Ausgabe 
5.9.1914
 
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Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Obcrhessen und der Nachbargcbicte.

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Nr. 205

Gießen, Slnnstag, den 5. Scptcmlicr 1914

9. Jahrgang

Die Flucht aus Paris.

Paris, 3, Sept, (W. B. Nichtamtlich,) Tie SIgatce Hcwas meldet: Der Präsident der Re­publik und die Negierung haben Paris heute Nacht verlaffen und sich nach Bordeaux be­geben.

So ist denn also die bereits angekündigte Flucht der fran­zösischen Regierung des Präsidenten der Republik und des Neuen Ministeriums dernationalen Landesverteidigung" aus der Hauptstadt des Landes Tatsache geworden. Vor der Abreise, die in ihrein katastrophalen Hcreinbrnch wie das Sedan vor 44 Jahren wirkt, hat der Präsident Poincarö zu­sammen niit dein Ministerium noch schnell folgenden Auf- ruf an das Volk erlassen:

Franzosen! Seit mehreren Tagen stellen erbitterte Kämpfe unsere held«nl>aiten Truppen und di« sernbliche Arme« aus die Probe, Ti« Topscrkcit unterer Soldaten hat ihnen an mehreren Punkten benierkentverle Vorteil« eingetragen, dagegen hat uns im Norden der Vorstotz der deutschen Streitkräfte zum Rückzüge gezwungen. Dies« Lage nötigt den Präsidenten der Republik und di« Regierung zu einem s chm e r z I i ch « n Entschlüsse, Uni über das Heil der Nation zu wachen, haben die Behörden die Pslicht, sich zeitweilig von Paris zu entfernen, Indessen wird der hervorragende Oberbcfehlshaber der französische» Slvmce voll Mut und Begeisterung die Hauptstadt inrd ihre Bevölkerung gegen den Eindringling verteidigen. Aber der Krieg soll gleichzeitig im übrigen Lande wcitergeftihrt iverden: ohne die Furcht, nach- zulassen, ohne Aufschub oder Schwäche wird der heilige Kamps für die Ehre der Nation und die Sühn« des verlebten RechtS weitergehen Kein« unserer Anncen ist in ihrem Bestand« er­schüttert, Wenn einig« von ihnen bemerkenswert« Verluste er­litten haben, so sind die Lücken sofort von den Depots aus wieder ausgefüllt worden, Ter Aufruf von Rekruten sichert neue Quellen au Menfchenenerigie,

Widerstand und Kamps. daS soll die Parole der verbündeten englischen, russischen, belgischen und französischen. Heere sein. Widerstand und Kampf, während die Engländer uns zur Sec helfen, di« Verbindungen nusercr Feinde mit der Weit abzu- ichnetden. Widerstand und Kanrps, während die russischen Armeen weiter vorrücken, um den entscheidenden Stof, in das Herz des Deutschen Reiches zu führen. Es ist die Aufgabe der repnblikani- schen Regierung, diesen hartnäckigen Widerstand zu leiten, lieberall werden sich zum Schutze der Unabhängigkeit Frankreichs die Länder erheben, um diesem furchtbaren Kampfe sein« ganzen Kräfte und seine Wirksamkeit zu verleihen.

Es ist mmmgänglich notwendig, das; die Regierung frei« Hand zinn Handeln behält. Aus Wunsch der Militärbehörde» verlegt die Regienmg daher für den Augenblick ihren Aufenthalt »ach cineni Punkt Frankreichs, wo sie in ununicrbroch:»«r Ver­bindung mit der Gesamtheit des Landes bleiben kann. Sie fordert die Mitglieder des Parlamentes auf, sich nicht fern von ihr zu l»alten, um gegenüber dem Feinde zusammen mit der Regierung und ihre» Kollegen den Sammelpunkt der nationalen Einheit zu bilden. Die Negierung verlässt Paris erst, nachdcni sic die Ver­teidigung der Stadt und des bescstigtcn Lagers durch alle in ihrer Macht stehenden Mittel sichcrgestellt hat, ' Sie iveisi, das; sie cs nicht nötig hat, der bewunderungswürdigen Pariser Bevölkerung Ruhe, Entschlußkraft und Kaltblütigkeit z» cuipfehien. Die Be­völkerung von Paris zeigt jeden Tag, das; sic den größten Psiich- ten eewachsen ist.

Franzosen! Zeigen wir uns dieser tragischen Umstände würdig. Wir werde» den endlickien Sieg erringen, wir werden ihn erringen durch den unennndlichen Willen zum Widerstande niid zur Beharrlichkeit, Eine Nation, die nicht untcrgehc» will, die, um zu leben, weder vor Leiden noch vor Opfern zurück- ichrcckt, ist sicher, zu siegen,"

Dieser Aufruf schließt sich in Form und Inhalt ganz und gar den bisherigen Verlautbarungen der französischen Regie­rung an. Tie schwülstigen, stark austragendcn Worte sollen Sand in die Augen des Volkes sein jenes unglücklichen Volkes, das inan um der Bündnisse mit dem größten Kultur- schändcr aller Zeiten willen, um des Blutzaren willen und aus verbrecherischer Gefälligkeit' für die Deutschlands Wirt- schaftlichcn Aufstieg hassende Oberschicht Englands um den Frieden und seine Früchte betrogen hat.

Wie man das französische Volk vor deni Kriege in ein Netz von Lügen gesponnen und wie man es in diesen; chemo unwürdigen wie gefahrvollen Netze während des ganzen ersten Kriegsmonats gefangen gehalten hat, so soll auch jetzt der Lroßsprecherische Aufruf und der theatralische Abgang der Regierung von Paris verhüten, daß daS Volk die ganze Wahr- erfahrt. Mit hochverräterischer Verlogenheit wird die die verzweifelte Lage der französischen Heere verhüllt, wd dem Volke die Hilfe der Engländer vorgcgaukelt und die £f c 2" 35ertfcf)[anbvorrückenden" russischen Armeen, die in Wirklichkeit völlig zerrieben sind und nicht mehr existieren! Armes französisches Volk, das in die Hände solcher Macht- k en sii- Armes französisches Volk, das nicht von scwsi die durchsichtigem Widersprüche merkt, die zwischen den Worten des Aufrufes und zwischen der Flucht der Regierung klaffen. Uns will es scheinen, als ob wirklich von dem vicl- gerühmten politischen Sinn und Instinkt der Franzosen das fnerfte nur Fabel ist. Gerade das, was die innere Stärke des

Der Krieg.

deutschen Heeres und des deutschen Volkes in diesen schweren Zeiten ausmacht: daß nämlich das Volk und das Heer wissen, warum sie Not und Tot auf sich nehmen, diese politische Schulung, dieses Wissen um die Ursachen des Krieges und um das, was auf dem Spiele steht, die unser deutsches Volk nicht zuletzt der Erziehung durch die sozialistische Arbeiterbewegung verdankt, diese Schulung und dieses Wissen fehlt den Franzosen und darum müssen sie jetzt das Furchtbare erleben, was ein Franzose nur erleben kann: daß zum dritten Male in hundert Jahren deutsche Heere an die Pforten von Paris pochen, den Einlaß begehren und ihn erzwingen werden.

Wenn aber dann die Belagerung von Paris mit all ihren Schrecken dem betrogenen Volke die Augen geöffnet haben werden, dann wird die verräterische Regierung der Rache der Betrogenen nicht entgehen, und am Tage der Rache des fran­zösischen Volkes gegen seine feigen, verlogenen Gewalthaber werden so hoffen wir die Glocken des Friedens zwischen dem französischen und dem deutschen Volke läuten können.

Bestürzung in Paris.

Amsterdam, 3. Sept, <Pviv,-Tek, der Franks, Ztg.) Trotz der beschönigenden iind groß spreche rischen Darlegungen, mit denen Poincare uni die frangö fische Regierung ihre Flucht nach Bordeaux -,n beschönigen suchen, rief die Proklainotion in Paris irnglcmbliche Bestürzung hervor, da inan nun trotz der vorhergehenden Verheim­lichungen an das Anrückcn der Deutschen glaubt, V-iele Pariser, vor allem Frauen uud Kinder, versa sien die Stadt, Infolge der Anssorderutig des Präsidenten des Mrrnizipatrates. Frauen nud Kinder fortzuschicken, herrscht an den Bahnhöfen ein ungeheurer Andrang, Die Plätze müssen vovausbestcllt iverden. Die Fahr­gäste müssen am Bahnhof acht Stunden und länger warten, ehe sie absahrrn können Di« Züge brauchen von Paris 20 Stunden bis Litvn, 3V bis Nkavseille,

Berliner Morgenblätter über die Flucht ans Paris.

Der Lokalaiizeiger schreibt: Die französisch« Regiierung hat

gerade noch rechtzeitig die Flucht ergriffen: in wenigen Tagen hätte sic cs vielleicht nicht mehr gekonnt, denn schoii dringen di« kühnen Reiter der Armee des Geiieratobersten v, Kluck nach Paris vor. Kaum ein Monat ist seit Ausbruch des Krieges vergangen, und schon ist die deutsch« Kavallerie vor Paris. Noch must iveitcrgekänipst iverden, noch wird der Krieg viele Opfer erfordern, aber wir sind aus dem Wege zum endgültigen Siege ein beträchtliches Stück por- loärts gekommen, In der Kreuzzeitung ivird hcrvorgehoben, das; auch 4870/71 di« Verlegung der französischen Regierung trotz Gam- betta der Anfang vom Ende war, und wir hoben heute, so schreibt das Blatt, umsoweniger Beranlajsmig. a»,zunehme», das; hinter dein Phvascnauflvand ein starker Wille zur Tat steckt, als der jetzige Präsident eben doch kei Gambctta ist,

Ocstcrreichische Geschütze ans dem französische» Kriegsschauplatz.

W. B. Großes H a u p q u a r t i e r, 3. Sept. Bei der Wegnahme des hoch in Felsen gelegenen Sperrforts Givct haben sich, ebenso wie im Kamps um Namur, die von Oesterreich zngcsandtcn schweren Motorbatterien durch Be­weglichkeit, Treffsicherheit und Wirkung vortrefflich bewährt. Sie haben uns ausgezeichnete Dienste geleistet.

Generalquartiermeister v. Sein.

Weitere Früchte des Sieges von Ortelsburg.

W. B. Großes Hauptquartier, 3. Sept, Fm Osten ernten die Truppen des Generalobersten v, Hliidenburg lucitcrc Früchte ihres Sieges. Die Zahl der Gesaiigenc» machst täglich: stc ist bereits auf 00 000 Man gestiegen. Wieviel Geschütze und sonstige Tikgeszeichcn noch in de» prciistischen Wäldern und Sümpfen stecken, lästt sich gar, nicht übersehen, Anscheinend sind nicht zwei, sondern drei russische kommaiidicrciide Generäle gcsaiige». Der russische Armeesiihrcr ist nach russischen Nachrichten gesallcn,

Ter Gcneralquartiermeister v, Stci».

Schwere Verluste der russischen Garde.

Paris, 3, Sept, Der Petersburger Korrespondent des Ncw- Nvrk Herald meidet feinem Blatte nachträglich über di« Schlacht bei Gnmbiuuen, bast daran auch das russische Gardekorps tcilnahin mid große Verluste erlitt, Tic Prinzen Johann und Oieg Konstanti­ne witsch sind gefallen.

Immer noch keilte Entscheidung in der Riescnschlacht unserer Verbündeten.

W. B. Wien, 4. Sept. Die Schlacht, die sich auf dem russischen Kriegsschauplätze aus unserer Offensive entwickelte, hat eine Entscheidung des Feldzuges noch nicht gebracht. Aus dem westlichen Flügel gegen den Feind vordringend, in Ost- galizien den vaterländischen Boden gegen einen überlegenen Feind Schritt für Schritt verteidigend, haben unsere Truppen allenthalben den alten Ruhm ihrer Tapferkeit gerechtfertigt und sehen den noch bevorstehenden ernsten Kämpfen mit Zu­versicht entgegen. Eine Schilderung der mehrfachen Schlach­ten der vergangenen Woche muß der Geschichte Vorbehalten bleiben. Gegenwärtig läßt sich der Verlauf der Ereignisse nur in großen Zügen angcbcn. Oestlich bei Krasnik. nach der dreitägigen Schlacht der siegreichen Armee des Generals

Dankl begann am. August die zwischen dem Huczwa und dem Wieprz dirigierte Armee Auffcnberg den Angriff auf die im Raume von Eholm gegen Süden vorgerückten feindlichen Kräfte. Hieraus entwickelte sich die Schlacht von Zamocz und Komarow. Am 28, August wurde das Eingreifen der über Bclz und Uhnow herangeführtcn Truppen des Erzherzogs Joseph Ferdinand fühlbar. Ta an der Chaussee Zamocz- Kraznostaw verhältnismäßig schwache Kräfte nur gegenüber standen, konnten erhebliche Armeeteile am 29. August auf dem Raume von Zamocz gegen Osten einschwenken und gegen Czesniki Vordringen. Dem gegenüber richtete der überall mit größter Tapferkeit und Hartnäckigkeit käinpfcnde Feind seine heftigsten Anstrengungen gegen den Raum von Zamocz, wohl in der Absicht, hier durchzustoßen. Abends stand unsere Armee in der Linie Przcwodow, Grodcg, Czesniki, Wielacza, wobei Czesniki ungefähr den Brennpunkt der Front bildete. Auf russischer Seite hatten neue von Krylow und Grnbicszow herangeführte Kräfte eingegriffcn. Am folgenden Tage setzte die Armee Anffenberg die angebahnte Umfassung, der Feind seine Durchbruchsversuche fort, die schließlich die eigene Front bis Labunin und Tarnawotka zusammcnbogen. Indessen vermochten sich die Truppen des Erzherzogs bis an den Fahr­weg Tcletyn, Racsanie vorzuarbeiten. Am 31. August schritt die Einkreisung dcsFeindes unter heftigsten Kämpfen fort, in- den; auch von Norden her gegen Komarow eingesckjwenkt wurde. Bei Komarow bereits äußerst gefährdet, begannen die Russen den Rückzug gegen Krylow und Drubieszow, wehrten sich jedoch durch Offensivstößc nach allen Richtungen, nament­lich gegen die Truppen des Erzherzogs gegen die drohende Umklammerung. Endlich in den Nachmittagsstunden des 1. September wurde sicher, daß die Armee Anffenberg, in welcher Wiener Truppen mit außerordentlicher Fähigkeit und Bravour gekämpft hatten, desgleichen eine vom General der Infanterie Borosvic geführte Truppe, endgiltig gesiegt hatte. Komarow und die Höhen südlich von Tyszowcs wurden ge- nommen. Der Erzhcrzig drang gegen Sparojc, Siele vor, Scharen von Gefangenen und zahlloses Kriegsmaterial, dar­unter 200 Geschütze und viele Maschinengewehre sielen in unsere Hände,

Während dieser Kämpfe der Armee Auffenberg hatte die Armee Dankt am 27, August eine zweite Schlacht bei Niedrzwica Duzo geschlagen und weitere Teile unserer bis­her über das westliche Weichsclufcr vorgcgangenen Kräfte über diesen Fluß herangezogen. Diese ganze Heeresgruppe drang in den folgenden Tagen bis nahe an Lublin heran. Gleichzeitig mit diesen zitierten Ereignissen wurde auch in Ostgalizien schwer gekämpft. Am 27. August stießen die zur Abwehr der dortigen weitaus überlegenen feindlichen Ein­brüche bestimmten Kräfte auf der Linie Dunajow-Busk auf den Gegner. Trotz des Erfolges des von Dunajow her die Höhen westlich von Pomorzano gewinnenden Kolonnen konnten die beiderseits der Zloczowcr Chaussee vorgchcndcn Armecteile gegen den namentlich in Artillerie weit über­legenen Feind nicht durchdringen. An; 23. August setzten die Russen den Angriff ans die östlich von Lemberg kämpfcndcn Armecteile fort und am Nachmittag war ein Zurücknehmen hinter Guila und Lipo und den engeren Raum östlich und nördlich von Lemberg nicht zu umgehen, zumal auch unsere südliche Flanke ans der Richtung Brzezany bedroht wurde. Die rückgängige Bewegung vollzog sich in voller Ordnung, ohne daß der offenbar gleichfalls sehr mitgenommene Feind wesentlich nachdrängtc. Am 29. August griffen die Russen auf der ganzen Front aufs neue an und schoben ihre Kräfte auf den Raum nordöstlich Lemberg gegen Süden. Tags darauf zeigten sich diese Angriffe in größter Heftigkeit, Ins­besondere von Przcmyslany und Firlcjow her vermochte der Feind immer neue Kräfte einzusetzen, denen gegenüber unsere Truppen nach vergeblichen Versuchen, sie durch die Offensive neuer im Raume westlich Rohatyn versammelter Armecteile zu entlasten, gegen Lemberg und Nikolajow weichen mußten. In allen diesen Kämpfen erlitten unsere braven Truppen hauptsächlich durch die an Zahl weit überlegene und auch aus modernen feindlichen Geschützen feuernde feind­liche Artillerie große Verluste. Indessen kann gesagt werden, daß wir bis jetzt gegen etwa 40 russische Infanterie- und 1t Kavallerietruppendivisionen kämpften und zum mindesten die Hälfte dieser feindlichen Kräfte nntcr großen Verlusten zurückgeworfcn haben.

Auf dem Balkankriegsschauplatze herrscht im allgemeinen Ruhe und von den Höhen nordöstlich Bilck wurden die Montenegriner abermals geworfen. Am 1, September er­schien das Gros der französischen Mittelmeerflottc, bestehend großen Einheiten vor der Einfahrt des Bocche ö;