Ausgabe 
22.2.1914
 
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Unterdessen lag mein armes Weib in der größter Angst ohne jede Pflege da. Stunde auf Stunde ging hin. Und als endlich die Tür aufging, waren es Schutzleute, die mich suchten. Da erfuhr sie alles. Vor Schrecken bekam sie das Nervenfieber. Wochenlang hat sie im Krankenhause zwischen Leben und Tod gelegen. Unser Söhnlein ist in der Zeit gestorben. Ich aber saß in Belgien und war am Verzweifeln. Endlich hörte ich, daß mein Bekannter wohl schwer ver» mundet, aber nicht tot sei.

Nach zwei Jahren konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich habe mich der Polizei gestellt und habe sechs Monate bekommen. Meine Frau hat wieder Dienst angenommen.""

So erzählte mir der Mann und weinte bitterlich da­bei. Ich half ihm, so gut ich konnte. Mein Herz war be­wegt durch das, was ich gehört hatte. Was für Elend richtet doch der Teufel durch den Karneval an!

Var ist wakr!

Schutt an die Welt mit ihrer Lust Hub alle, die an ihrer Brust In heißer Liebe liegeil!

Sie essen und sind doch iticht satt;

Sie trinken und das Herz bleibt matt;

Denit es ist lauter Trügen.

Träume,

Schäume,

Stich im Herzen,

Höllenschmerzen,

Eiv'ges Quälen Ist die Lust betrogner Seelen.

Ein Drama in vier Auszügen.

Liebe Mama!

Heute ist nun mein lieber Junge, mein Acltester, nach Bonit auf die Universität ge­zogen. Mutter, Du wirst meinen freudigen Stolz verstehen fönnen. Erinnere Dich daran, wie es dir einft ums Herz war, als Bruder Otto nach Göttingen ging. Ich kann Heinz so getrost ziehen lassen ; er ist ein sehr guter Junge. Der wird nicht in den Sumpf kommcm Er hat einen wirklichen Ekel vor allem Gemeinen. Wie freite ich mich ans die ersten Ferien, wenn mein Heinz als frischer Student kommt!

So schrieb Frau Professor Menke an ihre alte Mutter. Jede glückliche Mutter wird ihre Freude nachfühlen und ihren Mntterstolz hegreif­lich finden.

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Du meinst, liebe Mutter, ich sollte während der Karnevalswoche zu Euch kommen. Ich tät's ja gern, zumal mein Schwesterlein Be­such von Lisa bekommt; aber meine Ver­bindung laßt mich diesmal nicht los, und dann möchte ich doch auch einmal den rhei­

nischen Karneval kennen lernen, weil ich jetzt so gute Gelegenheit dazu habe und nur noch dieses Semester in Bonn bin. Du darfst gu Deinem Heinz das Vertrauen ha­ben, daß er keine Dummheiten macht.

Der Vater Professor fand den Entschluß seines Jungen sehr verständig. Die Mama gab sich auch den Anschein; aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Sie konnte einen beängstigenden Druck nicht los werden. Erna, die Schwester, schmollte über den Bruder, und Lisa, ihre Pensionsfrenn- ' din, weinte heimlich über eine getäuschte Hoff­nung.

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Liebe Mama, freue Dich mit Deiner glücklichen Tochter! Heinz hat seinen Dok­tor gemacht. Bist Du nicht stolz, daß Dein Enkel schon Doktor ist?

Und noch mehr, Mamachen! Es ist noch ein Geheimnis, aber ein süßes. Und Du sollst die erste sein, die es erfährt. Heinz hat sich heimlich mit Lisa verlobt. Du kennst ja von Deinem letzten Besuch her dieses reizende Mädchen. Sie ist das einzige Kind des Geheimen Kommerzienrats Breckenhans. Doch das sagte ich Dir ja schon.

Nicht wahr, wir beiden alten Frauen (denn jetzt muß Deine Lena ja auch wohl anfangen, sich zu den Alten zu zählen, da die Aussicht aufs Großmama-werden näher rückt) fühlen das Glück der jungen Leute ganz mit. Frauenherzen altern ja nicht.

Mein Mann wird auch wieder jung. Ich kenne meinen lieben Brummbären gar nicht wieder. Hoffentlich wird Heinz jetzt auch wieder frisch. Er war seither immer so ab­gespannt und gedrückt. Der arme Junge hat sicher zuviel gearbeitet.

So schrieb die glückliche, ahnungslose Frau an ihre Mutter. Das Professorenhaus schien wirklich einHaus in der Sonne" zu sein.

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Leipzig, den.....

Sehr geehrter Herr Professor I

Ein Unbekannter muß Ihnen die schmerz­lichste Nachricht übermitteln, die Ihnen über­bracht werden kann. Die Pflicht ist mir furchtbar schwer, und nur die Gewißheit, daß Sie als gebildeter Manu den tiefsten Schmerz werden ertrageil fönnen, läßt mich den Mut dazu finden.

Ihr Sohil Heiilz, mein Frelmd unb Kom­militone, ist nicht mehr; er hat sich gestern ilachmittag erschossen. Wir stehen alle vor