Ausgabe 
29.9.1914
 
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gewehre bauen können als die, welche der Feind hier einnimmt. Sie im Sturm zu ncbmen ist unmöglich. Sie zn beschießen wäre ein reiner Zeitverlust: selbst die stärksten Explosivgranaten der schwersten Geschütze bleiben hier ohne Wirkung.

Frankreichs Rekrutier«»,rskckimerie».

Tie französische Negierung hat. wie über Rotterdam gemeldet wird, beschlossen. da der Jahrgang 1814 bereits unter Wassen steht, unverzüglich die lüjähriqen Rekruten des Jahrganges 1815 einzu- berufen. An alle Präfekten. Unterpräickten, Bürgermeister und Lrlsvorsteher ist der Beseht ergangen, die Listen bis zum 27. Sept. fertig zu stellen. Die Aushebung soll alsdann in den ersten Togen des Oktober vor sich gehen, so daß die Einkleidung des Jahrganges 1915 noch im Laufe des Oktober erfolgen kann.

Dagegen soll sich, wie Petit Puristen meldet, das Heereskom­mando vor die Notwendigkeit verseht sehen, den Rücktransport der afrikanischen Truppen ins Auge zu fassen, da es sich seht schon berausgestellt habe, daß sie einem Winterseldzuge nicht gewachsen seien. Außerdem sei di« Verstärkung der Truppen in Tunis, vor allem aber in Marokko, eine durch die Verhältnisse bedingte dringende Notwendigkeit.

Auf dem tmlizischen Kriegs­schauplätze.

WB. Wien, 26. Sept. Amtlich wird mitgeteilt: Die

nach der Schlacht von Lemberg eingcleitetc Versammlung unserer Streitkräfte in einem Raume westlich der San hat nicht nur der Entcntcpresse Veranlassung zu den böswilligsten und lächerlichsten Kommentaren gegeben, sondern auch ander­wärts falsche Vorstellungen über die Lage unseres Heeres hcrvorgerusen. Demgegenüber muß darauf hingcwiesen werden, daß die erwähnte Versammlung durchaus freiwillig erfolgte, wofür als Beweis nur angeführt sei, daß sie der Gegner nirgends zu stören vermochte oder versuchte. Jeind- licherseits ausgestellte Behauptungen über Erfolge an der Sanc sind unwahr. Es handelt sich lediglich um einzelne mit großem Aufwand an Truppen und schwerem Geschütz und Munition inszenierte Beschießungen gegen feldmäßig ge­sicherte und schwach besetzte Uebergangsstellen, die nach Er­füllung ihres Zwecks und Sprengung der Brücken freiwillig geräumt wurden. Die auS London stammende Nachricht von dem Fall zweier Forts von Prezemysl ist natürlich gän;- lich aus der Luft gegriffen. Auf dem Balkankriegsschauplatz ist die Lage, wie auch aus dem letzten deutlich genug gefaßten Communiquö hervorgcht, unverändert gut.

Ter stellvertretende Chel des Genervlstabcs. v. Höfer, Generalmajor.

Kleine Plänkeleien.

W. B. Budapest, 27. Sept. Das ungarische Korrespondenz- Bureau meldet: Einzelne kleine russische Abteilungen scheinen bei den Karpathenpäsien Diversionen zu versuchen. Gestern sank eine kleine Plänkelei bei dem Unfcheipast, Komitat Ilng, zwischen unseren zur Verteidigung des Paffes detachierten kleineren Truppen und den Rnffen statt. Heute kam es bei Tornna, Komitat Marmaras, zu einem Zusammenstost, ohne daß es den Russen gelungen ist, über die Grenze auf irgend einem Punkte einzudringen. Die von dem Schauplatz der großen Ereignisse weit entfernt erfolgten Ereignisse haben natürlich keine Bedeutung. Ihr einziger Zweck ist, die Auf­merksamkeit von dem Hanptkriegsschauplatz abzulenken und die Be­völkerung zu beunruhigen. Dadurch, daß diese Absicht offenkundig wird, wird sie auch vollständig vereitelt.

Österreichische Kriegsschiffe im Kampfe.

W. B. Köln, 27. Sept. Tie Kölnische Zeitung meldet aus Jgalo (Dalmatiens: Am 18. ds. nachmittags bombardierte» öster­reichische Kriegsschiffe Antivari und vernichteten dabei eine größere Abteilung Montenegriner. Bei dieser Gelegenheit singen wir eine drahtlose Depesche der sranzösischen Flotte an die Montenegriner ab, worin letztere von den Franzosen aufgefordert wurden, am 19. ds um 7 Uhr früh einen allgemeinen Angriff aus die Boeche de Cattaro zu unternehmen, die gleichzeitig durch die Franzosen von der Seeseite angegriffen würde. Ta man also unsererseits über die Absicht der Feindes genau unterrichtet war, konnten die entsprechenden Vorkehrungen getroffen werden. Am 19. d. TYt Uhr begaben sich drei kleine und 15 große französische Schiffe nach der Boeche und kamen im Nebel bis auf sechs Kilometer an die Küste heran. Unsererseits wollte man sie auf die Minen fahren lassen, doch machten die Schisse plötzlich Halt und begannen umzukehren. Im Augenblick, als sie sich unseren Befestigungen auf der Breitseite zeigten, siel von der Festung Kabiia ein Signalfchuß, worauf sofort vier Batteriesalven von den Forts Lnstica und Mamula losgingen. Die Kanonade währte ungefähr eine Viertelstunde. Die Wirkung ist nicht ouSgeblieben. denn gleich die erste Salve vernichtete ein französisches Kriegsschisf, das von nicht weniger als 24 Granaten aus einmal getroffen wurde, wobei alle sechs Schornsteine samt der Kommandobrücke in die Lust slogen. Dann folgte eine Feuersäule, und als sich der Rauch verflüchtigte, war die Stelle, wo vorher der

Afraja.

Ein nordischer Roman von Theodor Mügge. 72

3.

Die Trondhjemküste, bei dem Gebirge der sieben Schwestern vorüber, welche am Eingang Nordlands Wache halten, und alle die wilden, abenteuerlich geformten Hexen­klippen und Flsengruppcn hinter sich lassend, denen die nor- dische Phantasie Gestalt und Nanten verliehen hat, lief Helgestads Jacht während der nächsten zwei Wochen.

Es war, als hätte der alte Schiffer sich von einem Seid- mann oder Zauberer guten Wind und das feinste Wetter ge- kauft, denn von jener Nacht ab, wo die schöne Jlda im schweren Sturm Staatenland uniscgclt, war der Himmel blau geblieben und der frische, günstige Luststrom aus Süden hatte das Schiff schnell seiner Heimat nahe gebracht.

Der Juni war gekomnicn, und je mehr nordwärts die Jacht lief, um so mehr wurden die Nächte zur Dämmerung. In der Nähe der Lofodcn ging die Sonne kauni mehr unter den Horizont. Sie beschrieb einen Kreis am Himmel und ihre Strahlen beleuchteten zu allen Zeiten die hohen Glet­scher im Grimfjord und die Tindenspitzen von Salten, bis endlich, als Tromsö vor den Reisenden lag, ein roter Schein an den Segeln und Mastspitzen hastete, eben als die Kirchen­glocke Mitternacht schlug.

Und noch ein Tag verging und eine Nacht kam, ehe die schöne Jlda in den Ltzngenfjord steuerte. Die hohen Berge standen in einer langen, leuchtenden Reihe, und aus dem tiefen Grund« dieser Felsengasse hob der Kilpis sein unge­heures Haupt und zeigte allein noch ein glänzendes Eis- und Schneelager, das gleich einen! funkelnden Deniantbandc um seinen schwarzen Nacken hing. Tie Sonne lagerte sich heut

Franzose gestanden, leer. Zwei andere erlitten schwere Havarien. Tie übrigen verschwanden schleunigst. Die Franzosen hatten ins­gesamt zwei Treffer geniachi, durch die aus unserer Seite ein Mann schwer und einer leicht verwundet wurde. Die Absicht der Franzosen, die Rabiostation Lustica zu vernichten, ist gründlich mißlungen.

Rußland und die Pole».

Tie neue Züricher Zeitung entnimmt russischen Blättern Ter russische Gcneraiissimus macht jetzt die versprochene Autonomie Polens rückgängig. Er begründet dies damit, daß in der Leniberger Schlackst polnische Schützen auf öster­reichischer Seite gckänipft hätten. Tie Verfassung Polen? sei aber nur gewährt worden für den Fall, daß alle Polen loyal seien. Das Manifest an die Polen sei auch nicht vom Zaren unterschrieben, so daß es staatsrechtlich gänzlich be- dcutungslos sei.

<?iu deutscher Aufruf an die Polen.

Das Krakauer Blatt Naprzod berichtet, baß der Ober­kommandierende der deutschen Armeen in Russisch-Polen dieser Tage folgenden Ausruf unter der Landbevölkerung verbreiten ließ:

Das räuberische Moskowitertum. das dieses Land bestahl und seine Bewohner nach Sibirien hinausschleppte, fluchtet jetzt vor den Befreiern der polnischen Nation, das ist vor den deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen. Aber obwohl schon in Flucht, häuft das Moskowitertum noch eine Schmach auf die andere. In die Häuser ruhiger polnischer Bürger schleichen Agenten und Spione ein und töten aus dem Hinterhalt deutsche und österreichisch- ungarische Soldaten. Durch solche schmachvollen Taten wollen sie das polnische Volk strafen, durch solche Taten wollen sie einen Ver­dacht ans das polnische Volk lenken, damit es unschuldig leide. Das Geld, das die russische Regierung aus den polnischen Bürgern heraussaugt, wird jetzt dazu verwendet, um Mörder zu dingen, die das Land ins Unglück und Verderben hineinreißen. Gebet acht, daß sich in eure Häuser keine Spione und Agenten einschleichen."

E.iglischc Sozialisten als Verteidiger Rutzlands.

Tie englischen Sozialisten H. G. Wells und Hagberg Wright protestieren in Dailn Citizen dagegen, daß Keir Hardie und Ramsay Macdonaldeine Kampagne gegen den Krieg führen, aus Grund einer erdichteten teuflischen Eigenschaft unseres verbündeten Rußland". Während Hardie und Macdonald verständigerweise die von Rußland knndgegebenenguten Absichten" den Finnen, Polen und Juden gegenüber bezweifeln, sie für Heuchelei erklären, die aus der Not geboren, schreiben Wells und Wright:

Wir leugnen nicht Rußlands frühere Versuche, die Ideale preußischer Intoleranz zu verwirkliche». Aber dieser Krieg hat Rußland in definitiver Weise liberal gemacht, indem er Rußland fast untrennbar mit den liberalen Mächten des Westens ver­band, wenn wir es nicht zurllckstoßen. Diese Liberalisierung ist unsere Hoffnung, es ist eine nationale Hoffnung. Sie jetzt zu zerstören, die ganze Zukunft eines Volkes zu vernichten wegen einiger Gewalttaten in der Vergangenheit, ist der Wahnsinn des Mißtrauens. Wir hören schon, daß die Duma, die erst nächstes Jahr einberufen werden sollte, früher zusammentreten wird und daß die Versprechungen des Zaren den Juden, Polen und Finnen gegenüber durch die Gesetzgebung verkörpert werden sollen. Führer jeder Partei und jeder Tradition in Rußland, die extremen Reaktionäre ausgenommen, begrüßen diesen Krieg mit leidenschaftlichem Enthusiasmus."

Die Redaktion des Daily Citizen sagt in einer Anmerkung, sie nehme den Aufsatz zwar auf, identifiziere sich aber keineswegs mit den darin ausgesprochenen Ansichten.

Kein russischer Sozialdemokrat wünscht Rußland den Sieg.

Zürich, 26. Sept. (Ctr. Frkft.) Die in russischen und anderen Blättern vielverbreitete Nachricht, daß der Nestor der russischen Sozialdemokratie, Grigori Plechanow, Ruß­land seine Sympathie ausgcdrückt und die Russen in Frank­reich aufgefordert habe, für Rußland zu kämpfen, wird von Führern der russischen Sozialdemokratie als eine gemeine Lüge bezeichnet. Einige Führer der russischen Sozialdemo­kratie, die sich in der Schweiz aufhaltcn, versicherten mir, daß kein Sozialdemokrat Rußland den Sieg wünsche, der die Knechtung Europas und die Rückkehr zur Barbarei bedeute.

Der Kolonialkrieg.

WB. London, 27. Sept. Das Reutersche Bureau meldet: Liideritzbucht ist am 19. September von den südafrikanischen Truppen besetzt worden. Tie deutsche Besatzung hatte sich am 18. Septeniber zurückgezogen, indem sie die Eisenbahn zerstörte. Die Deutschen haben bei der Räumung von Lüderitzbuckst auch die Funkenstation zerstört.

Nen-Gttittca i« australische» Hä,,de».

IVB. London, 26. Sept. Wie die Admiralität mttteilt, hat ss« von dem Vizeadmiral Paten ein Teiegramm des Inhalts erhalten, daß Friedrich-Atthelmshasen, der Sitz der Regierung vo» Deutsch. Neu-Guinea, von australischen Truppen besetzt worden ist, ohne lie- wasfneten Widerstand zu finden. Der Feind ist ossenbar bei Herbertshühe versammelt gewesen, wo Kämpfe stattgesunden haben. In Friedrich-Atthelmshasen wurde die britische Flagge gehißt und eine Garnison eingerichtet.

Gibraltar von Truppen entblößt

Berlin, 27. Sept Die B. Z. am Mittag meldet aus Madrid:' Tie Garnison von Gibraltar, die aus einem Bataillon schottischer Schützen besteht, ist von einem englischen Dampfer abgeholt wor­den, um sich mit der englischen Cxpeditionsarmee in Frankreich zu vereinigen.

Der Aufruhr in Aegypten.

Wien, 27. Sept. Türkische Blätter berichten überein» stimmend über die wachsende Aufstandsbewcgung in Aegypten gegen die englische Herrschaft. Ter Befehl der englischen Be­hörden, die osmanische Flagge nicht mehr zu hissen, wirkt aufreizend, ebenso die zahllosen Verhaftungen mohamedani- icher Notabeln. Ein förmlicher Belagerungszustand herrscht tn Alexandrien. Das Arbeiterviertel ist durch Militär abge- iperrt. In den Straßen sind Maschinengewehre aufgestellt. Selbst die halbamtliche Aegyptian Gazette meldet den Massenaufmarsch der Arbeitslosen vor dem Regicrungsge- bäude. Sie rufen: Wir wollen Brot! Die Läden wurden geplündert und große Verwüstungen angerichtet.

Australien über das englisch-japanische Bündnis.

WB. London, 27. Sept. In dem Arbciterorgan Daily' Citizen bekämpft ein Australier namens Pitt das englisch­japanische Bündnis und sagt: Während die Jugend Austra­liens und Neuseelands mit dem ausgesprochenen Zweck, sich für den kommenden Krieg mit Japan vorzubereiten, mili­tärisch ausgebildet wird, heißt es jetzt, daß England de« Japanern Dentsch-Samoa und Neu-Guinea versprochen! habe. Dadurch würde Japans Einfluß im fernen Osten wesentlich zunehmen. Die Kriegserklärung Japans an Deutschland wegen Bedrohung des Friedens im fernen Osten ist ein Schritt, der für Australien und Amerika die schlimmste« Folgen haben kann.

China und Japan?

Der Wiener Berichterstatter des Budapester Az Est halt« ein«, Unterredung mit dein Wiener chinesischen Clesandten, der u. <i. fol­gendes erklär!«:Dt« chinesische Politik wirii durch das Ein­

greifen Japans berührt. Das Ultimatum Japans fordcrt dtp llebergaöe Kiatttschous von den Deutschen. Dieses Gebiet ist be­kanntlich chinesischer Besitz, den wir nur sür 89 Jahre an Deutsch­land ln Pacht gaben. Es ivar eine richttge Tat Deutschlands, da» japanische Ultimatum nicht zu beantworten. Wir haben unser« Armee teiltoeise mobilisiert. Wir wünschen den Krieg nicht."

Auch der chinesische Koloß nniß auf dem Sprunge lieg«». Japanischer Imperialismus, raubgierig und rücksichtslos, gefährdet die Grenzen und die Unabhängigkeit Chinas wie keine ander« Mackst. Die Mandschurei im nördlichen China gehött nur noch formell dem Reiche der Mitte an: die Japaner haben sic längs« mittels einer Artfriedlicher Durchdringung" an sich gerissen und steuern planmäßig aus ihre endgültige Annexion los. Jetzt sind sie dabei, das deutsche Kiaulschou auf der Schantunghalbinsel zu er­obern. Ti« Deutschen als Besitzer jener Landeck« waren den Chine­sen alles andere als willkommen, trotzdem wird es letzteren nicht völlig gleichgültig sein, wenn der eine ungebetene Gast den änderet» verdrängt, denn mit den Japanern ist entschieden am schlechteste!« Kirschen essen. Kiaittschou in den Händcn des Mikadoreiches, das bedeutet eine nicht geringe Macksteriveiterung desLandes der aus­gehenden Sonne" und zwar zunächst gegenibber dem ohnmächtigen! chinesischen Reiche. Nicht nur, daß die Japaner von Kiatttschou aus die Okkupation der Mandschurei weit bequemer betreiben könne», ohne Frage werden ste versuchen, von ihremneuerworbenen" Stützpunkt aus weitere Stticke chinesischen Bodens in ihren Besitz zu bringen. Das alte China geht infolge seiner kapitalistische« Revolutionterung einer Wiedergeburt entgegen. Wird das japa­nische Raubtter nach der Besitzergreifung von Kiautschou den güirstt- gen Augenblick ergreifen, um auf Kosten Chinas seinen unersätt­lichen Landhunger zu befriedigen?

In verschiedenen Blättern fand sich di« Andeutung, China iverde wahrscheinlich Krieg gegen Japan führen, um das ursprüng­lich den Chinesen gehörige Kiantschou zurückzuerobern. Dies« An­nahme dürfte schwerlich zutreffend sein. China ist »in Land, das infolge der Ausmucherung durch den ausländischen Kapitalismus nicht weit vom sinai,steilen Bankrott entfernt ist. Dazu hat der Weltkrieg den internationalen Handel nahczu lahmgelegt: die Zvll- einnahnien. die zum größten Teil die internationalen Schulden ds

zum ersten Male auf den Wellen im Westen. Sie sank nicht hinein, sondern stand wie eine große, glntstrahlende Kugel darauf und schickte von dort ihr rötlich mattes Licht aus, als sei es müde und inöchte ausruhen und könnte doch nicht wie ein Mensch, der gern seine Augen schließen und schlafen möchte, aoer ein inneres Fieber läßt es nicht dazu kommen.

Die mitternächtliche Sonne beleuchtete den Lyngcnftord, der nun vier volle Wochen lang ununterbrochen sie sehen sollte. Wenn aber auch das Licht nicht erlosch, so war doch etwas in der Natur, das die fehlende Nacht merken ließ. Ein geheimnisvolles Schweigen lag auf den weiten Wassern, Der Wind starb: die Vögelschwürme saßen still auf den Klippen und Steinen ini Meere und hielten ihre Köpfe unter den Flügeln versteckt. Kein Geschrei war in der Luft, das Leben verkündigte: keiner der großen Räuber der Tiefe bob seine Rückenflossen aus der träumerischen, bewegungslosen See, Das Schiff allein mit seinen schlaffen Segeln, die dann und wann vor einem Hauche flatterten, wurde wie von Geister­händen an der Insel Alöcn vorübergcführt, und da lag nun die kleine Kirche von Lyngcn auf dem mächtigen Gestein über dem Fjord. Bon dem Felsenturnte flatterte eine große Fahne, unten aber in der Bucht sah man viele Boote mit Wipfeln und Kränzen an den Masten, oder cs waren grüne Birkcnzweige daran gebunden. Die Kirche auf der Höhe glänzte im Sonnenlicht, und von dem Deck der Jacht blickte die Mannschaft stumm und freudenvoll darauf hin. Die Männer hatten ihre Jacken abgeworscn: es war so frühlings­warm, als steuere ihr Schiss in den Golf von Neapel. Sie schüttelten sich die Hände und riesen sich Glückwünsche zu, denn so rasch und wohlgeraten war selten eine Bergenfahrr verlaufen, und Gottes Wille hatte es gefügt, daß sic eben an dem Tage heimkchrcn sollten, der das Fest der Frühlings- seier in diesem hohen Norden ist: am Tage, wo zuerst die Sonne nicht untergeht, wo sich alle Wesen freuen, wo alle

Arbeit ruht und wo gesungen, geschmaust und getanzt wird, so lange es menschliche Kräfte und Gebeine aushalten können.

Aber kein Fest ohne den Herrn, keine Freude ohne die christliche Weihe, keine Gemeinsamkeit in diesen weiten Ein­öden ohne den Sammelplatz der Kirche. Darum lagen die. vielen bewimpelten, blatt- und blumengeschmückten Boote hier, welche aus allen Ecken und Winkeln des großen Fjords die Gaardhcrren mit ihren Familien und Gaardlcuten her- öcigebracht hatten: darum winkte der Kirchplatz mit seinen jungknospcnden Bäumen und lichten Gräsern, darum flatterte üie große Fahne von der Spitze des uralten Gotteshauses, das zuerst in dieser Wildnis aufgerichtet wurde vom großen König Olaf dem Heiligen vor mehr denn fünfhundert Jahren, und darum standen die Kirchcnhäuschen der Familien heut alle weit geöffnet und stattlich ausgeputzt für frohe Gäste.

In der Kirche saß die ganze Bevölkerung des Fjord und der Inseln beisainmen, um in der heiligen Nacht zu singen und zu beten, Gott zu preisen und um ein gutes, gesegnetes Jahr zu bitten, dann aber bei Spiel und Scherz frohe Stun- den zu verleben, Geschäfte abzutun. Streit zu vergleichen, alte Freundschaft zu befestigen und neue zu schließen bei ge­füllten Schüsseln und Gläsern, bis alle Lust vollständig ge­büßt war.

Als die Jacht, von der Flutströmung fortgehoben, die Kirche erreicht hatte, war kein Mensch am Lande zu sehen, doch ohne Helgestads Wort abznwarten, wickelte die Mann­schaft den großen Anker kos und hielt sich bereit, um die Kabel schießen zu lassen. Der alte Schisser stand am Steuer und schien seinen Gedanken nachzuhängen. Ernsthaft blickte er nach der Kirche hin, suchte unter den Booten umher nach der Flagge von Lcrenäesgaard, und als er sie herausgcfnnden hatte, lief ein znftiedencs Grinsen über sein lederharteS Gesicht.

(Fortsetzung folgt.)