Ausgabe 
29.9.1914
 
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I

Organ für die Interessen des der Provinz Obcrheffcn und

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Nr. 225

Gicßcn, Dicnstng, dcn 29. Scptcmlicr 11*14

9. Jahrgang

Wir schlagen «ns durch!

Es war zu erwarten, daß bei dem großen Ringen in Nordsrankreich die ersten Erfolge auf dem linken Flügel der Deutschen fallen würden. Der erste Erfolg war, wie unsere Leser sich erinnern werden, daß man eine Stellung südwest­lich von Verdun einnehmen konnte. Daran schloß sich eine Ueücrwindung der Hindernisse, welche die Cotc Lorraine (sprich: koht lohrähn) bot, ein emporragendes Hochplateau, dessen Abhänge jedenfalls in schweren Kämpfen genoinmcn wurden. Der nächste Erfolg ist nuninehr Camp des Ro­mains (sprich: kang däh romäng), dem Namen nach ein altes Römcrlagcr, also ein Standpunkt, den wohl schon Alt-Roni für militärisch wichtig gehalten hat. Camp des Romains liegt etwas isoliert von den übrigen Forts, und sperrt den Ucbergang über die Maas an einer sonst für unser Ein­dringen günstigen Stelle. Sein Fall bedeutet einen wesent­lichen Fortschritt. Er gibt uns die Möglichkeit, auf den Fall weiterer Forts zu rechnen. Die Anlage der französischen Grenzfortkctte hat sich im allgemeinen bewährt. Sie hat unseren Truppen einen Aufenthalt bereitet, der eine gewisse Rolle in der Verzögerung der Entscheidung spielt. Die Fran- zosen haben freilich anders gerechnet. Sie glaubten, daß dieser Festungskranz, den sic im Osten ihres Landes zogen, verbunden mit den zwischen ihnen eingenisteten Heeren, ein unüberwindliches Hindernis für den deutschen Angriff sein Eürüe. Diese Ansicht ist mit dem Fall des ersten Forts, dem in absehbarer Zeit andere folgen werden, widerlegt. Der linke Flügel der deutschen Riesenaufstellung hat jetzt Aussicht, die ihm gebotenen schweren Hindernisse der Reihe nach zu überwinden, und damit auch die Möglichkeit, in absehbarer Zeit wesentlich stärker als bisher am Zusammenbruch der anglo-sranzösischen Armee mitzuarbeitcn.

Auf der übrigen Front der deutschen Armee im Westen hat sich nichts verändert. Auf dem rechten Flügel, den zuvück- zutrciben die Franzosen das größte Interesse haben, toben noch unentschiedene heftige Kämpfe. Ungeduldige Leser, welche die Situation nicht recht erfassen, werden das mißvcr- stehen. Sie werden glauben, daß die deutsche Attacke ge- lähmt sei, oder annehmen, daß die Franzosen zu stark für uns sind. Das ist jedoch nicht der Fall. Wir haben jetzt auf biesen Gesilden nördlich der Marne mit einer neuen Form des Krieges zu tun. Es ist, als ob auf dem Kriegsschauplatz in Nordstankreich uns alle Möglichkeiten der Strategie in praktischer Anwendung vorgesührt werden sollen) Neben dem heißen Ringen um die Forts an der Ostgrcnze Frank­reichs stand die gewaltige Riesenschwenkung, mit der die Deutschen aus Belgien in Frankreich hineindrangen, um den ersten französischen Widerstand in schnellen Schlachten zu brechen. An diese Erfolge knüpfte man die Ausführung einer zweiten Lehre der Strategie, die unaufhaltsame Ver­folgung des Feindes, dcn man geschlagen hat. Als die wilde Jagd, die man da hinter den Franzosen her aufuahin und die bei ihnen nur auf schwachen Widerstand stieß, bis über die Marne und vor die Tore von Paris geführt hatte, traf man auf Stellungen des Feindes und Gegenstöße der Pariser Arnrce, denen der nicht allzu zahlreiche Verfolger nicht ge­wachsen sein konnte. Die Höhen südlich der Marne gaben den Franzosen eine so feste Stellung, daß di« deutsche Heeres­leitung es sich zweimal überlegen mußte, eine Schlacht in dieser Lage mit schwachen Truppen einem gerüsteten Feinde gegenüber, zwei Flüssen im Rücken und der Festung Paris in der Flanke, anzunehmen. Sie entschied sich für die Wahl e.nes anderen Schlachtfeldes und erzwang dieses mit cirnr großartigen, über eine Front von 200 Kilometern ausge­dehnten RUckwärtsschwenkuna. Hier wurde die Aufgabe, sich se:n Schlachtfrld zu erzwingen, glänzend gelöst. Tie Fran­zosen, welche erst den Zweck dieser Schwenkung nicht begriffen, träumten von einem Sieg und eilten hinterher. Da stießen sie auf neue, feste Stellungen der Deutschen.

Angelehnt an Festungen und gestützt auf Bergeshöhen Und gebirgige Waldungen, niachten die deutschen Heere aui ommal Front, um eine neue Form des Krieges zur Anwen­dung zu bringen. Das, was die Franzosen im Süden der Marne gegen die Deutschen geplant »hatten, wurde hier mtt besserem Erfolge von den Deutschen eingeleitet, der soge- Positionskrieg. Man grub sich ein und führte Dcr- schanzungcn und Deckungen auf, die bei der Masse der Trup- Pon, die zur Verfügung standen, und der Geschicklichkeit unseres Geniewcsens gar bald zu festungsähnlichcn Werken auf der langen, weiten Strecke Heraufstiegen. Eine Festung bildet gewöhnlich einen stark bewehrten Kreis um irgend einen Mittelpunkt herum. Man suckt sie mit einem konzen­

trischen Angriff, d. h. mit dem von allen Seiten nach einer Stelle geführten Vorstoß zu nehmen. Das verbietet sich bei Riesenfronten, wie wir sic bei Plcwna und bei Mulden sahen, und hier aufs neue sehen. Beim Positionskrieg hat sich der Kreis in eine Riesenlinie verwandelt, auf der schwere Ge­schütze eingebaut sind, während die Infanterie in Deckungen im Hintergründe harrt. Ter Feind, der hier etwas erreichen will, und dessen Vorstöße zur Ueberrumpelung der unvol­lendeten Stellung mißglückt sind, folgt gewöhnlich dem Bei­spiel seines Gegners und gräbt sich ebenfalls ein. So haben wir nun von Verdun bis Uber die Oise hinaus eine fran­zösische und eine deutsche Linie schivcr bewehrter festnngs- nrtigen Positionen. Die Franzosen haben längst den Ansturm aufgegeben, mit dem sie zunächst noch Erfolge über einen ihrer Meinung nach fliehenden Gegner erhofften. Die Deutschen dagegen bereiten jetzt die wuchtigen Schläge vor, mit denen sie ihren Gegner schlagen und vernichten wollen.

Es handelt sich bei diesem Ringen zunächst darum, die schwere Artillerie geschickt einzugraben und gut zu decken. Ist das geschehen, so stellt man fest, wo der Feind seine Artillerie hat, wie sie gedeckt ist, welche Hindernisse er außerdem anlegtc und wo sich seine Truppen befinden. Hierauf beginnen die Geschütze ihr verheerendes Feuer, und zerschniettern die feind­lichen Einrichtungen nach Kräften tagelang, wenn es sein muß, wochenlang, um das Feld so weit frei zu machen, daß man die Infanterie ohne gar zu große Opfer an Menschen­leben zum Sturm vorschicken kann. Hat man das erreicht, ist die Stellung des Feindes sturmfrei, dann erfolgen die Vor­stöße der zahllosen Scharen der Fußtruppen. Tas Feuer der Geschütze muß schweigen, um die eigenen Truppen nicht zu ge­fährden, und der Sturm vollzieht sich auf der ganzen Linie. Selbstverständlich wird sich der Gegner mit den artilleristischen Mitteln, die ihm nach der Beschießung geblieben sind, so gut wie mit dem Feuer der Maschinengewehre und Gewehre zur Wehr setzen. Darum wird der Sturm kein Kinderspiel sein. Es kann auch sein, daß sich der Sturm nicht auf der ganzen Linie gleichzeitig vollzieht, sondern, daß man in zähem Ringen ein Werk nach dem andern berennt, einen Schützengraben der Franzosen nach dem andern in seine Hände zu bekommen sucht. Auf alle Fälle ist das ein Kampf, der, wie der Leser einsehen wird, nicht in kurzer Zeit erledigt werden kann. Aehnlich, wie unsere Truppen schwerer Kämpfe bedurften, ehe üe das Hochplateau der Cote Lorraine erstiegen, auf dem sich die Verdun schützenden Forts befinden, so wird es noch zahl­loser, schwerer Einzelkämpfe bedürfen, ehe man die Stellung der Franzosen auf dem Schlachtfcldc an der Aisne überwinden kann.

Aus alle dem erklärt sich, daß man nicht ungeduldig wer­den darf. Wir sind durch die Kette von Nachrichten, welche der erste Siegeslauf unserer Truppen mit sich brachte, etwas verwöhnt und harren in Ungeduld der neuen Entscheidungen. Wir tun aber gut, dcn Verhältnissen Rechnung zu tragen und müssen schon zufrieden sein, wenn vielleicht an jedem zweiten Tage ein Teilvorteil gemeldet wird, der nicht ohne Wichtigkeit ist. Solche Vorteile hat unser Generalstab bisher von Tag zu Tag melden können. Er berichtete von dem gescheiterten An­sturm der Franzosen, der sich gegen den Westen unserer Trup- Pen richtete, er konnte melden, daß die französische Offensive an einer Reihe anderer Stellungen zusammengcbrochen wgr, und diese Mitteilungen bedeuten mehr, als man im ersten Augenblick annehmen konnte. Sic bewiesen, daß die eigent­liche volle Stoßkraft der Heere, welche Josfre südlich der Marne versammelt hat, nicht mehr besteht. Tann begannen die Kämpfe bei Noyon und Soissons, wo es den deutschen Truppen gelang, Stellungen einzunehmen, die vorher in den Händen des Feindes waren. In dcn Argonnen nahmen wir die Stadt Varcnncs, die einst Ludwig XVI. Flucht scheitern sah, zum zweiten Male ein und rückten so näher heran an den festen Punkt, der die französischen Stellungen im Osten be­schirmt, die Festung Verdun. Später gelang cs, das schwere Forts Brimont in der Nähe von Reims zu brechen und eine Reihe von Einzelvorstößen, die uns auf einzelnen Strecken in bessere Stellungen brachten, erfolgreich durchzuführcn. Jetzt donnert auf der ganzen Linie das schwere Geschütz, der Eisen­hagel rasselt hernieder auf die erkundeten französischen Ar­tilleriestellungen und bricht ihre Stärke. Ueberall da, wo das mit dem Erfolg geschehen ist, daß uns der Sturm nicht mehr allzuviel kostbare Menschenleben nehmen kann, gehen unsere Krieger vorwärts. So ist die Situation auf dem großen Schlachtfelde. Gelingt es, wie wir sicher annchmen, durch weitere Erfolge zum endgiltigen Siege vorzudringen, so han­delt es sich um einen Erfolg, der zu vergleichen ist dem Niedcr- rinaen einer acwaltiacn Festung und einem Stoß ins Lcrz

des Feindes. Wird die Armee der Franzosen in diesen Siel- langen geschlagen, so ereilt sie eine Katastrophe, wie sie der Krieg bisher noch nicht gesehen hat.

Die Hm»ptschlacht zwischen Somme und OEe.

Christiauia, 26. Sept. Das Berl. Tgbl. meldet: Nach dcn heute hier eingetroffenen Pariser Nachrichten vom 25. September ist der wichftgste Moment der Kampf der deut­schen Truppen mit dcn französischen Heeresmassen zwischen Somme und Oise. Ebenso haben die deutschen Truppen die Höhcnzügc auf dem rechten Maasuser in der Nähe von Hattonchatei siegreich gcnomnien und einen Vorstoß gegen Saint Milüel glücklich ausgesührt, sowie ein Bombardement auf das Fort Parochcs eröffnet.

Paris, 27. Sept. (Gtr. Frkf.) Em in Paris am 26. September nachmittags 3 IIhr auegeycbenrs Bulletin besagt: Aus unserem

linken Flügel, zwischen der Somme und der Oise, dauert die Schlacht aufs heftigste fort. Zwischen Svissons und Reims ist keine Veränderung von Bedeutung eingctrcten. Fm Zentrum, zwi­schen Reims mid Verdun, ist die Lage unverändert. (Der Fall eines Forts bei Verdun wird vom Bulletin verschwiegen.) Z« Lothringen tmd in den Vogesen scheinen die deutschen Kräfte vermindert worden zu sein.

Eil» Kampf von unerhörter Erbitterung.

Paris, 27. Sept. sFnd. Prtv.-Tel. der Frkf. Ztg. Ktr. Frkf.) Wenn die Schlacht vorüber ist, wird die Welt staunend von einer Erbitterung hören, wie ste noch nt« dagewesen ist. Schon m duir ersten Kampftagen, als die Bulletins nur nackte Tatsachen meldeten, ohne von der Kitze des Kampfes zu sprechen, hotte die Schlacht eine unerhörte Erbitterung angenommen. Ein von der Aisne znrückge- kehktrr Journalist berichtet, daß mehrere Tag« lang manche Orte täglich bis ein Dutzend mal von beide» Seiten gestürmt und dam» wicdrr geräumt wurden. Feder F»h Landes ist aufs äuherftc uu»- stritten. Fn manchen Dörfern bleibt kein Stein auf dcnt ander». Di« biegend zwischen Aisne und O i i c ist vollständig ruiniert. Seitdem betonen die Bulletins mit eindringlichem Erescendo die Heftigkeit und Erbitterung der Schlacht. Das Wetter wenigstens hat stch gebessert: der starke Regen hat aufgchört und eine milde Hcrbltsonne scheint auf di« Schlachtgesilde.

Tie Spannung derPariserBepölkerung ist aufs höchste gestiegen. Den Zeitungsboten werden die Blätter aus der Hand gerissen.

Die keiften Anstrenstnnqe» der Pariser Armee.

Kopenhagen, 27. Sept. Tic Politiken erfährt aus Paris Einzelheiten über die letzten Kämpfe. Der Betrieb der Nord- und Slldbahn wird vorläufig wegen großer Truppentrans­porte eingestellt. Tag und Nacht wird an den Ausrüstungen für den Winterfeldzng gearbeitet. Tic Beaufsichtigung der Fremden wird täglich strenger.

Jeder Angriff anssickft-los.

London, 27. Scpt. Der Manchester Guardian meldet: Tie deutsche Stellung der Aisne ist so stark, daß, wenn keine strategischen Uebcrraschungeu eintreten, jeder Angriff zu einem Rückschlag führen muß und imr Erfolg haben kann, wenn der Gegner zur Erschöpfung gebracht ist. Die Deutschen haben die Kunst der Feldbefestigung auf eine Höhe gebracht, die bisher nicht erreicht wurde. Sie machen eine Stellung von gewöhnlicher natürlicher Stärke zu einer Fcstungslinie, die stärker und widerstandsfähiger ist, als eine erbaute Linie von Stahl.

Das ^ort Eamp-deö-RolttaittS.

Mailand, 27. Sept. sEtr. Frkft.) Rack) den Berichten dcS Eorricrc dclla Sera ans Paris ist dort der Fall des Forts Eamp- dcs Romains noch unbekannt: man begreift daher nicht, wie die Deutschen die Maas haben überschreiten tonnen. Der Erbauer dcS Forts Camp-dcs-Romains. General Sere de Rivieres, bczeichnete es »och jüngst als weder durch Belagerung noch durch Sturm ein­nehmbar. Der Talgrund, der den Kegel, auf dem es sich erhebt, von dcn nächsten Höhen trennt, sei zu weit, als bah Geschütze eine Bresche öffnen könnten: in das Tal hinabznsteigcn, um den Kegel zu stürmen, sei unter dem Feuer des Forts unmöglich. Höchstens durch Hunger könne man das Fort zur Nebcrgabc zwingen.

Hauptmann Gatti meint im Corrierc, wen» cs dcn Deutschen gelinge, durch die in die Verteidigungslinie Toul-Vcrdun nunmehr gelegte Bresche frische Truppen gegen die rechte französische Flanke zu schicken, so sei ihr Erfolg von höchster Bedeutung: auf alle Fälle aber hätten ssc sich den Vorteil einer neuen Verbindungslinie nach der Heimat durch,Lothringen verschafft.

Tie Stcinbriickie vo» Eompiössne.

London, 26. Scpt. lEtr. Frkst.) Eine interessante Beschreibung von der festen Stclluna der Deutschen in den Ttcinbrüchen bei Eompiögne gibt der Kricgskorrespondent Marwell im Dailp Tele­graph: Diese Brüche geben die weißen harte» Steine, welche zu wichtigen Bauten verwendet werden, und gehören meist deutsche» Unternehmern. Die ausgcbrochcncn Gänge und Höhlen dienen als Forts und verstärken gewaltig die deutsche Linie. Sie können mit einer von verschanzte» Lagern flankierten Festung verglichen wer- dcn, ohne die Einschränkungen und Engen solcher Anlagen zu be­sitzen. Tic Brüche bilden ein unangreifbare? Bollwerk. Sic dehnen sich viele Kilometer wett aus. Die grossen harten Stcinblöckc sind so auSgchoben, dass an der Obersläche lange starke Wälle cntstanden find. Die sranzöstschcn und englischen Ingenieure hätten keine furchtbareren Ste.ssuuaen £iir die schweren Becher >ev "-b -Nlal chin eu-