Ausgabe 
22.2.1914
 
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einem unheimlichen Rätsel. Der treueste, edelste, sittlichste Mensch, so tüchtig, so ideal, muß so enden! Wahrscheinlich gibt der an­liegende Brief, der ans seinem Schreibtisch lag, Aufschluß.

Die Leiche Ihres unglücklichen Sohnes befindet sich noch in seiner Wohnung. Die ganze Verbindung steht Ihnen natürlich zu jedem Dienst zur Verfügung.

In tiefster Teilnahme und größter Ver- ehrung

stuck, jur. Kuno v. Leising, X Frankoma.

Der Professor wurde beim Lesen leichenblaß. Er rang nach Atem. Mechanisch öffnete er den letzten Brief seines Sohnes.

Geliebte Eltern!

Ich kann nicht anders; ich muß Euch den größten Schmerz bereiten; aber ich kann nicht mehr leben. Ich kann kein vollendeter Schuft sein.

Liebe Eltern, Euer Sohn ist durch imb durch verseucht. Ich war schau ein Schuft, als ich meine Augen zu Lisa aufhob und um ihre Hand anhielt. Ob ich sie nicht schon mit meinem Kuß auch verseucht habe? Aber es soll ein Ende haben. Professor 36. hat mir gesagt, was ich schon lange ahnte. Verpestet bin ich, und ich würde Lisa, ich würde meine Kinder verpesten. Das soll nicht sein ! Aber leben kann ich nicht mehr. Mein Herz ist wild zerrissen. O, der nn- heilvolle Karneval vor drei Jahren in Bonn! Es war nur einmal, wirklich nur einmal, aber das war auch geuug, um mich zu vergiften und unglücklich zu machen für das ganze Leben. Fluch dem Karneval! Fluch dem Alkohol! Fluch der Dirne! Fluch mir Elenden, der ich Euch alle ins Unglück stürze!

Bringt es Lisa schonend bei. Grüßt sie zum letztenmal von mir. Vergeßt, daß Ihr einen Sohn hattet und doch o nein! vergeßt mich nicht! O, wie dunkel, wie schaurig ist's um mich, ist's in mir! Lebt wohl!

Euer elender Sohn Heinz.

Ein schauriges Drama iu Briefen!Die Sünde gebiert den Tod!" Jak. 1, 15).

Alle gute Erziehung, aller Idealismus, alle Bildung, die schönste Erdenzukunst kann nicht vor Sünde, vor Verziveiflung und Untergang be­wahren. Wer keinen Gott und Heiland hat, ist nnd bleibt haltlos.

Alle Bildung, alle Philosophie, alle Wissen­

schaft bietet keinen anderen Ausweg aus dein La­byrinth des verfehlten und verpfuschten Lebens, als den, welchen Heinz einschlug und den auch die verkommenen Trunkenbolde uitb Verbrecher erwählen, wenn sie nicht mehr eia noch aus wissen den Selbstmord. Das verachtete Christentum aber kennt den rechten Ausweg. Er heißt Jesus, der gesagt hat: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken! (Matth. 11, 28) und der sogar zu dem gekreu­zigten Schächer sprach: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. (Luk. 23, 43.)

Vorstehende Artikel sind entnommen aus:

Der mann und der Karneval".

Bilder aus dem Leben von Friedrich Treufreund. 4 kleine Schriften ä 5 Pfg. Zu beziehen durch die Buchhand­luna der Pilgermission.

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Das gnädige Urteil.

So verdamme ich dich auch nicht. Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.

Joh. 8, 11.

Wie viel zärtlicher ist Jesus, als der zärt­lichste irdische Freund! Die Apostel hatten iu einem Augenblicke der Gereiztheit Feuer vom Himmel auf halsstarrige Sünder herabgerufeu. Ihr Herr vermies ihnen den lieblosen Vorschlag. Petrus, der vertrante aber verleugnende Jün­ger, erwartete nur strengen und verdienten Tadel seiner Treulosigkeit; aber Er, der wohl wußte, wie jenes Herz vom Schmerz der Reue zetkniischt sein würde, sendet ihm erst die liebe­vollste Botschaft, und darauf den sanftesten Ver­weis:Hast du mich lieb?"

Der Hüter im hohen Liede schlug die Braut, entriß ihr den Schleier, und über­schüttete sie mit Vorwürfen; aber als sie ihren verlorenen Herrn wiederfand, gab Er ihr kein scheltendes Wort!So langmütig ist Er," sagt ein frommer Christ, Io zum Vergeben bereit, daß, als Seinen Propheten die Geduld ausging, und sie sogar anfingen sich gegen das Volk zu verwenden, daß er selbst dann nicht dazu gebracht werden konnte, unr Seines großen Namens willen, dieses sein auserwähltes Volk zu verwerfen."

Die schuldige Sünderin, an welche er dieses tröstende Wort richtete, wurde von ihren An­klägern verachtet. Aber wenn auch Andere sie ans ihrer Gegenwart stießenso ver­damme Ich dich nicht." Wohl dem, der in