alz Kriegsgefangene festgehaltcn. Es ist dies ein Beweis für die Wachsamkeit unserer Ostsccslotte, die das ganze Gebiet, soweit es nicht von Minen verseucht ist, überwacht und beherrscht.
Gekapptes Kabel.
Ä>3tcrdam, 11. Sept. Ans Honolulo wird gedrahtet, da« das 'Kabel zrvifche» Bamfield in Brttisch-Kolumbien von der Fauniiig- Jnscl vermutlich von dem deutschen Kreuzer Nürnberg gekappt worden ist.
Ei» Bericht des Generals French über die englische Niederlage.
Ter London Gazette vom 0. September entnehmen wir nachfolgende vom Fcldmarschall French hcrrührcndc Darstellung der bisherigen Operationen des englischen ErpcditionShcercs: Tic
Engländer nahmen am 22. August eine Stellung von Atl, über Mons bis Binche ein. Nach de» Mitteilungen des sranzöstscheu Hauptquartiers nahm ich an, daß ich höchstens zwei deutsche Arnicc- korps vor meiner Front hatte. Unsere Stellung war vorzüglich. Am Abend des 23. August erhielt ich von General Iosfrc die unerwartete Meldung, daß drei deutsche Armeekorps gegen meine Front vorgingcn und ein weiteres Korps eine Umgchungsbewcgung von Tournay aus ausfllhrtc. General Iofsre teilte ferner mit, dag die französische Armee, die zur Rechten der Engländer stand, sich zurückziehe. Infolgedessen entschloß ich mich, auf eine vorher rekognoszierte Stellung zurückzugehen, die sich von Maubeuge westlich nach Jenlan südöstlich von Ealcncicnnes ausdehntc. Tic ganze Nacht hindurch fanden auf der gesamten Linie Kämpfe statt. Ter Rückzug wurde am 24. August unter fortwährenden Gefechten erfolgreich ausgeführt. Da die französischen Truppen noch immer zurückgingcn, hatte ich, abgesehen von der Festung Maubeuge, keine Unterstützung. Die entschlossene» Versuche des Feindes, nicine linke Flanke z» umgehen, überzeugten mich, daß der Feind beabsichtigte, mich gegen Maubeuge zu drängen und mich zu umzingeln. Ich glaubte keinen Augenblick verlieren zu dürfe», mich auf eine andere Stellung zurückzuzichcn. Diese Bewegung war gefahrvoll und schwierig nicht nur wegen der überlegenen Kräfte vor meiner Front, sondern auch infolge der Erschöpfung der Truppen. Ter Rückzug begann am 24. August früh nach einer Stellung in der Nähe von Le Cateau. Obwohl die Truppen Befehl hatte», Eambrai, Le Cateau und Landrecies zu besetzen und die Stellung am 24. August in aller Eile vorbereitete und verschanzt war, hatte ich doch ernste Zweifel, ob es klug sei, dort stehen zu bleiben und zu kämpfen, da ich Mitteilung von der ständig wachsenden Stärke deS Feindes erhielt. Ucberdies dauerte der Rückzug der Franzosen auf meiner Rechten an. Fch entschlost mich daher, weiter zurück- ßugehen, bis ich ein gewichtiges Hindernis wie die Somme oder Oise zwischen die britischen Truppe» und den Feind bringen und meinen Truppen Gelegenheit zum Ausruhcn und zur Reorganisation geben könnte. Ich wies daher die Korpsbefchlshaber an, sobald als möglich auf die Linie Vcrmond-Tt. Quentin-Ribemonl zurückzugchen. Am 25. August sind wir auf dem Marsche den ganzen Tag über vom Feinde bedrängt worden, der die Angriffe auf die erschöpften englischen Soldaten noch spät in der Nacht fortsetzte. Während der Kämpfe am 23. und 24. August habe ich General Sorbet, der drei französische Kavallericdivisioneu befehligte, um Unterstützung ersucht. Sorbet leistete zwar wertvolle Hilfe, war aber am 20. August, dem kritischsten Tage, infolge Erschöpfung der Pferde nicht mehr imstande, nns zu unterstützen. Am 20. August wurde es bei Tagesanbruch offenbar, daß der Feind seine Hauptkraft gegen den linken Flügel unserer Stellungen richtete, der von unseren zwei Armeekorps gebildet wurde, und General Smith- Dorricn meldete, daß er sich unter einem solchen Angriff nicht 'zurückziehen könne, wie ihm befohlen wäre. ES war unmöglich sür mich, Smith-Dorrien zu unterstützen, aber die Truppen zeigten eine prächtige Haltung gegenüber dem schreckliche» Feuer. Endlich wurde eS offenbar, daß, wenn eine vollständige Vernichtung vermieden werden sollte, der Rückzug versucht werden mußte. Um %4 II hr nachmittags wurde der Befehl gegeben, den Rückzug z» beginnen. Die Bewegung wurde durch die hingebendste Unerschrockenheit und Entschlossenheit seitens der Artillerie, welche selbst ziemlich gelitten hat, gedeckt. Das schöne Eingreifen der Kavallerie leistete wesentliche Hilfe bei der Vollendung dieser sehr schwierigen und gefährlichen Operation. Glücklicherweise hatte der Feind zu schwer gelitten, um eine Verfolgung energisch burchzuführcn. Ich kan» diesen kurzen Bericht über die ruhmvolle Haltung der britischen Truppen nicht schließen ohne hohe Anerkennung den wertvollen Diensten Emith-Torriens zu zollen, der den linken Flügel der Armee am 20. August gerettet hat.
Ein belgisches Zeugnis für Deutschlands Friedensliebe.
Laut einer Veröffentlichung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung wurde am 31. Juli i» Berlin unter einer Deckadresse ein Bericht des belgischen Geschäftsträgers in Petersburg vom 30. Juli an den belgischen Minister des Aenßern zur Post gegeben. Ter Brief wurde wegen des inzwischen eingctretencn Kriegszustandes von der Post nicht befördert, später zur Ermittlung des Absenders geöffnet und sodann wegen seiner politischen Bedeutung dem Auswärtigen Amt zugestcllt. Der Bericht schildert die politische Lage in Petersburg am 30. Juli und besagt u. a.: Unbestreitbar bleibt nur, daß Deutschland sich hier ebenso sehr wie in Wien bemüht hat, irgend ein Mittel zu finden, um einen allgemeinen Konslikt zu ver- ineiden, daß es dabei aber einerseits aus die feste Entschlossenheit des Wiener Kabinetts gestoßen ist, keinen Schritt zurückzuwcichen. und andererseits auf das Mißtrauen des Petersburger Kabinetts gegenüber den Versicherungen von Oesterreich-Ungarn, daß cs nur an die Bestrafung und nicht an eine Besitzergreifung Serbiens denke. Tsasonow hat erklärt, daß es sür Rußland unmöglich sei, sich nicht bereit zu halte» und nicht zu mobilisieren, daß aber diese Vorbereitungen nicht gegen Deutschland gerichtet seien. Heute morgen kündet ein offizielles Communiqe an die Zeitungen an, daß die Reservisten in einer bcstinimten Anzahl von Gouvernements zu dcu Fahnen gerufen sind. Wer die Zurückhaltung der offiziellen russischen Eommuniques kennt, kann ruhig behaupten, daß überall niobil gemacht wird. — Heute ist mau in Petersburg fest davon überzeugt, sa. nian hat sogar die Zusicherung, daß England Frankreich beistehcn wird. Dieser Beistand fällt ganz außerordentlich ins Gewicht und hat nicht wenig dazu bcigctragcn, der Kriogspart«! Oberwasser zu verschaffen. Tie russische Regierung ließ in dcu letzten Tagen allen Serbien freundlichen und Oesterreich feindlichen Kundgebungen freien Laus und versuchte in keiner Weise, sic zu ersticken. Heute früh um 4 Uhr wurde die Mobilisierung bekannt- gegeben. Die russische Marine ist von der Verwirklichung ihres Erncucrungs- und Ncorganisationsplancs noch so iveit cntsernt, daß mit ihr wirklich kaum zu rechnen ist. Darin eben liegt der Grund, warum die Zusicherung des englischen Beistandes so große Bedeutung gewonnen hat. Jegliche Hoffnung auf eine friedliche Lösung scheint dahin zu sein: das ist die Ansicht der diplomatische» Kreise.
Tic Norddeutsche Allgemeine Zeitung bemerkt gegenüber der ocrleunidcrischen Erklärung unserer Feinde, durch Deutschlands schrofscs, jede Verständigung unmöglich machendes Verhalten zuni Kriege gezwungen worden zu sein, daß das vorliegende Dokument als Beweis dafür wertvoll sei, daß man in diplomatischen Kreisen Petersburgs noch am 30. Juli, also-zwei Tage vor der deutschen Mobilmachung, die Nebcrzeugung batte, Deutschland habe sich in Wien wie in Petersburg die größte Mühe gegeben, den österreichilch- 1 c Tl>ifcf)cn Konflikt zu lokalisieren und den Ausbruch eines allac- uienicn Weltbrandes zu verhindern. Das Blatt macht darauf aus- merksam, England habe durch die Zusicherung, cs werde in einem Kriege nicht neutral bleibe», sondern Frankreich geoen Tcmichiani, bcistehen. der russischen Kriegs Partei den Rücken gestärkt und bannt wesentlich zur Provozierung des Krieges bciqe- tragen. Schließlich sei dieses Dokument auch noch deshalb von Interesse. weil sein Verfasser die Versicherungen Rußlands, nur tu einzelnen Gouvernements würden die Truppe» zu den Fahnen ge
rufen, eine allgemeine Mobilmachung finde aber nicht statt, für Schwindel hält.
Die Firigkeit der deutsche» Marine.
FVli. London, 11. Sept. (Nichtamtlich.) Unter der Spihmarke: „Schnelligkeit! Schnelligkeit!" schreibt der Daily Telegraph: Die Nachricht, daß fünf schnelle deutsche Kreuzer ihre Arbeit, britische Handelschiffe zum Sinken zu bringen, im Atlantischen Ozean noch fortsetzen, trotzdenr sie von 24 englischen Kreuzern und außerdem von zahlreiche» französischen Schiffen verfolgt werden, zeigt den Wert der Schnelligkeit/ Biele Jahre lang hat Deutschland schnelle Kreuzer gebaut und besitzt jetzt neun, die eine Schnelligkeit über 27 Knoten habe». Seit Ersparnisse in der britische» Marine gemacht werden mußten, um die Parlainentsmehrheit zu befriedigen, mußte sich die Admiralität so gut wie möglich mit älteren und langsameren Schiffen behelfen. Sie datieren von der Zeit vor Erfindung der Schifssturbine. Der Krieg bat nns daher wohl mit einer starken Ueberlcgenheit von Kreuzern gefunden, aber kann, einer läuft schneller als 25 Knoten, die meisten langsamer. Es gibt keinen englischen Kreuzer im Atlantischen Ozean, dem die deutschen Kreuzer nicht entfliehen könnten. Unsere Geschäftsleute müssen unter diescni Mangel leiden.
Ein Gefecht tu Ostafrika.
WB. Verls», 11. Sept. (Nichtamtlich.! Nach englischen Nach- richicu hat i» der Nahe des Songwc-Flusscs au der Grenze von Dcuisch-Ostafrika und Britisch-Niassaland zwischen deutschen nnd englischen Truppen ei» Kamps stattgcsundcn, wobei aus beiden Seiten mehrere Europäer gesallcn seien. Aus der gleiche» Quelle wird auch von Toten und Verwundeten in Kamerun berichtet. Eine amtliche Bestätigung liegt bisher nicht vor.
Kampflose Wahle».
In Heidelberg-Eberbach und in Mannheim haben demnächst Reichstagsersatzwahlen stattznfindcn.. In Heidelberg verteidigt die nationallibcrale Partei, deren Kandidat Dr. Obkircher ist, den Sitz, in Mannheim die Sozialdemokratie. Die Heidelberger Zeitung empfiehlt, schon allein aus Rücksicht auf den kaum zweifelhaften Sieg Obkirchers dem Kandidaten keinen Mitbewerber entgegcnzustcllen, nnd die Mannheimer Volksstinime schließt sich dem an, indem sie betont, die Zeiten feien wirklich nicht dazu angetan, einen politischen Kampf auszutragen.
Vom serbischen Kricgsschanplad.
Wien, 12. Sept. (Nichtamtlich.) Amtlich wird bekannt- gegeben vom 10. September abends: Die Schlacht bei Lemberg dauert an und das Angrisfsgebiet gewinnt allmählig an Raum. Tic serbische Armee hat die Drina überschritten nnd ist bei Syrmien eingebrochen, wo die Abwehr eingcleitet ist.
Die Kampfesiveisc der Serbe».
Prag, 12. Sept. Die Bohcmia gibt eine dleußcrung eines verwundeten Hauptmaiins über die Kampseswcise der Serbe» wieder. Darnach ist der serbische Soldat tapfer, schießt aber schlecht. Di« serbische» Schütze» und Komitatschis fitzen aus den Bäume», um österreichisch-ungarische Lsfizierc abzuschicßcn. Die ierbisely: Artillerie ist vorzüglich, was dadurch erklärlich ist, daß sie i», eigene» Lande käinpst, wo sic das Tcrrai» kennt und vo» der einheimischen Beoölkeruiiq unterstützt wird. Wo ösicrreichischc Truppe» hinkom- mcn, werden Strohhausen abgebrannt, um de» Serbe» die Richtung der Ocsicrrcichcr anzugcbc». Auch wurden unterirdische Kabel nach allen Stellungen der Derben entdeckt. Der serbische Soldat ist nicht feig. Manch« gaben sich gefangen deshalb, um de» Ocstcrreicher» falsche Angaben z» machen, oder zu meucheln. In der durch die Mcuchclei entstehenden allgemeinen Verwirrung suchen die gefangenen Serben dann zu entkommen. Weiber schießen mit Gewehre» und Kinder werfen mit Granaten. Ein verwundetes serbisches Mädchen vo» 12 Jahren, das im Spital liegt, rühmt sich, 10 Bomben ans österreichisch-ungarische Soldaten geworfen zu haben.
Der Sieg in Ostpreutzc« ist vollständig!
Hindenbur,) zog über die russische Grenze!
W. B. Ero'ges Hauptquartier. 12. Sept. (Amtlich.) Die Armee des Generalobersten v. Hindenburg hat die russische Armee in Ostpreußen nach mehrtägigen Kämpfen vollständig geschlagen. Der Rückzug der Russen ist zur Flucht geworden. Generaloberst v. Hindenburg hat in der Verfolgung bereits die Grenze überschritten und bisher 10080 unverwundete Gefangene und etwa 80 Geschütze gemeldet. Außerdem find Maschinengewehre, Flugzeuge und Fahrzeuge aller Art erbeutet worden. Die Kriegsbeute steigert sich fortgesetzt.
Der Generalquartiermeister v. Stein.
Rund V 4 Million Kriegsgefangene in Tentschland.
W. B. Berlin, 12. Sept. tAmtl.s Bis zum 11. September waren in Deutschland rund 220 000 Kriegsgefangene untcrgcbracht. Davon sind Franzose» 1830 Lsfizierc und 30 700 Mann; Ragen 1340 Ossizicrc und 01 480 Mann; Belgier 740 Offiziere und 40 200 Mann; Engländer 130 Ossizicrc und 7 458 Mann. Unter den französischen Offizieren sind 2 Generäle, unter de» russischen 2 Kommandierende und 13 Generäle, unter den belgische,, der Kommandant vo» Lüttich.
Eine große Zahl weiterer Kriegsgefangener besindet sich im Transport zu den Gcfangencnsagern.
Erfurt, 12. Tept. iNichtamtlich.) Ter frühere Lanbwirtschafts- miniftcr v. Ballhauscu. Mitglied des Herrenhauses ist im Alter von 70 Jahren nach längerem Leiden gestorben.
Heften nnd Nachbar gebiete.
Gieße» und Umgebung.
Wir wollen kein feiges, kein halbes Geschlecht, Kein tröstendes Wort uns zum Hohne, —
Wir wollen für jeden sein heiliges Recht,
Für jeglichen Arbeit, die lohne,
Und Freude, wo brennend die Träne jetzt fällt. Und Frieden der ganzen, der seufzenden Welt, Und dem Volke der Zukunft Krone!
Achtung Landsturmpflichtige! Zur Formierung des Landsturm. Ersatz-Bataillons Gießen werden folgende Jahrgänge der Infanterie — nur gediente Leute — herangezogen: 1. 1895, 1894, 1893, 1892 und 1891. 2. Von 1897 und 1896 diejenigen Leute, die das 39. Lebensjahr vollendet haben. Sie haben sich Dienstag, den 18. September, nachmittags 2 Uhr, in: Hofe der Zeughanskajernc zu stellen. Wollene
Unterkleider und etwa im Besitz befindliche brauchbare Fuß« ockleidung ist mitzubringen. Nicht rechtzeitige Gestellung, wird als Fahnenflucht angesehen und nach Kriegsgesetzen! streng bestraft.
Pakete zur Absendnng an die int Felde befindlichen An-' gehörigen des aktiven Regiments werden, wie das Ersatz-' Bataillon des Jnf.-Reg. 116 mitteilt, täglich von 9—12 Uhr! vormittags nnd von 3--7 Uhr nachmittags im Wachtgebändi? der neuen Kaserne zur Versendung ins Feld angenommen^
— Tote des Gießcncr Regiments. Voni Regiment 1U> sind weiter als gefallen bekannt geworden: ReserveleutnanL Karl Eichhof, Kreisamts-Hochbanmeister in Wetzlars Musketier Ludwig Schön ans Staufenberg: Reserveleut^ nant Willy To dt, Regiernngsbaiiineister in Staufenberg)
— Gerechtigkeit auch dem Feinde, linier dieser llebcrschrist schreibt eine deutsche Genossin, die viele Jahre in Belgien gelebt hat, dem Vorwärts: Die schreckliche Abrechnung zwischen den
Völkern hat mit einem Schlag alle Bande zerrissen, die sich von Volk z» Volk schlingen und im Lauf der Dinge auch den Haß vom Mensche» zum Menschen aufgerichtet. — Wir, die wir gestern im fremden Laub, bas uns Zuflucht und Existenz geboten und schließlich Heimat geworden war, noch unter Freunden lebten, mußten, mit einem armseligen Bündel als ganze Habe, vor der Erbitterung »nd dem Zorn derer flüchten, die eben noch unsere Freunde und Gastgeber gewesen. Biele Ausländer haben Ungemach und sogar Mißhandlung erdulden müsse» und konnten sich nur durch rasche Flucht vor dem Volkszorn retten. Aber »eben diesen Tatsachen! darf — der Menschheit in den furchtbaren Wirren der Gegenwart! zum Trost — die Kunde nicht untergeben, daß sich die menschliche Gesittung des einzelnen oft unbeirrt und siegreich behauptete, daß Hunderte dcni plötzlich zum Feind gewandelten Fremden Hilfe und Schutz boten und die Tragik der Stunde oft genug gepreßten Herzens mit den Flüchtlingen mit empfanden. Tie Objektivität ist auch im Augenblick der erbittertsten Kämpfe Oiebet: und wenn cs richtig ist, daß Deutsche in Belgien bei ihrer Flucht rücksichtslos und unmenschlich behandelt worden sind, so werden Hunderte mir' mir darin übcreinstimmcn, daß sic großmütige» und tätigen Bei-' stand gefunden haben, daß viele Belgier Deutsche zur Oircnze ge^ leitet, ihnen Wäsche, Nahrungsmittel und Oield für die Flucht zuge- trage» haben und ihnen auf jede Weise behilflich waren. Auf deitz Bahnhöfen sah man deutsche und belgische Frauen sich weinend um-' armen und zwischen nnverhehlten Zornesworten gegen den „Fcind"^ der eben cinqezoge» war, tauschte man Händehrückc und rief sich! „Auf Wiedersehen!" zu. Um nur ein paar kleiner Zuge aus diesem Tagen zu gedenken: Ein vlämischcs Dienstmädchen, das bei einer! bekannten wohlhabenden Familie bcdienstet war, weigerte sich mit aller Kraft, von ihren flüchtenden Tienftgeberii ihren Lohn anzu-j nehmen. Die hätten jetzt die 50 Francs nötiger als sie, erklärte sie. Der Hauswirt des Nachbarhauses — ein Wallone — übernahm es' freiwillig, das Haus der flüchtende» Familie während deren Abwesenheit zu übernehmen. — Eine andere deutsche Familie ans, Brüssel erzählte mir, daß ihnen Nachbarn, mit denen sie nie inj intimeren Verkehr waren, in den kritischen Tagen nach dem Ausbruch des Krieges ihr Haus für die Tauer des Krieges angcbotcn hatte». Eine andere deutsche Bekannte überließ ihren kleinen Jungen ihrem belgischen Dienstmädchen, das ihn zu ihren Ber-i wandten mitnahm, während das 13jährige Mädchen der Bekannten^ von einer belgische», übrigens sehr national gesinnten Lehrerim ausgenommen wurde. Aehnliche Fälle zählt die Genossin aus ihrer, ciaeneu Erfahrung „och mehrere auf und schließt: Hundert ähnlich« Dinge erzählen niir bekannte deutsche Flüchtlinge aus Belgien, als ich sie im Ausland wiedertraf. Wo so schwere Anklagen gegen die Gesamtheit des belgische» Volkes erhoben werden, erfordert die Gerechtigkeit die Feststellung, daß Belgier in hunderten von Fällen unbeeinflußt von ihrer Erbitterung sich gütig, hilf- reich und menschlich gegen die Deutschen gezeigt haben.
— „Fort mit der Ausländcrci!" To tönt es letzt aus der bürgerlichen Presse und wir sehen viele Firmenschilder mit aus-s ländischen Namensbczeichiiiingei, verschwinden. Dieses Erlebnis ist zwar begreiflich, aber nichtsdestoweniger zeigt cs eine gefährliche Unkenntnis der Eifernden hinsichtlich unserer volkswirtschaftlichen Bedürsniffe. Deutschland kann so wenig wie die GrotzNaa:en, mitz denen cs jetzt >m Kriege liegt, aus gewisse Waren, die vornehmlich oder nur im Ausland erzeugt werden, dauernd verzichten. Ferner ist Deutschland in so hohem Maße auf den Export seiner Jndnstrieprodnktc angewiesen, daß die Abschlicßnng des Auslandes vor unserer Ausfuhr aleichbedeuiend mit der Brachlegung eines sehr großen Teiles unserer Industrie wäre. Eben darum wirkt! der Krieg verheerend auf die Gcsamtwitschast der kricgssührciidcm Länder ein, weil im 20. Jahrhundert ungleich mehr noch wie im' vorigen das Wirtschaftsleben der Kulturländer mit tausend und! abertausend Fäden ancinandcrgcknllpst ist. Im ferne» Amerika! sowohl wie im »och cntscrntcrcn Australien verspürt ma» die, schlimmen volkswirtschaftlichen Wirkungen des großen Krieges wie erst aar in den unmittelbar beteiligten Ländern! Riesig ist schon' die Arbeitslosigkeit, die Ernähr»,igsnot der erwerbslosen Familien in England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Oestcircich-llnaarn,' Rußland, Auch in dieser Beziehung fordert der Krieg unerhörte Opfer, um so mehr, je länger er dauert. Darum werden sich alle einsichtigen Menschen hüte», das Furchtbare noch zu verstärken, sogar über die Dauer des Krieges hinaus. Denn der Boykott der ausländischen Waren, zu dem mit den, Ruf: „Fort mit der Ausländcrci!" angeregt wird, würde naturgemäß die Boykottierten zu Olcgenmaßreqcln ansporne» „nd die Folgen Hütte» in erster Linie die Industriearbeiter zu tragen, bei nns wie in Frankreich, Belgien und England, Lassen wir uns durch unvcrniinstiac Schreier das Hebel nicht noch vergrößern, Hoifcn wir vielmehr aus einen baldigen, glücklichen Frieden, der das friedliche Zu- samnienarbeiien der Kulturnationen dauernd gewährleistet. Wenn die blinde Nachäsferci des Ausländischen, nur weil cs „ausländisch" ist, verpönt werden soll, so ist dagegen nichts einznwcndcn. Aber diese Nachäfferei finde,, wir hübe» »nd drüben nicht in der breiten Rolksmassc, weder i» der Kleidung »och in sonstigem Gc- liaben. Es ist hinreichend bekannt, daß sich gerade nntcr den Hoch- stiuierte», die gewöhnlich auch den Chauvinismus stark vslegc», die besten Kunden a,isländischer Modefirmcn besindc». Wen» auch diese Leute zukünftig die einheimischen Handwerker und Geschäftsleute berücksichtigten, wir hätten acmiß nichts dagegen einzu- ivcude», Ta nun gerissene inländische Firmen dazu übergehen, im deutsche» Inlande befindliche Filialen ausländischer Konkurrenzfirmen in nicht zu verkennender Absicht namhaft zu machen, so niöae man rechtzeitig bedlsickcn, daß zahlreiche deutsche Untcrnehmcrgcsell- schaften, „ainciitlich salchc der Bergwerks- und Hüttenindustrie, auch Zweigniederlassungen in, Auslande besitzen, deren Eristcnz durch einen nur durch prafitlüstcrne Selbstsucht diktierten „Patriotismus" schwer bedroht ist, Lasten wir cs also mit den jetzt unabänderlichen Kricgsareneln genug sein »nd baue» wir der weiteren Zerklüftung der Knlttirvölkergemeinschaft vor, indem wir ihre natürliche Zusainmengehörigkeit betonen. Damit leisten wir unserem Vaterlande den beste» Dienst.
Eine Olcfahr für Verwundete. Von ärztlicher Seite schreibt nian der Frankfurter Zeitung aus Heidelberg: Manche der hiesigen Verwundeten leiden an Durchfälle», die sich bis zu blutigen Diarrhöen mit ruhrartigem Charakter steigern können. Daß damit eine Gefahr für die Verwundeten, aber auch für die Zivilbevölkerung entsteht, liegt auf der Hand. Nach Meinung der Acrztc ist der Genuß von rohe in L b st eine der Hauptursachen dieser Durchfälle, Das Publikum wird bcshaib dringend ersucht, Liebesgaben in Form von rohem Obst nur an die Lazarettküche, aber nicht an die Soldaten abzugcben. Die Verwundeten sollten rohes Obst ohne ärztliche Erlaubnis nicht genießen. —
Die Verlustlisten, Das Kriegsministcriuin gibt bekannt: 1. Die Verlustlisten sind nur durch Postabonucment (monatlich 00 Pfennig) zu beziehe», dagegen nicht beim Zentrainachweisburca» erhältlich. 2. Auskünfte erteilen: a) Das Zentralnachwciscbiircau,


