Ausgabe 
23.9.1914
 
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MrheWe Solfäjeitnng

Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberheffen und der Nachbargebiete.

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Redaktion und Erbcditio»

Siebe«. Babndositrabe 23. «fife LSw«n,-sic. Delrvbon 2008.

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Nr. 229

Gießen, Mittwoch, den 23. September 1D14

9. Jahrgang

Weltanschauung.

Ms eine Schule des Umlcrnens feiert Herr Oertel in der Deutschen Tageszeitung den Krieg. Damit hat er sicher ganz .-recht. Denn der Krieg, der für alle Erdbewohner ein gemein­sames ungeheures Erlebnis ist. muß im Denken der Völker die gewaltigsten Umwälzungen Hervorrufen. Auf einer gieuen Grundlage wird sich nach dem Kriege der alte Kampf der Weltanschauungen fortsetzen, und dann wird sich diejenige Anschauung als die stärkste erweisen, die mit den tatsächlich zutage getretenen Lebensnotwendigkeiten im besten Einklang steht, die von der höchsten Warte aus die kommende Entwick­lung überschaut hat.

Vielleicht ist es aber jetzt schon Zeit, aus den Ereignissen einige Lehren zu ziehen, und da können wir allerdings nicht den Weg des Herrn Oertel gehen, der durch den Krieg die Meinung widerlegt findet,daß eines Volkes Kraft im Desentllchen auf feiner Geistesbildung und auf der soge­nannten Kultur beruht". Wie könnte sich denn daS deutsche Volk gegen das ungeheure Rußland zur Wehr setzen, wenn es nicht seine überlegene Geistesbildung undsöge- nannte Kultur" hätte. An Zahl können wir es von allen unseren Feinden nicht einmal mit diesem einzigen aufnehmen, auch an Körperkrast mag der russische Soldat dem deutschen vielleicht überlegen sein, nur die höhere Bildung und Kultur gibt diesem die Kraft zur Ueberwindung einer körperlich brutalen liebermacht. Daß neben der geistigen auch körper­liche Tüchtigkeit zum Kriegführen notwendig ist, wird auf der anderen Seite niemand bestreiten. Gerade auf diesem Ge­biet gibt eS zctzt für manchen deutschen Politiker Gelegenheit zuni Umlcrnen. Der Schutz der deutschen BevölkerungS- masten gegen die ihr drohende industrie-kapitalistische Ent­artung, der Kamps um ausreichende Arbeitslöhne, gesunde Wohnungen, billige Ernährung, war in Wirklichkeit natio­nale Tat!

Wir können uns weiter aber nicht zur Auffassung des Herrn Oertel bequemen, daß nun die Notwendigkeit erwiesen ei. auch in Friedenszeitenden derben kriegerischen 2inn zu wecken und zu erhalten". In Wirklichkeit war das «rutsche Volk doch bis zum Kriegsausbruch gar nicht kriege­risch. sondern durchaus friedlich gesinnt, und täglich be­kämpfen wir die Behauptung der Gegner, daß dieser Krieg aus der Kricgslust des deutschen Volkes entstanden sei. Vor allem waren die Hundcrttauscnde von Soldaten, die über­zeugte Sozialdemokraten sind, solange sie den Zivilrock trugen, ganz gewiß nicht kriegerisch gesinnt. Sie hielten und halten noch immer den Krieg für ein grauenvolles Nebel. Das hindert sie selbstverständlich nicht, alle Energie anzuspannen zur Abwehr einer Niederlage des eigenen Volkes. Aus sol­cher Gesinnung entspringt dann auch die höchste Kriegs- tzüchtigkeit, nicht aus demderben kriegerischen Sinn", der bei Kosaken, Baschkiren, Basutos und Njamnjani sicher viel stärker entwickelt ist als bei uns.

Ein sehr heikles Kapitel berührt Herr Oertel schließlich, wenn er das Verhältnis von Religiosität und Krieg behandelt. Richftg ist jedenfalls, daß der Krieg überall einen starken Aufschwung der Kirchenfrömmigkeit mit sich gebracht hat. Wir sehen diesen Austchwung bei uns, wir sehen ihn ober auch in Frankreich, wo in überfüllten Kirchen Gott zur Rcftung des bedrohten Vaterlandes angcrufen wird, und ganz besonders stark sehen wir ihn in Rußland, wo die Popen ihre geistliche Tätigkeit auf die offene Straße verlegt haben, wo der Zar bei jeder Gelegenheit fromme Ansprachen hälr und das Heer sich an äußerlicher Frömmigkeit sicher von keiner anderen Armee der Welt llbertreffen läßt. Es ist nun einmal eine peinliche, aus zahlreichen Berichten erweisbare Tatsache, daß der Weg des russischen Rückzuges nicht nur durch verstümmelte Leichen, sondern auch durch zahllose Heiligenbilder gezeichnet ist. Daraus geht doch hervor, daß cs verschiedene Arten der Frömmigkeit gibt, und daß nicht wde von ihnen die richtige sein kann. Herr Oertel bleibt an der Oberfläche der Probleme, wenn er schreibt:

Mn ^ CT Qltc kernige und kerngesunde Gottesglaube hat die

muen Nebel des Zweifels gescheucht und die Herzen wieder im «n^ ?.gewonnen. Selbst die gewerbsmäßige» Gottesleugner (?) Et i Ue geworden und haben umlcrnen müste». DaS sind die Frieden^" 6eä Krieges, an denen wir festhalten wollen auch im

p, Krieg ist über die Menschen wie ein unbegreifliches Gc,kyick hcrcingebrochen, er hat die Bedeutung aller Einzes- wlllen zu nichts zusammcnschrumpfen lassen. Das Wort, daß leder seines Glückes Schmied sei, gilt heut weniger denn je, und wir alle fühlen, daß über unserem Schicksal etwas waltet, Eas starker ist als wir. Dr durchleben wir jetzt die ganze

Der frricy.

Skala der Empfindungen, die den Wilden angesichts des blinden Waltens der entfesselten Naturkräfte beschleichen: bei Orkan, Blitzschlag, Erdbeben. Und daraus erklärt sich auch der Hang zum Uebersinnlichen, der jetzt in manchen Bevölkcr- ungslreisen unverkennbar hervortritt. Niemand wird den Schwachen, Schutzbedürftigen den Trost rauben wollen, den sie in solcher Betätigung ihres Gottesglaubens finden aber ist solche verzweifelte Zuflucht ins Reich des unendlich Un- bekannten wirklich der menschlichen Weisheit letzter Schluß?

Nein, wenn die Sturmflut vorüber ist, wollen wir wie­der aufbauen und neue Dämme ziehen und wollen den Kops stolzer und zuversichtlicher tragen als je zuvor. In: Kampfe gegen sinnloses Toben der Gewalten wollen wir unser Men­schentum bewahren und zu höheren Stufen geistiger Klarheit und sittlicher Kraft emporführen. Und wenn wirumlernen", wollen wir nicht vergessen, was den Stolz menschlicher Kul- turcntwicklung seit Jahrhunderten ausmacht.

französische Bulletins.

Paris, 21. Scpi. Ein Bulletin vom 20. September, nach­mittags 3 Uhr, sagt:Aus unserer Linken haben wir am rechten Ufer der Oise Fortschritte gemacht. Alle Versuche der Deutschen, mit Unterstützung ihrer schweren Artillerie unsere Linie zwischen Craonellc und Reims zu durchbrechen, waren vergeblich. Tic Höhe von Brimont nördlich von Reims wurde von den Deutschen wieder genommen. Die Deutschen beschossenohne Grund" er­bittert die Kathedrale von Reims, die in Flamme» aufging. In den Vogesen hat der Feind bei St. Die die Offensive wieder er­griffen. Unsere Angriffe aus dieser Linie schreiten langsam fort ivcgcn der Schwierigkeiten des Terrains, der Art des feindlichen Widerstandes und des schlechten Wetters. Wir besitzen noch keine sichere Bestätigung des Falles von Maubeuge."

Am 20. September. 11 Uhr nachts, wurde folgendes offiziell mitgctcilt:Auf unserer Linken haben die Truppen westlich von Soissons ein wenig nachgcgebcn, sind aber dann unmittelbar dar­auf wieder vorgegangen: auf dem rechten User der Oise haben sic fortwährend Fortschritte gemacht. Nördlich von Reims sind alle feindlichen Angriffe, obwohl sie mit großer Energie geführt wur­den, zurückgewicsen worden. Fm Zentrum und östlich von Reims haben uns unsere Angriffe neue Fortschritte machen lassen. In de» Argonncu ist die Lage unverändert. In Woevre hat der Regen den Boden so aufgeweicht, daß die Bewegungen der Trup­pen sehr schwierig sind."

Eine Louvoner amtliche Meldung.

London, 21. Sept. Das Preßburcau meldet: Die Lage ist un­verändert. Das Wetter ist schlecht. Das Preßburcau dementiert offiziell die Nachricht von einer Landung russischer Truppen in Frankreich.

Zerstörung der Neimser Kathedrale? Deutsche Barbarei?

Rom, 21. Sept. Aus Frankreich wird die Meldung verbreitet, die Kathedralen in Reims und Senlis ständen in Brand. Ob­wohl von Deutschland keinerlei Bestätigung dieser Sensations­meldung cingetrosscn ist, wird sic ohne jeden Vorbehalt zu neuen Protesten gegen diedeutsche Barbarei" ausgenüyt. Die fran­zösische Regierung schürt diese Bewegung. Die hiesige Akademie San Luca und die internationale Künstlervercinigung protestieren dagegen. Französische Berichte behaupten, das deutsche Feuer sei ohne Zweck absichtlich aus die Kathedrale gerichtet worden, ver­schweigen aber, daß Reims das Zentrum der ftanzösischen Stellung ist, das die Deutschen natürlich nicht schonen dürfen.

Bordeaux, 21. Sept. Im heutigen Ministcrrat teilte Viviani mit, daß ein Ausschuß ernannt worden fei, um in den Gegenden, die von den Franzosen wieder besetzt worden sind, eine Untersuchung über die von den Deutschen angerichtcten Grausamkeiten anzu­stellen. Die Regierung beschloß ferner, allen Mächten einen Pro­test gegen die Beschießung und Zerstörung der Kathedrale von Reims zu senden.

Wer alle diese Bericht mit einander unvoreingenommen vergleicht, der kommt auch heute wieder zu der Ueberzeugung, daß zwar unsere Truppen noch immer und voraussichtlich noch längere Zeit erbittert und unter den schwierigsten Ver­hältnissen zu käinpscn haben werden, ehe sic den Raum nörd­lich und östlich von Paris, den sic angesichts des französischen Vcrzweiflungsvorstoßcs wieder aufgegcben hatten, wieder ganz in ihrem Besitz genommen und die unseren Waffen günstige Entscheidung in dieser größten Schlacht der Welt­geschichte herbeigcführt haben werden. Man erkennt aber auch, und zwar nicht zuletzt aus den amtlichen französischen Berichten, daß die Heeressäulen der Verbündeten auf allen Puntten des Ricsenschlachtfcldes in zwar langsamen und zähem aber doch stetem Zuriickwcichen. sind. Und das darf uns in diesen ernsten Tagen des Wartens mit Zuversicht erfüllen.

Die Zerstörung der Kathedrale von Reims voraus­gesetzt, daß sic sich bewahrheitet, und wir hoffen noch, daß es nicht der Fall sein wird die Vernichtung dieses wunder­samen Bauwerks wäre wieder ein neuer Beweis für die Kulturfeindlichkeit des Krieges, der nur die Selbsterhaltung zum Maßstabe des Handelns nehmen kann und nicht einmal vor den herrlichsten Kulturschätzen Halt macht. Wie dein aber auch sei: mit guteni Rechte glauben wir die deutsche

Heeresleitung gegen den Vorwurf in Schutz nehmen zu können, daß sie frivol und vandalisch das herrliche Bauwerk habe in Brand schießen lassen. Man denke an die Belagerung von Straßburg im Jahre 1870 und die peinliche Schonung des Münsters, man denke deiran, daß auch diesmal die Armceleitung ausdrücklich Anordnungen getroffen hat, die Kathedrale zu schonen. Nach aller bisheriger Erfahrung dieses Krieges kann und muß man zu der Vermutung koni- men, daß die Franzosen, wie schon in vielen Fällen, auch dies­mal die Kirche zu einem Angriffspunkte durch Besetzung mit Maschinen-Gewehren, Geschützen usw. gemacht haben, so daß dann nur ihnen die Schuld zuzumessen wäre, wenn die deut- sche Armeeleitung zu einer Beschießung der Kathedrale ge­zwungen war.

Die französischen Anleisteversnche in Amerika gescheitert.

WB. Stockholm, 21. Sept (Amtlich.) Ein Lonboner Tele­gramm an das Stockholms Dagblad teilt mit, daß die sranzöfischen Anlcihcvcrfuchc in Amerika endgültig gescheitert find, da die amerikanische Regierung ihre Zustimmung verweigerte. Frank­reich soll Ersatz in London suchen.

Brüsicl wird nicht geräumt

WB. Berlin, 21. Scpi. (Amtlich.) Die im Auslände ver­breitete Meldung, daß Brüssel von den deutschen Truppen geräumt sei, ist falsch. Ebensowenig trifft die Behauptung zu, daß der deutsche Befehlshaber die Räumung der Stadt als nahe bevorstehend angekündigt habe.

Keine Unterschätzung der Gegner.

Tic gesamte deutsche Press« ohne Ausnahme und die meisten Deutschen hatten sich in den ersten Wochen des Krieges daran gewöhnt, mit iinsäglicher Verachtung von den Gegnern Deutschlands und deren Armee zu reden. Die ersten raschen Erfolge hatten zu einer weitverbreiteten Ueber- hebung und zu einer Trübung des ruhigen Urteils gefühtt. Wir haben uns von Anfang an bemüht, den Ereignissen dieses Weltkrieges gegenüber die ruhige Objekttvität des Urteils zu wahren, das sich auf das Wohlergehen des deut- schen Volkes und auf die Forderungen unserer sozialistischen Ueberzeugung zu erstrecken hat. Jetzt muß selbst die offiziöse Nordd. Allg. Ztg. zu einer Korrektur der öffentlichen Mei­nung schreiten und vor einer Unterschätzung der feindlichen Armeen warnen, obgleich sie selbst zu dieser Unterschätzung erheblich beigetragen hat. Die Nordd. Allgem. Ztg. schreibt letzt u. a.:

. . . Nicht jeder Tag kann Siegesmeldungen bringen. Das überraschende, man darf wohl sagen stürmische Vor­bringen unseres Heeres in den ersten Wochen des Krieges hat uns verwöhnt und mag hier und da in Kreisen der Niclst- kämpfer zu einer Unterschätzung namentlich des ftanzösischen Heeres Anlaß gegeben haben. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß eine solche Auffassung bei unserer Heeresleitung niemals bestanden hat. Die Kenner der Ver­hältnisse haben vorhcrgesehen, daß wir mit unseren Gegnern kein leichtes Spiel haben würden. Durch das große Aufgebot, das sic östlich von Paris ins Feld gestellt haben, und durch die tapfere Gegenwehr, die sie dort zeigen, wird diese Voraus­sicht gerechtfertigt. Unsere Truppen haben einen hatten Kampf zu bestehen, sie fechten mit ganzer Hingabe ihrer körperlichen und sittlichen Kräfte und verdienen die höchste Bewunderung. Daß der Kampf längere Zeit erfordctt, als sich wohl mancher im Lande gedacht hat, ist in den Verhält­nissen einer mit so gewaltigen Truppenmassen auf beiden Seiten unternommenen Schlacht begründet. Ungeduld bei den Nichtkämpfendcn würde ein Unrecht gegen die Truppen und ihre Führer bedeuten. . .. Ein Sieg über minderwettige Gegner könnte nicht die Genugtuung bringen wie die Nieder­werfung von Feinden, die ernst zu nehmen sind. . . ."

Natürlich ist diese Unterschätzung des Gegners nicht allein in Dcuffchland zu finden. Sie ist überall da anzutresfcn, wo einseitig nationalistische Erziehung zu einem nattonalen Egoismus gefühtt hat, der diesem Weltkriege in allen Lagern so furchtbare Formen gibt. Aber auch in anderen Ländern kommt man zur Einkehr und Besinnung. So schreibt die renommierte englische Wochenschrift der Economist:

. . . Das Bestreben der ersten Kriegstage, die Deut­schen als Feiglinge darzustellen, die, genau wie die Buren, nicht schießen können und sich vor der blanken Waffe fürchten oder ihr Heer als untüchtig, ihre Artillerie als weit hinter der französischen znrückbleibend, und ihren Transpott als so schlecht organisiert, daß die Soldaten an der Front Hunger leiden: das hat man nun aufgcgebcn. Denn die

Logik der Ereignisse und die Berichte der zurückkehrenden Verwundeten beweisen, daß die Deutschen in Frankreich be-