Organ für die Interessen des der Provinz Oberhessen und
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Nr. 223
Gießen, Samstag, Den 26. ScptciiUicr 1914
9. Jahrgang
Zn UnolMsts! für dir Mrrrrshrrrslhrrili.
Am Mittwoch mittag meldete eine Depesche, die sich aus englische Berichte stützte und dann später die amtliche Bestätigung durch den deutschen Admiralstab erhielt, daß drei englische Panzerkreuzer, große, stolze Schiffe mit starker Besatzung, einem deutschen Angriff zum Opfer gefallen seien, Unfern der holländischen Küste sanken sie auf den Meeresgrund. und nur ein kleiner Teil der unglücklichen Mannschaften konnte durch zufällig herankomnicnde Handclsfahr- zcuge gerettet werden; an 2000 britische Seeleute sind, so ungefähr wird geschätzt, in den Wogen der Nordsee ver- fchwunden.
Es war keine Seeschlacht, die diese Opfer forderte; die deutschen Kanipfschiffe hatten sich nicht mit überlegener Macht auf ein englisches Geschwader geworfen. Sondern ein winziges Unterseeboot, ein Fahrzeug, mit zwanzig todesmutigen Männern besetzt, hat der englischen Seemacht diesen fürchterlichen Verlust zugcfügt.
Mit welchen Gefühlen in London diese Schreckensnachricht ausgenommen wurde, darüber kann man sich nach den unten abgedruckten Preßstimmen ungefähr vorstellcn; man kann sich denken, wie die Empfindungen der Engländer sind, die bisher unbedingt an die Sicherung ihres Gebiets durch die meerbcherrschende Flotte glaubten und die kaltblütig berechneten, daß beim Krieg zur Sec sic immer den endgültigen Sieg haben müßten, weil bei gleichen Verlusten stets noch eine ansehnliche SchiffSzahl für Großbritannien übrig bleibe, während der oder die Gegner alle Kampfschiffe, ^ingebüßt hätten. Und nun tut sich vor ihren entsetzten Augen die Möglichkeit auf, daß ihrer stolzen Flotte samt Dreadnoughts und Ucber-Dreadnoughts der Untergang bereitet werde durch «inen Weit schwächeren Gegner. Wurde vor gar nicht langer Zeit verkündet, die Berliner Zeitungen würden gleichzeitig mit der englischen Kriegserklärung die Nachricht mitteilen müssen, daß die deutsche Flotte vernichtet worden sei, so wird jetzt der schwarze DicnStag die größte Erregung Hervorrufen,
Einige Monate ist cs her, da erörterte ein englischer Admiral in der Presse die Frage, ob cs sich fernerhin lohne, unter Aufwendung von Hunderten von Millionen schwere Schlachtschiffe zu bauen, die durch einen einzigen Torpedoschuß eines Unterseebootes vernichtet werden könnten. Ihm cntgegneten andere Fachniänner, daß trotz alledem und alledem die Entscheidung im Seekriege bei dün großen Schlachtschiffen liegen werde und daß etwaige kleine Schäden, die Torpedo- und Unterseeboote zufügen könnten, niemals den Ausschlag gehen würden. Von Unbefangenen wurde der Streit als Ausfluß der Nebenbuhlerschaft zwischen verschiedenen Rüstungssirmcn aufgcsaßt. Zweifellos hat das geschäftliche Interesse stark mitgcwirkt. Aber wie der Weltkrieg bereits verschiedene militärische Theorien über den Haufen geworfen hat und z. B. den verhältnismäßigen Unwert großer und sehr kostspieliger Festungssystcme erkennen ließ, so hat er auch ein weiteres gezeigt: den Unsinn der Standard- Formel, die das Stärkeverhältnis der englischen Flotte zur deutschen auf 16 : 10 bestimmen wollte. Mathematisch genau sicherte dieser Standard die Scehcrrschaft Englands — und das kleine Unterseeboot „II 9" hat die ganze Rechnung über den Haufen geworfen.
Für die Zukunft wird das Ereignis vom 22. September eine gewaltige Wirkung haben! Es besagt, daß das meer- beherrschende Britannien, dessen Kriegsschiffe für immer dem englischen Handel das Uebergewicht sichern sollten, dieser Macht nicht mehr vertrauen darf, und daß es damit rechnen muß, seine durch brutale Mittel bisher aufrecht erhaltene Vorzugsstellung zu verlieren. Aber auch für die allernächste Zeit schon ist der Untergang der drei großen Schiffe ein böses Zeichen. Denn wie kann man noch hoffen, das Jnscl- ^ich vor einer feindlichen Invasion durch die Flotte zu be- “W^ten, wenn es einem einzigen winzigen Boot gelingt, in ,vopp zwei Stunden drei für unverwundbar gehaltene Kc- wlie zu vernichten. Das Vertrauen auf die Flotte muß in t-nglond einen schweren Stoß erlitten haben.
Mit dem tollkühnen Streich des Hamburger Bädcr- oampferz „Königin Luise" fing es an! Vor den Toren Londons, in der Themsemllndung, legte in den ersten Kriegstagen das rasch ausgerüstete Schiff Minen, und ging
. ^vcb selbst zugrunde, so verlor auch die britische Marine ct I!^ „ nCn Kreuzer. Darauf kam die Kreuzfahrt von ,,Gaben und „Breslau" im Mittelmcer, die eine gewaltig überlegene französisch-englische Macht nicht verhindern konnte, Algerische Küstenplätze zu beschießen. Dann wieder das Er
scheinen deutscher Unterseeboote an der schottischen Küste, die Vernichtung des Kreuzers „Pathfinder" durch das deutsche Unterseeboot „II 21" und der Verlust des Hilfskreuzers „Oceanic", der wohl auch nickst einem „Schiffbruch" zuzuschreiben ist. Verloren gingen weiter der große Kreuzer „Warrior", einige kleine Kreuzer, Torpedojäger und sonstige Fahrzeuge. Dazu kommt der Schaden, den in fernen Meeren die deutschen Kriegsschiffe „Emden", „Königsberg" und „Dresden" der englischen Kriegs- und namentlich Handelsflotte zugefügt haben. Nicht einmal der Meerbusen von Bengalen hat durch die englische Seemacht geschützt werden können.
Wie ist es denn nun mit der englischen Sechcrrschaft, die durch eine ungeheure Flotte der gewaltigsten Sccungetüme für alle Zeiten gesichert werden sollte? Wie ist es mit der Unnahbarkeit der englischen Küsten, die durch jene Panzer gedeckt werden?
Das Wettrüsten zur See, bei dem England stets, die zahlenmäßige Uebcrlcgenheit haben mußte, hat sich als ein ganz falsches Spiel erwiesen. Die Milliarden, die Großbritannien in seinen Schifsskolossen angelegt hat, bewahren es nicht vor der Gefahr, daß unter Vernichtung der deckenden Flotte der Feind ins Land dringe, sichern auch nicht seine Handelsfahrzeuge in fernen Meeren. Und andererseits hat Deutschland nicht durch in geschlossener Front vorgehende Schlachtschiffe dem Feind die Idee der Unbesiegbarkeit geraubt. sondern verhältnismäßig geringe Kräfte haben die gegnerische Macht erschüttert. Ter Wagemut und die Todes- kühnheit unserer Seeleute haben die Erfolge gebracht; sie entsprangen aus dem Bewußtsein, auch in keckem Angriff die Verteidigung des Vaterlandes zu führen.
Woraus sich die Lehre ergibt, daß nicht die Häufung der Kriegsmaschinen die Ueberlegenheit gibt, sondern der Geist, der die Menschen beseelt. Das auf See gemäß seiner Schiffszahl weit überlegene England hat es bisher nicht unter- nonimen, die Ucbermacht auszunützen, um den Krieg an die deutschen Küsten zu trogen. Wozu es seine Flotte verwendete, das war in der Hauptsache der Zerstörungs- und Raubkrieg gegen wehrlose deutsche Handelsschiffe, was ja auch durchaus dem eigentlichen Grund des Eingreifens Englands entspricht. Dagegen zeigt der 22. September, zeigen vorherige Ereignisse, daß die deutschen Seeleute alles einsetzcn, den bewaffneten Feind zu treffen und zu schwächen und so die Heimat zu schützen.
Dieser Kriegsführung gegenüber kommt die alte Standard-Rechnung in die Brüche. Das wird, nicht jetzt, so doch später, auch in England eingeschcn werden, und dann kom- men vielleickst endlich ehrlich gemeinte Abrllstungsvorschläge.
18 Millionen Schaden der englischen .vandelsichiffalirt^
W. B. London, 24. Sept. Nach einer Meldung des Daily Telegraph ans Kalkutta bat der kleine Kreuzer „Emden" der Handelsschisfahrt in dem bengalischen Meerbusen einen Schaden von 18 Millionen zugefügt.
Der (sittd'iick i» London.
Amsterdam, 24, Tept. iPriv.-Tel, der Fr. Ztg.) Die englische Presse sucht nach Möglichkeit, den geivaltigen Eindruck abzu- jchwäche», den der Verlust von drei großen Kreuzern im Publikum hervorrnst, aber die Tatsache, daß alle Blätter jpaitenlange Leitartikel darüber bringen, zeigt zur Genüge, wie ernst der Vorfall genommen wird. Tie Dailn News sagt gerade heraus, das Unglück, das die britische Flotte in der Nordsee getroffen habe, sei das ernst- hasteste, das irgend eine der Mächte zur See bis jetzt in diesem Krieg erlitten habe. Dann zeigt das Blatt, daß die deutsche Flotte in ihrem Hafen sicher geborgen, sozusagen blockiert sei, während die englische Flotte die Aufgabe l>abe, die Ratte aus öem Loch zu locken, weshalb sie immer llnierseeangriffeu bloßgestellt sei. Einmütig mochte die Presie die verlorenen Schiffe als veraltet hinstellen, Tie Times tut dabei entrüstet, weil zwei der großen Kreuzer in Grund gebohrt wurden, während sie die Schiffbrüchigen der „Aboukir" retten wollten. Das Ereignis zeige, welch' tödliche machtvolle Waffe das Unterseeboot sei, das wahrscheinlich von Emden kommend, einen Aktionsradius von 2000 Meilen besitze. Tie Daily News betitelt ihren Artikel: „Ein neuer Schreck der
Meere", und sagt, der Materialschaden sei zwar groß, man könne aber hoffen, daß der moralische Einfluß gleich Null sei.
W. B. London, 24. Sept. Tie Times schlägt anläßlich des Unterganges von drei Kreuzern vor, die deutsche Küste mit einem Mineugürtel zu umgeben, um den Feind einzuschließen.
IV. B. London, 24. Sept. Manchester Guardian sagt, man dürfe de» Verlust der Schisse nicht leicht nehmen. Hätten englische Unterseeboote in wenigen Minuten drei Kreuzer zerstört, so hätte man das eine brillante Leistung genannt.
Was die Neutralen sagen.
IV. 8. Rom, 24. Sept. Tie Vernichtung dreier englischer Kreuzer durch ein deutsches Unterseeboot hat hier ungeheuren Eindruck gemacht. Dr Erfolg wird von der italienischen Bevölkerung höher eingeschätzt, als die bisherigen Siege zu Lande. An dem
Siege der deutschen Armee wurde hier ernstlich nie gezweifelt, daß aber auch die Flotte die englische Uebermacht zu schädigen imstande ist, hat man hier nicht geglaubt und darum ist die Wirkung der Nachricht eine um so größere.
Stockholm, 24. Sept. iPriv.-Tel., Ctr. Bln.) Die Vernichtung der drei englischen Panzerkreuzer durch ein einziges deutsches Unterseeboot macht in Schweden tiefen Eindruck. Man sieht sich infolge der deutschen Ueberlegenheit mit dieser technischen Waffe zu einer Umwertung aller maritimen Werte gezwungen. Der Glaube, daß Englands Teeherrschaft durch seine Tchifssriesen unbedingt gesichert sei, ist in den nordischen Staaten ins Wanken geraten.
Die Niesenschlacht ein Fcstungskrieg.
Paris, 24. Sept. (Etr. Frkft.) Tie letzten Bulletins hatten ganz unwesentliche Veränderungen des Schlachtbildes an der Aisne fcstgestellt. Diese Tatsache wurde heute durch eine offizielle Note näher erklärt; die Note besagt: Die Schlacht an der Aisne dauert nun schon seit Tagen. Ist es nicht wunderbar, daß sie Erinnerungen an den russtsch-japani- scqen Krieg erweckt? Zuerst stand nian im offenen Felde und eine allgemeine französische Offensive setzte gegen den Feind ein, der sie nicht erwartete und nicht Zeit gehabt hatte, ernstliche Tcsensivstellungen vorzubereiten. Dagegen nimmt der Feind jetzt an der Aisne Stellungen ein, welche die Natur selbst in vielen Punkten sehr stark macht und welche der Feind andauernd hat verbessern und für die Verteidigung einrichten können. Die Schlacht an der Aisne nimmt daher auf einem großen Teil der Front den Charakter eines Fcstungskrieges au, wie er in der Mandschurei seinerzeit stattgcfnndcn bat. Mann kann hinzufügen, daß die außergewöhnliche Kraft des gegcnüberstchendcn Ariillerieniaterials (deutsche schwere Geschütze gegen französische 75 mm-Kanonen) den Feldbefestig- ungen besonderen Wert gibt, in denen die beiden Gegner stehen. Es handelt sich also darum, die TranchSe-Linien zn erobern, die alle von Nebenwcrken, hauptsächlich Stachel» drahtvtzrhaucn, verteidigt werden und mit Maschinengewehren besetzt sind, die sich in der Schußrichtung kreuzen. Daher können alle Fortschritle nur langsam erzielt werden. Häufig schreiten Angriffe nicht mehr als einen halben oder ganzen Kilometer am Tage fort.
Mailand, 24. Sept. lCtr. Bln.) Der Eurriere della Sera meldet aus Paris: Der schon seit 10 Tagen andauernde Kampf
nimmt immer mehr den Charakter einer Belagerung an und aller Wahrscheinlichkeit nach wird er auch so enden. Eines Tages wird ganz plötzlich nach dem langen Kampfe die Nachricht austauchen, daß in die Verteidigungslinie eine Bresche gelegt wurde, die den Widerstand auf der ganzen Linie unmöglich macht. Ter Berichterstatter fragt sodann, wer nach seiner Meinung die Bresche schlage. Niemand könne sagen, ob das Ende nahe sei. Ein unheimliches Dunkel lagere über de» Ereigniffe» und das Publikum müsie alle Kraft und Geduld zusammennehmen, um seine Wiß- begierde zu mäßigen.
Lt ic's auf den Tchlachtfclve a«iösiel,t.
Rom, 24. Sept. <Etr. Bln.) Der Kriegsberichterstatter des Corriere della Sera bringt in anziehender Weise vom Tchlacht- selde folgenden Bericht:
Einen Überaus pittoresken Anblick machen die marokkanischen Truppen in ihren bunten Bildern. Die Armen leiden sehr unter der Kälte und schützen sich vor dem Winde, inden, sie fröstelnd in dichten Gruppen hinter Mäuerchen stehen. Sie sind wie die Hunde, die auf den Befehl ihres Herrn warte», um sich aus diejenigen zu stürzen, auf die man sie hetzt. Von Zeit zu Zeit platzt ein Hagel deutscher Schrapnells in dichtester Nähe und der Pulverdampf hüllt alles in Nebel. In der Richtung von Soisions ist vollends die Hölle los. In Villeneuve haben die Engländer schwere Artillerie aufgefahren und bald trete» die sogenannte» Long Toms - in Aktion Aber schon hat eine deutsche Batterie sie entdeckt und überschüttet sie mit dämonischem Feuer. Auf die Frage des Berichterstatters, ob es ratsam sei, noch weiter zu gehen, antwortete der General: Sie müsien aber genau das Schießen beobachten und sich danach richten. Tie Deutschen ändern das Ziel nicht nach jedem Schuß. Wenn sie einmal einen Punkt bestreichen, dann bleiben sie einige Minuten dabei.
Tie Nttsien als Landkavtenlünstler.
Tie Vossische Zeitung hat von einer Seite, die von ihr als vertrauensivürdig bezeichnet wird, aus Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens, den russischen Plan über die Neuaufteilung der Welt nach dem Friedensschluss erhalten. Ter famose Plan hat folgendes Aussehen,
Den Hanptanteil erhält sentsprechend der altbewährten Bescheidenheit Väterchens! Rußland, indem eck Galizien und den nichtrumänischen Teil der Bukowina annektiert, ferner die Moldau bis zum Sereth und mit Einschluß der Donaumündung, dann die ganze europäische Türkei und Kleinasien sowie Nordpersien. England erhält Palästina und Arabien sowie die überseeischen Besitzungen Deutschlands. Frankreich wird mit Elsaß-Lothringen „abgesunde»", sowie mit der Tatsache der Zerstörung der deutschen Flotte. Belgien erhält Luremburg. Serbien gelangt in den Besitz der südslawischen Länder Oesterreich-Ungarns mit einem Zugang zum Adriatischen Meer, wobei Dalmatien zwischen Serbien und Montenegro geteilt wird. Montenegro, Serbien und Griechenland teilen sich außerdem in Albanien, von welchem Land nur Valona an Italien abgetreten werden soll.


