Ausgabe 
19.4.1914
 
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Völlig ruhig, ohne das geringste Herzklopfen (und das quälte mich sonst bei jeder Kleinigkeit) durfte ich den Operationstisch besteigen und mit dem Gedanken in die Betäubung verfallen: Drum auch Jesu du allein sollst mein Ein und Alles sein! Dies waren auch ivieder meine ersten Worte beim Erwachen. Und dann kam die Frage: ist's kein Krebs'?" Als die Schwester sagte:Gottlob! nein, es steht alles gut!" da konnte ich aus tiefster Seele danken.

Ich freue mich nicht nur meiner leiblichen Genesung, ich freue mich noch viel mehr darüber, daß ich um Jesu Christi willen ein begnadigtes Gotteskind bin, daß Er endlich (wenn's cmd) noch durch manche innere und äußere s JJot hindurch­gehen sollte), mit Ehren mich annehmen wird. Zu seiner Ehre mußte ich diese Gnadenerfahrungen nicderschreiben: Suchet den Herrn, weil Er zu finden ist, rufet ihn an, weil Er nahe ist!

Die Glocke bleibt stumm?

Cromwell auf der Höhe seiner Macht stand, fesLÜ geriet ein Edelmann, der sich gegen ihn verschivoren, in seine Hände. Mittags um zwölf Uhr ward das Todesurteil gefällt. Da sank das blühende, junge Weib dein harten Alaun zu Füßen und bat jammernd, um ihret- und ihrer zarten Kinder willen möge man den Gatten uub den Vater verschonen. Finster erwiderte Cromwell:

Nichts da! Ein Mann, ein Wort! Wie ich's eben im Todesurteil gesprochen, so bleibt's: hellte Abend, wenn vom Turm der Marktkirche dort der erste Toil des Abendläuteils herüberklingt, fällt deilles Mannes Haupt unter den, Beil!"

Abeilds umdräilgte das Volk das Schastot. Der Henker steht mit blankem Beil bereit; der Offizier, der die Hiilrichtling zu überwachen hat, ist mit seinen Soldaten zur Stelle; der Vernr- teilte ist an den Bock geschnallt iliid alles schaut stumm nach Westen. Weiß iilail's doch, wenn dort der blutig-rote Soililenball am Rande versnilken, tönt die Abendglocke, und bei ihrem ersteil Klange fährt dieses blailke Beil durch diesen eiltblößteil weißen Nacken.

Die Sonile sinkt. Jetzt, jetzt ist der letzte Streifeil verschwlinden und violett und gold zer­fließt am westlichen Himmel ihr letzter Abschicds- gruß. Alles blickt zum Tlirm der naheil Markt­kirche eiilpor; im nächsten Augenblick spricht dort der eherne Glockenmund das letzte Wort.

Aber die Glocke bleibt stumm. Eine Minute uild iloch eine verstreicht; des Himmels Farben verblasscil, uild Dämmerung senkt sich ivie mit weitem, iveichem Fittich von den hohen Häuser­giebeln herab. Der Offizier ivird ungeduldig lmd

in der Menge murrt lind murmelt es:Eiil Gottcs- zeichen! Die Glocke ist stumm! Der Mann muß leben!"

Es ivird schnell finster. Jetzt geht der Offi­zier mit einigen Soldaten, die Fackeln entzündet haben, zilr Kirchtür. Da sehen sie den Küster mit gesträubtem Haar am Glockenstrange ziehen, uild oben bleibt doch die Glocke stumm.

Jetzt steigen sic die Treppen zur Glockenstube hinan und da ein Bild zu nialen wie der rötliche, zitternde Fackelschein in die düstere Glocken- stllbe fällt, ivo stumm die Glocke hängt, bricht eben jenes Edelmannes Gattin bewußtlos zusam­men. Sie hatte mit ihren beiden zarten Händen den eiseriren Klöppel der Glocke umklammert und durch das furchtbare Hin- und Herschlagen des­selben ivaren ihre Hände buchstäblich zermalmt.

Jetzt verlangt die Volksstimme die Freilassung des Mannes und Cromwell spricht bewegt:Ein Mann, ein Wort! Ich habe gesagt, wenn heute der erste Ton der Abendglocke erklingt, fällt dieses Haupt! Die Glocke blieb stumm, der Mann ist frei!"

Kennst du auch solche Hände, die den Klöppel der Gerichtsglocke deines Gewissens umklammert haben, bis sie zermalmt wurden? Dort, am Kreuz auf Golgatha ist es geschehen. Tort hat dein Er­retter, Jesus Christus, mit blutenden Händen ge­hangen und hat das Todesurteil, das dein Ge­wissen über dir gesprochen, an deiner Statt über sich ergehen lassen. Dort am Kreuze hat Er mit seinem Blute dich, den Schuldigen, mit Gott ver­söhnt, und du bist frei.

Nimm diese Erlösung im Glauben an, so wird tiefer Friede und Kraft zu einem heiligen Leben deine Seele durchdringen, und du wirst nicht mehr anders können, als hinfort dem zu dienen, der dich so teuer erkauft hat.

Lrolameo.

Mag die geistige Kultiir nun immer fort­schreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breitere Ausdehnung und Tiefe wachsen und der menschliche Geist sich erweitern, ivie er ivill über die Hoheit und sittliche Kultur des Christen- tinns, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, ivird er nicht hinauskommen.

Goethe, Gespr. mit Eckernmnn, d. 11. März 1882. *

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Durch der Reue niedres Tor Wandern ivir zum Glücke.

Herder.