Ausgabe 
24.12.1914
 
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berhessische Bslkszeitiin«

der Provinz O

berhesien und der Nachbargebiete.

Dt. Vderd-Mi», Volks«.teun, erschein, I.d«, L^rria, «bmd tn «ieftc^ Sa LdonncmrnUpm» bKrägt wöchrnUich Id monail^, « V,L etnlchl.vriugerlodn. Durch d,e «°!t d.««p.n wmeljädrl ILVMt

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299 Gießen, DonncrStlsg, Den 24. Tczcinlicr 1

914 9. Jahrgang

vom Meltbrieg.

Weltkriegs Weihnachten.

Gedaulr« flicnru l>ti Nacht übtr i'nub. Ans ctäbicu ud Dörfern ziehen sic frnncnb >» ungewisse Fernen, sch» ichtig schweife» sic von drnuften zurück. Pan jcdcm HauS »innen sic ihre Gräben durch cudlosc Tunkelhriten: aus

dem Schützengraben huschen sie mit Geistesschnelle heim »rchs Helle Fenster, in die warme Stube zu Weib »ud Miitb. I och auch banne klagende Rufe Hallen durch die heilige Nacht, I uze ins Leere, ins kalte ewige Schweigen. Stuben gitzts I«, in deuen kein Licht brennt, keine Hoffnung wacht. Durch I c ganze Weit geht ein stilles Weinen.

Tae ist Weihnachten 1914, uiib aus fltbnt ist Krieg!

tfiinf Monate sind vergangen, wir aber stehen »och Inner stammelnd vor dcm Ungeheuren und sragen: Wie

I ar es möglich!? Ist dies alles nicht nur ein entsetzlicher I raum, aus dem wir eines Morgens ausatmend erwachen I erde»? Verbrannte in Trümmer geschossene Städte, i irheude Frauen und Kinder, hungernd, obdachlos in Winter ! ltc, vo» Schrclten zu Schrecken gejagt, Millioiienheere in i ft »ud West in zäh methodischen Schlachten ununterbrochen luindcr hinwürgend, Flieger in der Lust, die Tod streuen, auchcr tiej im Meer, die Schisse mit Tausende» vou Meu >>«» 'n de» ('srund zielten Wrack und Trümmer, Schutt ud fische und stinkende Verwesung, Tier- und Menscheu- ichen chaotisch libcrcinaudrrgehäust: eine Lrgie von

chmnb nnd Blut! Ater dies alles ist nicht Traum und havmsic der Holle. Das in das wirkliche Bild der Welt, iscrer Welt seit fünf Monaten nnd selbst jetzt noch, da der llcndc Hohn der Glocken uus den Frieden ans Erden kündet!

- Hatte die Menschheit die Höhe ihrer Kultur zu Anfang i zwanzigsten Jahrhunderts nur erklommen, um sich umso :scr von ihr herabzustürzen und in der Bestialität seinen eligrschichtliche» Rekord auszustellen? All das, was wir jahrzehntelanger Arbeit geleistet, um der Menschlichkeit >d dcm Frieden i» nuferem Weltteil eine sichere Heimstätte schassen, soll für nichts gewesen sein? Alles, alles zu «mengebrochrn in einem Wirbel des Vernichtungswahns?

Das Schicksal hat uns tief in den Staub getreten, den ch beuge» wir unS nicht vor ihm. Wir müssen cs tragen, er wir dürsen es liajse». Nicht dieses oder jene» Volk e Krieg selbst ist unser schlimmster Feind! Erst durch n Sieg über uns gewann er die Herrschast. Erst als die rannst des intcrilntionalen Sozialismus überschrien ivard I a Tausenden der cntsesscltcn Instinkte, erst als Jean laue, o siel, siel mit ihm die Fahne der Menschheit. I in Schicksal was Symbol. Dieses Haupt muhte mit allem, » es barg, zerschmettert werden, dann loar die Bahn frei ° alle wilde» Geister der Unzeit, die jetzt mit geschwungener iftrl die Welt regieren. Wir aber müssen warten, bis Irre Stunde schlägt.

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Das Vaterland i» Gefahr? Keiner, der da nicht seine licht tut. Doch schlägt nicht nur unter seldgrauen Röcken Herz für Volk »nd Land, unter Pickelhauben und Land rmmübcn denken auch Gehirne. Diese Männer tun ihre licht nicht nur heute und morgen, nicht nur solange der '-eg dauert, sondern nachher erst recht. Jetzt siche» ste als ndatcu mit Leib und Leben dafür ein, daki der Krieg nicht unser Laud kommt. Später, wenn wieder Frieden ist, rdrn sic als Bürger geistige Wehrpflicht üben wid.r iegsgeschrei und Kricasgelnste, auf das: das Unheil » i e ederkchre! Friede» ans Erden nnd Krieg dev' lege!

Wrihnachleu im Krieg ist freilich, seit e» eia

ristentum gibt und solange Wcihnae-ilen gefeiert wird, hls Ungewöhnliches. Seit Iahrtapseadcn kämpfen i« '» Kriegen Ebristcn und E -istcn gegcucinandrr. Ader n ersteum»« in der Weltgcjchicki-- ward es erlebt, da>: 1 J««l i ft f n z Hnnderttuuj enden gegen- «ander ins Feld rückten. Taft sie es taten, psandeu sic als ihre Pflicht, aber daft eS jo w e i: in , daft sie eS tun m u ft t e u , das erfüllt sic mit bren idem Schmerz. Häilc damit die Weltgeschichte auch über c Bestrebungen das Urteil gesprochen, und sollte der So lismus ebenso wie das Christentum, da cs Staatsreligion kd, seinen Frieden mit dcm Aestcheaden machen müsse»? . In dieser Zeit, die zu Einkehr und Besinnung mahnt, mgt sich uus der ganze furchtbare Ernst dieser Frage ins wufttjein. Wir fühlen, daft auch unsere Gedanken und lere Bestrebungen an einer Weltwcndc angclangt sind * Gissen, d«ft wir die Träger hoher geistiger nnd sittlicher

Werte sind, die der Zukunft gehören, und dan luir uns im Taumel dieser wilden Zeit nicht selbst verlieren dürsen, wen» nicht zugleich Unersetzliches zugrunde gehen soll. Der Sozialismus darf nicht zerbrochen und brschinnvi aus dcm Weltkrieg Heimkehr»«.

Die Sozialisten aller Länder habe» gehandelt, wie es die Umstände geboten. Sie werden, wenn das Morde» vor bei ist, einander offen ins Auge sehen und die Vrrantwor in,ig vor einander trage» können. Das Sckücksal hat sie ge- zwange», und sie sind alle diesmal die Besiegten. Ader aus dieser gemeinsamen Niederlage sollen sic die gemein same Krast schöpsc», später das Schicksal zu zwingen und Ticgcr zu sei». Die Hossnnng aus diesen Sieg über den Krieg, auf ein groftes Weihnachten des Erlösers Sozialis »ins, der den Friede» ans die Erde bringt, sic allein gibt uns Krast, das grauenvoll Schwere dieser Zeit zu tragen. Er löschte auch dieses- Licht, so wäre es Nacht für immer!

Zum Fall Weilt.

Vom Parieivo,staub wie vom V«.stand der iozialdciiwtraulchcn Neichstagsfraktio» erhallen wir zur Verössentlichniig folgende

Oiftcmiiitf.

Vou dem Abgeordnete» uusrrer Partei Tr. Georg Weist, habe» w,r seit Schluft der letzten Reichstagssesston keine Nachricht rrhaltrn. Auch unsere Nachforschungen blirtze» ohne jedc»Erst>lg. Bcstätigrn fick, die durch dir Presse gebrachten Mitteilungen, daft er in die französische Armee eiiigetrcteu ist, so hat er sich durch diese aus das schärsste zu vcrurtcilcndc Handlung selbstverständlich anfterhalb der sozialdemokratischen Partei Trutschlnnds »nd der Reichs- lagssraktiou gestellt.

Weitere Schritte werde» der Partei Vorbehalte».

Berlin, de» 22. Dezember 1911.

Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Der Vorstand der Sozialdemokratische» Reichstagssrakiion.

» . *

Fm Pariser Fiearo bat Xr. Weill eineErklärung" seiner öaiidlmigsiocisc veröffentlicht, die in dcutschrr tlebcrscvung folge»- dermaften lautet,

An meine Freunde in Elsab-Lüthrinncn! Leit Kriegsauc bruch lieft ich. ohne zu protestieren u»d ohne zu dementiere», in der dculschc» Presse die vkrschirdcnstcu Nachrichten über mich verbreiten. Fch schulde meinen i» Ltroftburg geblicbcncn allen Eltern dieses völlige Lchweigen und zog vor. sie selbst in Un­kenntnis zu lalle», als ne dcm Groll derer anSzusetzen, welche dort »ach die Herren sind. Feh«, wo meine Elter» in Lichcrbei« sind, habe ich die Freiheit, zu sprechen, wicdcrgcwonncn. sich trat an, 5 August in die französische Armee ein. Wir Elsas,- Lothringer versuchten während der harten Periode der Fremd­herrschaft iinser Neckt und itiisere Hosfnung der höchsten Sorge um den Frieden»tcrzuordue» »nd kämpsie» nur, nm im Frie­de» ein Regime zu erlange», welches mir erlaubt hätte, »nscrm Land seine Pcriönlichkeit und seine» Natwnalcharaktcr zu bc wahren. Dic,'c gewollte und überlegte Resia»alion bedauern wir nicht. Tank ihrer lönnen wir ebenso wie aüc andere» Franzosen überzeugt sei», nichts vernachlässigt zu haben, damit der Krieg vermieden werde. Unsere moralische «ras« in der augenblick- l,che» Krisis ist darum nur gröber, aber der Feind hat und die Sorge um den Friede,, vorgeschrieben. Gestern, noch während wir seine ganze Mach, sübltcn. hat er sich geweigert, die de- schridensten Forderungen anzucrkenne». I» seinem stolzen blin- den Wahn aing er so weit, das Bestehen einer eljaft-lohrinaische» Frage zu bestreiten. Fest hat er sie in ihrer ganzen Größe ge stellt. Durch de» Krieg, welchen er wollte und den er Eurova aufgczwtingcn bat. aab er u»s gleichzeitig unsere ganze Gedanken- srclbeit und die Handlunassreihei» wieder. Es gibt keine Ei»- schränkunge» für unsere Dossnunge» und für unseren patrioti. scheu Willen mehr. Wir werden in den Rahme» der französischen Nation zurUcklclircn. welcher wir durch unsere Geschichte und Traditionen angeboren Tas Völkerrecht, welches vor ZZ Fahren verletzt wurde, wirb völlig wieder hergcitcllt werde». Fndem ich i» die Armee der Republik eintra! »nd dadurch de» Kampf gegen das militarisierte. verpreuftte Deutschland, de» Unterdrücker der Freiheit aller Völker, wciierslihrie, bin ick überzeugt, nielnc Pslicht als sozialistischer Abgeordneter wohl erfüllt zu habe».

Georges Weil!, ehemaliger ReichStagSabgcordneter von Rcy." Tiefe mit phraienhasten Floskeln verbrämteErklärung" wird de» deutschen Genossen kaum verständlich sei». Und am wenigsten wird verstanden werden, wie man seine Pflicht «IS sozialistischer Abgeordneter ersüllt, indem man im Bunde mit dem schmachvollen blntbedecklen rusfischen Zarismus den Samos gegen das militarificrie. verpreuftte Deutschland, den Unterdrücker der Freiheit aller Völker" führt, zu dessen Vertreter man erwählt war.

Aus Berlin wird uns zumFall Weill" geschrieben:

Am 5. August, am selben Tag, vielleicht zur selben Stunde, da Ludwig Frank als Freiwilliger in die dculschc Armee cin- trat, hat sich, wie wir jetzt erfahren, Georges Weill zum Dienst im

s r a » z ö s i sch e n Heer gemeldet! Die Tragik de» Bruderkrieges kommt uv» erschiiitcrnd zum Bewuftllei» i» diese», zähen A»S- ciiiandergehcn zweier Freunde »nd Kampsgenosse» Fn »»serer Eiinnerupg taucht eine Nische in der graften Wandelhalle de» Reichstage» aus, an deren runde», lisch an stillt» Sitziingstage» Frank säst täglich z finde» war. neben ihm last Immer Weill. umher ein Kranz von Parlamentär,er», de»,scheu »nd sranzüstschen Foiirnaliste». Da» Thema, bas a» diesem Tisch last auolchlieftiich besprochen wurde, oder auf das man nach allerlei Umwegen doch immer wieder zurückkam. war die Verständigung zwischen Dcutsch- innd »nd Frankreich

Eine» Tage» erschien an diesem Tisch der sozialdemokratische Saiuiucrdcvuliene Genoss« Albert Thomas, jetzt Geucralinlprktol der srauzSstschen Mililärwerkstälten. ein enthusiastischer Freund der Vrrsländigiinooidre F einem langen Gespräch zwischen ,I»n, Frank und einem deutsche» sozialdemvlratischen Fournaliste» tanchic damals zu« rrstcnnial das Projekt der parlamentarische» Annäherung aus. das später i» den bekannte» Berner Konferenzen seine Verwirklich,,,,g fand. Einer der ersten, die mit i» den Bann­kreis diese,. Gedenkens gezogen wurden, mar Georges Weill, »nd »jemand wird ihm das Zeugnis versagen könne», daft er damals mit ehrlichem Feucreiler für diese» Gedanke» gearbeitet hat, wie iiberhaupi sür alle«, was in der Richtung z» einer ehrliche» nnd endgültige» Verstand,g»»g lag.

Es ist bekannt, mit welchrr Schnelligkeit der in jener »uler- hailung gelegte Keim zu einen, starken Reis emporwuchs. Hüde,, und drüben wurden auch bürgerliche Abgeordnete zur Teilnahme a» de» parlamentarischen Verslänbiguiigsbestreb,ingen heran- gc.zoge», nnd schon ans der zweite» Konserenz im Mai 1UI4 waren beide Parlamente de» Parteien nach so stark verlrelen, daft man aus eine verftändigungSwiUige Mehrheit im Reichstag wie in der französischen Kammer rechnen konnte. Zahlreiche Persönlichkeiten, die der radikale» Regierung Frankreich» nahcstandeii. waren ans der Konferenz anwesend Und in den letzten Tagen erst ist durch daS Zeugnis des iortichrittliche» Adg. Gothcin bekannt geworden, daft auch die dculschc Regierung bürgerliche Abgeordnete zur Teil­nahme an dieser einer sozialdemokratische» Anregung entsprunge­nen Konscren, ermuntert hatte!

Dann kam der surchlbare Tag. der das alte» in Scherben schlug. Weill war damals auf Urlaub In Pari» und stellte sich beim Aukbruch der Krise der Redaktto» der Humanste zur Ber- fslgung, deren Beeliiicr Korrespondent er seit längerer Zeit ge­wesen ivar. Bis znn, Tage des KeiegSausbrnche» arbeitete Weill drüben wie wir hier für de» Frieden. Erst die Kriegserklärung bewirkte lene» siirchtboren Umschwung, der sich i» feiner Meldung als französischer Kriegssreiwilligcr kundgab. Frank und Weill nahmen am selbe» Tage die Flinte ans die Schnlicr, um gegen­einander z» käinpsen!

Nicht» gibt Aniasi daran zu zweifeln, daft Weill erst durch die seelische Katastrophe, die ihm der Ausbruch des Welt­krieges verursachte, zu seiner jetzige» für unS so lies bcklagcnS- ivertc» Stcllunanahiuc gelangt Ist. Solange er unter uns wirklr, war er kein Jcinb des deutschen Volker. Sonst hätte er weder in der deutschen sozialdemokratischen Fraktion noch Im Kreise seiner engere» Freunde einen Platz gesunden!

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Der töricfl im Orient.

Ter türkische Tagesbericht.

Konstantinopel, 22 . Dez. INV. ir Nichtamtlich.) Tas Haupiqunrticr teilt mit: An der kaukasischen Front über- raschte» unsere Truppen die Rune» durch einen Nachtangriss in ihren Stellungen bei El Agü» und Arhi, 30 Kilometer östlich vo» Kvpriiöj. Der Frind erlitt schwere Verluste an Tote» und Verwundeten u»d ergriff die Flucht.

Die indischen Besatzungstrnppe» von Aeghpten deser­tieren masscuweise nnd lanie» mit den Wasse» z» »ns über.

Tcr ^-eldsUfl sfc,ie«t Slegfspten.

Die türkische Arniec zur Befreiung Aegyptens l-ot vor- gestern von Dtiiiioskus unter dem Oberbefehl Tjema! Paschas ihren Vormarsch nach dein Suezkanal begonnen. Teer Bruder des Tckieiks der Senussi, Hehmet Senut'si, der kurze Zeit in Konstantinopel weilte und von hier nach Syrien abreiste, befindet sich im (>)e'olge Tjemal Paschass.

Tic Unsicherlicit ist Slcfiypten

Zürich, 22. Ir sEtr. Frkst.) AuL Petersburg wird gemeldet. Ruftboje Tioivo berichtet von einer aligen-.cinen grofte,, Ilusuher- hei« ü, Aeqvpten. Rdvvd. Raub und Pliindcnmg nähmen über- Hand, verschäcdene PoltzistkN seien aus rätselhaste Weite ermordet warten. T>e Engländer tlaztzen über mangelnde Tie- -piin unter den indischen Truppen.

Tie Besetzung von Slserbeidschau.

Petersburg, 22. Dez. (Elr. Frkfi. Wie die Rutzkoj: Slowo ans Teheran berichtet, haben die persischen Kurden mit den türkischen Truppen fast die ganze Provinz Aser- deldschan beseht, Tschulsa sei bedroht.

Tie Beschießung der syrischen Küste.

Konstaiilinopcl, 22. Dez. (Etr. Frkst.) Tie Beschießting ücr Küste nördlich von Alczandrette, die wirkungslos verlies, wurde nach kurzer Zeit eingestellt. Ter Oberkonimaiidterend- Djemal Pascha ließ den englischen Geschwaderchef wissen, daß sür jeden bei dein Bombardement offener Knstenflädte lein

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