Organ für die Interessen des der Provinz Oberhessen und
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Nr. 212
Gicßcn, Montng, Den 14. September 1914
9. Jahrgang
Die gelben Bmidesgenosien der Gentlemen.
Aus Ostasien, das auch zum Kriegsthcater geworden ist, laufen nur knappe Nachrichten ein, die sich, obwohl natürlich von England zensuriert, widersprechen. Nach der einen Mit- teilung sollen die Japaner bereits den Angriff auf Tsingtau begonnen haben, nach der anderen wieder sollen sie eine methodische Abschließung des deutschen Pachtgebiets planen, uni dies mit möglichst wenig Menschenopfern ihrerseits in Besitz zu nehmen, und die chinesische Negierung soll ihnen „erlaubt" haben, zu diesem Zweck Truppen durch die Provinz Schantung zu bringen. Wie dem auch sei, mit dem Verlust pon Kiautschau muß gerechnet werden und ist von Anfang an gerechnet worden.
Dagegen erscheint es geboten, an der Hand japanischer Erklärungen zu erforschen, warum die Japaner in den Krieg gegen Deutschland eintraten und wie sic ihren Angriff auf ein Volk, von dem sic nie eine Unbill erfahren, entschuldigen.
Das japanische Ultimatum an Deutschland führte als Vorwand das japanisch-englische Bündnis an. Tie deutsche Regierung gab auf dieses Ultimatum die allein richtige Anr- Wort, nämlich gar keine. Aber immerhin konnte man an- nehmcn, daß lediglich die altbekannte Gier der Japaner nach einem Hafenplatz an der chinesischen Küste sic zu ihrem Vorgehen bewogen habe und daß die Engländer selbst nicht einmal besonders erfreut seien über diese Auslegung des Bündnisses.
Nun zeigt sich aber, daß es tatsächlich die Engländer waren, die das Hingreften ^hpr Gelben veranlagte. Und sie selbst verzichten einmal — wahrscheinlich nur aus 'Unüberlegtheit — auf die altgewohnte liebe Heuchelei und geben die Verschwörung mit den Japanern zu. Englische Zeitungen nämlich melden folgendes über eine außerordentliche Sitzung des japanischen Parlaments am vorigen Samstag in Tokio: Graf Okuma eröffnete die Sitzung und führte aus, jeder werde die Gründe und die Wichtigkeit der jetzigen Zusaminen- kunst begreifen. Er bat um die Unterstützung des Parlaments in den jetzigen Umständen und um Genehmigung des außergewöhnlichen Budgets. Darauf hielt der Minister des Aus- wärtigen Amtes, Baron Kato, eine Rede über die Gründe des Krieges. Er erklärte: Anfang August bat die englische Regierung um die Hilfe Japans in den Grenzen des englisch- japanischen Bundes. Deutsche Kriegsschiffe befanden sich in den Meeren des Ostens, und es war die Absicht Deutschlands, Kiautschau zur Basis für seine Kriegsoperationen in Ostasien .zu machen.
„Wie jeder weist. ist der Zweck des Bundes zwischen England und Japan, den Frieden im Osten zn bewahren und die Unab- bängigkeit und Integrität Chinas zu schuhen. In einer Zeit, wo der Handel in Ostasien fortwährend bedroht wird, war Japan verpflichtet, der Bitte des Bundcsgenoffen nachzutomnicn. Das; Deutschland eine Basis für eine graste Aktivität im Osten besitzt, war nicht allein eine Bedrohung des Friedens, sondern Japan wird dadurch auch direkt in seinen eigenen Interessen bedroht. Japan hätte gewünscht, nicht in den gegenwärtigen Konflikt gezogen zu werden, aber es war seine Pflicht, dem Bunde treu zu sein."
Also der englische Bundesgenosse hat gebeten, dringend gebeten, daß die mongolischen Japaner ihm Hilfe leisten niöchten, indem sie einen verlorenen Posten Deutschlands im fernen Osten überfielen. Und die Gelben waren so gut und großmütig, die Bitte deS wcltbcherrschenden Albion zu erhören und gegen das kleine Häuflein deutscher Männer, das dort draußen versammelt ist, eine Sec- und Landmacht aufzu- bietcn. Daß die beiden einander würdigen Verbündeten bei dieser Gelegenheit im salbungsvollen Herbetcn von Lügen wetteifern, gehört z» der ganzen Mache. Und auch darin haben zunächst die Japaner wieder einen Vorsprung, errungen durch den Eifer eines ihrer Diploniaten, der in Roin den Mikado vertritt. In einem Interview erklärte der javanische Botschaftsrat in Rom dem Vertreter der Stanipa gegenüber, der Kripg zwischen Japan und Deutschland sei dadurch entstanden, weil Deutschland Japan die n i ch t i n d e r Horm eines Ultimatums verlangte Zusicherung verweigerte, daß das deutsche Geschwader in Ostasien den Frie- öen und den Handel nicht durch kriegerische Operationen ^"de. Die Kriegserklärung Japans sei daher zum Schuhe seiner Interessen und zur Verhinderung der Lahm- legung seines Handels nötig geworden.
steht zwar im schroffsten Widerspruch zu der Er- Ilarung des Barons Kato vor dem japanischen Parlament; [aber da der Botschaftsrat die Aufgabe hatte, in einem „neutralen Land für die vollendete Harmlosigkeit der japanischen Politik zu zcuacn. so mußte.er so lüacn.ävie es zur Erzeugung.
der richtigen Stimmung praktisch erschien. Natürlich hat er im Vertrauen auf die Steigung der italienischen Politiker, alles Deutschland Ungünstige als erwiesen zu erachten, auch das leicht Kontrollierbare umgelogcn. So kann die Norddeutsche Allgemeine Zeitung sagen:
„Dieser Versuch einer Rechtfertigung des japanischen Vorgehens gegen uns stellt die Wahrheit geradezu auf den Kopf. Von japanischer Teile ist ein Verlangen, wie das von dem japanischen Botschafter behauptete, vor der Ilcberreichung des Ultimatums an Deutschland nicht gestellt worden. Umgekehrt ist aber dem japanischen Geschäftsträger in Berlin gerade von deutscher Teile und zwar vor Ucberrcichung des Ultimatums, in Aussicht gestellt worden, dast das deutsche Geschwader in Lst- asien de» Beschs erhalte, sich feindseliger Handlungen in den ostafiatischen Gewässern zu enthalten, falls Japan in dem deutsch- englischen Konslikt neutral bleibe. Hieraus ist von japanischer Seite eine Antwort überhaupt nicht erteilt worden."
Wer unbefangen zu urteilen vermag, wird diese Darstellung der deutschen Regierung als unbedingt richtig anerkennen müssen. Denn ihre innere Wahrheit ergibt sich ganz einfach aus den Verhältnissen. In Ostasicn sind nur wenige deutsche Kriegsschiffe, die Garnison von Tsingtau zählt einige hundert Mann. Dagegen unterhält England, schon wegen Indiens, der StraitS Settlements und seiner sonstigen Besitzungen, in jenen Gewässern ein mächtiges Geschwader, hat auch in Hongkong eine starke Garnison britischer und indischer Truppen. Japan hat seine ganze große Flotte und sein Landbecr bereit. Und dagegen sollte die Handvoll Deutscher „feindselige Handlungen" unternehmen und den Handel in Ostasicn „fortwährend bedrohen"?
Tie Moral der Asiaten ist eine andere, als unsere, ihre ganze Denkweise ist anders, und so müssen wir uns eben damit abfinden, daß die Japaner auf dem Weg nach ihrem Ziel, der Herrschaft über Asien und den Stillen Ozean, nicht nur eine deutsche Station überfallen, sondern diesen Fric- densbruch auch vor geneigten Ohren mit handgreiflichen Lügen zu rechtfertigen versuchen. Daraus wird man lediglich die Lehre zu ziehen haben, die Japaner als Japaner zu betrachten und an sie weder im Guten noch ini Bösen den Matzstab unserer Sitten anzulcgen.
Aber mit den Engländern oder vielmehr ihren herrschenden Kreisen werden wir eine andere Rechnung zu begleichen haben! Wir wollen nicht vergessen, daß die englische Regierung die Japaner gebeten bat, in den Krieg einzngreifen, der sich in Europa abspielt. Warum? Etwa weil Japan die Entscheidung zugunsten des cnglisch-russisch-französischcn Bündnisses herbeiführen konnte? Keineswegs! Frankreichs Schicksal könnte nicht gewendet werden, auch wenn ein japanisches Heer als Hilfstruppc in Marseille landete. Und wenn es Deutschland gelingt, das britische Jnselreich durch starke Schläge zu treffen, so würde Japans Macht dagegen keinen Schutz bieten. Nur dem wirtschaftlichen Konkurrenten Englands kann durch das Eingreifen Japans an einer. Stelle wirtschaftlicher Schaden zugefügt werden — sonst nichts! Diesen Schaden, den man in britischen Vorteil umzuwandeln hofft, herbeizuführcn ist der Zweck der britischen Bitte an die Japaner, dieselben Japaner, die als eine „minderwertige Rasse" aus den großen britischen Kolonien ausgeschlossen sind und wo sie zugelassen werden mit einer Kopfsteuer, die von stolzen Briten „Diehzoll" genannt wird, belegt werden.
Tie ganze ungeheure Schmach der Verschwörung mit den Japanern trifft die englische Prositpolitiker. Und cs wäre eine verdiente Strafe für sie, wenn eintrete, was sehr wahrscheinlich ist, daß die einmal in Bewegung gesetzten Japaner sich nicht an Kiautschau genügen ließen, sondern die leicht zu- gänglichcn englischen Kolonien zur Beute machten.
Cine Washingtoner Anfrage wegen Fapan unbeantwortet.
Wien, 11. Scpi. Wie die Neue Freie Presse aus diplomatischen Kreisen crsähri, soll Amerika in England angesragi haben, ob die Londoner Regierung befriedigende Erklärungen abgcbcn könne, dast Japan keine mit der Integrität der amerikanischen Besitzungen im Tüllen Ozean in Widerspruch sichende Unternehmung beabsichtige. Aus diese Ansrage sei in Washington keine Antwort eingelausen.
Englische Heuchelei:
Ter König von England hat folgende Proklamation an die englischen Kolonien gerichtet:
„In den letzten Wochen haben sämtliche Völker meines Reiches, des Mutterlandes und der Kolonien sich geeinigt, um einen Angriff ohnegleichen auf Kultur und Weltfrieden die Spitze zu bieten Ich habe diesen unseligen Kampf nicht gesucht, im Gegenteil, meine Stimme hat sich immer zugunsten des Friedens erhoben. Meine Minister haben alles versucht, um die Spannung zu vermindern und die Tchwicrigtcitc» zu beseitigen. Konnte ich mich abseits halten, als gezeichnete Verträge, woran auch mein Reich sich beteiligte, vernichtet, Belgiens Gebiet verletzt, seine Städlemit- Untn-nmin In'jniuhl uiuiiV 9 .Irfl
würde bann meine Ehre geopfert und die Freiheit meines Reiches und der Menschheit dem Untergang geweiht haben. Es freut mich, dast alle Teile meines Reiches meinen Entschlust billigen. Grostbritannien und mein ganzes Reich betrachten die absolute Respektierung des einmal gegebenen Wortes in Verträgen, welche von Fürsten und Völkern unterzeichnet wurden, als ein gemeinsames Erbteil. Meine überseeischen Völker zeigten, dast sic dem ernsten Entschlust, welchen ich fasten niustte, zu- stimmcn, indem sic mir Hilfe versprachen. Ich bi» stolz darauf, der ganzen Welt zeigen zu können, dast meine Völker in de» Kolonien ebenso fest entschlossen sind als diejenigen in meinem Königreich, die gerechte Sache bis z»n> besricdigcndcn Ende zu verteidigen. Damit ist die Einigkeit des Reiches glänzend ans Licht getreten."
Eine elende Heuchelei!
Hnchthans für Zahlungen an Deutsche:
Loiidvn, 11. Sept. (Priv.-Tel. der Frkfl. Ztg., Etr. Frks.) Im englischen Parlament wurde ein Gesetzentwurf einge- bracht, wonach Zahlungen an das feindliche Ausland verboten werden, selbst zur Abwicklung von Engagemeitts, die vor dem AuSbruch des Krieges cingegangen sind. Die Büchcreinsicht soll in Verdachtfällen erlaubt werden. Ter Verkehr mit außereuropäischen Filialen deutscher Geschäfte wird gestattet sein. Verstöße gegen das Gesetz können mit sieben Jahren Zuchthaus bestraft werden.
Hunnen in Ostpreußen.
Dem Bericht eines Pfarrers T. aus dem ostpreußischen Grenzdorf Sch. an seine Vorgesetzte Behörde über die Vorgänge vom 2. bis 21. August entnehmen wir folgendes:
.... Am Sonntag, den 16. August brachen die Rüsten mit zirka 5000 Mann hervor. Bei uns waren nur sieben Landwehrdragoner, welche nach einigen Schüssen davonritten. Tie Russen beschuldigten uns, daß Zivilpersonen geschossen hätten, und legten Feuer an acht Stellen an. Dann wurde Haussuchung gehalten nach militärpflichtigen Personen. Bei uns wurden einige Jünglinge verhaftet. . . . Am 16. August fanden sieben Zivilpersonen bei uns und in der Nachbarschaft den Tod. Sie hatten weiter nichts getan, als daß sie das Haus verlassen hatten, ettva, um die Kuh herauszulasscn oder dergleichen. Alle Männer unseres Ortes wurden gefangen genommen und sollten erschossen werden, wenn man nicht diejenigen Zivilisten nennen würde, welche geschossen haben sollten. Ich ging für das Torf um Gnade bitten und den Irrtum aufzuklärcn, weil kein Zivilist am Kampfe beteiligt gewesen war. . . .
Dem Pfarrer ist es auch gelungen, die Bedrohten zu retten. Dann schreibt er weiter: Wir erhielten 18 Offiziere in Quartier voni Dienstag zum Mittwoch. Ter Sekretär des Generals, ein Deutscher, bestätigte uns, daß wir in der größten Lebensgefahr schwebten, denn bis dahin wären nur Elitcregimenter gekommen, aber die hungernde Masse, welche sich hinterher wälzte, würde keine Schonung üben. Die Lebcnsmitcl nahmen furchtbar ab. Der Hof stand voll Pferde. Man hatte ihnen das ungcdroschene Getreide als Lager gegeben, und so die Ernte des ganzen Jahres im Augenblick vernichtet. Ich fragte die russischen Offiziere, ob sie viel Proviantnachschub von der Heimat erwarteten, da die Lebensmittel mutwillig vernichtet wurden. Sic erwiderten, daß sie alles im Lande zu finden hofften. Unseren Gemeindevorsteher forderten sie am Abend vor sich und stellten ihm die Ausgabe, bis zum nächsten Morgen 33 Wagen zu beschaffen, um die russische Infanterie zu fahren. Wenn er die Wagen nicht zusammenbekäme, würde er e r h ä n g t. So mußte der Mann in dunkler Nacht von Ort zu Ort stolpern, um die Fuhrwerke zu beschaffen, was keine leichte Sache war, weil die meisten ihre Pferde fortgebracht hatten.
Da wurde diese russische Besatzung von einer anderen ab- gclöst, aber nun stieg die Not vollends aufs höchste. Es blieb nichts anderes niehr übrig als die allgemeine Flucht. Jui ganzen Dorfe blieben nur wenige zurück. Sechs Wagen stark zogen wir in den Wald, stießen aber bald auf eine russische Patrouille, welche uns erst nach längeren Verhandlungen ziehen ließ, aber uns bis zu den Dörfern begleitete, in welche wir flüchteten. . .
Vom französischeir Kriegsschauplätze
liegen deutsche Nachrichten heute bis jetzt nicht vor. Nach einer Timesmcldung haben die Deutschen Arras im Departement Pas de Calais, eine Festung in der Linie Lille-Amiens besetzt. Im übrigen liegt nur eine Pariser Meldung des Kopcnhagcncr Blattes Politiken vor. der zufolge die Pariser Lioertä zur Kriegslage folgendes schreibt: „Die Nachrichten, die wir erhalten, sind allzu unklar, als daß wir daraus die geringsten Schlüsse ans die Resultate der ungeheuren, jetzt cingcleiteten Kämvkc ziehen könnten. L»e Scblacbt wird


