Erscheint wöchentlich einmal.
Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich. Uerlag der Buchhandlung der Pilgermission Giessen.
Redakteur: Stadtmissionar He.rmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber - Cassel, Pfarrer Mockert-Frankfurt a. M. u. die Prediger der Pilgermission. Druck v. O. Meyer, Gießen.
Nr. 18. Sonntag, den 3.
Mat 1914. 7. Jahrg.
Erzähle es noch einmal!
n einem herrlichen Frühlingsmorgen brach eine ganze Gesellschaft von Reisenden ans Kairo zu einem Ausflug in die Wüste auf. Zunächst ging es eine Stunde weit mit dem Wagen, dann auf Eseln durch die grünenden Fluren des Niltales, in die weite, weite Sandwüste der Sahara. Aber zwei der Esel, die zivci Missionarinnen trugen, die sich diesen Erholungstag gegönnt hatten, um neue Kräfte zur Arbeit zu sammeln, schienen am Tag vorher zu viel gelaufen zu sein. Während die übrige Gesellschaft schon ganz vorn trabte, stolperten die beiden Tiere über jeden Stein am Wege und wollten nicht von der Stelle kommen. Was tun ? Um zur Station zurückzukehren und neue Esel zu mieten, war cs zu spät. Aber an Weiterreiten war ebenso wenig zu denken. So verständigte man sich mit den Voranreitenden, sich auf dem Rückweg an der Bahnstation wiederzufinden, und die beiden Missionarinnen ließen ihre Tiere ins nächste Dorf bringen, damit sie sich erst einmal etwas ausruhen könnten. Sie selbst setzten sich unter einen Palmenbaum und dachten, daß es doch eigentlich recht schade sei, nur durch die Unfähigkeit von zwei Eseln um den ganzen schönen Tag gekommen zu sein.
Nach einem Weilchen begann die eine: „Ich kann mir nicht denken, daß Gott das zugelassen hätte, wenn er nicht irgendwie Seine besondere Absicht hat. Wollen wir nicht in eine Hütte
! gehen und versuchen, den armen Fellachen (mo- j hammedanische Bauern) vom Heiland zu sagen?"
Sie näherten sich der ersten — es war nur ein kleiner Lehmbau, vier kahle Wände, ohne Fenster, ohne Licht. Eine ältere Frau und ein junger Mann, zwischen denen wohl gerade ein heftiger Auftritt stattgefunden halte, sahen den beiden Ankömmlingen mißtrauisch und unwillig entgegen. Aber als echte Orientalen wagten sie nicht, die Höflichkeitssitle außer acht zu lassen, lind so luden sie ihren Besuch mit mürrischen Gesichtern eill, sich ans der schmntzigeil Strohmatte am Boden iliederzusetzen.
Die Missioilarinnen taten, als merkten sie von llichts und nach einigen freundlichen Worten schlugen sie ihre Bibeln auf uild lasen die Geschichte vom verlorenen Sohn langsam und laut vor. Der junge Mann hatte fid) weggewandt, so daß sie sein Gesicht nicht sehen konnten, uitb als sie kaum geendet hatten, sprang er heftig auf uild verließ den Raum.
„Ist er böse?" fragten sie.
„Nein," sagte die Alte hart, „aber ivas Ihr da gelesen habt — das war gerade feine Geschichte; er ist nämlich der verlorene Sohn, voir dem Ihr sagt."
Die beiden standen auf, um weiterzugehen. Doch was war das? Von draußen drängt es herein. Eine ganze Schar jirnger Fellachen, an der Spitze der junge Manil von vorhin.
„Erzähle es noch einmal!" sagte er kurz und dann setzen sie sich alle mit untergeschlagenen Beinen heruni, und die Geschichte ivird noch einmal gelesen und erklärt.
„Wartet hier, wartet!" rufen die Männer zum Schluß, „es sind noch viele da, die die Geschichte noch nicht gehört haben. Wir werdeil sie herschicken!"


