i
1
i
»IkszeitM«
Organ für die Jntereffen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhcffen und der Nachbargcbiete.
Dt« OberbeMlck» B»lk»,elt»n, erschein! jeden Werktag Abend In Gießen. Der LbonncmentSvrct» beträgt wöchentlich 1b Psg.. monatlich 60 Big. rmichl-Bringerlobn. Durch die Polt bezogen vierteljöbrl.IchoMt.
Redaktion und Expedition Dies,««, Babnb»k!tra!,e 23. fficft LSwenoalle. relcvbsn 2008.
Inserate kosten die 6 mal gcspalt. Kolonclzeile oder deren Raum 1b Vfo. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bi» abend« 7 Sbr für die folgende Nummer in der Expedition aufgebeu.
Nr. 217
Gicßcn, Slimslug, Den 19. September 1914
9. Jahrgang
Ei» angenehmer Bnndesgenosie.
Nachdem Japan unter Berufung auf seinen Bündnisvertrag mit England an Deutschland den Krieg erklärt hatte, Härte inan zunächst aus dem fernen Osten nur, dag die Japaner nicht gedächten, durch einen Secangriff auf Kiautschau sich großen Verlusten auszusctzen, sondern dag sie vielmehr Lurch Vorschieben erheblicher Truppeninassen über chinesisches Gebiet den deutschen Posten absperrcn und so zur Ucbergabe zwingen wollten. Das würde natürlich längere Zeit dauern; aber die Japaner, als einzige Militärinacht in Ostasien, brauchen sich ja nicht zu beeilen; sie haben die unbedingte Ueüerlegcnheit und können so operieren, wie cs ihnen gut -erscheint.
Den Engländern, die ihren mongolischon Freunden die Aufgabe übertragen hatten, die deutsche Station zu nehmen, -vüre es sicherlich sehr angenehm gewesen, wenn die Japaner in eineni wuchtigen Ansturm Kiautschau genommen und dann im Besitz dieses Postens auf weitere kriegerische Tätigkeit verzichtet hätten. Insbesondere konnte es ihnen nicht passen, wenn etwa Japan auch die deutschen Besitzungen in der Südsee zum Ziel seiner Eroberungspläne gemacht hätte. An sich ohne Bedeutung, bildet diese Jnselflur doch gewissermaßen die Brücke nach Australien, und dort herrscht die schärfste Abneigung gegen die Gelben, deren friedliche Ein- pxmderung seit Jahren gesetzlich unmöglich gemacht ist, die aber kauni noch ferngehalten werden könnten, wenn sie sich erst im Archipel festgesetzt hätten. Um den Japanern zuvor- zukommen, ist offenbar der englisch-australische Angriff auf die deutschen Inseln erfolgt.
Doch die Japaner verfolgen ihre eigene Politik, und so ist ihnen höchst gleichgültig, was der „Bundesgenosse" darüber denkt. Sie wollen die Vorherrschaft in Asien und verlieren ihr Ziel nicht aus dem Auge. Wenn wirklich der Plan bestand, japanische Hilfstruppcn in Europa in den Krieg eingrcifen zu lassen — französische Staatsmänner, wie Pichon, gaben sich dieser Hoffnung hinl — die Japaner selbst wögen dazu freundlich genickt haben, aber an die Ansfühlung'dachten sie sicher nicht; denn in Europa ist für sie dauernd nichts zu holen. Und selbst wenn ihnen, wie behauptet wird, das französische Jndochina als Preis für die Unterstützung angeboten wurde, mögen sie klug berechnet haben, daß ihnen dies Gebiet doch verfallen sei und seine gewaltsame Wegnahme weniger Opfer kosten werde, als ein Kampf auf Frankreichs Schlachtfeldern gegen deutsche Truppen. Die Japaner warten geduldig Zeit und Gelegenheit ab, und diese wissen sie schlau zu fördern. „Ihr Bundesgenosse" scheint zunächst eine Probe davon erfahren zu sollen.
Eine holländische Zeitung , das Allgemecn Handcls- blaad, gab, wie wir mitteilten, folgendes offizielle Com- muniquö der deutschen Gesandschaft im Haag bekannt: Tie deutsche Gesandschaft in Peking teilt amtlich mit: „Japan bestätigte offiziell der chinesischen Regierung den Ausbruch einer Revolution in Indien. Japan, um militärischen Beistand gegen Indien ersucht, hat Hilfe zugesagt, aber unter schweren Bedingungen: Freie Einwanderung in den britischen Besitzungen am Stillen Ozean, eine Anleihe von 200 Millionen Dollar und freie Hand in China. England hat diese Bedingungen angenommen."
Mancher ist wahrscheinlich zunächst darauf gekommen, diese Nachricht als eine Täuschung zu betrachten. Denn wenn auch der Ausbruch einer Revolution in Indien eine Wahrscheinlichkeit ist, so mußte man doch annehmen, daß eine Erhebung erst erfolgen werde, nachdem England in Europa schwere Schläge erlitten. Doch scheint es, daß die Meldung des holländischen Blattes tatsächlich einen ernsten Hintergrund hat. Ein Berliner Mitarbeiter der Hamb. Nachr. telegraphiert:
„Von zuverlässiger Teile wird bestätigt, daß die japanische Regierung tatsächlich in Peking eine Erklärung in dem Sinne abgegeben habe, daß Japan England die erbetene Hilfe gegen eine Revolution in Indien unter der Bedingung der freien Einwanderung in die britischen Besitzungen im Stillen Ozean, eines <-arlehnz von 200 Millionen Dollar und der Gewährung der rurr* 1 * n Gfiina zugesagt hätte. Es ist aber zweifelhaft, .jwe" Zweck und welche Tragweite die japanische Regierung „ °'. c ' et Erklärung verknüpft. Es kann sich ebenso gut »,n ein -EI* 8 Vorgehen Japans, wie um einen bloßen Bluff Negierung handeln. Es bleibt abzuwartcn, welche «Stellung England zu der Angelegenheit cinnimmt."
Es ergäbe sich zweierlei: In Indien ist Revolution, der die englische Regierung sich nicht Herr zu werden getraut, und Japan fordert für seine Hilfe einen Preis, der England ruinieren muß. Nicht die 200 Millionen Dollar, die Japan als Sold verlangt, wären das wichtigste Opfer für England;
vielmehr würde die Zulassung japanischer Einwanderung in die britischen Kolonien nicht viel weniger bedeuten als den V e r l u st dieser Kolonien. Neu-Seeland, Australien. Kanada haben bisher trotz dem japanisch-englischen Bündnisse durch die schärfsten Maßregeln die Japanercinwande- rung ferngehalten, gleichgültig, ob des Mutterlandes politische Pläne dadurch gestört werden möchten. Sie werden auch jetzt sich die Bedingung nicht auferlegen lassen, denn „das Hemd ist näher als der Rock", und während sie für die Einkreisungspolitik von Edwards VII. sei. Nachfolger Grey nur ein mäßiges Interesse haben, ist die „gelbe Gefahr" bei ihnen längst zu schwerster Sorge geworden; keine Kolonial- rtgicrung könnte cs wagen, ihrem Parlament die Aushebung der Ausschließungsgesetze vorzulegen; sie würde weggefegi, und der englische Gouverneur dazu!
Aber das wäre für England noch lange nicht das schlimmste. Ob sich die Drciviertel-Unabhüngigkeit der selbst- regierenden Kolonien in eine vollständige verwandelt, wäre wirtschaftlich nicht von sehr großer Bedeutung; zur Zeit Eladstones hatte man dies kühl ins Auge gefaßt, und erst die Aera Chamberlain verbreitete die Idee des Greater Britain, des festen politischen Zusammenschlusses der Kolonien und des Mutterlandes. Wenn morgen die australische Cominonwealth ein ganz unabhängiger Bundesstaat würde, in den Handelsbeziehungen zu England würde kaum eine erhebliche Aendcrung eintrcten. Tie Gefahr, die Japans Dorgehen zeigt, liegt anderswo!
Es handelt sich um Indien! Und es liegt eine nette Ironie darin, daß England die Hilfe Japans in In- dien mit einer ungeheuren Geldsumme und sonstigen Opfern bezahlen soll, angesichts der Tatsache, daß die Helfer nachher nicht mehr loszuwcrdcn wären, sondern sicherlich auf die eine oder andere Weise das ungeheure Gebiet zu ihrer „Einflußsphäre" machen würden. Korea, das die Japaner gegen Rußland „schützten", haben sie in aller Gemütlichkeit zu einem Untertanenland geinacht, das rücksichtslos ausgcplün- dcrt wird: die Mandschurei, die sie für China „sicherten", ist ihr Besitz. Und wenn sic nun für die Engländer Indien „beruhigten", so würden am allerwenigsten die Engländer davon Vorteil haben; sicher würden die Japaner das Land nicht mehr verlassen und sic würden die Herren sein, ob auch in Bombay und Kalkutta und. Delhi die englische Flagge flatterte.
Mr. Grey hat in der Tat sein Land — oder vielmehr dessen lerrschendc Klassen — durch seine bourgeoisschliue Politik in eine gefährliche Lage gebracht. Um den Konkurrenten in Industrie und Handel zu vernichten oder wenigstens auf lange Zeit zu lähmen, wurde mit dem. Zarismus ein Pakt - geschlossen, wurden die beinahe erstorbenen Revanchegelüste Frankreichs wieder angefacht, wurden die Japaner ins Einvernehmen gezogen. Eine gewaltige lieber- macht sollte Deutschland zerschmettern, und die Vorbereitungen wurden systematisch getroffen. Daß sibirische Armeekorps an der österreichischen Grenze stehen, und zwar wohlversorgt mit allem, beweist, daß schon Monate vor der Kriegs- errlärung die Mobilisierung Rußlands begonnen haben muß; es beweist aber auch, daß schon vor Monaten die Japaner im Einverständnis waren, denn sonst konnte Rußland nicht, wagen, seine Trupepn aus Asien wegznnehmen. Daß Wochen- lang vor dem Kriegsausbruch die französischen Reservisten „zum Manöver" eingczogcn waren, zeigt ebenfalls die Vor- bereitung des Planes, wie die Mobilisierung der englischen Flotte „zur Probe". Alles stimmte, nur eins nicht: die angenommene schnelle Erdrückung der deutschen und österreichischen Heere zwischen den Russen und Franzosen, die Invasion des deutschen Küstengebiets durch die englische Seemacht.
Die Rechnung Greys war, weil er den wichtigsten Posten — die Widerstandskraft Deutschlands und Oesterreichs — falsch einschätzte, verfehlt. Und nun kommen, da der Krieg länger dauert, andere Jrrtllmer zur Wirkung. Zunächst zeigt sich, daß der gelbe Hilfsmann nicht gewillt ist, die ihm zugewiesene Rolle beizubehalten, sondern daß er eigene Ziele verfolgt, was ihn in absehbarer Zeit auh einem lauen Freund in einen gefährlichen Feind verwandeln muß.
Doch die Engländer, als deren Typus Mr. Grey betrachtet werden darf, haben keine Ursache, sich zu beklagen. Sic sind gewohnt, alle Welt als ihr Werkzeug zu betrachten, und stets haben sie, wie die Geschichte lehrt, den Bundesgenossen ohne Bedenken preisgegeben. „Der Mohr hat sein- Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen!" Nun scheint das Verhängnis zu nahen, daß gelehrige Schüler der englischen Politik deren „Grundsätze" gegen den Lehrmeister anwenden.
„Denn alle Schuld rächt sich auf Erden!"
FrattzösischeOsfisiert über die deutschen Stellungen.
Kopenhagen, 10. Tept. Pariser Blättern zufolge geben französische Offiziere zu, daß die jetzige deutsche Stellung außerordentlich günstig sei. Im Rücken ist sie gedeckt von einem Retz von Eisenbahnen und Wegen, auf denen -ihnen schnell neue Lebensmittel, Munition und Ersatztrnppcn zugeführt werden tönnen. Die Franzosen haben dagegen, falls sic vvrrücken, ein Land vor sich, bas von ihnen verwüstet wurde, um das Vorrlicken der Deutschen zu erschweren. Trotz der verschiedenen Phasen des Krieges hofft man aber ans den schließlichcn Sieg der französischen Wafsen. — Nach einer weiteren Pariser Meldung haben der Präsident Poincare und die Regierung eine kurze Proklamation erlaflcn, wonach sie von Bordcanr nach Paris erst zurnckkehren würden, wenn das Land von dem Feinde geräumt sei.
Der Berliner Lokalanzciger bemerkt dazu: Diese Pariser
Meldung ist von großer Bedeutung. Jcdensalls hält Poincare die Hauptstadt Paris nicht für sicher genug trotz aller Telegramme, die über deutsche Niederlagen verbreitet worden sind. Die Versicherung, daß man trotz der verfchicdencn Phasen der letzten Tage doch noch mit dem schließlichen Siege der französischen Waffen rechnen könne, soll Frankreich nunmehr sowie das Volk auf einen Rückschlag vor» bcreiten.
Die Resignation des Temps.
Berlin, 17. Sept. Das Berliner Tageblatt meldet auS Kopenhagen vom heutigen Datum: Ein offizieller französischer Bericht über die Schlachtlage warnt vor übereiltem Optimismus. Sehr reserviert schreibt der Temps in einem Leitartikel über die militärische Situation: „Die Deutschen werden den Kampf fortsetzen bis zum letzten Mann. Unsere Truppen müssen den Deutschen auf ein Gebiet folgen, das sie selbst verwüstet haben, um den Deutschen ihr Vorrücken zu erschweren, und die Deutschen werden die Zerstörung, namentlich an Eisenbahnen, selbstverständlich vollenden. Dazu koinmt, daß unsere Truppen ganz erschöpft sind von einem zwanzigtägigen Marsch und Kampf. Wir dürfen uns daher nicht allzugroße Illusionen machen von den Kämpfen, die uns bevorstehen."
Amtliches Schweigen in Fran!reich.
Rotterdam, 17. Tept. Aus Pariser amtlichen Mitteilungen geht hervor, daß die verbündeten englisch-französischen Armeen vom 13. ab nicht vorgerückt sind. Im Übrigen wird über die weiteren Operationen nichts mitgeteilt.
Seit elf Taften im Regen.
Rotterdam, 17. Sept. Ans den Berichten von den Schlachten an der Marne geht hervor, baß seit 11 Tagen auf dem ganzen Schlachtfclbe heftige Regenfälle eingesetzt haben.
Patcutraiib auch in Frankreich?
Gens, 17. Tept. Im Figaro wird die Anregung gemacht, alle deutschen Patente auch i» Frankreich zu annullieren, wie cs England und Rußland für ihre Länder getan haben.
Eine französische Proklamation an das deutsche Heer.
Karlsruhe, 17. Sept. Bei Neustadt im Schwarzwald wurde von Hirtcnbubeii ein Kinderluftballou aufgesunden, an dem ein Zettel mit solgender Austchrist befestigt war:
„An das deutsche Heer! Auf der ganzen Linie von der Marne bis zur Maas sind die dcutschc» Armeen im Rückzüge. Tic englisch-französischen Armeen folgen ihnen aus den Fersen. Zahlreiche Geschütze und Fahnen sind erbeutet. Prinz Friedrich Karl, der Sohn des Kaisers und Bruder des Kronprinzen, ist gefallen, indem er den Rückzug der 2. Armee deckte. Tic vollständige Ver- iiichtuitg der deutschen Armee ist in kurzer Frist zu erwarten."
Na also!
Ter Kamps liegen das Zarentum.
Auch von den östlichen Kriegsschauplätzen liegen Nachrichten von wesentlicher Bcdcntung nicht vor. Man darf diese Ruhe wohl als ein Anzeichen dafür ansehen, daß sich auch im Osten bedeutungsvolle Ereignisse vorbereiten. In Rußland ist die Stimmung nach der Niederlage in Ostpreußen sehr niedergedrückt. Amtlich wird zugcstandcn,, daß zwei Korps vcrnichtet worden sind. In der russischen Presse zeigt sich das Bestreben, die öffentliche Meinung zu beruhigen: es heißt in diesem Sinne, daß diese Niederlage weder die Stimmung der russischen Armee noch Rußland selbst bedrücken dürfe. Ter Enthusiasmus, der unmittcbar nach Ausbruch des Krieges für England in Petersburg herrschte, hat nun eine wesentliche Abschwächnng erfahren.. Man erhebt gegen England den Vorwurf, daß cs seine Kräfte zur See zu sehr schone. Man ist auch ungehalten über die englisckic Berichterstattung, die Rußland als Qnanititi n^gligeable behandle und England die führende Rolle im Landkriege.zuzuteilen suche.
Aus Kopenhagen wird ferner gemeldet, daß auch das Ergebnis der schwere» Kämpfe bei Lemberg in Petersburg eine Depression hcrvorgcrufcn hat, da die russischen Operationen nicht den erhofften Erfolg erzielt haben, sondern an dem hartnäckigen Widerstand der österreichisch-ungarischen Armee gescheitert sind. Der russische Gcneralstab hat zwar versucht, die Nachricht von den schweren Verlusten der russischen Armee und der Gefangennahme von vielen Tausenden


