Ausgabe 
11.9.1914
 
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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhcssen und der Nachbargebicte.

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Nr. 210

Gießen, Frcitlig, den 11. September 1014

9. Jahrgang

Englands Anschlag gegen die deutsche Weltwirtschaft.

Frankreichs Hoffnung ist vor allein England. Anderer­seits aber ist es England heißestes Bemühen, Frankreich, selbst auf die Gefahr der inneren Berblntnng hin, bis zum äußer- sten Widerstande aufzupeitschen; und der Beschluß des Drei­verbands, keinen Einzelsricden abzuschließcn, darf ohne wei­teres letzten Endes auf einen erpresserischen Truck Englands zuriickgeführt werden, das ein ganz besonderes weltwirt­schaftliches und weltpolitisches Interesse daran hat, den .Krieg möglichst lange auszudchnen. Denn von einem langen Kriege allein erhofft England die Vernichtung der deutschen Welt­wirtschaft, jenes vielmaschigen Netzes, das »ns mit der Wirt- schaft der Völker der alten wie der neuen Welt verbindet.

Zwar gibt es in England Stimmen, die einer Offensive gegen Deutschland das Wort reden. Die Offensive an der Seite Frankreichs, trotzdem sie nach den unzweideutigen Mit­teilungen der in Maubeugc gefangenen Engländer über die in dieser französischen Festung errichteten englischen Waffcn- depots von langer Hand im Frieden schon vorbereitet war, ist an der Tatkraft des deutschen Heeres zerschellt, llnd da schlägt nun jetzt u. a. der Kriegsberichterstatter der Time-s vor, die britische Heeresleitung solle nicht nichr nur der dcut- scheu Initiative folgen, sondern selbst Initiative entwickeln und einen neuen Feldzug von der französischen, belgischen oder deutschen Küste aus beginnen. Deutschland lasse jetzt olle seine Küsten unverteidigt. Ein englischer Angriff könnte die Deutschen zwingen, 500 000 Mann an die Küste zu werfen. Wenn ein solcher Angriff zugleich die deutsche Flotte zwänge aus ihrer Höhle herauszugehen, so könne das die Engländer nur freuen.

Aber diese Stimmen sind doch nur ganz vereinzelte, und auch die englischen Machthaber scheinen sich mit Recht von einer solchen Offensive gegen Deutschland nichts zu ver­sprechen, uni so mehr, als ein Fehlschlag solcher Offensive ihnen die Gefahr des von ihnen besonders gefürchteten Ein­bruchs deutscher Truppen in England nahe rückt.

Deshälb scheint England sein mangelndes Kriegsglück durch eine Lahmlegung unseres ll e b c r s c c h a n - dclz. eine Aushungcrungstaktik gegen Deutsch­land verbessern zu wollen. Unsere deutsche Volkswirtschaft soll nach jenen feinen Plänen durch Sperrung der Zufuhr aus den kolonialen Gebieten völlig ausgehungert werden. Unsere Kolonien, unser Außenhandel sollen gänzlich vernichtet wer- den. Und andererseits soll auch die sogenannte relative Kriegskonterbande, wozu auch die Nahrungs­mittel gehören, von der englischen Kriegsmarine gekapert werden. Das bedeutet, daß auch neutrale Schiffe keine Lebensmittel mehr nach Deutschland bringen dürfen, daß ihre Ladung der Konfiskation verfällt, soscrn sic englischen Kriegsschiffen in die Hände fallen. Ja, England beansprucht sogar, solche Lebensmittel konfiszieren zu dürfen, die von neutralen Schiffen nach neutralen Häfen geführt werden, wenn diese Lebensmittel aus dem neutralen Staat nach Deutschland ausgcführt werden sollten. Nach den völker­rechtlichen Abmachungen soll das zwar nur zulässig sein, wenn die Lebensmittel für die Hecrcsmacht oder für Behör­den des feindlichen Staates bestimmt sind. Aber diese Klause! wird England wahrscheinlich nicht sehr beschweren es wird in jedem einzelnen Fall behaupten, der Verdacht solcher Be- slimniung der Lebensmittel liege vor, auch wenn sic an private Händler verkauft seien. Wenn die englische Regierung überhaupt den Schein der Wahrung des Völkerrechts für nötig hält. Die Frage ist nur, ob die Neutralen sich diese englische Praxis stillschweigend gefallen lassen werden. Und wenn auch der Protest des kleinen Holland die englische Re­gierung nicht sehr rühren wird, so könnte es doch ein Ein- sprach der nordaincrikanischcn Union nicht jo kalt lasse». Daß England aui seine Aushungcrungspolitik große Hoffnungen letzt und entschlossen ist. sie energisch dnrchzuführen, zeigt auch der Umstand, daß cs die Verteidigung vor dem Priscngericht verboten hat, wenn deutsche Schiffe in Frage komnien. Don dielen Gerichten wird entschieden, ob die Beschlagnahme eines Swiffes zu Recht erfolgt und aufrechtzuerhalten ist. In die-

Verfahren ist also den Führern solcher beschlagnahmter deutlchcr Schisse künftig jeder Rechtsbeistand versagt. Eine Bestimmung, die sich würdig anschließt der Ungültigkeits­erklärung aller englischer Patente deutscher Firmen und dem Verbot, mit ausländischen Unternehmungen, denen ein dent- scher Teilhaber angehört, Geschäfte zu machen. Die englische Regierung will Deutschland wirtschaftlich mürbe machen.

Daß Deutschland durch solche Maßnahmen schwer ge­

troffen werden kann, ist klar. Es ist klar, daß Deutschland den militärischen Krieg und mag er auch von allen Seiten rings uni uns herum auf uns einstürmen nicht zu fürchten braucht, daß aber Englands Wirtschaftskrieg uns um die Früchte unserer militärischen Erfolge bringen kann. Ter eng­lische Jdeengang ist übrigens schon in einer der letzten Bot­schaften Poincards zn spüren. Dort wird nämlich dem Sinne nach ausgeführt: Laßt euch Niederlagen beibringen, gebt Paris ans, ertragt das Schwerste und Schlimmste, schließ­lich kommt die große Wendung durch Großbritanniens Aus­dauer, und dann bekommt ihr alles mit vielfachen Zinsen wieder zurück, dann steht der deutsche Boden in allen ge­wünschten Quantitäten zu eurer Verfügung!

An eines freilich hat England nicht gedacht, an einen Um­stand. der uns mit Zuversicht erfüllen kann: das ist nämlich die Frage, wie lange Englands Verbündete, besonders Frank­reich und Belgien, die englische Taktik aushalten können. Das beschränkte, kurzsichtige Selbstinteresse ist immer ein schlechter Berater. Tic mit England verbündeten Mächte werden die von englischer Selbstsucht eingegcbcne Argumentation schnell durchschauen, wenn dank den deutschen militärischen Erfolgen die Frage des Friedensschlusses trotz England für sic eine Existenzfrage wird. Gewiß, durch die Verlängerung des Weltkrieges können der Welthandel und die Wcltindustrie Deutschlands schwer geschädigt werden, aber niemals können sie so in Grund lind Boden ruiniert werden, als die der von Deutschland und Oesterreich geschlagenen Mächte: Frankreichs, Rußlands und Belgiens. Liegt Frankreich besiegt zu den Fußen Deutschlands, dann sind die Hanpthäfen und Haupt- zufuhrstraßen dieses Landes in deutschen Händen. Ter ganze Im- und Export Frankreichs ist völlig lahingelegt. Dieser Zustand wird für die Volkswirtschaft Frankreichs direkt inör- dorisch, wenn England mit allen Mitteln den Weltkrieg in die Länge ziehen sollte. Wenn das siegreiche Deutschland schon hungert, dann wird das besiegte Frankreich doppelt hungern. Aber wie Frankreich dürfte sich auch ein geschlagenes Rußland befinden, wenn ihm mit der Verlängerung dcS Krieges die für seine Volkswirtschaft lebensnotwendigen Ostseehäfen völlig gesperrt werden sollten.

Sobald der Friedcnsschluß für Frankreich eine Frage um Tein oder Nichtsein ist, wird es sich aus der eisernen Um- klomnicrung Englands Befreien. England zuliebe wird eS sich sicherlich nicht massakrieren lassen!

Vorwärts fielen 2li,t'-vcrpcn.

WB. Poris. !>. Aus Ostende wird vom 7. September

gemeldet: Tie Deutschen gingen gestern nordwestlich von Brüssel -wischen Gent Gent in inzwischen, wie gemeldet, von deutschen Truppen besetzt worden und Antwerpen vor. Alle Verbindungen zwilchen diesen beiden Städten sind unterbrochen. Bei Oordegm, in der Nähe von Wetteren löstlim von Gent), sand gestern ein Kr­iecht statt. Die Belgier mussten sich vor der feindlichen Uebermacht zurückiiehen: der Kommandant Eoimninck ist gefallen.

WB. Antwerpen, 0. Scpt. Wie gemeldet wird, soll das südlich von Antwerpen liegende Land in einer Ausdehnung von 7NQnadrat- nieilcn überschwemmt werden, um die Deutsche» am Einmarsch zn hindern. Tie Wasscrtiefc wird zwischen einigen Zoll und mchrcreii Fuß schwanken.

Keine Nüsse»» in Frankreich.

Mailand, st. Sept. Die Turiner Slampa erklärt die Nachricht von der Landung rnssischcr Truppen in Frankreich als unrichtig.

Eine neue Lchlacht um Lemberg.

WB. W i c n, st. Scpt. (Amtlich.) Im Raume von Lem­berg hat eine große Schlacht begvniicn.

Oesterreich wieder in der Offensive.

Kriegspressequartier, 9. Sept. (Meldung des Kriegs­berichterstatters der Frks. Ztg.) Das längere absichtlich bc- wahrte Schweigen über die Entwicklung der strategischen Lagp im Raume um Lemberg darf nun gebrochen werden. Seit heute morgen ist dort nenerdings'eine große Schlacht im Gang. Tic um Lemberg versammelten österreich-nngarischen Kräfte haben die Offensive ergriffen.

Schlechter Geist i», rnssischc»» Heere?

Budapest, st. Scpt. Gestern tvase» hier etwa tausend rnssischc Gefangene ein, die sofort ihre Unisormstücke verkaufte», da sie seit der Mobilmachung überhaupt kein Geld bekommen hoben. Ein stnsantcrest. der als Artist in Deutschland die deutsche Sprache er­lernte, erzählte u. a.: Die meisten von und tragen sich mit dem Ge­danken, nie wieder nach Russland zurnckznkehren, wo es nur wenig zu essen, ober dasiir umsomehr Knntenhiebc gibt. Ein anderer Gefangener erzählte: Keiner wusste, warum eigentlich Russland zu den Waffen greife und erst in Oesterreich erfuhren wir von den Vorgängen in Serbien und von der Ermordung dcS Thronsolger- paarcs. Unser Sinn steht nicht dafür, sagte der Mann weiter, für ein Land zu bluten, dessen Sohne von den Osiiziercn wie Tiere behandelt werden. Unsere Komandanten beschimpfen nird prügeln uns. Wenn es aber in den Kampf geht, verstecken sie sich n>eit

hinter die Front und lassen die Kompagnien allein vergehen. AIs man uns gesangen nahm, hatte der grösste Teil unscrer Offiziere schon lange Rcissaus genommen,^

Solche Erzählungen brauchen durck>ans nicht Gültigkeit für das ganze russische Heer zu haben. Sie zeigen nur, daß diejenigen russischen Soldaten, die im politischen Kampfe selbständig denken gelernt haben, ebenso abgeneigt sind, ihr Leben für den Zarismus hinzugeben, wie ihre deutschen und österreichischen Klasscnbrüder entschlossen sind, gegen das zarische Knutcntum auch den letzten Tropfen Blut zu opfern. Dieser Geist der Entschlossenheit zum Vernichtungskriege gegen die Gefahr des Zarentums ist auch das Zeichen, in dem mir einen Sieg des neuen österreichischen Angriffs bei Lem­berg erwarten dürfen.

Negierrutq und bürgerliche Presse über die Brüskierunts der Sozialdemokratie.

Das Wolffsche Bureau hatte bekanntlich sofort nach Be­kanntwerden der Sonderkonferenz bürgerlicher Fraktions- fllhrer folgende als amtlich bezcichnele Depesche versandt: Zu unserer gestrigen Meldung von einer Besprechung unter Vertretern verschiedener Parteien des Reichstags über die Er­gänzung unserer Secriistnng ist folgendes zu bemerken: Die über diese Besprechung gemachten Mitteilungen lassen in erfreulicher Dcutlicksteit den festen Willen erkennest, mit der deutschen Reg le­rn ug in diesem Kriege aus,zuhalten bis zum Letzten, und ihl nlle zn einer erfolgreichen Beendigung des Kampfes ersovdcrlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Angesichts der erhebenden Ein» miitigkeil, mit der der Reichstag am 4. August alle seine Beschlüsse gefasst hat, muss aber angenommen werden, dass es sich hier nur um eine Besprechung gehandelt hat, weiche eine gcmcinschasllichc Aktion aller Parteien vvrbeveiten soll. Selbstverständlich werden die pcrbündclc» Regierungen, soweit sie zur Fortführung deS Krieges etwa noch weiterer gesetzlicher Vollmachten bedürfen sollten was sich heule nicht übersehen lässt -j- nicht unterlassen, dem Reichstage die erforderlichen Vorlagen zi, machen,"

Die Regierung zögert also nicht, ganz im Gegensatz zu den bürgerlichen Parlamentariern, nachdrücklich zu betonen, daß sie den verfassungsmäßigen Weg einschlagen werde, falls sie weitere Mittel zur Führung des Kriegs gebraucht. Dieser Dämpfer kühlt vielleicht den Eifer der Paasche und Konsorten ein wenig ab.

Die bürgerliche Presse spricht sich übrigens fast ohne Aus- nahnie mißbilligend über die Scparat-Konferenz der bürger­lichen Parlamentarier aus. Ter Lokalanzciger erklärt die Aussührungeii des Vorwärts für berechtigt. Ein beteiligter Parlamentarier habe ihm zwar versichert, daß man sich selbst­verständlich keinen Augenblick darüber im Zweifel gewesen sei, daß auch diese große nationale Frage nur Hand in Hand mit der Sozialdemokratie gelöst werden könne. Man habe zunächst nur einen Gedanken hinausgetragen, die weitere Erörterung solle dann im Bunde mit allen Parteien geschehen. Aber, so meint der Lokalanzciger, es bleibe trotzdem um so bedauerlicher, daß nicht auch schon dieser erste Schritt unter Zuziehung aller Parteien geschehen sei. Das Berliner Tage­blatt schreibt über die Nichtznziehnng der Sozialdemokratie: Dos ist natürlich, nachdem von der Regierung selber, mid auch vom Kaiser, der Parteisried« proklamiert worden ist, durch­aus ungehörig und daneben im höchsten Grade ungeschickt, (fit den Kreisen der RcichSregierung ist man. wie wir glauben sagen zu können, mit einer solchen Ansschliessung einer Partei nicht ein­verstanden."

Die Tägliche Rundschau druckt die Kritik des Vorwärts ab und bemerkt dazu:

ES ist bedauerlich, das; man dem Vorwärts Anlass gegeben hat zu dem nicht unberechtigten Vorwurf, dass die bürger­lichen Parteien cs waren, die zuerst wieder einen Strich zwischen links und rechts machten."

Und selbst der nationalliberale Deutsche Kurier, der sich begeistert hinter Paasche stellt, muß zugestchen:

sin einem aber hnt der Vorwärts recht, man hätte auch die sozialdemokratische Fraktion bei diesen Besprechungen zuziehcn sollen."

Für die konservative Partei erklärt die Kreuzzeitung, daß sic nicht die Absicht hat, die Sozialdemokratie anszu- schlicßen:

Wie aus dem Wortlaute der Kundgebung hcrvorgcht, handelte cs sich zumeist mir um eine vorbereitend« Massnahme, die aber ans naheliegenden Ursachen ungmcin beschleunig! werden musste. Es werden sich irvcki Erörterungen und Verhandlungen aller Art anschlicssen, und mir glanben, sagen zu dürsen. dass aus konservativer Sette nicht die Absicht besteht oder bestanden Imt, den Kreis derer irgendwie einzuschränkcn, di« bereit sind, aus den Boden des Beschlusses zu treten."

Am schärfsten kritisiert die Berliner Volkszeitung das Vorgehen der bürgerlichen Parlamentarier wie folgt:

Das Verhalten der bürgerlichen Parteien in dieser Ange­legenheit ist der erste schrille Misston, der in die einmütige mater- ländische Bcrteidigungssti'mnning des deutschen Volkes getragen worden ist! Dass man die Flotte schneller verstärken will, als bisher, das kann man im Volke verstehen; ol>tv dass man den cingcschlagenen Weg ivählen zu sollen glaubte, das wird mau im