." Gott sei Dank," murmelte Frau N. N. Ach.es sagt mancheGott sei Tank", und hat doch keinen Gott und keinen Dank im Herzen. Ob ihr Mann

mitgckämpft hat bei Lüttich? Sie sah verstümmelte Leichen und sterbende Helden, aber den Bogen des Friedens sah sie nicht. Herr, gib Augen, die was taugen, rühre unsere Augen an. Unsere Helden draußen vor dem Feind, sie müssen Hel­dinnen haben, die daheim in ihren vier Wänden das ihre tun. Aber wie können schwache, ge- ängstigte Frauen, Frauen mit blutenden Herzen

Heldinnen werden?

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Sie lag im Krankenhaus, sie hatte von ihrem Mann Abschied nehmen müssen, zwei sehr junge Söhne sollten mit ins Feld ziehen und hatten keine Zeit mehr gehabt, von der Mntter Abschied zu nehmen. Der jüngeren Kinder war noch eine ganze Reihe, die nun ohne Vater waren und auch ohne Mutter, solange die Mutter im Kranken­haus lag. War das nicht trostlos? Aber in der zarten, an allen Nerven vibrierenden Frau war eine Quelle verborgener Kraft:Meine starke

Glaubenshand wird in Ihn (den Heiland) gelegt befunden." Da mag der äußere Mensch schwach und hilflos, da mögen die Walken sehr dunkel lein, wenn nur das Auge des Glaubens den Bogen der Liebe und Treue Gottes sieht, dann weiß das Herz auf das allergewisseste:Es

werden wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, alles, was uns fest schien, mag wanken und schwanken. Seine Gnade kann nicht von mir weichen, und der Bund seines Friedens kann nicht hinfallen, denn Er hat es verheißen, der Treue und Wahrhaftige." Sie war nicht trostlos, sie ward stark im Glauben und gab Gott die Ehre, sie ward im Glauben zur Heldin. M. v. O