Ausgabe 
9.9.1914
 
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ttftcn Blick erkannte. Ick, habe cinific Päckchen als Beweis an mich acnommcn. Tic Geschosse sind maschincnmässig ausgcbohrt. Das "och an der Spitze ist einen Zentimeter tief und einen halben Zentimeter breit. Auch fand ich bei gefallenen französischen Sol­daten in den Patronentaschen angcscilte Geschosse. Im Felde herrscht grosse Empörung über diese Bestialität einerKultur-

Englische Dementierkunst.

In italienischen Blättern findet sich folgendcZ offizielle Telegramm aus London vom 31. August, zwei Tage nach der Schlacht bei Tannenberg:Die russische Offensive hält auf der ganzen Front an. Die russischen Truppen greifen jetzt Graudenz an. Die vom deutschen Generalstab mitgeteilten Nachrichten über deutsche Siege in Ostpreußen sind un- beg, findet."

Unterm Kriegsrccht.

Das Kriegsgericht in Stettin verurteilte am Samstag den 39 Jahre alten, ans dem Gouvernement Pietrowo stammenden Ar­beiter Grzegorski wegen vorsätzlicher Brandstiftung zum Tode. Der Angeklagte hatte am 4. August dieses Jahres in Neu-Arendsce bei Stralsund aus Rache gegen seinen Quartierwirt, der ihn wegen Gcwaltätigkcit vom Hose gewiesen hatte, das Wohnhaus anqc- zündct, das nebst einem Stall, einer Scheune und einem benach­barten Wohnhaus abbranntc. Brandstiftung gehört zu jener Kategorie von Verbrechen, die nach den Kricgsgesctzcn mit dem Tobe bestraft werden.

Maubeuge gefallen!

40000 Franzofen gefangen!

(Amtlich.)

W, B. Großes Hauptquartier, 8. Sept. Maubcugc hat gestern kapituliert. 40 000 Kriegsgefangene, darunter vier Generale, 400 Geschütze und zahlreiches Kriegsgcrät sind in unsere Hände gefallen.

Ter Generalquarticrmcister: v. Stein. Der Vertrag des Sammelfricdcns in italienischer Beleuchtung.

Rom, 8. Sept. Der zwischen den Mächten des Dreiver­bandes in London abgeschlossene Vertrag hat nach Mel­dungen aus Paris die dortige Bevölkerung mit neuer Zuver- sicht erfüllt. Die römische Presse gibt der gleichen Auffassung Ausdruck. In hiesigen politischen Kreisen wird diese Auf­fassung nicht geteilt: dort betrachtet man vielmehr den Ver­trag als ein Zeichen der Schwäche, weil er offenbar bestimmt ist, das durch die deutschen Siege heraufbcschworene Angst­gefühl durch eine diplomatische Aktion vor der öffentlichen Meinung zu beschwichtigen. Auch wird die Frage erwogen, ob die Regierungen Englands und Frankreichs überhaupt berechtigt sind, einen solchen Vertrag, der wenigstens letzteres an den Rand des Verderbens führen kann, ohne Zustimmung der Parlamente abzuschließen.

Der Papst als Jriedcnsvcrmittler.

London, 8 Sept. Nack, einer Times-Meldung aus Rom wird eine der ersten Handlungen des Papstes ein Appell an die Mückte fein, den Krieg im Interesse der Menschlichkeit einzustellen. Wie die Times weiter melden, habe Japan erklärt, dass es an dem Kriege in Europa nicht teilnehmen wolle. Es wolle sich nur die Vorherrschaft in den ostasiatischeu Gewässern und in der Südsec sichern.

Die Türkei und Griechenland.

Wien, 8. Sept. Die Südslawische Korespondenz meldet: Ihr Konstantinopeler Vertreter hat gemäß des Auftrages des Großwesirs eine Erklärung erhalten, nach der in den letzten Tagen die mit einer gewissen Absichtlichkeit verbreite­ten Nachrichten über eine bedenkliche Wendung im Verhält­nis der Türkei zu Griechenland grundlos sind. Die Ver- Handlungen mit Griechenland, die in günstiger Weise cinge- Icitet worden sind, werden von Halil Bey bei dem griechischen Delegierten erfolgverheißend fortgesetzt. Mit Griechenland wünscht die Türkei sich in Frieden über die Jnselfrage zu einigen und glaubt an die gleichen Intentionen in Athen.

Verstimmung in Holland.

Rotterdam. 8. Sept. Das langwierige Aushalten holländischer Dampfer durch französische Kreuzer beginnt hier Verstimmung zu er­wecken. Neulich wurde wieder der Holland Amerika-Dampfer Nicuw Amsterdam, von Newnork nach Rotterdam unterwegs, angehalten und 4% Tag in Brest sestgehalten.

Erbeutetes Flugmatcrial.

Köln, 8. Sept. Ter Kriegsberichterstatter der Kölnischen Ztq. stellt fest: Bei der Suche »ach französischem Flugmaterial fanden wir bei Dcpcrdussin in einem Schuppen verpackt II) französische Doppel­decker und 29 Eindecker, mit der Trikolore und gefüllten Benzintanks. Augenscheinlich waren alle slugbcrcit. In einem andere» Raume der Dcpcrdnssinwcrkc in Reims wurden 39 bis 49 Gnomen und andere neuen Motoren gesunden. Sie sind in gutem Zustande: zahlreiches Ersatzmatcrial siel auch in unsere Hände. Der Gesamtwert des be­schlagnahmten Jlugmatcrials beträgt eine Million.

Der neue König von Albanien.

Rom, 8. Sept. Mehrere Blätter erfahren aus Valona, dass ^.urhaii Eddin Efscndi, ei» Sohn des Sultans Abdul Hamid, durch die in Durazzo eingezogenen Aufständischen zum König von Albanien gewählt worden sei. Albanien soll ein von der Türkei unabhängiges Königreich werden. Ihm zur Seite steht ein Ttaats- rat, an dessen Spitze der wiederausgetauchtc Essad Pascha und der .Kommandant von Durazzo Jrfan Pascha stehen. Dieser, ein büchst energischer Offizier, der in Lnbien gegen Italien kämpfte, stand anfangs in Diensten des Fürsten Wied, ging aber zu den Aufständischen über wegen Differenzen mit den holländischen Ossi- zieren.

Parteinacknichten.

Wieder frei.

Genosse glich ard Wagner, der Redakteur unseres Braun- läiwcigcr Parteiblattcs, der vor einiger Zeit auf Veranlassung der Militärbehörde verhaftet wurde, ist jetzt wieder sreigelaffc» worden.

Arbeiterbewegung,

Ein Brudcrgruss des französischen Banarbciterocrbandcs.

Der norwegische Socialdcmokraten veröffentlicht folgendes Schreiben, das dem Sekretär Ivcrscn des norwegischen Ba»- arbelterverbandes von dem Sekretär des französischen Bruderver­bandes zugegangcn ist:

Paris. 18. August 1914.

Lieber Genosse Ivcrscn!

Trotz der furchtbare» Katastrophe, in die der Militarismus uns gestürzt hat, verbleiben mir unerschütterlich in dem Glauben an den schlicsslichcn Sieg der internationalen Arbeiterbewegung, o,e un» den Frieden und die völlige Befreiung der Arbeiterklasse Iichern wird.

w Außchuss unseres Verbandes zur Pflege internationaler Verbmöungcii hat auch beschlossen, die Beziehungen zu unseren ausländischen organisierten Genossen so weit dies eben möglich ist.

aufrecht zu erhalten, in der Hoffnung, dass nach Kricgsschluss e» uns erlaubt sein wird, die Bande der Brüderschaft und Solidarität zwischen alle» in der internationalen Bauarbeiterorganisation stehenden Genossen zu erneuern.

Wir wären glücklich, gerade unter den gegenwärtigen Verhält­nissen die gleiche Versicherung von Euch zu empsangen.

Mit Brudcrgruss A, P i c a r t.

Ludwig Frank f g

Ludwig Franks Heldentot ist nunmehr bestätigt & durch folgende Meldungen: ^

W. B. Berlin, 8. September. Bei einem Sturmangriffe in der Nähe von Luneville fiel am Z 3. September der sozialdemokratische Reichstags- > Abgeordnete Dr. Frank - Mannheim. Dr. Frank , I liegt nun mit zwei Mannheimer Landsleuten I zusammen bei Baccardt begraben.

Berlin, 8. Sept. Der Vorwärts berichtet: I Genosse Dr, Ludwig Frank-Mannheim ist bei einem Z Sturmangriff zwischen Luneville und Epinal am 3. September gefallen. Dr. Frank wurde durch I einen Kopfschuß getötet. Das Gefecht, dem Dr. Frank B zum Opfer fiel, war fein erstes. Dr. Frank, der b landsturmpflichtig war, hatte sich zu Beginn des F Krieges als Freiwilliger auf Beförderung gemeldet p und war nach kurzer Ausbildung zur Front abgerückt. Z

Heffeu nnd Nachbar gebiete.

«ietzen und Umgebung.

Höhere Kohleupreise.

Das Kohlensyndikat hat feine Drohung wahr gemacht und die Preise von Hausbrandkohle um 3 Mk. die Tonne erhöht. Dieser Aufschlag gilt aber nur für die Mengen Hausbrandkohlcn, die von den Händlern in diesem Winter­halbjahr mehr abgenommen werden als im Somerhalbjahr.

Sogar ein Blatt wie die Tägliche Rundschau schreckt vor einem Tadel nicht zurück nnd fürchtet, daß sich das Kohlen­syndikat durch die Preiserhöhung zu seinen vielen Feinden neue erworben hat. Die Art, wie das Kohlensyndikat die Preise erhöht hat, zeigt am deutlichsten seinen Mangel an Patriotismus, aber auch seine Geschäftsgcwandtheit. Es erhöht nur die Preise von Hausbandkohle und hofft dadurch die Industriellen von einer Protestbewegung abzuhaltcn. Die Erhöhung der Preise soll aber nur für die Mengen gelten, die in dem kommenden Winterhalbjahr mehr abge- nommen werden als im Sonimerhalbjahr. Ta im Winter bedeutend mehr Kohle als im Sommer gebraucht wird, so werden sich die Kohleupreise im Handel nach dem an das Syndikat zu zahlenden Höchstpreise richten und die Händler einen sehr beträchtlichen Gewinn erzielen. Damit soll auch eine mögliche Opposition der Händler von vornherein unter­drückt werden. Das Kohlcnsyndikat, das seinen Mitgliedern unerhörte Gewinne garantiert nnd durchaus unrentablen Werken noch zu einer sehr anständigen Rente verhilft, das Kohlensyndiknt, das die Kapitalverbesserung vieler Gesell­schaften ermöglichte nnd förderte, weigert sich, in Kriegszeiten auch nur einen kleinen Teil der Lasten zu tragen und ver­langt von den Verbrauchern von Hausbrandkohle, also zuni größten Teil von der armen Bevölkerung, daß sie die reichen Zechen schadlos halten.

Ter Kampf flcgen die Kriegsarbtitslosigkeit.

In Erkenntnis der Tatsache, daß die beste Linderung der Kricgsnot in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit liegt, hat das Rcichsamt des Innern nach eingehenden Besprechun­gen mit den Vertretern von Industrie und Handel sowie mit denen der Arbeiterverbände bestimmte Grundsätze über die Mittel und Möglichkeiten ausgestellt, die zur Einschränkung der Arbeitslosigkeit und ihrer wirtschaftlichen Folgen er­griffen werden können. Im Anschluß an diese Grundsätze wendet sich nun auch das hessische Ministerium des Innern an sämtliche ihm unterstellten Behörden, nicht zuletzt auch an die Kommunalverwaltungcn, mit der Aufforderung, diese möchten innerhalb ihrer Zuständigkeit nach Kräften bei der Einschränkung der Arbeitslosigkeit Mitwirken, ebenso wie es nach der nur zu begrüßenden Ansicht des Ministeriums eine ernste Pflicht auch des Einzelnen ist, nach seinen Kräften dazu bcizutragcn, daß der Arbeitslosigkeit nach Kräften ge­steuert wird.

Das Ministerium bespricht in seinem Erlaß zunächst die Mittel zur zweckmäßigen Verteilung der vorhandenen Ar- öeitsmengcn. Bei der Arbeitsvermittlung soll durch Zusam­menarbeiten aller örtlichen Arbeitsnachweise von Arbeit­gebern, Arbeitern, Korporationen usw. mit dem öffentlichen Arbeitsnachweis dafür gesorgt werden, daß der örtliche Ar- bcitsbcdarf schnell gedeckt wird. Soweit diese Deckung örtlich nicht möglich ist, sollen die Verbandsnachweisc für ihren Be- zirk möglichst in Fühlung mit den wirtschaftlichen Ver­tretungen und Verbänden aller Richtungen die Ausgleichung Herstellen. Soweit dann in einem Verband Arbcitcrnach- srage oder Uebcrschuß auch nach Benehmen mit dem Nachbar- vcrbande nicht auszuglcichen ist, wird die Rcichszcntrale der Arbeitsnachweise für die Ausgleichung bemüht sein.

Ferner macht das Ministerium auf die Beachtung des Grund­satzes:Keine Einstellung unentgeltlicher Kräfte" aufmerksam. Wo Bchörden freiwillige Kräfte als Boten. Tchreeb- persvnal usw, eingestellt haben, sollen diese unverzüglich entlassen nnd durch bezahlt« Kräfte ersetzt iverdcn, solang« arbeitsfähige Ar­beitslose vorhanden sind. Die Unterrichtsverwaltimgen sollen mit der Beurlaubung von Lehrkräften und Schüler» zurückhaltend sein nnd sie nur in wirklichen Notfällen auch bei landwirtschaftlichen Arbeiten gestatten.

Auch Privatunternehmer sollen darauf hingewiesen werden, daß es gegenüber der bevorstehenden großen Arbeitslosigkeit patriotischer ist, l><zahltc Kräfte cinzustcllen, als sich freiwilliger Helfer zu bedienen. So verständlich und ancrkonnensivert ferner die Beweggründe sind, aus weichen namcnklich Tanien sich zu nnenstielt- licher Licbestätigkeit drängen, so wird dadei doch übersehen, dass die deutsche Volkswirtschaft im Frieden zahlreiche weiblichc Ar­

beitskräfte, namentlich in Exportinbustricn und im Bekleibungs-' gewerbe, beschäftigt, die durch den Krieg ihre Arbeit und damit di« Grundlage ihrer Existenz verloren haben. Dies« Personen durch Gcwähning von Arbeit nach Möglichkeit vor dem Versinken zu be­wahren, ist nack> der Ansicht des Ministeriums grösser« Liebcstätigkcil als eigene unentgeltliche Beschäftigt«»« in freien Stunden, Solche Tätigkeit soll ebenso wie die Beschäftigung der Schülerinnen im HandarbcitSunterricht sich grundsätzlich mir auf solche Arbeiten er­strecken, die nicht von gewerbliche,, Lahnarbeitcrinnen ausgcsiihrt ivcrben, z, B, aus Stricken von Pulswärmern oder Strümpfen oder ans ähnliches. Die Behörden solle» nach Möglichkeit ans die srei- Ivilligen Organisatstmen ' der Llebestätigleit cinwtrken, dass st« grundsätzlich thre Arheitcn möglichst durch bezahlte Kräste aussühren lassen und sich nur für die Lenkung und di« Organisation chreiximt- sicher Kräfte bedienen.

Weiter macht das Mtiebstcrium darauf ausmerksam, dass es wirt­schaftlich falsch ist, Arbeltskrästr zu irngnnsten der iiber kein anderes Einkommen verfügenden einznstellcn, für di« durch den Bezug von Ruheg«l>alt, Witwen- und Waisengcld oder Renten bereit» einiger-' maßen gesorgt ist.

Nachdem der Erlass dann vor nmiötige Cinschränknngen des- persönlichen Bedarfs in den Kreisen der Wohlhabenden gewarnt hat^ besonders vor der Entlassung von Hauspersonal, wendet sich dos Ministcrtnm mit Entschiedenheit gegen die Einschränkung der Betriebe, Die Handels- oder sonstige Vertretungen sollen: die Unternohmer daraus hinivekseii, chre Betriebe möglichst aufrecht! zu erhalten und, wo angängig, aus Lager oder mit verkürzter Ar­beitszeit zu arbeiten. Ferner sollen Untcvnehnicr ihre technischen und kaufmännischen Angestellten, wenn irgend möglich, nicht ent­lassen, sondern sich nötigenfalls mit ihnen lUver Gehaltskürzungen einigen. Namentlich soll aus die Vcrkehrsansdaiten zerr Anfrccht» crhalkung ihres vollen Betriebs erngcwirkt werden. Soweit Ge- iverbe darunter leiden, dass ihnen die Rohmaterial i«n jetzt nur zu erhöhten Preisen oder nur gegen Barzahlung geliefert werden, haben die Bchörden aus die entsprechenden Rohstossverbände, Kartelle,! Handelskammern, Handwerkskanimenn usw. dagogeü einznwirken- '

Dabei weist das Atinistcrinm in dankenswerter Weise auf bas Verhängnisvolle der lieber- imd Nebenarbeit hin. Damit möglichst' viel« Personen Beschäftigung erhalten könnet,, solle gegenwärtig ginndsätzlich keine Uebcrarbelt gemacht werden. Ans den, gleichen Gesichtspunkt erscheine es geboten, dass Behörden, besonders auch Kominunalvcrwaldungen, ferner Körperschaften und Private bhreft Angestellten oder Beamten Nebcimrd-eit nicht mehr noch Hause geben und diese Arbeit an Beschäftigungslose übertragen, deren cs unter den Handlungsgehilfen sehr viel« gibt. Auch die Verkürzung der Arbeitszeit, diese alte Forderung der Arbeiterorganisationen einpsiehlt da-s Mmiftertum als Mittel zur Bekämpfung der Arbeits­losigkeit.

Im zweiten Teile des Erlasses werden dann die Mittel zur Beschaffung verniehrter Arbeitsge­legenheit erörtert, und zwar zunächst die Betätigung der öffentlichen Körperschaften. In der gegenwärtigen Lage werde die Sckxfffnng neuer Arbeit durch größere Aufträge in erster Linie von öffentlichen Körperflyaften ausgehen müssen. Auch wenn die öffentlichen Aufträge nur einen kleinen Bruch­teil der normalen Beschäftigung der deutschen Volkswirtschaft ausmachen, so sei ihre Wirkung in dieser Zeit der Stockung sehr bedeutend. Durch gleichmäßiges Vorgehen aller öffent­lichen Behörden werde das allgemeine Vertrauen gckrästigt und daniit erste Voraussetzung zu erweiterter Privatunter- nchmung geschaffen. Die öffentlichen Körperschaften können sich zurzeit am ehesten die erforderlichen Mittel verschaffen und auch Ausgaben zu Gunsten der Zukunft gegenwärtig in Angriff nehuien. Endlich sei zu berücksichtigen, daß besser als Armcnunterstützung in jeder Hinsicht die Gewährung von Arbeit ist.

Mit Unterstützung der Angehörigen von Kriegstcil- nehincrn scheint es in manchen Orten recht schlecht bestellt zu sein. In einer Anzahl Orte haben die Frauen, deren Männer in den Krieg gezogen sind, bis heute noch keinen Pfennig Unterstützung erhalten, trotz wiederholter Reklamation bei den) Bürgermeister. Ta wird ein großer Lärm von Kriegs­fürsorge gemacht, aber die Bedürftigen erhalten nichts. Es sollte doch von den Behörden mal nach den) Rechten gesehen werden. Den betroffenen Frauen wäre aber zu raten, sich an die Krcisbehördc zu wenden, wenn sie vom Bürgermeister abgcwiesen werden.

Parteimitglieder im Kriege. Von den Mitgliedern unserer Wahlvcrcine im Kreise Gießen sind etwa 30 Prozent cinbcrnfen worden. Von 8 der größten Vereine, die zusam­men 816 Mitglieder zählen, sind 107 Mann cingezogen wor­den: bei einer Anzahl anderer Vereine sind aber fast sämtliche Mitglieder fort, so daß im Kreise rund 30 Prozent der Parteimitglieder in den Krieg gezogen sind. Dieser Prozent­satz dürfte für ganz Deutschland zutreffen. Wenn man die Angehörigen der Gewerkschaften mit in Betracht zieht, so kann man annehmen, daß etwa-ein Drittel der Armee von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften gestellt wird.

Tote des Gicßcncr Regiments. Im Wctzlarer Re» scrvclozarett st a r b am Montag der Musketier Karl kcintmcr aus Glashütten, Kreis Schotten.

Vrcwiindcte kamen in der gestrigen Nacht wieder etwa 7080 an, darunter befanden sich auch eine Anzahl schwer verletzte. Im ganzen sind in den Gicßener Lazaretten etwa 830 untergcbracht, darunter 4050 Franzosen. Letztere befinden sich im Garnison-Lazarett, die übrigen in den Kliniken, den. Siechenhause, im Saale Steins Garten usw.

In Marburg sind ebenfalls viele Verwundete untcr- gebracht worden. Tort wurde am Montag der erste ver­storbene Verwundete, ein Franzose, mft Namen Clement B e r g a r i beerdigt. Pfarrer Dr. Weber widmete dem Ver­blichenen, der 25 Jahre alt, in seiner fernen Heimat Frau und Kind, Vater und Mutter hintcrläßt, herzliche Worte und verband daniit einen Hinweis auf die schwere Dcrantwortting, welche diejenigen aus sich geladen, die unser Vaterland in diesen Krieg stürzten. Eine Ehrensalve bildete den Abschluß der Trauerseier.

Der Kriegszustand säubert. Uns wird geschrieben? In Frankfurt geht man gegenwärtig dem Dirnen- und Zuhältertnm scharf zu Leibe, Die Straßen werden, besonders in den Abendstunden, von allem lichtscheuem Gesindel ge­säubert und freigehalten. Aber auch in anderer Beziehung hat sich der Krieg als reinigendes Element erwiesen. Seit Jahren prangte an den>Kölner Hof" (Besitzer der be­kanntedeutschvölkische" Hermann Laos und Absteige­quartier des Reichstagsabgeordneten Werner-Gießen) die rnehrfache Inschrift:Jüdischer Besuch verbeten!" Sofort nach Ausbruch des Krieges wurden diese de»> Verband altrussischcr Lente-Ehre machcnderGJiischnftcn überpinselt