Erscheint wöchentlich einmal.
Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich. UtrUg der Bucbhandluag der Pilgtrmluion Blessen.
Redakteur: Stadtnussionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber-Cassel, Pfarrer Strauß-Leipzig und die Prediger der Pilgermission. Druck von Otto Meyer, Gießen.
Nr. 32. Sonntag, den 9. August 1914. 7. Jahrg.
KnngKkilsgtdallKtil.
fj u einem Bauplatz» fo erzählte einst ein Hfl Pastor» führte mich heute mein Weg vor- J über» wo man eben mit der Entwühlung einer mächtigen Linde beschäftigt war. Schon lag die W irzel des hohen Baumes, nach allen Seiten hin untergraben, entblößt zutage, und der Augenblick war nicht mehr fern, da der dichtbelaubte, von Seilen umwundene Riese zu Boden stürzen sollte! Nichtsdestoweniger trieb ein Schwarm munterer Knaben sein Spiel um denselben her. Es standen etliche und schnitten sorglos ihren Flamen in die Rinde; es versuchten andere gar, an dem schon wankenden Baum hiuaufzuklettern, ja, einer saß bereits in den Ästen, und schien kaum geneigt, den Warnungen der Arbeiter Gehör zu geben. Hub siehe, auch ein Vöglein kam geflogen und ließ sich in den obersten Wipfelzweigen nieder und begann sein Frühlingslied. — Daß dieses Bild dem Pastor ernste Gedanken nahelegte, können wir uns gut denken. Hinter allem Sichtbaren stehen unsichtbare Wirklichkeiten, und ei» sinnend und nach Wahrheit suchendes Gemüt dringt hindurch bis zu den Wirklichkeiten. Der Baum ist ein treffliches Bild von der Welt. Oberflächlich betrachtet macht der prachtvolle Baum den Eindruck des Imposanten und Unvergänglichen. Aber der tiefer Blickende sieht, daß schon die Art des göttlichen Gerichts dem Weltbaum an die Wurzel gelegt ist. Wie viele zerstörende Kräfte arbeiten an dem Ruin der Welt! Statt Entwicklung und Verbesserung sehen wir zunehmenden Abfall von Gott und wachsende Sitten- losigkeit, ja, Unsittlichkeit, so daß die gottlose, gewissenlose Welt immer mehr dem Gerichte entgegenreift. Ueber dem Weltbaum steht das Wort
geschrieben: „Die Welt vergeht mit ihrer Lust."
Statt sich warnen zu lassen durch Gottes Wort, durch den Ernst und die Zeichen der Zeit, spielen die Kinder der Welt im Schatten dieses Baumes und hängen ihr Herz an Tand und Eitelkeiten. Sie verspotten die Gläubigen ob ihres Bibelglaubens und ernsten Wandels und rufen wie die Leute zur Zeit Noahs: Es bleibt alles wie es war von Anbeginn der Welt. Die Welt geht nie unter, sie bleibt ewig. Friede, Friede, es hat keine Gefahr! Manche suchen sich hier unten zu verewigen und glaube» au keine Ewigkeit, an kein Gericht und Zorn Gottes über menschliche Sünde und Bosheit.
Wie manche gnädige Erschütterung der Welt mahnt die llngläubigen an das herauuahende Ende der Welt! Aber sie achten alles nicht. Die Seile göttlicher Geduld und Langmut halte» die Welt noch fest, daß sie nicht noch schneller dem Verderben anheimfällt. Die gläubigen Gebete treuer Gotteskinder halten Gottes Gerichte noch auf, damit noch manches sichere Welttmd sich retten läßt aus der Sünde und dem Verderben der Welt hinein in Jesu Arme. Laß auch du dich rette», lieber Leser, ehe du mit der Welt verloren gehst.
Siehe, das Vöglein oben im Baume, das sein Frühlingslied singt, ist sorglos; wenn der Baum fällt, erhebt es seine Schwingen und fliegt himmelwärts. Ein Bild der Gläubigen, die sich bekehrt haben rechtzeitig und gründlich von der Finsternis zum wunderbaren Licht, von der Gewalt Satans zu Gott, und nun Gott leben und dienen und Ihn verherrlichen durch ihren Lobgesang. Die Gotteskinder wissen, daß sie wohl in der Welt, aber nicht mehr von der Welt sind. Geht die Welt unter, oder kommt der Tod, dann erheben sie ihre Glaubensschwingeu und fliegen


