Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhcffen und der Nachbargebiete.
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Nr. 216
Gießen, Freiing, den 18. September 1914
9. Jahrgang
Freiheit!
„Die Sache der Freiheit der europäischen Völker und Staaten ist dem deutschen Schwert zur Wahrung übertragen." So hat der Reichskanzler Herr v. Bethmann-Holl- iveg kürzlich einem Vertreter des offiziösen dänischen Depeschenbureaus erklärt. Sein Ansspruch, der nicht vergessen werden soll, liegt ganz auf der Linie früherer Aeußerungcn. die von den höchsten offiziellen Stellen des Reiches getan wurden. „Uns treibt nicht Eroberungssucht", sagte der Kaiser in der Thronrede vom 4. August. In ausdrücklicher Uebereinstimniung mit dem Kaiser richtete ferner der Reichs- kanzlcr am 2. September an die amerikanischen Prcssever- treter jener zornige Anklagerede gegen Rußland, „den Vertrr- tce des furchtbaren Despotismus, das Land, das keine geistige, keine religiöle Freiheit kennt, das die Freiheit der Völker wie der Individuen mit Füßen tritt". Alle die>e Kundgebungen stehen in erfreulicher Uebereinstimniung mir der Erklärung der sozialdeinokratischcn Rcichstagsfraktion pom 4. August, in der gesagt wurde:
Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Tieg des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten seines Volkes befleckt hat, viel, wenn nicht alles, auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehrcn, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wtr wahr, was wir immer betont haben: wir lasten in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich. Wir fühlen uns dabei im Einklang mit der Internationale, die das Recht jedes Volkes aus nationale Selbständigkeit und Selbstverteidigung jederzeit anerkannt Hot, wie wir in Ucbcrein- ftimmung mit ihr jeden Eroberungskrieg verurteilen.
Diese Uebereinstimmung ist angesichts der außerordentlichen Umstände nichts Auffallendes. Ein Staat, der sich in> Kampfe gegen fast die ganze Welt befindet, kann nur noch eine Aufgabe kennen, die der Selbstbehauptung. Diese Aus- jgabe kann aber nur gelöst werden, wenn an die stärksten sittlichen Kräfte des Volles appelliert wird: an sein Frcihcits- ^csühl, an seinen entschlossenen Willen, weder selbst Knechtschaft zu tragen, noch fremden Völkern Knechtschaft aufzii- crlegen.
Es wäre unrecht, wenn man — wie dies in manchen Blättern geschieht — den klaren Sinn jener offiziellen Erklärungen durch Auslegungskünste urnzndcutcn versuchte. Wer so von Rußland spricht, wie cs der Reichskanzler in kaiserlichen, Auftrag getan hat, des kann nicht daran denken, fremden Völkern das Schicksal der Finnen oder der russischen Polen zu bereiten. Und nicht nur um die Freiheit der Völker und Staaten geht es: es geht auch um religiöse Freiheit, geistige Freiheit, Freiheit des Individuums. Der badische Minister d. Bodinan hat in seinem Nachruf aus unfern Genossen Ludwig Frank besonders lebhaft beklagt daß dieser ausgezeichnete Mann nun nicht mehr an dem Werk der inneren Reorganisation nach dem Kriege werde niit- wirkcn können. Nach den Kundgebungen der Regierung, in denen der hohe Wert geistiger und individueller Freiheit anerkannt wird, kann kein Zweifel darüber bestehen, nach welcher Richtung sich jene innere Reorganisationsarbcit ent- falten muß — sowenig ein Zweifel darüber besteht, wie Frank selbst diese Aufgabe ausgcfaßt hätte, wäre cs ihm vergönnt gewesen, den Krieg zu überleben.
Wenn auch die Gegner Deutschlands das Wort Freiheit zum Feldgeschrei erhoben haben, wenn sie als Folge ihres Sieges allen Völkern Europas die Freiheit versprechen, so ist das nur ein wcitcirr Beweis dafür, wie tief der Frcihcits- drang den Völkern im Blute sitzt. An ihn muß jeder appel- lieren, der siegen will. Das deutsche Volk denkt aber nicht daran, sich seine Freiheit von seinen auswärtigen Gegnern schenken zu lassen, denn die geschenkte Freiheit taugt nichts, nur die sclbsterkämpfte bleibt unverlierbarer Besitz. Das deutsche Volk will darum kämpfen für Freiheit der Völker und Staaten, Freiheit der Individuen, geistige und religiöse Freiheit, kurz gegen alles, was auf dieser Welt — „echt- russisch- ist!
Die deutsche Marnekämpfcr im Urteil der Franzosen.
die Art, wie unsere Truppen in dem großen Ringen an . , ?arnc sich verhalten und über die . Taktik und Strategie der v cr f i *f)rer bringt der Pariser Korrespondent der Turiner Twr charakteristische Urteile aus dem Munde eines französi- * nä flencraiä, der sich mit großer Anerkennung über das öcr .^"sichen Soldaten ausspricht. Der General führte °us- die französische Armee sei zwischen dem Lrnain und Paris beinahe di o p p e l t f 0 stark als die deutsche. „Aber was für ein tkdlnd! Beim Tagesanbruch ist cs nur eine dünne Schützenlinie, aber schon mittags bildet diese Linie eine starke Vcrschanzung voller Soldaten. Aste lange wird diese Linie sich noch halten, wie lange
werden diese zwei Armeen, die sich seit dem 23. August ununterbrochen schlagen, noch Widerstand leisten? Was wir uns nicht erklären können, ist die wunderbare W i d c r st a n d s k r a f t des eFindes. Die Deutschen ziehen sich in geradezu vorbildlicher Weise zurück, indem sie den Heldenmut haben, keinen Schuß abzugebcn, um die Munition zu sparen. Ich sragc mich, ob diese kleine Armee der Generäle von Kluck und von Bülow, die wir doch besiegen werden müssen, nicht zurückgeblieben seien, um sich auszuopfcrn. Wir werden jedenfalls noch lange und große Mühe haben, sie zu überwinden."
Der Figaro schreibt ganz ähnlich in seiner Ausgabe von Bordeaux: „Die amtlichen Meldungen lassen hoffen, daß der
Kamps, der sich seit einigen Tagen entwickelt hat, mit einen, französischen Siege enden werde. Das deutsche Heer zieht sich zurück und zwar in einer geradezu klassischen Ordnung. Man kan» daraus den Schluß ziehen, daß die Deutschen nicht mehr genügende Reserven besitzen, um die Lücke» anszufüllcn. Es ist auch nicht ausgcschloffen, daß ihr Rückzug sich bis zum Rhein erstrecken werde. jNa, na!> Dort würden die großen verschanzten Lager den ermüdeten Truppen Gelegenheit bieten, sich anSzuruhen, um nachher wieder die Offensive zu ergreifen. Jedenfalls werden die Operationen sehr lange dauern, wenn nicht unvorhergesehene Fälle, wie zum Beispiel MnnitionSmangcl, die Lage der Deutschen ändern sollte."
Es ist schon so. Mehr noch fast, wie aus den ruhigen Meldungen unseres Gencralstabs können wir aus diesen Darstellungen unserer Feinde — die ja übrigens die strategische Bedeutung der Rückzugs- bcwegungen natürlich nur von ihrem Standpunkte aus beurtcijen können — die Zuversicht schöpfen, daß die Schlacht an der Marne die Entscheidungsschlacht iin dcutsch-sranzösischcn Kriege, und zwar zugunsten der deutschen Waffen werden wird!
Die französische» Marnekämpfer iin Urteil der Italiener.
Der Pariser Korrespondent der Tribuna gibt ein überaus trübes Bild von den französische» Truppen. Die aus dem Marsche befindlichen Leute seien vollständig erschöpft. Von Strapazen aller Art und von der Hitze mitgenommen, mit struppigen Bärten und sonnverbrannten Gesichtern, so berichtet er, unter der Last des Gewehres und des Tornisters fast erliegend, und vornübergebeugt, so schleppen sich die Soldaten auf der Landstraße dahim Alle sind derart am Ende ihrer Kräfte, daß sie froh sind, wenn sic sich mit der Hand an einem zufällig ans der Landstraße stehenden Karren oder an einem Baum sesthalten können. Alle diese Leute tragen die Spuren schlafloser Rächte und endloser Mühen. Regimenicr folgen ans Regimenter und überall zeigt sich dasselbe Bild unbeschreiblicher Erschöpfung. Kein Soldatenlied erschallt in den Reihen, keine forsche Militärmusik. Tie neben der Truppe herleitenden Lsssziere sind ebenso erschöpft. Wenn ein Regiment irgendwo .Halt macht, fallen die Leute einfach hin und schlafen. Niemand denkt ans Esicn. Wie lange sind Ihre Leute schon ans dem Marsche? fragte der Korrespondent einen Ossizier. Di« Antwort lautete: Seit drei Tagen, und der Offizier siigte hinzu: Was hat das aber alles für «inen Wert? Dir werden ja doch wieder geschlagen. Nicht, weil wir schlechte Soldaten sind, sonder» wegen dieser verwünschten roten Hosen. Die meisten nüchiern depkenden Pariser, schließt der Korrespondent, sind jedes Optimismus bar. Sic halten den Rückzug des Generals von Kluck nur für eine strategische Bewegung.
Eine französische Anerkennung unserer Kampfführung.
Ter Temps veröffentlicht in seiner Ausgabe von, 6. September einen Brief des Staatsratcs Gouber in Rouen über das Verhalten der deutschen Truppen. Der Staatsrat. der das Gebiet des Nordens und des Pas de Calais in amtlicher Eigenschaft bereist hat, beklagt den überstürzten Abzug der Zivilbevölkerung in Rouen. Er erklärt, daß sich Taten der Deutschen in Belgien im Norden nicht erneuert hätten. Es wurden keine Gebäude angestcckt, und alle Requisitionen von Fleisch, Brot ustv. wurden bar bezahlt. Als der Verkäufer eines Fahrradgeschäftes nicht anwesend war, nahmen die Deutschen die nötigen drei Fahrräder erst, nachdem sie den Bürgermeister ausgesucht hatten und diesem eine Quittung übergeben hatten. Scharf gingen die Deutschen nur gegen Häuser vor, deren Besitzer die Häuser verlassen hatten, denn sie suchten überall Proviant und wurden nur zornig, wenn man diesen verheiinlicht oder diesen verweigert hatte. Ueber das große Gebiet Nordfrankreichs gibt Herr Gouber das Zeugnis ab, daß er anerkennen müsse, daß er in dieser großen Gegend, die er bereist habe, keine Klagen der Bevölkerung über die.Deutschen gehört habe.
Die „Taten der Deutschen in Belgien" kennt der Staatsrat natürlich nur aus den tendenziös entstellten Berichten der französischen Presse.
französische Truppen plündern im eigenen Lande.
W. B. Berlin, 16. Sept. Unseren Truppen fiel folgender Befehl des Konimandantcn der ersten französischen Armee in die Hände:
liere Arm6e, Etat-Maior, lier bureau no. 790 q. g. a. le 26 aoüt 1914. Ordre particnlier No. 9: II a 616 rendu compte au
general commandaute la liere arm6e par la municipalitd de Ramber- Tillers, que des soldats se sont livrds ckavs cette Tille & des actes de yiolence et de pillage. Ces taita sont d’autant plos regrettables et reprdhensibles qa’ila ont 616 commis sur le territoire tranqais Le g6u6ral commandaqt le 21erue corps ouvrira immediatement une
eDqnetc & ee sujet, en vue de d6f6rer aux conseils de gnerre le» aiiteurs de ces crimcs. Sign6: Dabail.
Ueberscbu » g: „Es ist dem Oberbefehlshaber der ersten Armee durch die Siadtbchördc von Rambcrvillcrs zur Kenntnis gcbrad>i worden, dah sich Soldaten in dieser Stadt zu Akten von Gewalttätigkeit und Plünderung haben hinreißen lasten. Diese Handlungen sind umso bedauerlicher und verwerflicher, als sie auf französischem Boden begangen wurden. Der kommandierende General des 21. Korps wird sofort eine Untersuchung in dieser Angelegenheit cinlciten, damit die Urheber dieser Verbrechen den Kriegsgerichten übergeben werden können. sgcz.j Dubail."
Mit diesem Dokunicnt wird die besonders bei unserer kronprinz- lichen Armee gemeldete Wahrnehmung, daß die französischen Truppen sogar im eigenen Lande plündern und rauben, von amtlicher französischer Seite bestätigt.
Frankreich vor dem Staatöbankrott?
Paris, 16. Sept. Tie Regierung wird ihren drängenden Geldbedarf im Gegensatz zu Deutschland zunächst nicht durch eine Anleihe, sondern durch Ausgabe von kurzfristigen, auf drei Monate bezw. ein Jahr laufenden „Obligation» pour la defense nationale" („Schuldverschreibungen für die nationale Verteidigung") zu decken suchen. Die neuen Titres werden in Stücken von 100, 500 und 1000 Franken ange- boten und mit einem fllnfprozentigen Zinsfuß ausgestattet werden. Den Zeichnern wird für eine künftig zu emittierende Kriegsanleihe bereits jetzt ein Vorzugsrecht versprochen.
Auf eine künftige Kriegsanleihe? Woher soll denn die kommen. Bekanntlich ist Frankreich nicht einmal in der Lage, eine vor dem Kriege begebene Staatsanleihe unterzu- bringcn: die Einzahlungen aus sie wollen gar nicht vorwärts. und da sollte man mit einer Kriegsanleihe mehr Glück haben?
Die französischen Kenosien verlangen die Wahrheit zu wissen.
Führende französische Genosten verlangten in her Humantte, nachdem sich die Kriegslage für Frankreich ungünstig entwickelt hatte, vom französischen Kriegs Ministerium und der ftanzöstschcn Regierung Tag iiir Tag. daß über den Ansgang der kriegerischen Operationen die Wahrheit nicht zurückgehatten oder gar. so lange cs geht, ver- heimlicht würde. Besonders Genosse Renaudel hat mehrfach eindringlich an die Regierung appelliert und hcrvorgehoben, daß di« Franzosen di« Wahrheit vertragen könnten, auch wenn über un- günstig verlaufene Operationen zu berichten sei. Es sei klug, solche Wahrbcite» nickst zu verheimlichen, weil ein zu spätes Bckanntwerdrn militärischer Schlappen nur zur Panik führe. In glcichent Sinne schreibt anch Marcel Sombat, der jetzt dem Ministerium angehört, z. B. noch in der Nummer vom 24. August der bnmcrnite. Er sagt, daß die öffentliche Meinung sich auch an Rückschläge gewöhnen müste. um sich darauf cinzurichten. ihnen zu widerstehen und so bald als möglich das Gleichgewicht wiederzufindcn. Scmbat wendet sich aber auch gegen die öügenberichie französischer Blätter, in denen cs heißt: ..Die Deutschen fliehen vor uns wie die Hasen! Sie haben Furcht vor unseren Bajonetten! Sic retten sich vor uns. so schnell wie sie ihre Bein« tragen! usw." Leute, die das fälschlich glaubten, sagt Sembat, würden leicht ihr« Haltung verlieren angesichts eines Gegners, der standhalte und die Franzosen stark bedränge.
Die farbige Hoffnung Frankreichs.
Nach französischen Zeitungen sollen 260 066 Farbige in Frankreich kämpfen
Sozialistischer Protest szegen die Sendung französischer Landwehr nach Marokko.
Zu Beginn des Krieges standen große Mosten aktiver sranzö- sischcr Truppen — man sprach von mindestens 55 066 Mann — in Marokko, dort festgehalten durch jene imperialistische Politik der französischen Regierung, di« gls das „Meriko-Abenteucr des sranzü- sisckicn Radikalismus" von unseren französischen Genosten seit zwei Jahren heftig bekämpft wurde. Nock, Kriegsausbruch rief di« französische Regierung diese Truppen, soiveit es irgend ging, zurück. Auf dem mit dem Blute französischer Soldaten gedüngten Boden Marokkos sind die kriegerischen Eingeborenen des riesigen Kolonialreichs aber noch lange nicht unterworfen. Es hieß also Ersatz schäften. Tic französische Regierung besttmmte deshalb Territorial- trnppen, d. h. alte Leute, zumeist Familienväter, als Ersatz für die heimgesandten Linien truppen. Dieses verbrecherische Untersangen löste in der französischen Presse lebhaft« Proteste aus. Nachdem bereits Elemcncean im inzwischen eingezogenen L'Homm« libre hieraegen protestiert hatte, schrieb Genost« Pierre Renaudel am 24. Aug. in der Humanste, nachdem er fesdgrstellt hatte, daß di« sozialistische' Kammergrupp- ivegen dieses Planes der Regierung sehr erregt war und bei der Regierung interveniert habe n. a. „Gewiß, cs gibt nicht einen Mann in Frankreich, der nicht bereit ist, um die Eindringlinge zurückzuwerfen und den nationalen Boden zu verteidigen, den letzte:, Blutstropfen zu opfern. Aber für Marokko! Nein!" .... „Die Familienväter, die Territorialtruppen, welche man nach Marokko überführen will, haben ein Recht darauf, daß ihr Geist der Hingabe und Opscrfrcudigkeit mehr wert ist, als ein entferntes Exil, nach dew man sie schaffen will."
ZeichneidieKriegsanleihe»!


