Ein Ultimatum des Dreiverbandes an die Türkei?
Genf, 2V. Sept. Nach Pariser Meldungen erwägt die Triplcntente, ein Ultimatum an die Türkei zu richten wegen der Ersetzung des britischen Admirals Limpus durch den deutschen Admiral Souchon im Kommando der türkischen Flotte.
Die Entschlossenheit der liirkische» Regierung.
Berlin, 20. Sept. Die Voff. Ztg. meldet aus Wien: In einer Unterredung mit dem Konstantinvpeler Vertreter der Südslawischen Korrespondenz erklärte der türkische Minister des Innern Talaat Bey: FUr di« Türkei ist die Diskussion über die Aushebung der Ko p i tu la ti o ne n beendet. Wir sind entschlossen, für unsere Entscheidung mit allen Mitteln einzutreten. Der Verlaus der türkischen Mobilisierung war erhebend. Ti« finanziell« Lage der Türkei ist befriedigend. Tie ausgezeichnete Ernte ist cingebracht.
Strengste Neutralität in Rumänien.
Berlin, 20. Sept. (W. B.) Der Lokal-Anz. meldet aus Bukarest: In einem unter dem Vorsitz des Königs abgehaltenen Kronrat wurde neuerdings der Beschluß bekräftigt, daß Rumänien sämtlichen Mächten gegenüber auch weiter- hin strengste Neutralität bewahren werde.
Unverletzlichkeit der Schweizer Neutralität.
Wli. Bern, 20. Sept. lieber die Antwort der verschiedenen Mächte auf die Schweizer Neutralitätserklärung wird mitgetcilt: Deutschland und Frankreich gaben neuerdings ihren Entschluß kund, die Schweizer Neutralität auf das peinlichste zu beobachten. Lesterreich-Ungarn hat die gleiche Erklärung abgegeben. Italien, obgleich es nicht zu den Signatarmächten der von acht Mächten Unterzeichneten Anerkennungsurkunde von 1816 gehört, erklärte, daß es sich troydem .stets von den in dieser Urkunde niedcrgclegten Grundsätzen habe leiten lassen und diese Haltung auch künftighin cinnchmen werde.
Die Hilfe Japans im europäischen Krieg
findet in England durchaus nicht den ungeteilten Beifall bei der Bevölkerung. Man ahnt wohl, dag man sich mit Japan einen Rivalen großzieht, der dein britischen Jniperium im fernen Listen noch einmal recht gefährlich werden kann. Australien und Neuseeland haben dem Mutterland« Hilf« zuqesagt. Ties« Kolonien hoben sich aber durch strenge Eiuwandcrungsgeschc gegen die „gelbe Gefahr" zu schlitze» versucht. Angeblich haben di« Japaner ihre Hilfeleistung in Indien gegen eine etwa dort ausbrechend« Erhebung davon abhängig gemacht, daß ihnen der Zutritt in die englischen Besitzungen im Stillen Ozean gestattet werde. Das wird in den australischen Dominien starken Widerspruch Hervorrufen.
In dem Organ der englischen Arbeiterschaft, Dailn Citizen, nimmt Herr W. Pitt, ein australischer Bürger zu dieser Frage Stellung. Er betont, daß die Jugend von Australien und Neuseeland militärisch erzogen sei, aber zu d«n ausgesprochenen Zweck«, den kommenden Krieg gegen Japan vorzubereiten, die Invasion der gelben Rasie von den .Kirsten der Kolonien abzuwehren. Tie englische Regierung habe den Japanern neben Kiautschau di« deutschen Besitzungen Neu-Guinea und Samoa versprochen. Damit werde der Einfluß Japans im fernen Osten in hohem Grade gesteigert und eS frage sich, ob die V e r e i n i g t e n S t a a t e n ü ies ruhig hinnehmen würden. Sicherlich werde es zu neuen Koniplikationen kommen. Es sei zum Lachen — wenn es nicht so traurig wäre — daß sich Japan als Friedenserhalter im fernen Osten gebärde. Eine .Heuchelei, wenn Japan so eifrig den Schutz Chinas gegenüber Deutschland betone. Die Bereitwilligkeit, seinem englischen Verbündeten beizustehen, wäre au sich sehr reizend, wenn sic nicht so gefährlich iväre.
Pitt schließt seinen Artikel: ,^)n der Tat. das ltltimatum Japans an Deutschland ist eine Bedrohung des Friedens im fernen Osten. Es ist rin Schritt, der ftir Australien und Amerika von den schlnum- sten Konsequenzen sein kann. Wie Deutschland, so hat auch Japan nie ein Hehl daraus gemacht, daß es einen „P l a tz a n d e r S o n ne" fordert. Nun, jetzt hat cs dazu di« beste Gelegenheit. Japans Vorgehen bedeutet eine Kriegsdrohung an die ganze Welt."
Glänzender Erfolg der Kriegsanleihe.
Das glänzende Zeichnungsergebnis ist noch andauernd im Wachsen. Bis Sonntag nachmittag waren 4,2 Milliarden fcstgcstellt. — Infolge dieses, alle Voraussetzungen Über- steigenden Zeichnungsergebnisses hat die Reichsfinanzverwal- tung eine Aenderung der Einzahlungstermine vorgenommen und anstelle der anfänglich vorgesehenen drei Einzahlungs- icrmine deren vier eingerichtet. Danach sollen spätestens am 5. Oktober 40 Prozent (gemäß der Ausschreibung), spä- icslcns ani 26. Oktober 20 Proz» (statt 30 Proz.), spätestens am 25. November 20 Prozent (statt 30 Prozent) und spätestens am 22. Dezember, also an dem neu eingerichteten Teiinine, die restlichen 20 Prozent der zugetciltcn Betrüg: bezahlt werden. Tic Berechtigung der Zeichner, vom Zn- teilungstage ab voll zu bezahlen, wird dadurch nicht berührt. Also verbleibt es dabei, daß Beträge bis einschließlich 1000 Mark bis zum 5. Oktober ungeteilt zu berichtigen sind. Bei den Vorbesprechungen für die Emission hatte man bekanntlich ins Auge gefaßt, nicht den ganzen am 4 . August bewilligten Kredit schon jetzt flüssig zu machen, sondern neben der Milliarde Schotzanwcisungcn ungefähr eine weitere Milliarde Reichsanleihe zu begeben. Die Zeichnungen übersteigen nun den veranschlagten Betrag um mehr als das Doppelte. Im Gegensatz zu manchen scheinbar überaus glänzenden Zeichnungscrgebnissen in Friedenszciten handelt es sich hier um lauter reelle Zeichnungen von solchen Zeich- ncrn, die den angemeldcten Betrag auch wirklich übernehmen und fast dauernd behalten wollen.
Ncichs„ericht und Krieq.
Ter dritte Strafsenat des Reichsgerichts hat beschlossen, in all den Revisionssachcn nicht zu verhandeln, in denen angenommen werden kann, daß der Angeklagte' zum Militär cingczogen ist. Ferner soll auch über Revisionen von solchen Angeklagten nicht verhandelt werden, die ihren Wohnsitz in einer vom Kriege be- trossencn Gegend haben. Eine Ausnahme soll nur dann gemacht werden, wenn der Senat die Möglichkeit für vorliegend erachtet, daß die Revision zugunsten des Angeklagten entschieden wird.
Elkatz-lothiringische Politik im Kriege.
^ Ttraßburg, 21. Sept. Im Kanton Bnchswciler findet nächster ^age eine Bczirkstagswahl statt. Einziger Kandidat ist Notar inl fc Imami "us Buchsweiler. Der liberalen Richtung angchörend. ySf l dennoch auch vom Zcntruni nnterstiitzt, besten Komitee n B e surfen infolge des Kriegszustandes nicht bestehen), zur k ermnnn ” ausfordcrt. Mit Genehmigung des Gencral- Er lautet"^ *' at Notar Kellermann einen Wahlaufruf veröffentlicht.
i^be politisch auf gemäßigt liberalem Staiidpunkic und wcuc ocmgcmäß reaktionäre Bestrebungen von rechts zurück, ebenso aber auch den Radikalismus der äußersten Linken. In religiöser Beziehung huldige ich weitgehendster Toleranz und trete ein fiir
völlige Gleichberechtigung aller Religionsbekenntnisse im Staate. Einen immer engeren Anschluß Elsaß-Lothringens an das Reich in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung erachte ich für notwendig. Endlich befürworte ich eine Weiterentwicklung unserer Vcrfasiung im Sinne der Gleichstellung unseres engeren Vaterlandes mit den Bundesstaaten des Reiches.
Als ein Wahldokumcnt aus Kriegszciten immerhin intercsiant.
Schwedens und Norwegens Neutralität.
Berlin, 21. Sept. Tie Nationalzeitung meldet: Dem Petersburger Rjetsch zufolge erklärten der schwedische und norwegische Gesandte am russischen Hofe dem Minister des Auswärtigen Sassanow, Schweden und Norwegen würden ihre Neutralität gemeinsam, wenn nötig mit bewaffneter Macht, verteidigen.
Die Zeppelin- und Spionenfurcht in London.
Kopenhagen, 21. Sept. Die Politiken meldet aus London: Die Spionenfurcht ist in letzter Zeit gewachsen. Zahlreiche Deutsche sind verhaftet worden. Einzelne sollen unter Krlegsrccht hingerichtet worden sein. Die Morning Post warnt die in England wohnenden Deutschen, Anlaß zu Mißtrauen zu geben, weil darunter auch unschuldige Deutsche zu leiden hätten. Ein Angriff aus der Luft wird sehr gefürchtet und es wird deshalb eifrig gewacht.
Die Werbung englischer Soldaten.
Amsterdam, 21. Sept. Der Londoner Korrespondent des Daily Tclcgraaf meldet aus London: Tic Fnßballwcttkämpfc werden wie früher abgehalten, aber jetzt werden auch diese Spiele benutzt, um die Rckrnticrung zu fördern. Es sind Werbeagenten dabei zugeiasien, welche die Spieler und Zuschauer zu iiberreden versuchen, ins Heer einzutrcten.
Tie Erregung in Paris wächst.
Stockholm, 21. Sept. Von London wird gemeldet, daß sich in Paris eine immer größere Stimmung geltend macht, sowohl in der Presse als auch in der Bevölkerung, daß die Regierung von Bordeaux sofort nach Paris ihren Sitz zurück- vcrlcge. Dieser Schritt würde auf die ganze Nation erhebend wirken.
Kaperung eines holländischen Dampfers.
London, 21. Sept. Wie die Blätter melden, ist der holländische Dampfer „Gclria", der von Rio de Janeiro nach Amsterdam fuhr, von einem englischen Kreuzer nach Falmouth gebracht worden. Die an Bord befindlichen deutschen Reservisten wurden gefangen genommen.
Hesse» nnv Nachbargebiete.
«Sich,» imd ttmgebuttg.
Ter deutsche Arbeitsmarkt nach dem ersten Kriegsmonat.
Der vom Kaiserlichen Statisftschen Amt herausgcgebcne Aröeitsmarltanzeiger gibt eine Uebersicht über den Stand des Acbcitsmarktes vom 5. September. Für den 5. September inelden 346 Arbeitsnachweise 148 773 überschüssige Arbeitsgesuche gegenüber 128 981 von 328 Nachweisen am 2. Sep- tcniöcr und 169 886 von 363 Nachlveiscn am 29. August. Berücksichtigt man die wechselnde Zahl der berichtenden Arbeitsnachweise, so ist also — eben, innerhalb der von den Arbeitsnachweisen erfaßten Teile des Arbeitsmarktes, denn ein ganz erheblicher Teil der Arbeitslosen ist so hoffnungslos, daß er sich überhaupt nicht erst meldet — in der letzten Woche jedenfalls keine Verschlechterung des Arbeitsmarktes festzustellen. Auf die Landwirtschaft entsielen diesmal 4638 Arbeitsuchende gegen 4834 ain 2. September und 1736 am 29. August. Die Zahl der überschüssigen gelernten Kräfte der Industrie usw. betrug 96 838 gegen 82 639 am 2. September und 103 201 ani 29. August. Gegen den vorigen Stichtag hat also eine Zunahme stattgefundcn, ohne daß der Stand des 29. August erreicht wurde. Gleiches gilt von den überschüssigen Ungelernten, deren Zahl 47 397 beträgt gegenüber 41 608 am 2. September und 64 946 am 29. August. Die meisten Arbeitsgesuche entfallen, wie bisher, auf Berlin, Königreich Sachsen, Hamburg und Rheinland. An überschüssigen offenen Stellen sind für den 6 . September von 134 Arbcitsnach- weisen 4541 gemeldet gegenüber 4353 von 123 Arbeitsnachweisen am 2. September und 4416 von 129 Arbeitsnachweisen am 29. August. Hier sind also keine sehr erheblichen Veränderungen eingctreten. Es entfallen 1406 (1130, 700) aus die Landwirtschaft, wobei sich der Beginn der Hackfruchtcrnte (Posen) geltend machen dürfte, 2097 (2499, 3027) auf die Industrie und 1038 (724, 689) auf Ungelernte.
Betrachtet man die Berufe der Arbeitsgesuche, so zeigt, wie in den Vorwochen, das Baugewerbe in vielen Teilen Deutschlands ein erhebliches Ueberangebot von Arbeitskräften. In der Metall- und Maschincn-Jndustrie scheint eine Besserung sich anznbahnen. Dies läßt sich auch aus der letzten Arbeitsnachweisliste (Nr. 12 vom 8 . September) der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände entnehmen. Die Zahl der Benötigten übertraf danach die der verfügbaren Arbeitskräfte. Für unser Industriegebiet trifft das leider noch nicht zu: es bandelt sich da wohl in der Hauptsache um Metall- und Maschinenindnstrie, die für den Kriegsbedarf arbeiten. Textilarbeiter und Arbeiterinnen waren in größerer Zahl in Sachsen und im Westen nicht untcrzubringcn. In der Holzindustrie ist das Angebot von Schreinern, besonders Möbelschreinern, stark geblieben. Kellner und Friseure waren besonders in Großstädten nicht »ntcrzubringen. Große Zahlen von Arbeiftuchcnden zeigt weiter das Handels- und Buchgewerbe. Gesucht werden in größerer Anzahl Schmiede (Kessel- und Maschinenschmiede) nach Danzig, Stettin, Breslau, Augsburg »nd Chemnitz, Nieter und Schiffbauer nach Kiel und Stettin, Sattler nach Guben, Braunschweig und Hannover, Metzger nach Chemnitz, llniformschneider nach Hamburg, Tunnelarbeiter und Maurer nach Siegen (Wests.), Grubenarbeiter nach Zabrze und Koethcn.
Stille Feier im Herzen oder Lärm und bunte Wimpel?
Ter Kriegsberichterstatter Hermann Katsch sagt am Schluß eines längeren Artikels aus dem westlichen Hauptquartier, in dem er in der Hauptsache die glänzende Haltung der sächsischen Truppenteile schildert, beherzigenswerte Worte Uber die Art, wie die Dahcimgcblicbcncn die Siege der Ausgczogcncn feiern sollen. Wir niöchten folgendes daraus wiedergeben:
„Die Nachrichten von all den großen, erhebenden Taten unserer heldenhaften Truppen erreichen uns hier, in einem vom eigentlichen Hauptquartier detachierten Ort, wo wir ein kleines Häuflein
von Deutschen inmitten einer mürrisch zurückhaltenden, durchaus nicht vertrauenerweckender Bevölkerung bilden. Kein Jubellaut, keine Feier, keine Ansprache, kein Kaiserhoch erschallt in diesen Tiegestagen, und hier und da sagt wohl einer: „Heut mücht' ich in Berlin sein!" Aber — neulich kam ein Offizier von einer besonderen Mission aus einer großen rheinischen Stadt zurück und sagte ganz offen, daß ihm der lärmende, laute Sicgcsjubel, das Zusammcn- strömcn und Tcmvnstxieren der Massen eigentlich einen peinlichen Eindruck gemacht hätte, und baß ihm die stille Feier, wie wir sie in unserm Kreise begingen, der großen und so überaus ernsten Zeit besser zu entsprechen schiene. Man steht sich mit auflenchtendem Blick an, höchstens ein „Das ist doch herrlich!" ertönt — und dann schweigt man ernst, gedenkt der unzähligen toten Helden, der vielen braven Deutschen . die dem infamen Haß und Neid unserer Gegner znm Opfer fallen, und begnügt sich mit einer Art grimmiger Sieges- srcnde. Haben denn all die Tausende, die in den großen Städten die täglichen Siegcsuachrichten mit Hallo begrüßen, während aus den ossenen Fenstern eines Cafes lärmende Weisen erklingen, keinen Verwandten, der draußen steht — oder stand und nun in der Erde ruht mit Tausenden von Kameraden? Denkt keiner von allen an die, die ihr Liebstes ließen für die heilige Sache? Ohne in den Kampf selbst zu kommen, haben wir doch hier dauernd vor Augen, was er bedeutet, was er fordert, sehen wir täglich und stündlich die Anstrengungen, die seine Durchführung erheischt, und wenn wir auch den lauten SicgeSjubel im Anfang begriffen, jetzt, da man die unsäglichen Opfer, die der voraussichtlich noch lange zu führende Kampf fordern wird, einigermaßen crmcflen kann, jetzt sollen die Siege unserer tapferen Armee überall in der Heimat mit tiefer,' innerer Befriedigung, aber doch mit dem Ernst hingcnommcn werden, der diesem gewaltigsten Ringen um Sein oder Nichtsein der deutschen Nation entspricht."
Landcsvcrsichcrungsanstalten und Kricgsfürsorge. Nachdem die Landesvcrsicherungsanstalt Schlesien in Breslau auf Anregung eines im Ausschüsse der Anstalt sitzenden Genossen mehrere Millionen Mark für Kriegshilfszwecke bereit gestellt hatte, ist ihr u. a. auch die Landesversicherungsanstalt Sachsen- Anhalt in Merseburg gefolgt. Da die Reichsvcrsicherungsord- »ung für Zwecke der Unterstützung von Familien der Arbeitslosen und der Kriegsteilnehmer keine Bestimmungen enthält/ so wurde unter Anwendung de? 8 1274 der Rcichsverfiche- rungsordnung, wonach die Versicherungsanstalt Mittel auf- wenden kann, um allgemeine Maßnahmen zur Verhütung des Eintritts vorzeitiger Invalidität unter den Versicherten oder zur Hebung der gesundheitlichen Verhältnisse der Versicherungs- Pflichtigen Bevölkerung zu fördern oder durchzufllhren, beschlossen, die Summe von rund 6 Millionen für Kriegsfllrsorge bereitzustellcn.
Davon sollen 4 Millionen Mark den Gemeinden zur Be- lcbung der Bautätigkeit und zur Verrichtung von Notstandsarbeiten als Notstandsdarlehen zu 3% Prozent Verzinsung für ärmere und zu 4 Prozent für bessergestellte Gemeinden bereit- gestellt werden, sofern diese Maßnahmen der Arbeitslosigkeit steuern. 1585 000 Mark wird zur Unterstützung von Familien der Arbeitslosen oder Kriegsteilnehmer ausgesetzt. 265 000 Mark wurden dem „Roten Kreuz" zugewiesen.
Ferner hat die unserem Bezirk benachbarte Landesver- sichcrungsanstalt Hessen-Nassau beschlossen, zur Förderung der öffentlichen Gesundheit, zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und sonstiger durch den Krieg hervorgerufencr, die öffentliche Gesundheit gefährdender Notstände den Gemcindeverbänden zu 4 Prozent verzinsliche Darlehen, rückzahlbar innerhalb zweier Jahre nach Friedensschluß, anzubieten, sowie solchen Gemcindeverbänden, die sich die Mittel zur Bekämpfung der Kriegsnotständc selbst beschaffen, auf Wunsch einen Zuschuß zur Berziusung ihrer Anleihe 31 t geben, und für weiter erforderliche Maßnahmen vorläufig eine Million ä fonds perdu zur Verfügung zu stellen.
Hoffentlich hören wir nun auch bald etwas von der Landcsversicherungsanstalt Großh. Hessen in Darmstadt.
— Immer noch keine Kriegounterstütznng. Bon verschiedenen Landorten des Kreises Gießen erhalten wir wiederum Klagen, daß die Angehörigen der Kriegsteilnehmer und cinberufenen Mannschaften nod) nicht einen Pfennig Unterstützung erhalteti haben. In vielen Familien, die einzig auf den Arbeitslohn des Mannes angewiesen sind, herrscht infolgedessen bittere Not. Oesters sind die Frauen schon bei den Bürgernieistern vorstellig geworden, allein sie haben damit nicht den geringsten Erfolg gehabt. Bekanntlich gibt cs and) auf deni Lande viele Arbeiter, die neben ihrem Berufe keine Landwirtschaft haben, infolgedessen alles kaufen müssen, was sie zum Lebensunterhalt braudien. Diese sind natürlich schlimm daran, wenn der Verdienst des Mannes nun schon seit 6 —7 Wochen weggefallen ist und etwa vor-' handene Spargroschen längst aufgezehrt sind. Warum hier so verfahren wird, ist eigentlich nicht recht verständlich: anderwärts haben die Leute längst ihre Unterstützung erhalten. Wie uns mitgeteilt wird, wurden vom Kreisanit zwar Fragebogen ausgegebcn, auf denen alles bis ins einzelne über die Verhältnisse der zu Unterstützenden ausgefragt wird, aber das ist auch alles. „Da werden alle Zeitungen von der Knegsfürsorge vollgeschriebcn — sagte man uns — aber wer etwas nötig hat, bekommt nichts." Wir können nur wiederholt raten, sich mit encrgisckien Vorstellungen an das Kreisamt zu wenden. — Allgemein ist der Wunsch in Arbeiter- kreiscn und auch bei Geschäftsleuten, daß der heillose Krieg mit seinen ftaurigen Folgen bald zu Ende sein möge.
— Tote des Gicßcncr Regiments. Als gefallen werden noch folgende Angehörige des Jnf.-Reg. 116 bekannt. Anr 22 . August: Musketier Ernst Maurer, Former aus Darni- stadt. — Reservist Karl Walther aus Hausen bei Gießen.
— Einquartierung. Seit mehreren Tagen waren zahlreiche Landwehrlcute von auswärtigen Regimentern in Gießen untergebradst, die gestern unsere Stadt wieder verlassen haben. Wie wir hörten, äußerten viele ihre Befriedigung über die gute Verpflegung, die sie hier gefunden haben. Allgemein hört inan auch, daß die Leute durchweg ein sehr anständiges Betragen zeigten. Mit ihnen zog ein erst 16 - jähriger Freiwilliger, dessen Vater bei deniselben Regiment als Hauptmann gefallen sein soll. Jetzt wolle auch der Sohn Offizier werden.
— Für die Rcichs-Kricgsanlcihe wurden in Gießen 6,8 Millionen Mk. gezeichnet, darunter 250 000 Mk. für Rechnung der Stadt und 50 000 Mk. für die Sparkasse. T^r letzteren wurden von den Sparern rund 500 000 Mk. entzogen, um in der neuen Anleihe angelegt zu werden. Bon einem Finanzmann, der in die einschläglichcn Verhältnisse


